Ukrainische Angriffe auf Russland: Verhandeln ist besser
Ja, die Ukraine hat das Recht, zurückzuschlagen. Aber das Land sollte sich nicht an der moralischen Niedertracht Russlands orientieren.
V ölkerrechtlich gesehen ist es das gute Recht der Ukraine, russische Ziele, wie diese Woche ein Öllager bei St. Petersburg, anzugreifen. Russland greift die Ukraine an, warum also sollte es der Ukraine verboten sein, Russland anzugreifen? Russland hat im Februar vergangenen Jahres die Schutzhülle des ehemaligen AKW Tschornobyl mit einer Drohne angegriffen; nach wie vor fliegen russische Drohnen in gefährlicher Nähe zu ukrainischen Atomanlagen und deren Infrastruktur.
Wenn Russland in der Ukraine Ökozide verübt, warum sollte die Ukraine dann nicht das Recht haben, symmetrisch zu antworten? Doch nicht alles, was erlaubt ist, sollte man auch tun. Wenn ein Terrorist einen Bus entführt hat und droht, ihn in die Luft zu sprengen, darf man diesen Mann töten. Allerdings nur, wenn man sicherstellen kann, dass man nicht gleichzeitig auch unschuldige Passagiere tötet. Längst treffen die ukrainischen Angriffe auch unschuldige Zivilisten.
Ende Mai hatten ukrainische Angriffe 21 Menschen, vorwiegend junge Frauen, im ukrainischen, von Russland besetzten Städtchen Starobilsk getötet. Im ukrainischen Enakiewo (Jenakijewe) wurden am Mittwoch sieben Passagiere eines Busses von einer ukrainischen Drohne getötet. Bei einem ukrainischen Angriff auf eine Ölraffinerie an der russischen Schwarzmeerküste verendeten massenhaft Delfine, Vögel und Fische; die Küstenlandschaft ist auf Jahre verseucht. Nach einem Bericht des ukrainischen Mediums New Voice gibt es nur noch zwei Raffinerien in Russland, die nicht von ukrainischen Drohnen angegriffen worden sind.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
„Auge um Auge“ führt ins Verderben
Eine Politik, die sich an einem „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Ökozid um Ökozid“ orientiert, bringt uns ins Verderben. Ein Angriff auf Zivilisten und Ökologie in Russland ist ein Verrat an unseren humanistischen Werten. Orientieren wir uns an diesen humanistischen Werten, sind wir zwar möglicherweise militärisch im Nachteil bei einem Gegner, der sich um diese Werte nicht kümmert. Aber wir sind ihm moralisch überlegen und somit weltweit attraktiver. Ein „Weiter so“ ist keine Alternative. Ein „Weiter so“ bringt uns in eine Eskalation, bei der Bevölkerung, Tierwelt und Natur Opfer werden. Und Gebiete, die uns noch heute wichtig sind, werden dann unbewohnbar sein.
Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.
Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.
Im Gebiet Charkiw finden sich Ortschaften, die mehrmals erobert und zurückerobert worden sind und auf denen kein Stein mehr auf dem anderen steht. Heute stehen wir vor der Wahl: weiter so mit einer Eskalation, die auch Unschuldige tötet – oder Verhandlungen mit Russland. Letzteres ist die bessere Wahl.
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert