Polizei schießt auf Schüler in München : Aussage gegen Aussage
Ein 14-Jähriger wird wegen einer Spielzeugwaffe angeschossen. Gut, dass Betroffene der Darstellung der Polizei nun leichter in sozialen Medien widersprechen können.
D ie alte Form der Polizeikommunikation funktioniert nicht mehr: Ein Fall von Polizeigewalt spielt sich ab, jemand wird von Beamt*innen angeschossen oder misshandelt, die Polizei gibt daraufhin Informationen – manchmal auch bewusst erfundene Details – und Rechtfertigungen heraus, viele Medien übernehmen diese unkritisch und dann fragt niemand mehr nach. Diese Symbiose zwischen Polizeibehörden und zu unkritischen Redaktionen geht im Zeitalter der demokratisierten Kommunikation in den sozialen Medien nicht mehr auf. Das zeigt auch ein aktueller Fall aus München.
Am Dienstagabend wurde ein Jugendlicher im Münchner Stadtteil Schwabing von Polizist*innen angeschossen und schwer verletzt. Was mittlerweile bekannt ist: Der 14-Jährige trug eine Softair-Waffe bei sich, also ein Spielzeug. Das sei laut mehreren Berichten auch in einem Überwachungsvideo deutlich zu sehen. Anwohner*innen alarmierten daraufhin die Polizei. Ab hier gehen die Darstellungen der Behörden und der Familie des Opfers auseinander.
Laute Gegendarstellung
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Die Polizei sagt: Der Junge, den sie zunächst viel älter, ja sogar volljährig eingeschätzt hätten, habe eine Handbewegung gemacht, als hätte er durchgeladen und sich daraufhin in Richtung der Beamt*innen mit erhobener Waffe umgedreht. Dann seien die Schüsse von Seiten der Polizei gefallen. Genau diese Darstellung gaben viele lokale und überregionale Medien als Tatsachenbehauptung an ein breites Publikum weiter.
Kurze Zeit später meldete sich allerdings die Familie des Jungen zu Wort: Die Mutter berichtete, dass ihr Sohn seine Arme erhoben hätte, darauf hingewiesen habe, dass es sich um eine Attrappe handle. „Es ist ein Spielzeug“, soll er gesagt und daraufhin „Bitte nicht schießen!“ gerufen haben. Ihr Sohn sei dennoch angeschossen, gefesselt und auf dem Boden fixiert worden. Erst Sanitäter*innen hätten den schwer verletzten und traumatisierten Jungen befreit. Die Familie beklagt auch, dass sie von der Polizei nicht benachrichtigt worden sei.
Die Frage, woher überhaupt das Waffen-Spielzeug kommt, schneidet ein viel größeres Thema an: Online machen User*innen darauf aufmerksam, wie einfach es ist, im Billigwarenhaus Kik für einen Euro eine Spielzeugwaffe aus einer Grabbelkiste zu fischen und an der Kasse zu kaufen. Die Botschaft: Jedes Kind, das einen Euro zur Verfügung hat, kann so ein Plastikspielzeug erwerben und damit auf die Straße gehen. Dabei bleibt es fraglich, ob Waffenattrappen überhaupt als Spielzeug vertickt werden sollten.
Bei einer Pressekonferenz zum Fall zeigte ein Polizeisprecher Bilder der Softair-Waffe und einer echten Beretta 92. Tatsächlich sind die beiden leicht zu verwechseln. Trotzdem wirkt das Vorgehen der Polizei wie ein verzweifelter Versuch, den Einsatz samt Schüssen zu rechtfertigen. Vielleicht sogar Frust darüber, dass die Deutungshoheit der Polizei längst bröckelt und immer mehr Menschen die Darstellungen der Behörden zumindest anzweifeln und die Betroffenen immer mehr Raum bekommen, ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Denn Fakt ist, dass hier ein Kind angeschossen wurde. Und genau das sollte nicht passieren.
Selbstorganisierter Aktivismus gegen Polizeimeldungen
Stand jetzt steht Aussage gegen Aussage. Darüber haben mittlerweile auch große Medien berichtet. Die Süddeutsche Zeitung zitiert aus einer Pressemitteilung der Familie, der Bayerische Rundfunk hat die Mutter interviewt. Allein das ist eine erstaunliche Entwicklung. Vor wenigen Jahren wäre die zweite Perspektive, also die des minderjährigen Opfers und seiner Angehörigen, ganz und gar untergegangen.
Es ist vor allem der selbstorganisierte Aktivismus, der sich gegen die Darstellung der Polizei stemmt. In diesem Fall sind es kurdische Aktivist*innen, die politisch organisiert dafür sorgen, dass die Perspektive der Polizei zumindest nicht allein im öffentlichen Raum rezipiert wird.
Was jetzt mehr als nur angebracht wäre, aber weder in Bayern noch irgendwo in Deutschland existiert: eine unabhängige Aufklärung des Vorfalls durch eine unabhängige Behörde, bei der alle Seiten gehört werden. Aber auch in diesem Münchner Fall ermittelt einmal mehr die Polizei gegen sich selbst.
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