Debatte um Liedtext : Fragwürdige Antifa-Romantik
Der Song „Keine Angst“ von Danger Dan und Igor Levit ist ein Aufruf zur Selbstjustiz. Es ist verständlich, dass das ZDF dem keine Bühne bieten wollte.
Foto: Kern/imago
E in Intendant des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erweist sich als rückgratloser Feigling, der schon aus bloßer Angst vor möglichen Protesten von rechts vorsorglich einknickt. Die Ausladung ist skandalös, finden zumindest Danger Dan und Igor Levit. Ihren neuen, gemeinsamen Song „Keine Angst“ wollten die zwei Musiker am kommenden Dienstag in der Satiresendung „Die Anstalt“ präsentieren, wurden aber kurzfristig ausgeladen. Ein autoritärer „Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit“, finden die beiden und werfen dem ZDF-Intendanten „Zensur“ vor. Ein Vorwurf, geeignet den Volkszorn gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk anzufachen – wenn auch diesmal von links.
Aber kann man den Text des Liedes nicht tatsächlich als Aufruf zu Straftaten und gar zur Gewalt lesen, wie der Sender meint? Die Stellen muss man in dem siebenminütigen Stück jedenfalls nicht lange suchen. Es fängt an mit der recht unverblümten Empfehlung, Parolen an Wände zu sprühen, um gegenüber Nazis das eigene Revier zu markieren – schon das eine Straftat, allerdings kaum mehr als eine Bagatelle.
Schwieriger wird es, wenn die beiden in ihrem Song empfehlen, heimlich Treffen von Rechten zu fotografieren, ihr privates Umfeld und ihren Arbeitsplatz auszuspähen und sie bis nach Hause zu verfolgen. Kurz: sie auszuspionieren. Schwierig ist das nicht nur, weil unklar bleibt, wen genau Danger Dan und Igor Levit alles als „Nazischwein“ betrachten, das auszuspähen ihrer Meinung nach legitim sein soll. Problematisch ist auch der Vorschlag, diese Menschen dann „mit Fotos und Funktionen, mit Namen und Adressen“ öffentlich „auf Flyern und Plakaten“ an den Pranger zu stellen.
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„Doxing“ für den guten Zweck?
Das systematische Sammeln und Veröffentlichen privater Daten einer Person ohne deren Zustimmung wird als Doxing bezeichnet und ist strafbar – egal, ob im Internet oder an anderen öffentlichen Orten. Es mag Danger Dan und Igor Levit nicht gefallen, aber in einem Rechtsstaat haben auch Rechtsextreme ein Recht auf Privatsphäre.
Der Arbeitsplatz vieler prominenter Rechtsextremisten ist ohnehin klar: Sie sitzen heute in den Parlamenten und arbeiten für die AfD oder schreiben für Apollo News. Da hilft dann auch die Empfehlung, sie zu outen und beim Arbeitgeber anzuschwärzen wenig. Und ob es in manchen Dörfern in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern so viel bringt, per Steckbrief auf den örtlichen Neonazi hinzuweisen, ist ebenfalls fraglich. Die einflussreichsten Rechtsextremisten outen sich dort aktuell selbst, mit vollem Namen und Gesicht auf ihren Wahlplakaten.
Es gibt jetzt zwei Optionen, beide machen Stress
Eine ab morgen schon, die andere ab jetzt
Wir können darauf warten, dass sie in den Parlamenten
Und auf der Strasse erstarken, bevor wir sie bekämpfen
Und wir warten, warten, warten, das ist erstmal bequemer
Es geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später
Die andere Möglichkeit bedeutete schon heute
Stress mit der Polizei und den ganz besonders deutschen
Dafür ‚ne kleine Chance, das Blatt nochmal zu wenden
Oder vielleicht das Schlimmste noch verhindern zu können
Du weisst nicht was du tun kannst, du weisst nicht wie das geht
Hör mir zu, ich hab´ vielleicht eine passende Idee
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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
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Ruf‘ erst mal ein, zwei Leute an, denen du vertraust
Auf die man sich verlassen kann und macht ein Treffen aus
Ihr gründet eine Gruppe, die keinen Namen hat
Kein Gründungsdatum und auch kein Verein oder so'n Quatsch
Redet mit Bars und Kneipen, fragt ob die für einen Abend
Räumlichkeiten für 'ne Party gegen Nazis haben
Ladet eure Freunde ein, ein kleines Festival
DIY, Eintritt frei, sammelt auf Spendenbasis Geld
Mit dem Geld das ihr verdient, kauft ihr Dosen um zu sprüh'n
Kauft ihr Aufkleber und Marker, sorgt dafür dass jeder sieht
Ihr habt keinen Bock auf Faschos und das hier ist eure Stadt
Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras
Nie ohne Handschuh, nie ‚nen Fingerabdruck hinterlassen
Und erst recht nie filmen und niemals ein Foto davon machen
Von Aktionen nur denen, die selbst dabei waren, erzähl'n
Es geht um linke Straßenpolitik und nicht um Fame
Ihr braucht Regeln für die Kommunikation
Nicht nur Nazis und Konsorten, die in eurer Gegend woh'n
Auch die Sicherheitsbehörden werden sich schnell interessier'n
Ihr dürft von Anfang an alles nur geheim kommunizier'n
Das bedeutet: keine DMs, keine Messenger und Mails
Alles was verboten sein könnte immer Face to Face
Lasst das Handy zuhaus wegen Bewegungsprofil'n
Und wenn sie euch erwischen: Redet nicht mit ihn‘
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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
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Man wird sich wundern, wenn man weiss dass in den Kern'
Dieser Gruppen meistens nur ein paar wenige gehör'n
Eine handvoll Leute reichen meistens aus
Eigene lokale Antifastrukturen aufzubau'n
Als nächstes müsst ihr die rechten Strukturen recherchier'n
Heimlich ihre Treffen und Demonstrationen fotografier'n
Findet raus, wer Sie sind, was Sie tun, wo Sie leben, wo Sie arbeiten
Und findet raus, mit wem Sie sich umgeben
Baut Fake-Accounts bei TikTok und bei Telegram
Dokumentiert alles, was Sie schreiben, alles was Sie sagen
Holt den Papiermüll ab, lauft Ihnen nach
Zu Ihren Häusern, ihren Wohnungen, den Treffpunkten und Bars
Meldet euch bei jeder Singlebörse an
Irgendwie und irgendwann kommt man an jeden Nazi ran
Werdet dreist, delinquent, akkribisch und kreativ
Stück für Stück füttert ihr so euer Antifaarchiv
Faschos leben abgeschottet, sie leben im Wahn
Mit Argumenten kommt man meistens nicht mehr an sie ran
Die Erfahrung zeigt, dass aber trotzdem doch etwas passiert
Wenn man ihr gesamtes Umfeld kontaktiert
Früher nannte man soetwas „Outingaktion“
Es hing'n Flyer und Plakate in den Vierteln wo sie woh'n
Mit Fotos und Funktionen, mit Namen und Adressen
Niemand wird ein Nazischwein als seinen Nachbarn möchten
Das frankierte man mit ein paar Telefonaten
Um ihre Schulen, Unis, Arbeitgeber zu beraten
Man wünschte einen guten Tag und fragte dann wie
Passt soetwas in eure Firmenphilosophie
Helft euren Lokalzeitungen mit Information‘
Wenn sie nicht schon von selbst dahinter komm'
Dass es Probleme gibt mit Nazis in der Stadt
Vielleicht wird dann sogar die Staatsanwaltschaft wach
Mit etwas Glück kriegen sie Post oder gehen in den Knast
Doch hier wärt blöd wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst
Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil:
Es gibt so viele Faschos bei der Polizei
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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
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Man möchte mein‘ dass die Sicherheitsbehörden
Rechte Strukturn' nicht bekämpfen, sondern fördern
So mancher Polizist steht für die AfD zur Wahl
Uniter hat die Munition vom KSK
Das bedeutet: Parallel zum recherchiern‘
Müsst ihr eure Sicherheit selbst organisier´n
Nazis machen ihre Politik immer mit Angst
Mit Hass, mit Terror und roher Militanz
Man kann ihnen vieles vorwerfen
Aber jedoch nicht, dass man das was sie mit uns vorhaben, nicht wüsst'
Und die Geschichte hat uns schonmal gezeigt
Es wird noch schlimmer, wenn man gar nichts tut und schweigt
Keine Angst, nehmt es selber in die Hand
Die seh'n gefährlich aus aber wir legen sie lang
Koordiniert euch, fangt an zu trainier'n
Wenn ihr zusammen kämpft, dann kann es funktionier'n
Schon am ersten Tag, wenn ihr die Party macht
Besteht die Möglichkeit, dass es vor der Türe kracht
Also plant immer mit der Konfrontation
Habt Überraschungen dabei, wenn sie komm‘
Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrappt
Ich lasse ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant
Ist eh klar was zu tun ist, ich sag’ nichts mehr dazu
Liebe Grüsse an Lina, Gucci, Maja und Nanuk
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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Mit ihren Doxing-Ideen setzen Levit und Danger Dan vielmehr ein gefährliches Exempel. Was, wenn örtliche Rechtsextremisten dazu übergehen, ihre politischen Gegner per Steckbrief in ihrem Viertel oder Dorf öffentlich anzuprangern? Rechtsextreme Medien greifen jetzt schon unliebsame Aktivisten, Beamte und sogar Richter persönlich an. Wie will man das skandalisieren, wenn man es selbst macht?
An dieser Stelle zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Auf der einen Seite misstrauen Danger Dan dem Staat und der Polizei, wirklich gegen rechte Strukturen vorzugehen. Auf der anderen Seite glauben sie aus unerfindlichen Gründen, die öffentliche Meinung hinter sich zu haben, wenn sie gegen jene vorgehen, die sie als „Nazischweine“ identifiziert haben. Das ist naiv, schließlich hat die AfD in manchen Regionen längst eine Mehrheit hinter sich.
Poesie eines Flugblattpamphlets
Es steht außer Frage, dass „Keine Angst“ von der Kunstfreiheit gedeckt ist. Aber der Song ist nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch bedenklich. Der bierernste Liedtext verströmt in etwa so viel Poesie wie ein Antifa-Flugblatt, das zu schmalzigem Klaviergeklimper vertont wurde. Danger Dan ist eben kein Kurt Tucholsky. Ihm fehlt die feine Ironie des legendären deutschen Publizisten und Satirikers, der einst empfahl, „Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“, um die Nachgiebigkeit des liberalen Bürgertums gegenüber dem wachsenden Rechtsextremismus in der Weimarer Zeit anzuprangern.
Romantisierung linker Militanz
Man kann „Keine Angst“ getrost als völlig ironiefreie Handlungsanweisung lesen, die Dinge „selber in die Hand“ zu nehmen und sich in „lokalen Antifastrukturen“ zu organisieren. Aber der Song ist auch ein Zeitdokument: Er spiegelt die zunehmend paranoide und selbstgerechte Stimmung in einer Szene wider, die sich aus dem verständlichen Gefühl politischer Ohnmacht in fragwürdige Militanz-Fantasien flüchtet.
Dafür sprechen besonders die – keineswegs augenzwinkernden – Grüße, die Danger Dan am Ende des Stücks an „Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ sendet. Damit spielt er auf die Linksextremistin Lina E. und ihre Mitstreiter:innen an, die unter anderem in Leipzig und Budapest, mit Gewalt gegen bekannte Neonazis vorgegangen sein sollen und dafür zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.
Man kann die Reaktionen des Staats gegen diese Aktivisten als völlig überzogen kritisieren, ohne damit gleich die Methoden dieser „Antifaschisten“ gutzuheißen. Sie merken nicht, wie nah sie damit jenen kommen, die sie zu bekämpfen glauben.
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