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Aktionskunst im WeddingDie Straße wird zum Widerstand

Das Interventionsfestival „Poetics of Resistance“ in der Papierstraße im Wedding zeigt, wie Widerstand aussehen kann, wenn er im Alltag gelebt wird.

„Überschreite die Grenze“, steht in weißer Farbe auf dem Bürgersteig, dahinter eine durchgezogene, ebenfalls weiße Linie. Wer sich traut, betritt eine Kopfsteinpflasterstraße mitten im Industriegebiet, die in einer Sackgasse mündet. Zwischen Wohnhäusern, Fabrik und Kleingartenkolonie versteckt sich hier eine umgebaute alte Tischlerei: der selbstorganisierte Projektraum Make-up. Auf dem Dach weht ein metergroßes Banner im Wind: „Be present“.

Dahinter steckt die Künstlerin Sara Manfredi mit ihrer Arbeit „Politics of Presence“. Ihre Mikroinstallationen ziehen sich entlang der Papierstraße, der nördlichsten und kürzesten Straße im Wedding kurz vor Schönholz. Präsenz sei eine politische Praxis, so die Künstlerin; eine Entscheidung, hier zu sein, zu bleiben und Grenzen zu überschreiten.

Manfredi ist eine von neun Künstler*innen, die im Rahmen des Interventionsfestival „Insertions in a dead-end street“ (Interventionen in einer Sackgasse) vom 17. bis 25. Juli mit Performances, Konzeptkunst und Skulpturen im Alltagsraum in und um die Papierstraße herum eingreift. „Die künstlerische Arbeit soll sich hineinweben in den Alltag, in das, was schon ist“, erklärt Jakob-Margit Wirth. Wirth sitzt mit Marina Resende Santos im „Wohnzimmer der Nachbarschaft“, einem Holzparklet, das die Ak­ti­ons­künst­le­r*in­nen vor einigen Jahren auf den Gehweg vor dem Projektraum gebaut haben. Wirth und Resende Santos bespielen seit fünf Jahren den Raum, das Festival haben sie gemeinsam kuratiert.

Die Papierstraße als Mikrokosmos

„Der Ort wirkt lost“, sagt Wirth. „Aber er hat alles, was zur Verhandlung von Stadt gehört: eine Fabrik, eine Brachfläche, die gleichzeitig Spekulationsfläche ist, Wohnhäuser mit migrantisch geprägten Bewohner*innen, einen Projektraum und Kleingärten.“

„Poetics of Resistance“ lautet das Oberthema des Interventionsfestivals, das auch über zwei Jahre das Thema im Kulturraum Make-up sein wird. „Es geht um die Frage, wie man Widerstand abseits von Aktivismus oder politischer Teilhabe leisten kann“, erklärt Resende Santos. Denn diese gewöhnlichen Widerstandssprachen seien nicht allen zugänglich. Einfacher sei es, sich im öffentlichen Raum unangepasst zu verhalten.

Das Festival konzentriert sich daher auf Interventionen in alltäglichen Situationen. Zugrunde liegt dem das Konzept der Poiesis. „Auf Altgriechisch bedeutet das, etwas zu kreieren, das zuvor nicht existierte“, so Resende Santos: „Eine neue nicht kodierte, nicht konventionelle Sprache.“ Gesprochen werden soll über diesen widerständigen Moment nicht, er soll geschaffen werden. Die Kunst soll Widerstand nicht repräsentieren, sondern in sich widerständig sein.

Das Konzept klingt höchst abstrakt und intellektuell. Doch die Kunst hat einen praktischen Nutzen für die Nachbarschaft. Das zeigt sich auf der Brachfläche gegenüber: Hinter den Bauzäunen liegt ein orangefarbener Tennisplatz zwischen Sandhügeln. Tagelang haben die Künst­le­r*in­nen Kayla Elrod und Mark Ballyk hier Unkraut gejätet, den Boden bearbeitet und verdichtet, erzählt Resende Santos. Kaum sind die Bauzäune einen Spaltbreit geöffnet, kommen die Nachbarskinder auf den Platz gerannt. „Dürfen wir auch spielen?“, fragen sie aufgeregt. Sie dürfen. Ziel, der Künst­le­r*in­nen ist es, den exklusiven Elitesport für alle zugänglich zu machen, auch für die ärmere Nachbarschaft rund um den Projektraum.

Nach­ba­r*in­nen übernehmen die Praxis des Aneignens

Es ist nicht das erste Mal, dass Resende Santos und Wirth die Brachfläche bespielen. Sie sei längst „Teil ihrer Spielfläche“, so Wirth. Dort haben die Ak­ti­ons­künst­le­r*in­nen in der Vergangenheit bereits Minigolfbahnen errichtet oder Kartoffeln angebaut. „Wenn wir die Praxis des Aneignens vormachen, nimmt die Straße sich ihrer an“, sagt Santos. Nach­ba­r*in­nen würden dann ihre Stühle auf die Straße stellen, oder Kinder fragen, wann sie wieder Kartoffeln anbauen könnten. „Das prägt ihr Verständnis von dem, was möglich ist.“

Aneignung durch die Nachbarschaft ist auch das Ziel der Künstlerin Katharine Lüdicke, die oben auf dem Holzparklet vor dem Projektraum das „Wolkenkuckucksheim“ angebracht hat. Über eine Leiter geht es hinauf in die Installation. Oben eröffnet sich eine Sitzfläche aus Spahnholz, darüber spannen sich orangefarbene Schnellgurte. Türkise durchgeschnittene Rohre und Holzbalken sind wild miteinander verdrahtetet, überdacht von einer weißen Plane. „Es ist eine fantastische Architektur, die Imaginationen aufmacht“, findet Wirth: „Was ist mit unserem Raum? Wer bestimmt darüber? Wie können wir ihn uns aneignen?“ Nach dem Festival muss die Wolke aufgrund von Genehmigungsschwierigkeiten und Haftungsrisiken wieder verschwinden. Was dann mit ihr geschieht, soll die Straße entscheiden.

Die Kunst soll Widerstand nicht repräsentieren, sondern in sich widerständig sein

Resende Santos und Wirth führen durch eine knarzige Holztür in den Innenhof des Projektraums. Dort lockt einen ein leiser Pfeifton in das Innere des Hauses. Dahinter stecken Nick Wylie und Jason Lazarus, die in einer Fensterscheibe ein Signal angebracht haben, das Aufzeichnungen von Schnellwarnsystemen aus den USA überträgt. Dort warnen sich Nach­ba­r*in­nen mit unterschiedlich codierten Pfiffen vor der Ankunft der US-Einwanderungsbehörde ICE. Drei Pfiffe bedeuten: ICE ist im Anmarsch, ein langer Pfiff: Jemand wird gewaltsam entführt. Zu jeder vollen Stunde erklingt in der Soundinstallation ein gepfiffener Morsecode, der den Namen einer der 64 anerkannten ICE-Todesopfer ergibt. Am Donnerstagabend sprechen die beiden Künstler im Projektraum in einem Gastvortrag über Widerstand gegen ICE.

Es ist nur einer von vielen Vorträgen, die im Rahmen des zweijährigen öffentlichen Programms „Poetics of Resistance“ stattfinden. Neben dem Interventionsfestival umfasst das Programm zudem öffentliche Interventionen, eine Reihe künstlerischer Projekte, eine Sommerschule, eine Ausstellung und Diskussionsabende. Kern des Forschungsprojekts bildet die Diskussionsgruppe „Talking Poetics of Resistance“, die sich monatlich trifft, um theoretische Beiträge zu lesen, Kunstwerke zu erleben, Gast­red­ne­r*in­nen zuzuhören und ästhetisch-politische Praktiken zu diskutieren.

Geschichten der Nachbarschaft

Durch das Fenster fällt der Blick auf den Innenhof und auf Christina Stark, die gerade auf Holzpaletten sitzt und eine Käsestulle isst. Die Künstlerin trägt einen pinken Overall mit Farbflecken und eine pinke Cap, unter der ihre grün gefärbten Spitzen hervorlugen. Nach ihrer Pause erklärt sie draußen auf der Straße: „Ich versuche diesen Platz bewohnbar zu machen und ihn den Autos wegzunehmen.“ Für ihr Werk „Mapping the Circle – (who was here)“ packt Stark die Steine in der Papierstraße in Papier ein. Die Leute sollen Ziele und Träume, Forderungen aber auch Banales darauf schreiben und auf andere antworten – wie in einem Gespräch, das sich über die Zeit hinweg entfaltet. „Es geht um ein geteiltes inneres Sprechen“, sagt Stark. Die Künstlerin glaubt: „Wir müssten das viel mehr teilen.“

Um die Installation herum rennen Kinder, die meisten bunten Steine sind noch unbeschriftet. Das Gewitter am Vorabend habe alle Steine samt Inschriften weggespült, erzählt Stark. Doch während alte Geschichten verschwinden, kommen neue dazu. „Bisschen Musik und tanzen auf der Straße ist gut“, steht auf einem Stein. Auf einem anderen hat ein Nachbarsmädchen einen Bären gemalt, den sie stolz präsentiert, während sie in einem Glas Schleim anmischt. „Ich habe die Kinder über mein Kunstwerk laufen lassen wie das Wetter“, sagt Stark und lacht. Sie seien als erste gekommen. Nach und nach hätten sich die Jugendlichen getraut, dann die Menschen aus den Schrebergärten, die Eltern der Kinder und schließlich, zögerlich, die Mit­ar­bei­te­r*in­nen aus der angrenzenden Fabrik.

Am Abend soll es ein Lagerfeuer rund um die Steine geben, am Freitag grillen Künst­le­r*in­nen zusammen mit Nach­ba­r*in­nen und anderen Neugierigen. Jakob-Margit Wirth und Marina Resende Santos strahlen: „Es macht Spaß die verschiedenen Communitys zu clashen.“

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