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Tod der Mieterin Maricarmen Wohnraum darf keine Ware sein

Gereon Asmuth

Kommentar von

Gereon Asmuth

Die 87-Jährige ist zwei Wochen nach ihrer Räumung gestorben. Das zeigt, welch brutale Folgen eine profitorientierte Wohnungspolitik haben kann.

K apitalismus tötet. Selten ist dieser Zusammenhang so klar, so unübersehbar, so unerträglich wie jetzt beim Fall von Maricarmen Abascal in Madrid. Die 87-Jährige wurde am 23. September brutal aus ihrer Wohnung geräumt. Sie konnte die Miete für ihre Wohnung, in der sie über 70 Jahre gewohnt hatte, nicht mehr zahlen – und flog raus. Am Mittwoch ist sie in einem Krankenhaus gestorben. Zwei Wochen nachdem ihr das Grundrecht auf Wohnen genommen wurde.

Welche brutalen Folgen eine profitorientierte Wohnungspolitik haben kann, ist bekannt. Seit mehr als 100 Jahren. „Man kann mit einer Wohnung einen Mensch genauso gut töten wie mit einer Axt!“ – der Satz stammt vom SPD-Politiker Albert Südekum aus dem Jahr 1908.

Seither hat sich viel getan in Sachen Mietrecht. Zum Glück. Zwangsräumungen von Mieter:innen, die nicht mehr zahlen können, sind trotzdem auch hierzulande kein Einzelfall. 32.000 gab es in Deutschland im Jahr 2024. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Sie werden aber vermutlich ebenso wie die Mieten gestiegen sein.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Das Mietrecht in Spanien ist ungleich brutaler als in Deutschland. Unbefristete Mietverträge zum Beispiel gibt es dort nicht. Die linke Regierung will sie zwar endlich einführen, hat aber keine Mehrheit im Parlament. Das ist auch ein Grund dafür, warum nur 20 Prozent der Spa­nie­r:in­nen zur Miete wohnen. In Deutschland sind es rund 55 Prozent.

So müssen sich viele Spa­nie­r:in­nen langfristig verschulden, um ihr Recht auf Wohnen abzusichern. Das klingt wie der Traum von Extrem-FDPlern und Immobilienlobbyisten anderer Parteien, die Eigentum für alle als Lösung der Wohnungskrise predigen.

Wohin das führt, konnte man aber auch schon in Spanien sehen. Bei der Immobilienkrise vor rund 15 Jahren verloren Hunderttausende ihre Wohnungen, weil sie die Hypotheken nicht mehr zahlen konnten. Nur die Schulden durften sie behalten.

Solange Wohnraum eine Ware bleibt, stehen die Rechte der Menschen, die ihn bewohnen, den Profiten der Investoren entgegen. Der Tod von Maricarmen Abascal ist da leider nur die brutalste Konsequenz.

Gereon Asmuth

Gereon Asmuth Ressortleiter taz-Regie

Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
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21 Kommentare

  • Tom Farmer

    Wohnraum darf keine Ware sein. Zuletzt war das Energie und Mobilität. Wie siehts mit dem Grundrecht Nahrung aus? Medizinische Versorgung? Alles verstaartlichen(?), klar!



    Leute, sagt wie das gehen soll. Nur so mal was vor sich hinwünschen weil man sich links und gerecht meint, ist kein Konzept!

  • Desdur Nahe

    "So müssen sich viele Spa­nie­r:in­nen langfristig verschulden, um ihr Recht auf Wohnen abzusichern."



    Nur haben sie dann später eben auch eine Immobilie und zahlen keine Miete mehr.



    Dazu Zahlen zur Verschuldung der privaten Haushalte:



    Deutschland: ca. 47,9 % des BIP



    Spanien: ca. 42,5 % des BIP

  • Axel Berger

    Für Elektroautos, Solaranlagen und Wärmepumpen, alles typische Anschaffungen reicher Leute, kann es gar nicht genug Subvention zu Lasten aller anderen Steuerzahler sein, die sich das alles mehrheitlich selbst nicht leisten können. Wer aber dringend benötigten Wohnraum bereitstellt, der soll auf gar keinen Fall daran verdienen, keine angemessene Rendite für seinen Aufwand sehen dürfen. Was ist die Alternative zum Markt? Mit der "Vergabe" von Wohnungen durch staatliche Zuteilungsbürokratie hat ein großer Teil Deutschlands 40 Jahre Erfahrung gesammelt. War das wirklich besser? Richtig ist, wenn ein Gut durch staatliche Regulierungseingriffe künstlich verknappt wird, steigen unweigerlich die (Schwarzmarkt-)Gewinne. Erhards Buch "Wohlstand für alle" ist bis heute leicht erhältlich und des Lesens wert.

  • Chaos-NRW

    Gibt es irgendeinen Nachweis, dass der Tod der Dame durch die Räumung verursacht wurde? Wenn nicht, ist nämlich der ganze Kommentar Humbug.

    • Andreas Flaig

      @Chaos-NRW:

      So einen widerlichen Kommentar hier abzuliefern. Die Frau ist mir ihren 87 Jahren nach über siebzig Jahren, aus ihrer Wohnung mit brutalem Polizei Einsatz rausgeschmissen worden. Mit 87 Jahren kann das niemand mehr einfach so wegstecken. Da ist es das allerletzte, das makaberste darüber zu spekulieren ob der Tod damit nachweisbar zusammenhängt.

    • Gerhard Krause

      @Chaos-NRW:

      Interessiert mich auch, jedoch viel mehr, welchen Belegumfang Sie als Beweis akzeptieren würden.

    • Axel Berger

      @Chaos-NRW:

      Es ist leider nur zu plausibel. Auch um Fukushima sind viele der umgesiedelten alten Leute vorzeitig gestorben. Aber warum steht hier nur der monatelang geprellte Vermieter im Fokus und nicht die Frage, warum die offensichtlich arme Frau kein staatliches Wohngeld erhielt?

  • Andreas Flaig

    Gabriel Rufián gehörte zu den Ersten, die auf den Tod von Maricarmen reagierten – jener 87-jährigen Frau, die aus ihrer Wohnung in Madrid zwangsgeräumt worden war. Der Sprecher der ERC (Republikanische Linke Kataloniens) brauchte nur vier Worte, um seiner Wut Ausdruck zu verleihen: „Was für Hurensöhne“, schrieb er auf seinem X-Account. Kurz darauf äußerte sich auch Irene Montero, die ehemalige Gleichstellungsministerin und jetzige Europaabgeordnete, mit Nachdruck zu dem Todesfall: „Das ist kein Tod, das ist ein Mord.“

    Solange Wohnraum den Spekulanten überlassen wird, werden sich solche oder andere Perversionen wiederholen, nicht nur in Spanien.

  • Franz Hofer

    Ich habe vor 5 Jahren ein Haus mit 6 Wohnungen gebaut, die ich seither vermiete. Ich habe sie gebaut, weil ich damit Einnahmen erzielen will. Ich wende mich dagegen, Profitstreben im Wohnungsbau grundsätzlich zu verurteilen. Wer Profite durch Vermietung verurteilt, sollte dann auch sagen, wer Wohnungen bauen und erhalten soll - etwa der Staat, wie er es in der DDR mehr schlecht als recht getan hat ?



    Ein Vergleich mit Spanien verbietet sich, wie zu Recht erwähnt, schon mit Hinblick auf den deutschen Mieterschutz.

  • Aurego

    Alles richtig.



    Wenn man jedoch etwas verbessern will, darf man das Vermieten nicht denjenigen überlassen, die zur Steigerung des Profits bereit sind, gesetzliche Regelungen zu ignorieren und die Ängste ihrer MieterInnen auszunutzen.



    Mein Appell: Wer über die nötigen Mittel verfügt, kaufe Wohnungen und vermiete sie unter Beachtung von Gesetzen und moralischen Grenzen an Menschen, die sich einen Kauf nicht leisten können.

    • Axel Schäfer

      @Aurego:

      Das ging ja früher in den 1960/70er ganz einfach, da haben bei uns im Ort viele mit Landesbaudarlehen gebaut und bis zur Rückzahlung (bei vorzeitiger Ablösung ab dem Zeitpunkt der Ablösung noch 10 Jahre) blieb die Wohnung in der Sozialbindung. Da haben dann oftmals in den ersten Jahren junge Paare mit dem ersten Kind gewohnt, die dann auch gebaut haben, da war Dynamik im Wohnungsmarkt und Bruchbuden wurden abgerissen und dort neu gebaut, weil dort keiner mieten oder gar selbst wohnen wollte.



      Das war auch die Zeit als "normale" Facharbeiter, Busfahrer, Gemeindearbeiter als Alleinverdiener mit geringen Eigenkapital und entsprechender Eigenleistung Zweifamilienhäuser bauen konnten die schon vor der Rente abbezahlt waren.

    • Axel Berger

      @Aurego:

      Genau das möchten die Linken verhindern und verbieten. Nichts wird so bekämpft wie Eigentumswohnungen und die Bildung von Wohneigentum. Achtzig Prozent der Berliner Eigentumswohnungen sind vermietet, sind Mietwohnungen (Quelle: Taz). Wer das erschwert und verhindert, der zwingt die Mieter in die Fänge anonymer Kapitalgesellschaften mit großer Rechtsabteilung.

  • Sam Spade

    "Die Eigentum für alle als Lösung der Wohnungskrise predigen"

    Sagt auch noch nichts über die regionalen Zustände aus.

    Bei uns in der Stadt Tromsø liegt die Eigenheimquote bei 70%, gleichzeitig gibt es einen Boom bei den Kurzeitvermietungen. Ausgelöst durch den Tourismus. Hauseigentümer stellen Wohnraum lieber Airbnb & Co zur Verfügung aufgrund der höheren Rendite. Geht dann zu Lasten besonders von Studenten und Zuwanderern die auf dem freien Wohnungsmarkt um den knappen Mietraum konkurrieren. Was dann zu einer Mietentwicklung führt die jenseits der Preise von München liegt.

    Andere private Eigentümer kalkulieren Leerstand mit ein und vermieten saisonal lieber an Unternehmen, die auswärtige Arbeitskräfte auf Zeit unterbringen.

    Ein häufig vorgebrachtes Argument der Vermieter ist neben der pünktlichen Bezahlung, das es keinen Stress mit den Mietern gebe.

    Es ist in wohlhabenden Regionen auch immer ein Zeichen von degenerierten Wohlstand zu beobachten. Die Gier ist größer als die Solidarität. Zeigt sich hier besonders deutlich im Verhalten der privaten Hauseigentümer. Das war vor dem Tourismus Boom bei uns früher noch anders.

    Das Konzept Wohnen als Ware hat noch nie funktioniert.

  • uwe

    "Wohnraum darf keine Ware sein"

    Zwingende Konsequenz: Wohnraum muss staatlich bereit gestellt werden. Wie gut oder schlecht das funktioniert, wurde jahrzehntelang getestet. Muss jeder selbst beurteilen.

    Übrigens führt die hohe Eigentumsquote auch zu hohem Medianvermögen. Finde ich gut.

    • Dr. McSchreck

      @uwe:

      Passenderweise gibt es ja gerade einen Artikel über die Bahn, wo der Staat mal bewiesen hat, wie viel besser er für die Erhaltung der Infrakstruktur, notwendige Reparaturen und regelmäßige Erneuerung gesorgt hat. Ich denke das Vorbild Bahn zeigt (aber auch große Teile der Verwaltung, gerade in Berlin, das seit Jahren überwiegend links regiert wird), dass der Staat wirklich ein echter Garant ist, dass sich die Wohnraumsitution verbessern wird, Mängel zügig beseitigt werden, leere Wohnungen nach sachlichen Kriterien neu vergeben werden usw....

      • uwe

        @Dr. McSchreck:

        100% Zustimmung.

        ;-)

  • Hans Dampf

    Sozialistische Märchenstunde



    Wenn Wohnraum keine Ware sein darf, dann müssen Staat und Kommune sämtliche Mietwohnungen bauen, denn wo sollte sonst der Wohnraum herkommen?



    Glauben Sie ernsthaft, dass dies je so gemacht wird, bei den klammen Kassen? Es bleibt ein Traum oder ein Märchen, dass so etwas je geschehen wird.

    • Sam Spade

      @Hans Dampf:

      Es gibt verschiedene Modelle für finanzierbaren Wohnraum.

      Staatlich gesteuert wären da nur die Mietpreisbegrenzungen oder Indexmieten Deckel für Bestandsbauten genannt.

      Bei Neubauten gibt es neben dem staatlichen sozialen Wohnungsbau z.B. auch das sogenannte Mietshaus Syndikat. Das Amsterdamer Modell sei hier stellvertretend genannt.

      Was sie als "Sozialistische Märchenstunde" abqualifizieren wird in vielen Ländern in der Praxis schon lange umgesetzt. Nennt sich Dekommodifizierung und hat den Entzug des Marktzwangs zum Ziel. Bedeutet Mietpreisspekulationen Grenzen zu setzen und Wohnraum nicht mehr einzig unter dem Aspekt eines Renditeobjekts zu betrachten, welches Finanzinvestoren die Kasse füllt.

      Der Begriff Ware bezieht sich im Kontext des Textes zudem auf Wohnen als Handelsgut. Das ist es per Definition nämlich nicht sondern Wohnraum ist ein Wirtschaftsgut. Zwischen den beiden gibt es kapitale Unterschiede, die auch gesetzlich definiert sind. Am besten einmal selbst darüber informieren.

  • Machiavelli

    Okay, der Staat sorgt für günstige Mieten, wie er bei all den NIMBYs für zusätzlichen Wohnraum sorgen kann, weiß keiner. Aber die eine Wohnung haben wohnen günstig. Was streicht der Staat stattdessen? Pendlerpauschale? Bürgergeld? Klar, man kann irgendwelche Fantasien haben wegen höherer Steuern, aber der einzige zuverlässige Weg, an Geld zu kommen, ist, etwas zu streichen, was man ausgibt. Neue Einnahmen kriegt man, kreiert oder auch nicht. Darauf kann man sich nicht verlassen.

    Alles auf Erden ist eine Ware, wenn man will das der Staat diese Ware günstiger anbietet als der Markt muss man das gegen-finanzieren.

    • uwe

      @Machiavelli:

      "der einzige zuverlässige Weg, an Geld zu kommen, ist, etwas zu streichen, was man ausgibt. "

      Nur für Private. Berlin leiht sich, was es braucht oder zapft den Länderfinanzausgleich an.

      Arm ist sexy. Glauben da wohl viele.

    • Sam Spade

      @Machiavelli:

      "Alles auf Erden ist eine Ware"

      Sklaverei und Menschenhandel inklusive?

      Wird höchste Zeit das der Allmächtige ein einsehen hat und einen ganz großen Bildungskoffer nach Deutschland schickt. Scheint Not zu tun, wenn selbst taz Foristen die ganze Welt als Handelsobjekt betrachten.

      Ohne Worte.