Postpartale Psychose : Mitgefühl mit der Mörderin
Eine Mutter in den USA tötet ihre drei Kinder. Dass nun einige online harte Strafen fordern, beweist, wie schwer es Menschen fällt, Ambiguität auszuhalten.
Foto: Josh Reynolds/ap
E in Mensch kann etwas zutiefst Grausames tun – und trotzdem unser Mitgefühl verdienen. Das zeigt die aktuelle Debatte um die US-Amerikanerin Lindsay Clancy, die im Januar 2023 ihre drei Kinder getötet haben soll. Der per Livestream übertragene Prozess um die 36-Jährige hat im Internet massive Diskussionen ausgelöst.
Er lenkt den Blick auf die postpartale Psychose – eine schwere psychische Erkrankung nach der Geburt, an der Clancy nach Darstellung ihres Anwalts gelitten haben soll. Zugleich macht der Fall noch etwas anderes sichtbar: wie schwer es unserer Gesellschaft fällt, Geschichten auszuhalten, die sich einem einfachen Täter-Opfer-Narrativ entziehen.
Lindsay Clancy selbst bestreitet nicht, die Tat begangen zu haben. Ihre Verteidigung argumentiert jedoch, dass sie aufgrund einer postpartalen Psychose zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig gewesen sei. Anschließend soll sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Seitdem ist sie querschnittsgelähmt.
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Die postpartale Psychose gilt als die schwerste Form der postpartalen psychischen Erkrankungen. Sie kann Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Realitätsverlust hervorrufen. Von 1.000 Müttern sind etwa 1 bis 2 Frauen betroffen. Sie ist also deutlich seltener als postpartale Depression, die rund 10 bis 15 Prozent aller Mütter erleben. Die Dunkelziffer könnte allerdings höher sein, denn aufgrund von Scham und gesellschaftlichem Stigma bleibt ein Großteil der postpartalen psychischen Erkrankungen unbehandelt.
Schnell wurde deutlich, dass der Clancy-Fall das Potenzial hat, eine größere Debatte über die psychische Gesundheit von Frauen anzustoßen. Vor Gericht wurde Beweismaterial gesichtet, demzufolge Clancy in den Monaten zuvor offenbar mehrfach verzweifelt versucht hatte, psychiatrische Hilfe zu bekommen: Innerhalb weniger Monate sollen Ärzte ihr 13 verschiedene Psychopharmaka verschrieben haben.
Jede Mutter könnte zu Lindsay Clancy werden
Clancy selbst hat inzwischen gegen acht Einrichtungen des Gesundheitssystems Klage eingereicht und wirft ihnen vor, ihre Erkrankung nicht richtig diagnostiziert und behandelt zu haben. Von Ärzten nicht ernst genommen zu werden – eine Erfahrung, in der sich viele Frauen, die online auf den Clancy-Prozess reagieren, wiedererkennen.
Seit Prozessbeginn Ende Juli hat sich eine Community der Solidarität um die Angeklagte gebildet. Anfang August versammelten sich nach Angaben des Boston Globe rund 300 Unterstützerinnen vor dem Gerichtsgebäude im US-Bundesstaat Massachusetts, um auf den Umgang mit der psychischen Gesundheit von Frauen aufmerksam zu machen; viele trugen pinke T-Shirts mit Aufschriften wie „She Needed Help“ oder „Peace For Lindsay“. Plakate, offene Briefe und Videos im Internet transportieren die Message: „Lindsay could be one of us.“ Viele Frauen sehen in Clancys Geschichte etwas, das ihnen selbst widerfahren könnte.
Die Reaktionen auf den Fall verdeutlichen allerdings auch, wie schlecht wir als Gesellschaft damit umgehen können, wenn die Dinge aus einem klaren Täter-Opfer-Narrativ herausfallen. Auf Solidarität reagieren manche mit Empörung: Wie kann eine Person, die etwas so Schreckliches getan haben soll, unser Mitgefühl verdienen? Mangelnde Aufklärung über postpartale psychische Erkrankungen spielt sicher eine Rolle bei denjenigen, die in Clancy eine eiskalte Psychopathin sehen wollen, die eine harte Strafe verdient hätte.
Genau dieses Bedürfnis nach Einfachheit erklärt aber ebenso, warum sich unter einem Teil derjenigen, die sich mit Lindsay Clancy solidarisieren, mittlerweile Verschwörungstheorien breitmachen. Immer mehr Tiktok-Nutzer:innen wollen Hinweise darauf erkennen, dass Clancy unschuldig ist, und machen stattdessen ihren Ehemann für die Tat verantwortlich.
Komplexität, wie sie in Clancys Fall vorhanden ist, scheinen diejenigen, die den Fall verfolgen, nicht auszuhalten. Genau deswegen ist Aufklärung über psychische Erkrankungen nötig. Sie könnte dabei helfen, der Wahrheit, dass Mütter in psychischen Notlagen eine Gefahr für ihre Kinder und sich selbst werden können, ins Gesicht zu sehen – und dabei trotzdem Verständnis für Lindsay Clancy zu haben.
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