Bundeswehr und Frieden : Vom Nein zum Ja
Unser Autor hat als junger Mann den Kriegsdienst verweigert. Jetzt hat er sich freiwillig zur Reserve gemeldet – aus Gewissensgründen.
Foto: David Guttenfelder/NYT/Redux/laif
D as letzte Lied heißt „Was will ich mehr?“ Es ist der 20. Oktober 2022, acht Monate nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine. Ich bin auf einem Konzert in Oberhausen. Soweit ich sehen kann, ist die Arena ausverkauft. Der zweite Teil der Veranstaltung ist zu Ende, und das letzte Lied klingt nach. Was will ich mehr?
Gute Frage.
Ich bin ein großer Bewunderer von Reinhard Mey. Wann immer es möglich ist, versuche ich, Konzertkarten in meiner Nähe zu ergattern.
Stephan Anpalagan ist Autor, Unternehmensberater und evangelischer Theologe. Sein aktuelles Buch „Für den Frieden. Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“ ist im S. Fischer Verlag erschienen
„Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“
Was will ich mehr? Das letzte Lied ist verklungen, Reinhard Mey geht von der Bühne. Das Publikum verlangt nach einer Zugabe. Es sind nicht wenige, die ein bestimmtes Lied einfordern. Als Stellungnahme zur aktuellen politischen Situation. Sie verlangen nach „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“. Reinhard Mey verwehrt ihnen diesen Wunsch. Er spielt stattdessen „Über den Wolken“ und schließt mit „Gute Nacht, Freunde“.
Es ist ein wunderschöner Abend. Aber ich verlasse das Konzert mit einer Irritation. Lange habe ich „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“ als Liebeserklärung eines Vaters an seine Kinder verstanden. Als Pazifismus von Eltern, die ihre Kinder vor Krieg und Tod bewahren wollen.
„Nicht für euch hab’ ich manche Fiebernacht / Verzweifelt an dem kleinen Bett gestanden / Und kühlt’ ein kleines glühendes Gesicht / Bis wir in der Erschöpfung Ruhe fanden / Nein, meine Söhne geb’ ich nicht.“
Mit der Aussage nicht mehr einverstanden
Noch vor Kurzem hätte ich den vielen Facetten über die Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern und den politischen Bekundungen in diesem Lied zugestimmt. Ich höre das Lied immer noch gern. Aber ich bin mit seiner Aussage nicht weiter einverstanden. Es ist ein Paradoxon, über das ich mehrere Texte und ein Buch geschrieben habe.
Es tut mir in der Seele weh, anerkennen zu müssen, dass wir den Frieden in unserem Land nur mit Panzern und Soldaten aufrechterhalten können. Dass wir uns den Pazifismus, den Reinhard Mey hier besingt und dem ich auch selbst lange angehangen habe, nicht länger leisten können. Der bitteren Wahrheit ins Auge zu sehen: Wer seine eigenen Söhne nicht gibt, liefert die Kinder der anderen aus.
Dabei habe ich großes Verständnis für das, was Reinhard Mey hier beschreibt. Wer in seinem Leben das Privileg hatte, ein Kind zu bekommen, es aufzuziehen und zu behüten, der weiß, wie schwer diese Auseinandersetzung ist.
Jeder will sein Kind schützen
Einem Menschen, der nächtelang am kleinen Bett gestanden, ein glühendes Gesicht gekühlt und beim Anblick seines Kindes in einem Krankenhauszimmer leise Stoßgebete in den Himmel gesandt, der sein Kind auf seinem Schoß getröstet und kleine Pflaster auf sein Knie geklebt, der das Aufwachsen dieses Menschen begleitet und dessen Freiheitsdrang und Persönlichkeitsentwicklung gestärkt hat, dem kann man nur schwerlich vorwerfen, dass er sein Kind schützen will. Vor allen Gefahren.
Am 15. Januar 2026 ist der österreichische Militäranalyst Franz-Stefan Gady zu Gast bei dem Interviewformat „Jung & Naiv“. Er spricht viel über Militärgeschichte, auch über einen möglichen Bündnisfall der Nato und die aktuellen Gefahren, in denen wir uns in Europa befinden. Irgendwann wird er persönlich. Er erzählt, wie er regelmäßig mit einer Gruppe von Militäranalysten in der Ukraine unterwegs ist.
Wie sie mit ukrainischen Soldaten sprechen und die Lage analysieren. Wie der Gruppe eine verlassene leerstehende Wohnung vermittelt wird. Man solle dort die Nacht verbringen, sich einen Schlafplatz suchen und morgen wieder am vereinbarten Treffpunkt einfinden. Gady erzählt, wie er die Wohnungstür öffnet, versucht, sich im Dunkeln zurechtzufinden, mit der kleinen Taschenlampe am Telefon durch die Räume leuchtet, irgendwo seinen Schlafsack ausbreitet und feststellt, dass er in einem Kinderzimmer gelandet ist.
„Im Kinderzimmer von zwei Kindern. Und diese Kinder müssen irgendwie zwischen drei und sechs Jahre alt sein, weil da waren so Zeichnungen. Und links von mir ist ein Stockbett. Was mir gleich auffällt, ist Bettwäsche. Das ist eine Bettwäsche mit Herzen. Die gleiche Bettwäsche, die meine Tochter auch hat, so eine Ikea-Bettwäsche. Und da ist offensichtlich jemand überstürzt rausgegangen, aus dieser Wohnung.“
Die Front verläuft in Sichtweite
Gady leuchtet weiter, schaut aus dem Fenster und sieht in der Ferne die Leuchtstreifen der russischen Artillerie. Die Front verläuft in Sichtweite.
„Es war eine klare Nacht. Und du hast in der Distanz, ich hab rausgeschaut, so am Stadtrand von Kramatorsk die Leuchtschwungmunition der Front gesehen. Und es hat geboomt, und Einschläge hat man gehört in der Distanz. Und am Fensterbrett lag ein Stapel von Büchern. Und ich nehm das erste Buch hoch, und da ist ein Hase auf dem Cover. Ich schlag das Buch auf, und es ist ein ukrainisches Kinderbuch. Und das heißt ‚Der kleine Hase will schlafen gehen‘.
Und auf der ersten Seite sind so Instruktionen für Eltern. Und da steht, um sicherzugehen, dass ihr Kind gut und fest schläft, müssen sie zuallererst eine sichere Umgebung für das Kind erschaffen. Und ich sehe das, lese das, denke an meine eigenen Kinder, sehe die Wohnung eben, wo offensichtlich Leute haben flüchten müssen, die Front in der Nähe.“
Auch andere Menschen haben Kinder. Kinder, die im Krieg aufwachsen. Kinder, die aus dem Fenster schauen und den Beschuss ihrer Stadt erleben. Kinder, die Angst haben. Kinder, denen eine sorglose Kindheit verwehrt bleibt.
Keine sorglose Kindheit
Es gibt Eltern, die darauf hoffen, dass ihre Kinder heil aus einem Krieg wieder herauskommen. Es gibt Eltern, die mit ihren Kindern fliehen müssen. Es gibt Eltern, die bleiben und kämpfen, während sie von ihren Kindern getrennt sind. Die Deutschen können heute nur deshalb in Freiheit und Sicherheit leben, weil sowjetische, US-amerikanische, britische und französische Eltern ihre Kinder in die Befreiung Europas und in den Krieg entlassen haben.
Hätten all diese Eltern an pazifistischen Überzeugungen festgehalten, würde es unser Europa und unser Deutschland in der heutigen Form nicht geben.
„Und eher werde ich mit ihnen fliehen / Als dass ihr sie zu euren Knechten macht / Eher mit ihnen in die Fremde ziehen / In Armut und wie Diebe in der Nacht.“
Nicht alle werden fliehen können. Nicht alle Kinder. Und auch nicht alle Eltern. Darüber hinaus werden die Armen, Alten, Kranken und Schwachen zurückbleiben. Und jeder weiß, wie es mit ihnen ausgehen wird, wenn niemand mehr da ist, um sie zu verteidigen. Wenn niemand mehr da ist, um dem Rad in die Speichen zu fallen.
Das, so kann ich heute voller Überzeugung sagen, kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Dieses Land ist es wert, dass wir darum kämpfen. Dass wir seine Menschen verteidigen. Dass wir unseren europäischen Nachbarn beistehen.
In die Bundeswehr, um den Krieg zu verhindern
Ausnahmslos alle Soldaten, mit denen ich gesprochen habe, erzählen mir, dass sie den Krieg verabscheuen. Nariman Hammouti, eine muslimische Soldatin mit marokkanischen Eltern, erklärt mir, dass sie in die Bundeswehr eingetreten ist, weil sie Krieg verhindern möchte. Franz-Stefan Gady sagt über die ukrainischen Soldaten etwas Ähnliches: „Die Soldaten sind müde des Krieges. Sie wollen nicht kämpfen. Nur die Alternative ist so schrecklich, was jetzt in den besetzten Gebieten passiert oder was eben tatsächlich die Absicht des russischen Gegners ist, dass es eben keine Alternative gibt.“
Es gibt einfach keine Alternative. Die Ukrainer wissen etwas, was wir in Deutschland erst noch lernen müssen: Wenn wir nicht kämpfen, haben wir bereits verloren.
Die alles entscheidende Frage aber bleibt: Würde ich Deutschland bewaffnet verteidigen? Würde ich töten und sterben?
Man muss sich, um diese Frage in ihrer Gesamtheit zu begreifen, im Klaren darüber sein, dass Deutschland zu den sichersten Ländern der Welt zählt. Diese Frage also in diesem Land zu stellen, während anderswo Krieg herrscht und Menschen sterben, ist wohlfeil. Aber vielleicht ist sie nichtsdestotrotz wichtig. Weil der Krieg nicht immer nur die anderen trifft. Weil der Krieg auch zu uns kommen kann. Weil der Krieg auch zu uns kommen wird.
Krieg in Sri Lanka
Mir muss niemand erklären, was der Krieg mit Menschen macht. Wie er Familien auseinanderreißt, wie er Biografien und Lebenswege durchtrennt. Ich selbst wurde in einem Kriegsgebiet geboren, meine Eltern mussten als Kriegsflüchtlinge ihre Heimat verlassen und sind nach Deutschland geflohen. Ich habe Angehörige im Krieg verloren und hautnah von der Zerstörung ganzer Landstriche erfahren.
Der Krieg in Sri Lanka war durchzogen von Gräueltaten auf beiden Seiten. Die einen agierten mit Terror, die anderen mit Kriegsverbrechen. Ich weiß um die Komplexität, die Militarismus, Soldatentum und Aufrüstung mit sich bringen. Ich weiß, dass diplomatische Wege niemals außer Sicht geraten dürfen. Dass gesprochen und verhandelt werden muss, wenn es am Ende gut werden soll.
Ich weiß aber auch, dass uns in unserer Welt keine andere Wahl bleibt, als den Kampf gegen unsere Feinde aufzunehmen und uns zu verteidigen. Für unsere Werte zu kämpfen und unsere Mitmenschen zu beschützen. Aber auch unseren europäischen Nachbarn beizustehen und die tapferen ukrainischen Frauen und Männer, die gegenwärtig auch unsere Sicherheit verteidigen, zu unterstützen.
Die Befreiung vom Faschismus
Dass ich in meiner neuen Heimat überhaupt in Frieden und Freiheit aufwachsen konnte, hatte auch damit zu tun, dass vor nunmehr acht Jahrzehnten die alliierten Streitkräfte dieses Land mit militärischer Gewalt vom Faschismus befreit haben.
Wir werden, wenn wir unsere Verteidigungsfähigkeit vorantreiben, am Ende stärker und selbstbewusster aus alledem hervorgehen, weil wir auf dem Weg zum Ziel die Ressourcen und die Fähigkeiten herausbilden können, um in Zukunft für uns selbst zu sorgen. Ohne abhängig zu sein von vermeintlichen Freunden und vertrauten Feinden. Weil Deutschland ein starkes Land ist, tragen wir viel Verantwortung. In Europa, aber auch darüber hinaus. Wir werden niemals aufgeben, für Menschenwürde und Menschenrechte einzustehen.
Die Verteidigung von Heimat und Mitmenschen ist genau die staatsbürgerliche Verantwortung, die uns Deutschen aufgegeben ist. Ehrlich gesagt fällt mir eine Antwort noch immer nicht leicht. Aber es ist nicht mehr das klare Nein, das es so viele Jahre war. Es ist nunmehr ein nachdenkliches Ja.
Ich, der evangelische Theologe, der Kriegsdienstverweigerer, der ehemalige Zivildienstleistende und Pazifist, habe meine Kriegsdienstverweigerung widerrufen und mich zur Reserve bei der Bundeswehr gemeldet. Auch wenn ich nicht kämpfen will.
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