Mehr Nachhaltigkeit durch Verzicht: Ich sage nein, weil ich es kann
Wer seinen Konsum einschränkt, hat nicht weniger, sondern mehr: mehr Zeit, Gesundheit, Lebensqualität. Man kann immer damit anfangen, zu verzichten.
F ür überraschend viele individuelle wie gesellschaftliche Probleme gibt es eine bestechend einfache und günstige Lösungsformel: weniger. Weniger Zigaretten, weniger Alkohol, weniger Zucker. Weniger Schulden durch zurückhaltenderes Konsumverhalten. Weniger Umweltzerstörung durch weniger Flüge, weniger Autofahrten, weniger Fleisch. Weniger von all den Dingen, die wir zwar wollen, aber nicht brauchen. Mehr Nachhaltigkeit ist kein Mehr an Technik, sondern ein Weniger an Übermaß. Man könnte zugespitzt sagen: Die ökologische Krise ist weniger ein Erkenntnisproblem als ein Maßlosigkeitsproblem. Die große Herausforderung: zurück zum richtigen Maß zu finden. Das Gefühl dazu ist uns in unser Tiktok-dynamisierten Alles-verfügbar-Welt völlig verloren gegangen.
Das Attraktive am Weniger-Ansatz: Diese Lösung ist sofort verfügbar. Sie braucht keine neuen Infrastrukturen, keine Durchbrüche in der Forschung, keine langen Übergangsfristen, keine neuen Staatsschulden. Wir können den Schalter heute umlegen oder unseren Lebensstil schrittweise herunterregeln. Wir erleben dabei etwas, was gefühlt immer mehr aus unserem Leben verschwindet: Selbstwirksamkeit. Verzicht ist keine Ohnmacht, nicht Konsequenz eines von anderen auferlegten Verbots, sondern die Rückkehr von Gestaltungsmacht ins eigene Leben. Er bedeutet, nicht länger nur Objekt von Marketing, Gewohnheiten und Verlockungen zu sein, sondern wieder Subjekt der eigenen Entscheidungen. Ich sage nein, weil ich es kann.
Zum Ausgleich für den Verzicht gibt es vieles, wovon wir mehr haben könnten – und sollten –, weil es unserem Wohlbefinden guttut und fast nichts kostet: Zeit, Schlaf, Bewegung, Gespräche, Kreativität, Engagement. Weniger Konsum hier und mehr Leben dort: Das wäre ein gigantisches sozial-ökologisches Gesundheitsprogramm. Ein Programm, das nicht auf Zwang, sondern auf Einsicht und Selbstermächtigung beruht. Und doch ist es ein Geschenk, das wir erstaunlich hartnäckig ausschlagen, als hätten wir uns an die Vorstellung gewöhnt, dass ein gutes Leben vor allem eines sein müsse: voll. Wir verschieben die Grenzen dessen, von dem wir erklären, dass wir einen natürlichen Anspruch darauf haben, immer weiter in Richtung möglichst schnelle Selbstvernichtung. Wir wissen es besser, aber sind unfähig, dieses Wissen zu nutzen.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Stattdessen setzen wir auf Technik als Erlösungsversprechen. Kreislaufwirtschaft, CO₂-Speicherung, KI: All das kann sinnvoll sein und ist teilweise unverzichtbar. Doch es dient oft als Beruhigungsmittel. Es nährt die Hoffnung, wir könnten so weiterleben wie bisher – nur effizienter, sauberer, optimierter. Technik wird zum Mythos, der uns die Zumutung erspart, unser eigenes Verhalten grundsätzlich zu verändern. Der einseitig technisch definierte Fortschritt soll richten, was unsere Lebensweise anrichtet. Das ist nichts weiter als Technikchauvinismus. Warum vertrauen wir unsere Zukunft eigentlich lieber technischen Fiktionen an, als sie selbst zu gestalten?
Weil der Verzicht nicht zu unserem kulturellen Verhaltensrepertoire gehört, weil wir uns mit anderen vergleichen, die vermeintlich mehr haben und weil unser Gehirn das Bekannte und Bequeme bevorzugt. Es verteidigt den Status quo, selbst dann, wenn er offenkundig schädlich ist. Was wir „brauchen“, ist selten das Ergebnis nüchterner Abwägung, sondern das Echo unbewusster innerer Impulse. Maßhalten erscheint nicht als Stärke, sondern als Strafe.
Wir sind überfordert vom Alltag und sollen auch noch bewusst Nein sagen. Wir fühlen uns benachteiligt und sollen dann auch noch selbst kürzertreten. Wir suchen verzweifelt nach Status und Anerkennung und sollen auf die Dinge verzichten, von denen wir hoffen, dass sie uns genau das verschaffen. Und die anderen machen es ja auch nicht. Warum sollte ausgerechnet ich damit anfangen? Deshalb wird der Wochenendflug zur Identitätsfrage und das Tempolimit zum Kulturkampfthema, weil das Emotionale die Regie übernimmt.
Angst vor Verzicht
Der Aufruf zum Verzicht löst Angst aus. Was das bedeutet, davor hat der Philosoph und Politiker Edmund Burke bereits vor rund 300 Jahren gewarnt: „Kein Gefühl raubt dem Geist in solch einem Ausmaß die Fähigkeit, zu handeln und klar zu denken, wie die Angst.“ Was objektiv sinnvoll wäre, spielt dann kaum noch eine Rolle. Der innere Protest richtet sich nicht nur gegen politische Maßnahmen, sondern grundsätzlich gegen die Idee von Begrenzung. Umweltpolitik und Zukunftsgestaltung werden so zu einem sozialpsychologischen Projekt. Ohne die Fähigkeit, Angst, Verlustgefühle und Kränkungen zu verarbeiten, bleibt jede Nachhaltigkeitspolitik instabil. Psychische Reife ist keine Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Voraussetzung für ein im ökologischen Sinne maßvolles Leben.
Vielleicht liegt der größte Irrtum darin, dass wir Verzicht für Verlust halten. Was wir in der blinden Routine unseres Immer-mehr-Lebens komplett ignorieren: In Wahrheit haben wir durch unsere Maßlosigkeit längst so viel verloren: Aufmerksamkeit, Zeit, Beziehungen, innere Ruhe und den Glauben an eine lebenswerte Zukunft.
Der bewusste Verzicht wäre dann keine Verarmung, sondern eine Rückeroberung: von Autonomie, Würde und Verantwortung. Nicht: „Wir müssen verzichten“, sondern: „Wir entscheiden uns, weniger fremdbestimmt zu leben.“ Verzicht ist in diesem Sinne keine asketische Übung, sondern eine kulturelle Technik. Eine Fähigkeit, die geübt werden muss. Wer nicht verzichten kann, ist nicht frei, sondern abhängig von Gewohnheiten, Erwartungen, Reizen. Vielleicht ist das die unbequeme These: Maßlosigkeit ist keine Freiheit, sondern eine Form der Unmündigkeit. Verzicht könnte zum Maßstab von Fortschritt werden, als Ausdruck von Reife im Umgang mit Grenzen, mit Macht, mit Möglichkeiten und Bedürfnissen.
Große Transformationen beginnen selten mit Gesetzen. Sie beginnen mit neuen Gewohnheiten. Millionen kleiner Entscheidungen formen neue Normalitäten. Wenn Mäßigung als Freiheit erlebt wird und nicht mehr als Strafe oder Verlust, kann eine leise, aber tiefgreifende Revolution des Alltags entstehen. Ich verzichte, also bin ich. Das ist das Narrativ des ökologischen Aufbruchs.
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