ZDF lädt Danger Dan und Igor Levit aus : Jetzt canceln sie schon die Staatstragenden
Die Absage des ZDF an die Künstler ist falsch. Doch wo waren die beiden eigentlich, als die Palästinabewegung gecancelt wurde? Im Zweifel auf der anderen Seite.
Foto: Jens Büttner/dpa/picture alliance
E in falsches Statement, eine falsche Zeile, und Sender und Kulturinstitutionen canceln die Auftritte von Publizisten und Künstlerinnen. Dieses Muster ist in Deutschland mittlerweile bekannt. Jetzt traf es den Pianisten Igor Levit und den Sänger Danger Dan. In einer Folge der Anstalt sollten die beiden den Song „Keine Angst“ performen, der verschiedene Formen des Widerstands gegen die extreme Rechte behandelt. Doch weil der Song laut der ZDF-Führung als „Aufruf zu Gewalt“ verstanden werden kann, sagte der Sender den Auftritt ab.
Man kann jetzt darüber diskutieren, ob der Liedtext wirklich eindeutig zu Gewalt aufruft; ob Gewalt gegen Neonazis legitim sein kann; oder ob hier nicht vielleicht auch ein lyrisches Ich einen sich radikalisierenden linken Widerstand nachzeichnet, ohne jeden Aspekt davon gutzuheißen. Das ZDF aber hat sich dafür entschieden, das Lied nicht ohne eine „dokumentarisch-journalistische“ Einordnung spielen zu lassen – und eine neue Cancel-Debatte produziert.
Bekannt ist, dass man sich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit einiger Zeit darum sorgt, als zu links wahrgenommen zu werden. Bekannt ist, dass diese Angst in den höheren Etagen des ÖRR genährt wird von Bild- und Nius-Kampagnen, auf die dann auch gerne CDU und AfD aufspringen.
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Bekannt ist schließlich auch das Muster im Statement des ZDF zur Absage: Weil der Song als Gewaltaufruf „verstanden werden“ kann, macht man die radikalstmögliche Deutung zum Maßstab für die eigene Absage, anstatt das Lied zu senden und dann die Öffentlichkeit über die Auslegung diskutieren zu lassen.
In Deutschland zielte diese Dynamik der Diffamierung und Ausladung in den letzten Jahren vor allem auf jene linke Szene ab, die sich solidarisch mit den Palästinensern versteht und die gegen die Einäscherung Gazas und gegen die israelischen Menschenrechtsverbrechen protestiert.
Und hier liegt die große Ironie: Denn die guten Antifaschisten Igor Levit und Danger Dan haben in diesem Konflikt nicht nur keine Solidarität mit den Ausgebombten gezeigt, sie haben sich rhetorisch teils gar auf die Seite der kriegsführenden Staaten gestellt. Und nicht mal eine abstrakte Verteidigung der Meinungsfreiheit war angesichts der Welle von Absagen und Demoverboten drin.
Alles Antisemiten
So veröffentlichte Danger Dan mit seiner „Antilopen Gang“ im April 2024 den Song „Oktober in Europa“, in dem die Band Greta Thunberg als Judenhasserin diffamiert. Für die toten Palästinenser ist in dem Lied keineswegs Israel verantwortlich, nein: „Zivilisten in Gaza sind Schutzschild der Hamas, Schutzschild der Nachfahr'n der Juden-Vergaser“.
In einem direkt nach der jüngsten Kontroverse erschienenen Spiegel-Interview äußert Danger Dan sich ebenfalls krude. Dort wird er gefragt zu dem Konflikt um das Jugendzentrum „La Casa“ in Berlin-Hellersdorf. Wie die taz berichtete, versuchten israelfreundliche Antideutsche dort politische Gegner zwangszuräumen und das Haus zu besetzen, woraufhin sich die andere Seite (ebenfalls gewaltsam) versuchte, die Besatzung zu beenden. Wohl mit Blick auf diese Gegenwehr spricht Danger Dan im Interview von „Antisemiten, die linke Projekte angreifen in ihrem Wahn“.
Auch Igor Levits Antifaschismus schlägt zwar bei Neonazis an, setzt aber aus, wenn es um die Feldzüge der teils faschistischen israelischen Regierung geht. Als jene Regierung gemeinsam mit den USA im Juni 2025 ihren Angriffskrieg gegen den Iran begann, forderte Levit, die Bundesregierung müsse jetzt „klar und eindeutig Position“ für Israel beziehen (ganz so, als hätte es jemals daran gemangelt). Auch zur Zerstörung Gazas hört man Kritik von Levit nur in den allerleisesten Tönen.
Zum Glück gab es andere, die sich gegen diese Kriege gestellt haben und stellen. In einer weiteren Ironie waren unter ihnen überproportional viele linke Jüdinnen und Juden, die natürlich ebenso erbarmungslos verprügelt und gecancelt wurden – weil es hier nicht um den Schutz jüdischer Menschen geht, sondern um die Wahrung und Herstellung eines politischen Konsenses, der gegen Linke durchgesetzt werden muss.
Was an der Palästinabewegung durchexerziert wurde, wird sich in den kommenden Jahren vermehrt auf das linksliberale Milieu ausweiten. Die harte Repression durch AfD und autoritärere bürgerliche Parteien wird im kulturellen Raum flankiert von ängstlicheren Institutionen, die Ärger und Budgetstreichungen vermeiden wollen.
Die Zeiten werden härter, auch für noch so staatstragende Linke. Wie singt Danger Dan in seinem neuen Lied? „Es geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später“.
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