piwik no script img

Zehn Jahre Taskforce Drogen Polizei verursacht zusätzliche Probleme

Katharina Schipkowski

Kommentar von

Katharina Schipkowski

Die Hamburger Polizei feiert ihre Taskforce Drogen, die vor allem Schwarze Straßendealer verfolgt, als Erfolg. Dabei verschlechtert sie die Situation.

F ür die Betroffenen, also Geflüchtete und Anwohner*innen, ist es ein trauriges Jubiläum: Die Taskforce Drogen der Hamburger Polizei wird in diesem Jahr zehn Jahre alt. Seit 2016 patrouilliert die Dauereinsatztruppe täglich mit zahlreichen Be­am­t*in­nen in St. Pauli-Süd sowie im ebenfalls als „gefährlicher Ort“ deklarierten Schanzenviertel und im Bahnhofsviertel St. Georg. Sie geht dabei hauptsächlich gegen junge, aus Westafrika geflüchtete Männer vor, die in Deutschland keine Arbeitserlaubnis haben und deshalb für 10 oder 20 Euro Tageslohn Kleinstmengen Drogen verkaufen. Das Jubiläum der Taskforce bedeutet eine Dekade institutionalisierten Rassismus in Hamburg.

Die Polizei feiert den Einsatz durchgehend als Erfolg. Sie geht davon aus, dass alles noch schlimmer wäre, wenn die Taskforce nicht da wäre. Schlimmer heißt für die Behörde: Es würden mehr Drogen verkauft.

An­woh­ne­r*in­nen und Geflüchtete hingegen weisen seit Beginn des Einsatzes im Jahr 2016 darauf hin, dass die Präsenz der Polizei das Problem verschlimmert. Durch sie kommen zu den Drogenverkäufen regelmäßig Jagdszenen auf Schwarze Menschen, gewaltsame Festnahmen, ehrenamtliche Begleitung durch An­woh­ne­r*in­nen und die Versorgung Geflüchteter in Untersuchungshaft, permanenter Stress durch die Dauerpräsenz der Polizei hinzu. Kurz gesagt: Die Polizei verursacht zusätzliche Probleme und stört das Stadtbild.

Zur Lösung der vertrackten Situation trägt sie hingegen kein Stück bei. Perspektivlosigkeit in Westafrika, globale Fluchtbewegungen, restriktive Asyl- und Abschottungspolitik, internationaler Drogenschmuggel – solche Probleme lassen sich nicht im Kleinen bekämpfen.

Ob es was bringt, ist egal

Wenn man im Kleinen gegen die schwächsten Glieder dieser Kette des Elends vorgeht, verschärft man nur deren Probleme und eskaliert die Situation. Auch die Polizei sieht ja, dass die Dealer meistens am nächsten Tag wieder da sind – und wenn nicht, sind es andere. Warum verschließt die Polizeiführung sich vor der offensichtlichen Erkenntnis, dass die Maßnahme nichts bringt? Vielleicht, weil das Ziel der Taskforce von Anfang an nur die „Bekämpfung der öffentlich wahrnehmbaren Drogenkriminalität“ war. Man will zeigen, dass man was tut. Ob es was bringt, ist egal.

Das einzig Sinnvolle, was man im Kleinen machen kann, ist zu helfen. Dafür muss man auch nicht linksradikal sein (es scheint aber zu helfen). Auch wenn die Akuthilfe der An­woh­ne­r*in­nen immer nur ein zu kleines Notfallpflaster bleibt und sich an der prekären Gesamtsituation der geflüchteten Verkäufer nichts ändert, macht es doch einen Unterschied, ob man immer nur drangsaliert wird oder auch mal einen Tee angeboten bekommt.

Was wirklich helfen würde, wäre, den jungen, arbeitswilligen Männern Arbeit zu geben. Echte Arbeit, nicht prekäre und kriminalisierte Scheißarbeit.

Was wirklich helfen würde, wäre, den jungen, arbeitswilligen Männern Arbeit zu geben. Echte Arbeit, nicht prekäre und kriminalisierte Scheißarbeit. Das Drogenverkaufen auf der Straße würde sich von allein erledigen, wenn die Verkäufer stattdessen Burger braten oder Franzbrötchen backen könnten.

Auch Investitionen in soziale Infrastruktur würden helfen, die Verelendung in den Stadtteilen, wo viele Drogen verkauft werden, einzudämmen. Also: bessere Übernachtungsmöglichkeiten für die Verkäufer, die oft auf der Straße leben. Mehr Sozialarbeit. Hilfe im Asylverfahren und mit Ämtern. Das alles würde Druck aus der Situation nehmen, anstatt sie weiter zu eskalieren.

Das sind nicht unbedingt polizeiliche Aufgaben – aber warum eigentlich nicht? Wenn das Ziel doch ist, die öffentlich wahrnehmbare Drogenkriminalität zu bekämpfen und der bisherige Weg nur weiter ins Elend führt, könnte man das Jubiläum doch zum Anlass nehmen, die Karten neu zu mischen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Katharina Schipkowski

Katharina Schipkowski Redakteurin | taz Nord

Jahrgang 1986, hat Kulturwissenschaften in Lüneburg und Buenos Aires studiert und wohnt auf St. Pauli. Schreibt meistens über Innenpolitik, soziale Bewegungen und Klimaproteste, Geflüchtete und Asylpolitik, Gender und Gentrification.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Il_Leopardo

    Ich mache mir ehrlich gesagt mehr Sorgen um die Drogenkäufer. Um die sollte die Polizei sich auch mal "kümmern".