Vor dem CSD-Wochenende in Berlin: Ein queerer Scherbenhaufen
CSD gegen Dyke* March, Dykes* gegen Dykes*, CSD gegen IQP, Trans Pride gegen ITP: Der neue Drag March und der Nahostkonflikt spalten die Szene.
Respekt, Solidarität mit marginalisierten Menschen und die Ablehnung jeder Form von Menschenfeindlichkeit. Das seien die gemeinsamen Prinzipien, die sie verbinden, heißt es im Aufruf zum Community Dyke* March, der am Freitag ab 17 Uhr vom Roten Rathaus zum Oranienplatz in Kreuzberg zieht. Ein Blick auf die verschiedenen queeren Veranstaltungen am Wochenende zeichnet jedoch ein anderes Bild: von endlosen erbitterten Grabenkämpfen.
Dyke* March vs. CSD
Seit 2013 findet der Dyke* March für lesbische Sichtbarkeit – Dyke war früher ein Schimpfwort, heute ist es eine Selbstbezeichnung für Lesben – traditionell am Vorabend des Christopher Street Day (CSD) statt. Dieses Jahr aber gerät er in Konkurrenz zum CSD selbst, der erstmals schon am Freitag eigenes Programm bietet.
Veranstalter*innen des Dyke* March zum Zeitgleich angesetzten Drag March
Ab 17 Uhr soll in Anlehnung an den New Yorker Drag March erstmals ein Berliner Drag March stattfinden. „Wir sehen das als Angriff auf lesbische* Sichtbarkeit“, kritisieren die Veranstalter*innen des Dyke* March gegenüber der taz. In New York lägen Drag March, Dyke* March und Pride an aufeinanderfolgenden Tagen. „In deren Berliner Version davon wird der Dyke* March einfach unsichtbar gemacht und ignoriert.“
Die Behauptung der CSD-Veranstalter*innen, man stehe im Austausch, weisen die Dykes* zurück. Für die Dyke* March-Veranstalter*innen steht fest: „Wir lassen uns die Sichtbarkeit nicht nehmen.“ Sie stünden jedoch noch immer für ein Gespräch bereit. „Dafür erwarten wir jedoch zunächst eine Entschuldigung und eine ehrliche Aufarbeitung des Vorgehens.“
Israelsolidarische Dykes* vs. palästinasolidarische Dykes*
Es ist nicht die erste Forderung nach Aufarbeitung im Zusammenhang mit dem Dyke* March. Bereits 2024 kam es zu Konflikten, im Zentrum stand damals der Nahostkonflikt. Die Demo war von einem lautstarken Palästina-Block angeführt worden, es gab „Yallah Intifada“-Gesänge und gewaltsame Festnahmen von Palästina-Aktivist*innen.
Wenige Tage vor dem Dyke* March hatte das Orgateam zu einem Fundraising-Event in der Bar Möbel Olfe eingeladen. Dort hätten fünf überwiegend weiße und nichtjüdische Lesben die Teilnehmenden provoziert, indem sie Sticker mit der israelischen Flagge auslegten sowie eine Regenbogenflagge mit Davidstern aufhingen, so die Veranstalter*innen des Dyke* March. Da die Situation verbal eskalierte, sei das Fundraising beendet worden. Die fünf Protestierenden hätten anschließend die Polizei gerufen, auch kam es zu einer Anzeige und einem Gerichtsverfahren gegen einen Gast.
Nach der Demo gründete sich die Initiative Dykes, Women and Queers Against Antisemitism, die die Aktion für sich beanspruchte. Ihr Ziel sei es gewesen, Aufmerksamkeit zu schaffen über antisemitische Inhalte und Hamas-Symbolik im Aufruf des Dyke* March. Die Veranstalter*innen bestritten die Vorwürfe: „Antizionismus ist nicht Antisemitismus“.
Dyke* March vs. Community Dyke* March
Im Jahr darauf sollten eigentlich wieder die Dykes* und ihre Forderungen im Mittelpunkt stehen, nicht der Nahostkonflikt. Doch im Juni 2025, nur wenige Wochen vor der Demo, kam die überraschende Nachricht: „Wir, das Dyke* March Berlin Orgateam, werden 2025 den Dyke* March aus gesundheitlichen und organisatorischen Gründen nicht durchführen.“ Schnell bildete sich ein neuer Zusammenschluss, der Community Dyke* March, der fortan die Demo-Orga übernahm.
Mit dem Orgateam der letzten Jahre gab es jedoch laut eigener Aussage weder eine Übergabe noch Kontakt oder Austausch. Somit sei es auch nicht die Aufgabe des neuen Orgateams, vergangene Dynamiken im Zusammenhang mit Nahost aufzuarbeiten, erklärte der neue Community-Zusammenschluss. Dazu fehle auch der Einblick in interne Entscheidungen aus dem letzten Jahr.
Dass erneut Palästinasolidarität im Zentrum stehen würde, zeigte sich schnell: Nationalflaggen waren generell verboten, so auch Israelflaggen. Verboten wurde auch die Prideflagge mit einem Davidstern, weil sie „von vielen als Symbol der Zustimmung oder Verharmlosung dieser Gewalt wahrgenommen“ werde. Die einzige Ausnahme: die palästinensische Flagge, da sie für jahrzehntelangen „antiimperialistischen Widerstand“ und ein „Recht auf Selbstbestimmung“ stehe. Die Initiative Dykes, Women and Queers Against Antisemitism kritisierte: Es gebe keinen Dialog zwischen der Community Dyke* March-Orga und jüdischen Queers.
Community Dyke* March 2026
In diesem Jahr stehen die Zeichen erstmals wieder auf Entspannung: Erlaubt sind sowohl die Prideflagge mit einem Davidstern als auch die palästinensische Flagge. „Symbole, die unterschiedlich interpretiert werden und dadurch Menschen verletzen können – wie das rote Dreieck“ sind hingegen verboten. Im Aufruf heißt es: „Jüdische Dykes* sind selbstverständlicher Teil unserer Community.“ Die Solidarität mit Palästina und der Kampf gegen Antisemitismus stünden nicht im Widerspruch, so die Organisatorinnen.
Internationalist Queer Pride vs. CSD
Nicht nur die Dykes* zerlegen sich an Nahost – auch die Schwulen wissen, wie man sich spaltet. In diesem Jahr mobilisiert East Pride Berlin unter dem Motto „Homos sagen Ja zu Israel“ für den diesjährigen CSD. Die Initiative Lesben gegen rechts schließt sich dem an. Dem gegenüber steht der Internationalist Queer Pride (IQP), der zeitgleich zum CSD stattfindet, und sich eindeutig propalästinensisch positioniert. Teil des ursprünglichen Bündnisses der seit 2021 stattfindenden Demonstration waren die Israel-Boykottbewegungen BDS Berlin und Palästina spricht. In der Vergangenheit wurden Vorwürfe der Israelfeindschaft laut, so hieß es im Aufruf: „No Pride in Genocide & Apartheid“. Die Mitglieder des diesjährigen Bündnisses wurden bislang nicht bekannt gegeben.
Internationalist Trans Pride vs. Trans Pride Berlin
Unterrepräsentiert bis unsichtbar sind am CSD Inter- und Transpersonen. „Wir haben es satt mit sogenannten Pride-Events, in deren Zentrum Weißsein, kapitalistische und koloniale Vorstellungen von Gender, Schönheit und individueller Leistung stehen“, ließ die Gruppe Internationalist Trans Pride auf Instagram wissen – und organisierte eine eigene Demo, die bereits Anfang Juli stattfand.
Gestritten wird dabei nicht nur mit dem CSD, sondern auch mit Trans Pride Berlin, die in den Vorjahren INTA* (inter, nichtbinäre, trans und agender) Pride-Demos organisiert hatten. Der Streitpunkt ist – Überraschung – Nahost. Nachdem die Trans Pride jahrelang keine explizite Palästinasolidarität gezeigt hatte, wollte ein Teil des Orgateams 2025 genau das ändern. Long story short: Der Konflikt eskalierte derart, dass die INTA* Pride 2026 ganz ausfiel, dafür aber erstmals der klar palästinasolidarische Internationalist Trans Pride (ITP) am 12. Juli stattfand.
Die Pointe: Schließlich entschuldigte sich auch Trans Pride Berlin dafür, die eigenen „Werte und unser Bekenntnis zur Solidarität mit der Bewegung für die palästinensische Befreiung untergraben“ zu haben. Das Ergebnis: zwei propalästinensische Trans-Pride-Gruppen.
CSD macht Party statt Protest
Unter dem Motto „Haltung ist hot“ macht der CSD in diesem Jahr auf die bevorstehende Abgeordnetenhauswahl am 20. September aufmerksam. „Die queere Community geht wählen: Weil Demokratie, Vielfalt und unsere Rechte nicht selbstverständlich sind“, heißt es auf der Website.
Von einer politischen Demonstration, wie sie der Dyke* March oder Internationalist Queer Pride veranstalten, kann jedoch nicht die Rede sein. Die angemeldeten Wagen sorgten bereits für Unruhe: Nach Protesten zog Möbel Höffner sich am Montag von der Teilnahme zurück. Dass Firmengründer Kurt Krieger 2024 18.000 Euro an die AfD gespendet hatte, war dem CSD-Vorstand vorab bekannt – eingeladen hatten sie Möbel Höffner trotzdem.
Auch sonst zeigt sich der CSD wenig konfrontativ: Man begrüße die Zusammenarbeit mit der Berliner Polizei zur Verbesserung der Sicherheit queerer Menschen, heißt es. Dass die Polizei nicht alle queeren Menschen gleichermaßen schützt, zeigte sich spätestens bei den brutalen Festnahmen am Dyke* March 2024.
Vielleicht ist es Zeit, an den Ursprung des CSD zu erinnern: Die Stonewall Riots 1969 waren ein Aufstand gegen gewalttätige, homophobe Razzien der Polizei in New York.
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