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Gentest für Tennisprofis Feindbild Transfrau

Selina Hellfritsch

Kommentar von

Selina Hellfritsch

Tennisprofis sollen künftig ihr Geschlecht per Gentest beweisen. Dabei geht es nicht um „fairen Wettbewerb“, sondern um transfeindliche Symbolpolitik.

P rofi-Tennisspielerinnen müssen in Zukunft für die Teilnahme bei Turnieren einen Gentest absolvieren, um zu beweisen, dass sie auch wirklich Frauen sind. Das bestätigte die Vereinigung der professionellen Tennisspielerinnen Women’s Tennis Association (WTA) der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag. Die Entscheidung der WTA geht auf Druck der USA zurück. Internationale Sportverbände folgen so dem Trump’schen Vorbild und stürzen sich wieder einmal auf eine der vulnerabelsten Gruppen: trans Menschen.

Der Versuch, die Kategorie Frau so weit zu verengen, dass nur noch das heteronormative Idealbild übrig bleibt, ist dabei weit von der biologischen Realität und gelebter Inklusion entfernt. Bisher durften trans Frauen an WTA-Turnieren teilnehmen, wenn sie ihr Geschlecht als weiblich angegeben hatten und einen niedrigen Testosteronspiegel nachweisen konnten. Mit der Änderung der Richtlinien werden sie allerdings faktisch ausgeschlossen. Damit reiht sich der internationale Tennissport bei den Sportarten Leichtathletik und Boxen ein, die in den vergangenen Jahren bereits ähnliche Regelungen verabschiedet haben.

Da empfiehlt sich ein Realitätscheck: Nur ein kleiner Anteil der internationalen Profi-Sportler*innen ist trans. Beim Tennis ist beispielsweise keine einzige trans Frau bekannt, die gerade an WTA-Turnieren teilnimmt.

Auch die Ergebnisse von trans Ath­le­t*in­nen fallen genauso aus wie die ihrer cisgeschlechtlichen Mitstreiter*innen: Mal gewinnen sie, mal verlieren sie. Nur: Wenn sie verlieren, ist das mediale Interesse gleich null. Erst kürzlich erschien eine Metaanalyse, die 50 Studien heranzog und zu dem Schluss kam, dass trans Frauen keinen sportlichen Vorteil gegenüber cis Frauen haben.

Gentests sind verkürzt

Das Argument des unfairen Wettbewerbs ist also mehr Schauergeschichte als ein reales Problem. Allerdings hält sich die Debatte über womögliche körperliche Vorteile von trans Menschen gegenüber cis Menschen hartnäckig.

Solche Maßnahmen werden dazu beitragen, dass es so bleibt: Der SRY-Gentest, der von der WTA jetzt wieder herangezogen wird, wurde in den 90er-Jahren bereits im Profisport genutzt, aber dann abgeschafft. Selbst der Wissenschaftler, der das entsprechende Gen entdeckte und bis heute daran forscht, nennt den Test zu verkürzt, um jemanden als „biologische Frau“ zu kategorisieren. Er würde nichts darüber aussagen, ob das Gen auch funktioniere, ob sich Hoden gebildet haben und ob mehr Testosteron produziert werde oder nicht.

Außerdem wird bei der Debatte verkannt, dass es – auch biologisch gesehen – nicht nur zwei Geschlechter gibt. Wir haben zwar zwei Geschlechterkategorien, die aus dem Mittelwert vieler Daten ermittelt wurden. Aber neben Frauen mit hohem Testosteronwert gibt es eben auch Männer mit einem schmalen Knochenbau und Frauen, die XY-Chromosomen aufweisen.

Jeder Körper ist individuell und bringt in jeder Sportart seine eigenen Vor- und Nachteile mit sich. Dass Sportverbände und die Politik aber weiterhin auf einen vermeintlichen Standard pochen, den es in der Realität nicht gibt, zeigt vielleicht eher, wie sie an die Grenzen des gesellschaftlich binären Geschlechtersystems stoßen.

„Schutz“ durch Drangsalierung

Um die Einführung von Gentests und das transfeindliche Vorgehen zu rechtfertigen, wird nur allzu gern das Argument herangezogen, Frauen, beziehungsweise den Frauensport „schützen“ zu wollen. Dass aber gerade dieses Vorgehen in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass Menschen erniedrigende Prozeduren durchmachen mussten, um ihr Geschlecht zu „beweisen“, ihnen eine Hormontherapie angedreht wurde oder Frauen anhand ihres Erscheinungsbilds ihr Frausein abgesprochen wurde, wird dabei gern vergessen.

Die WTA schreibt, dass sie sich dessen bewusst sei, dass es sich um ein sensibles und komplexes Thema handele. Und dass sie sich dazu verpflichte, alle Spielerinnen mit Würde und Respekt zu behandeln. Aktuell ist davon wenig zu sehen.

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Selina Hellfritsch

Selina Hellfritsch

Ist aktuell Teil von tazzwei und freie Journalistin mit Sitz in Berlin. Sie schreibt gerne über intersektionale feministische Themen und legt dabei Wert auf queere Perspektiven. Hat einen Bachelor in Crossmedia Redaktion und studiert nebenbei Gender Studies.
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9 Kommentare

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  • Ok, dann also die Kategorien männlich und weiblich einfach abschaffen, weil nach der hier formulierten steilen These es angeblich ja noch mehr Geschlechter gäbe. Dann wären zwar viele aktuellen Athletinnen vom Profisport ausgeschlossen, aber wenigstens könnte fröhlich duchgegendert werden.

  • 27. Januar 1998. Der 31-jährige Kettenraucher Karsten Braasch (Platz 203 der ATP Weltrangliste der Männer) schlägt Serena Williams am Rande der Australian Open.

    Braasch: "Meine Trainingsvorbereitung beinhaltete eine gemütliche Runde Golf am Morgen gefolgt von einigen Radlern. Ich tauchte auf dem Platz angemessen entspannt auf."

    Ergebnis im ersten und einzigen Satz des Testspiels: 6:1 für Braasch, der sich während des Seitenwechsels eine Zigarette anzündete und auf einen 2. Aufschlag verzichtet hatte.

    Anschließend wollte auch Venus Williams es wissen. Braasch besiegte auch sie relativ mühelos mit 6:2.

    Nein. Wenn Spielerinnen im Tenniswettbewerb der Frauen ihr Geschlecht mittels Gentest nachweisen müssen, dann geht es eben nicht um Diskriminierung von Transfrauen, sondern tatsächlich um einen fairen Wettbewerb.

    Sonst würde die weibliche Weltrangliste demnächst von gewillkürten Transfrauen dermaßen dominiert werden, dass geborene Frauen keinerlei Chance mehr auf einen Titel erhalten können.

    Es ist m.E. verschmerzbar, Transfrau-Tennisprofis und solchen, die es vielleicht werden wollen, diese Dominanz zulasten von gebürtigen Frauen nicht einzuräumen.

  • Die Metaanalyse sagt nicht, "dass trans Frauen keinen sportlichen Vorteil gegenüber cis Frauen haben." So allgemein, geht die Aussage weit über den zitierten Befund hinaus.

    Vielmehr sagt sie, dass die untersuchten trans Frauen, die qua Einschlusskriterium alle bereits eine Hormontherapie hinter sich hatten, bei Körperfettanteil, Sauerstoffumsatz sowie Ober-/Unter-Körperkraft keinen signifikanten Vorteil gegenüber den jeweils verglichenen cis Frauen hatten.

    Dagegen waren sie hinsichtlich ihrer absoluten Muskel-/Organ-/Knochenmasse (=absolute lean mass) signifikant schwerer als die verglichenen cis Frauen; wobei die Dauer der Hormontherapie mit einer Zunahme des Körperfettanteils und einer Abnahme der Muskelmasse (absolute lean mass) sowie der Körperkraft (upper body strength) einherging.

    Während die Autoren die Annahme geschwächt sehen, dass trans Frauen alleine(!) durch Hormontherapie und residuale Unterschiede in der Muskelmasse einen unfairen Vorteil haben, weisen sie darauf hin, dass trans Frauen sich hinsichtlich ihrer Körpermerkmale am besten als eigene Gruppe kategorisieren lassen. So gesehen wären eigene Turniere für trans Frauen vielleicht das fairste.

  • In den meisten Sportarten wird inzwischen eine gut trainierte und talentierte XX(Y)-Frau einen nicht gut trainierten, nicht talentierten XY-Mann besiegen - den gemittelten Unterschied bei Oberarmen, Schusskraft und evtl. Sprint mal ausgeklammert.



    Trans-Themen aufs Tableau zu setzen soll wohl vor allem links spalten, damit rechts weiter ungestört nach oben umverteilt werden kann. Schade, denn hier geht es um Menschen, da lassen sich besser unaufgeregt Lösungen finden wie etwa die vorherige.

  • Wenn die Annahme stimmt, dass die Transition alle "biologischen" körperlichen Vorteile von trans Frauen verschwinden lässt, muss das umgekehrt auch für trans Männer gelten: Die sollten im Gegenzug sportlich mit cis Männern mithalten können.

    Dafür gibt es aber keine Hinweise. trans Männer sind komplett unsichtbar im Sport und sie erreichen keine vergleichbaren Erfolge wie trans Frauen, etwa im US-Highschool und College-Sport.

    Und die wenigen trans Männer, die es gibt, spielen weiter in Frauenwettbewerben, wie etwas der schwedische Freeskier Elis Lundholm.

  • Die naheliegendste Lösung: nur noch eine Open-Kategorie in allen Sportarten.



    Warum thematisiert die Autorin dies nicht, sondern möchte weiter eine Frauen-Kategorie und einfach die Gen Tests abschaffen? Wie siehts mit den Testosteronspiegeltests aus?



    Ich möchte gern mal sehen, wie ein Djokovic sich in einem Frauentableau in Wimbledon macht - meine Vermutung: der gewinnt.

    Fazit: Nach der Lektüre des Artikels bleiben sehr viele Fragen offen.

    Den Aufschrei v.a. hier in der taz, die Einführung einer einzigen unisex-Kategorie sei frauenfeindlich, kann ich aber jetzt schon hören.

  • Wenn ich diesen Unsinn schon wieder lese. Natürlich gibt es biologisch nur zwei Geschlechter. Die anderen Beispiele sind Normabweichungen die in der Regel krankheitsbedingt sind.



    Die beschriebene XY-Frau ist zwar in der Tat phänotypisch weiblich und genetisch männlich. Diese Person sieht aber nur deshalb weiblich aus weil in der Mehrzahl der Fälle ein Gendefekt vorliegt (komplette Androgeninsensitivitätssyndrom). Diese Frauen haben in der Regel auch keine Gebärmutter.

  • Auch als Frau möchte ich nicht beim Boxen oder Wrestling gegen ursprüngliche Männer antreten. Dabei gab es bereits schwer verletzte Frauen.



    Das kann man so trans-feindlich finden wie man will, aber wenn man im Männnerschwimmen scheitert, danach sein Geschlecht ändert und in Frauenschwimmen antritt, hat das mit fair nichts zu tun.

  • "Außerdem wird bei der Debatte verkannt, dass es – auch biologisch gesehen – nicht nur zwei Geschlechter gibt. " - Ob das die Biologen auch so sehen? Welche gibt es denn da noch? Die anschließende Erklärung im Kommentar, dass es innerhalb des jeweiligen Geschlechts unterschiedliche Körperformen gibt ändert ja am Geschlecht nichts.



    Und: Die logische Konsequenz aus der Sichtweise der Autorin bestände darin, Wettbewerbe für alle gleich stattfinden zu lassen. Mit der Folge, dass Frauen in vielen Sportarten nicht mehr anzutreten brauchen wenn sie gewinnen wollen. Schwierig