piwik no script img

Mehr Nachhaltigkeit durch VerzichtIch sage nein, weil ich es kann

Gastkommentar von

Udo Kords

Wer seinen Konsum einschränkt, hat nicht weniger, sondern mehr: mehr Zeit, Gesundheit, Lebensqualität. Man kann immer damit anfangen, zu verzichten.

Schü­le­r:in­nen auf einer Demonstration der Fridays-for-Future-Bewegung setzen sich für weniger Konsum ein Foto: Stefan Boness/visum

F ür überraschend viele individuelle wie gesellschaftliche Probleme gibt es eine bestechend einfache und günstige Lösungsformel: weniger. Weniger Zigaretten, weniger Alkohol, weniger Zucker. Weniger Schulden durch zurückhaltenderes Konsumverhalten. Weniger Umweltzerstörung durch weniger Flüge, weniger Autofahrten, weniger Fleisch. Weniger von all den Dingen, die wir zwar wollen, aber nicht brauchen. Mehr Nachhaltigkeit ist kein Mehr an Technik, sondern ein Weniger an Übermaß. Man könnte zugespitzt sagen: Die ökologische Krise ist weniger ein Erkenntnisproblem als ein Maßlosigkeitsproblem. Die große Herausforderung: zurück zum richtigen Maß zu finden. Das Gefühl dazu ist uns in unser Tiktok-dynamisierten Alles-verfügbar-Welt völlig verloren gegangen.

Das Attraktive am Weniger-Ansatz: Diese Lösung ist sofort verfügbar. Sie braucht keine neuen Infrastrukturen, keine Durchbrüche in der Forschung, keine langen Übergangsfristen, keine neuen Staatsschulden. Wir können den Schalter heute umlegen oder unseren Lebensstil schrittweise herunterregeln. Wir erleben dabei etwas, was gefühlt immer mehr aus unserem Leben verschwindet: Selbstwirksamkeit. Verzicht ist keine Ohnmacht, nicht Konsequenz eines von anderen auferlegten Verbots, sondern die Rückkehr von Gestaltungsmacht ins eigene Leben. Er bedeutet, nicht länger nur Objekt von Marketing, Gewohnheiten und Verlockungen zu sein, sondern wieder Subjekt der eigenen Entscheidungen. Ich sage nein, weil ich es kann.

Udo Kords

ist Politikwissenschaftler und promovierte zur deutschen Klimapolitik. Zentral beschäftigt ihn die Frage, wie die erforderliche Nachhaltigkeitstransformation in Unternehmen gelingen kann.

Zum Ausgleich für den Verzicht gibt es vieles, wovon wir mehr haben könnten – und sollten –, weil es unserem Wohlbefinden guttut und fast nichts kostet: Zeit, Schlaf, Bewegung, Gespräche, Kreativität, Engagement. Weniger Konsum hier und mehr Leben dort: Das wäre ein gigantisches sozial-ökologisches Gesundheitsprogramm. Ein Programm, das nicht auf Zwang, sondern auf Einsicht und Selbstermächtigung beruht. Und doch ist es ein Geschenk, das wir erstaunlich hartnäckig ausschlagen, als hätten wir uns an die Vorstellung gewöhnt, dass ein gutes Leben vor allem eines sein müsse: voll. Wir verschieben die Grenzen dessen, von dem wir erklären, dass wir einen natürlichen Anspruch darauf haben, immer weiter in Richtung möglichst schnelle Selbstvernichtung. Wir wissen es besser, aber sind unfähig, dieses Wissen zu nutzen.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Stattdessen setzen wir auf Technik als Erlösungsversprechen. Kreislaufwirtschaft, CO₂-Speicherung, KI: All das kann sinnvoll sein und ist teilweise unverzichtbar. Doch es dient oft als Beruhigungsmittel. Es nährt die Hoffnung, wir könnten so weiterleben wie bisher – nur effizienter, sauberer, optimierter. Technik wird zum Mythos, der uns die Zumutung erspart, unser eigenes Verhalten grundsätzlich zu verändern. Der einseitig technisch definierte Fortschritt soll richten, was unsere Lebensweise anrichtet. Das ist nichts weiter als Technikchauvinismus. Warum vertrauen wir unsere Zukunft eigentlich lieber technischen Fiktionen an, als sie selbst zu gestalten?

Weil der Verzicht nicht zu unserem kulturellen Verhaltensrepertoire gehört, weil wir uns mit anderen vergleichen, die vermeintlich mehr haben und weil unser Gehirn das Bekannte und Bequeme bevorzugt. Es verteidigt den Status quo, selbst dann, wenn er offenkundig schädlich ist. Was wir „brauchen“, ist selten das Ergebnis nüchterner Abwägung, sondern das Echo unbewusster innerer Impulse. Maßhalten erscheint nicht als Stärke, sondern als Strafe.

Wenn Mäßigung als Freiheit erlebt wird und nicht als Verlust, kann eine Revolution des Alltags entstehen

Wir sind überfordert vom Alltag und sollen auch noch bewusst Nein sagen. Wir fühlen uns benachteiligt und sollen dann auch noch selbst kürzertreten. Wir suchen verzweifelt nach Status und Anerkennung und sollen auf die Dinge verzichten, von denen wir hoffen, dass sie uns genau das verschaffen. Und die anderen machen es ja auch nicht. Warum sollte ausgerechnet ich damit anfangen? Deshalb wird der Wochenendflug zur Identitätsfrage und das Tempolimit zum Kulturkampfthema, weil das Emotionale die Regie übernimmt.

Angst vor Verzicht

Der Aufruf zum Verzicht löst Angst aus. Was das bedeutet, davor hat der Philosoph und Politiker Edmund Burke bereits vor rund 300 Jahren gewarnt: „Kein Gefühl raubt dem Geist in solch einem Ausmaß die Fähigkeit, zu handeln und klar zu denken, wie die Angst.“ Was objektiv sinnvoll wäre, spielt dann kaum noch eine Rolle. Der innere Protest richtet sich nicht nur gegen politische Maßnahmen, sondern grundsätzlich gegen die Idee von Begrenzung. Umweltpolitik und Zukunftsgestaltung werden so zu einem sozialpsychologischen Projekt. Ohne die Fähigkeit, Angst, Verlustgefühle und Kränkungen zu verarbeiten, bleibt jede Nachhaltigkeitspolitik instabil. Psychische Reife ist keine Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Voraussetzung für ein im ökologischen Sinne maßvolles Leben.

Vielleicht liegt der größte Irrtum darin, dass wir Verzicht für Verlust halten. Was wir in der blinden Routine unseres Immer-mehr-Lebens komplett ignorieren: In Wahrheit haben wir durch unsere Maßlosigkeit längst so viel verloren: Aufmerksamkeit, Zeit, Beziehungen, innere Ruhe und den Glauben an eine lebenswerte Zukunft.

Der bewusste Verzicht wäre dann keine Verarmung, sondern eine Rückeroberung: von Autonomie, Würde und Verantwortung. Nicht: „Wir müssen verzichten“, sondern: „Wir entscheiden uns, weniger fremdbestimmt zu leben.“ Verzicht ist in diesem Sinne keine asketische Übung, sondern eine kulturelle Technik. Eine Fähigkeit, die geübt werden muss. Wer nicht verzichten kann, ist nicht frei, sondern abhängig von Gewohnheiten, Erwartungen, Reizen. Vielleicht ist das die unbequeme These: Maßlosigkeit ist keine Freiheit, sondern eine Form der Unmündigkeit. Verzicht könnte zum Maßstab von Fortschritt werden, als Ausdruck von Reife im Umgang mit Grenzen, mit Macht, mit Möglichkeiten und Bedürfnissen.

Große Transformationen beginnen selten mit Gesetzen. Sie beginnen mit neuen Gewohnheiten. Millionen kleiner Entscheidungen formen neue Normalitäten. Wenn Mäßigung als Freiheit erlebt wird und nicht mehr als Strafe oder Verlust, kann eine leise, aber tiefgreifende Revolution des Alltags entstehen. Ich verzichte, also bin ich. Das ist das Narrativ des ökologischen Aufbruchs.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

51 Kommentare

 / 
  • "Wer seinen Konsum einschränkt, hat nicht weniger, sondern mehr: mehr Zeit, Gesundheit, Lebensqualität. "

    Hängt davon ab was konsumiert wird. Die meisten Dinge die ich konsumiere steigern meine verfügbare Zeit, Gesundheit und Lebensqualität.

  • Das ist vor allem eine Möglichkeit für die, die die Wahl haben. Sozusagen eine Luxusentscheidung.

    • @Gustav Gantz:

      Im Gegenteil - es ist für fast alle eine freie Entscheidung sich so mehr "Luxus" zu ermöglichen. Sprich Zeit oder einfach Geld für andere, wichtigere Dinge auszugeben. Die Wahl hat eigentlich jeder, der selber Geld ausgibt (für Dinge, Kleider, Zigaretten, ....)

  • Man sollte Verzicht aber auch nicht derart romantisieren, denn in der Regel verzichten diejenigen, die ohnehin schon recht bewusst leben, während die anderen, die eigentlich wirklich im Überfluss leben, überhaupt nicht darüber nachdenken. Und von dem Verzicht, den nicht unwesentliche Teile unserer Bevölkerung leben müssen, weil sie eben nicht anders können, müsste man auch mehr sprechen. Verzicht als Tugend können sich nämlich nur die leisten, die ohnehin schon privilegiert genug sind.

  • Aber bitte nicht vergessen oder -wie meist - geschehen, dass das Menschsein immer "im Schatten von Trieb, Lust und Gewalt" funktioniert.

  • Der Autor arbeitet mehrfach heraus, warum Verzicht uns nicht leicht fällt, nicht als Individuum oder als Gesellschaft. Er postuliert aber, dass Verzicht uns eigentlich zum Vorteil gereicht, unser Leben gar bereichert. Leider arbeitet er diesen, aus meiner Sicht, entscheidenden Punkt nicht heraus. Er bleibt abstrakt. Aber gerade wenn man versucht, unsere Perspektive auf Verzicht zu ändern, braucht es mehr als abstrakte Beschreibungen. Beispiel Reisen: Wenn ich nicht reise, um meine Familie zu besuchen, ist das Verzicht, aber für mich keine Bereicherung, im Gegenteil. Letztlich postuliert der Autor ein ganz neues Gesellschafts- und Wirtschaftssystem und verpasst es, dies greifbar zu untermauern.

  • Man sollte aufhören in diesen Zusammenhängen von Verzicht zu sprechen. Kein Auto zu fahren beispielsweise ist ein großer Gewinn für Gesundheit, Umwelt, Geldbeutel, soziales Miteinander usw..

  • Freiheit ist für mich zu wissen, dass ich könnte, wenn ich wollte.



    Marina Schwarzmann:



    www.youtube.com/watch?v=Vz7DNFNWbIw



    Wenn meine Grundbedürfnisse (saubere Luft zum Atmen, sauberes Wasser zum Trinken und für Hygiene, genügend und gesundes zu Essen, warme Klamotten, ein trockenes Dach über dem Kopf, eine funktionierende Gemeinschaft um mich) befriedigend gedeckt sind, ist alles weitere eine Zugabe bzw. Luxus.



    Ob ich das brauche, kann ich selbst entscheiden => das ist für mich Freiheit

  • "Psychische Reife ist keine Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Voraussetzung für ein im ökologischen Sinne maßvolles Leben."



    Wohl wahr. Allerdings wird die Bildung psychischer Reife durch gewisse Traditionen in den verschiedenen Gesellschaften systematisch verhindert.

    • @aujau:

      Das, was sie antworten, tut gut! Darf ergänzen: Auch Religionen verhindern psychische Reife und schaden der psychischen Gesundheit. Erlaube mir noch den Hinweis: Wäre es denn von Übel, wenn dieses Monster Mensch von dieser wunderschönen Erde verschwinden würde?

  • Er beschäftigt sich laut Profil damit, wie die Nachhaltigkeitstransformation in Unternehmen gelingen kann.



    Da wundert es mich doch sehr, dass er bei seiner Aufzählung, auf was man verzichten kann "Flüge, Autofahrten, Fleisch, Alkohol, Zucker, Zigaretten, TikTok..." eine Sache vergißt: Profit.



    Wieviel mehr wäre gewonnen, wenn Unternehmen einfach mal auf etwas Profit verzichten und z.B. sagen: Gut, mit e-Autos verdienen wir im Augenblick zwar weniger als mit Verbrennern. Aber wir konzentrieren uns trotzdem auf e-Autos. Oder sagen: Ok, durch die Transformation zu erneuerbaren Energien ist unser Profit im Augenblick zwar etwas geringer, aber wir machen es trotzdem.



    Nur so kann unsere Gesellschaft klimaneutral werden. Wenn ich 20% weniger mit meinem Verbrenner fahre, ist das zwar besser für die Umwelt. Aber klimaneutral werden wir nur, wenn nur noch e-Autos statt Verbrenner produziert werden. Und wenn wir 20% weniger Strom verbrauchen, ist das zwar besser für die Umwelt, aber klimaneutral wird es erst, wenn der gesamte Strom durch erneuerbare Energien erzeugt wird.

    Daher ist dieser Artikel für mich ein Versuch mehr, von der Verantwortung der Unternehmen für die Katastrophe abzulenken.

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      "Profit" ist so ein schöner, marxistischer Kampfbegriff, der die Sinne vernebelt. Nennen wir es lieber Gewinn.



      Was ist Gewinn? Er ist das einzige, das ein Unternehmen hat. Alle anderen Einnahmen sind schon weg, bevor sie eingehen. Löhne und Gehälter mögen noch nicht ausbezahlt sein, aber die Arbeitsverträge gelten. Für Mieten, Steuern und Materialeinkäufe gilt dasselbe.



      Ausnahmslos alle unternehmerischen Entscheidungen, sei es die Umstellung einer Produktionslinie vom Verbrenner auf Elektro oder sonst etwas, haben zuerst einmal dies gemeinsam, sie kosten Geld. Ohne Gewinn, bleiben sie Wunschtraum.



      Ein Unternehmen ohne Gewinn ist tot, es weiß es nur vielleicht noch nicht. Es atmet zwar noch, liegt aber reglos und kann sich nicht bewegen.

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Wieso - wenn der Konsument nur noch e-Autos kauft, dann muss sich der Produzent anpassen. So einfach ist das!

  • Ich boykottiere neu gekaufte Kleidung. Weil diese unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Weil das Neukaufen und Wegschmeißen die Umwelt belastet. Weil Mode Menschen psychisch manipuliert.

    Wenn ich also mit kaputten Turnschuhen oder zerissener Hose in der Rigaer laufe, sollte ich deswegen Applaus bekommen. Stattdessen Unverständnis. Warum?

    Ist es so schwer, etwas zu kritisieren, es also zu boykottieren, und nicht nur Theorie ist oder ein simpler Gedankengang, sondern gleich in die Praxis umsetzen? Ist es der Neid der anderen, die im System gefangen sind?

    Und ich will garnicht mit Veganismus bzw. der allgemeinen Esskultur anfangen. Alle schreien, McDonalds soll niedergebrannt werden, alle schreien #lapcoffeescheiße, was ja gute Gründe hat. Haben wir sie etwa vertrieben? Stattdessen laufen welche mit "Smash Capitalism"-Jacke im Burger King herum.

    Reisen geht auch garnicht, solange es nicht zu Fuß, auf dem Rad oder mit der Bahn ist. Vor wenigen Jahren aber meinten Klimaaktivisten nach Bali zu fliegen.

    Da hat es die politisch andere Seite leichter. Unsere Feinde stört es nicht, widersprüchlich zu handeln: Den Chinesen scheiße finden, aber bei Temu bestellen.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Ich finde nicht "den Chinesen" unangenehm, sondern unsere eigene Staatsführung, die uns in die totale Abhängigkeit führt. Wenn ich für sehr viel mehr Geld bei einem "deutschen" Anbieter auch nur "made in China" kaufe, hilft das gegen das eigentliche Problem gar nichts. Ich unterstütze nur mit meinem Geld diejenigen, die aus der Zerstörung auch noch Profit ziehen.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Man kann ja auch gebrauchte Kleidung kaufen, ohne dass diese zerrissen oder kaputt sein muss, für kaputte Turnschuhe würden sie von mir auch keinen Applaus bekommen, gebrauchte Kleidung heißt ja nicht automatisch, dass ich wie der letzte Ussel rumlaufen muss. Wenn sie das tun wollen ist das voll okay, aber dann erwarten sie bitte auch keinen Applaus.....

    • @Troll Eulenspiegel:

      Na ja, nicht gleich so übertreiben. Zwischen Kaufwahn und Herumlaufen in zerrissener Kleidung gibt es ja noch verschiedene andere Möglichkeiten - z.B. die Kleidung second-hand zu kaufen.

  • Grundsätzlich stimme ich dem Artikel voll und ganz zu. Im puncto Reisen schränken wir uns schon längst ein, kaufen, soweit möglich, biologisch erzeugte Lebensmittel und ökologisch erzeugte Produkte und versuchen, nicht unbedingt nötige Anschaffungen zu vermeiden. Der Haken ist aber der, dass ich, wie eine ganze Reihe andere Menschen, die nicht jeden Cent umdrehen müssen, dies kann. Ein großer Teil der Bevölkerung aber kann sich gar nicht mehr einschränken, weil er sich schon am unteren Existenzrand befindet. Wer zusehen muss, dass das Geld noch bis zum Monatsende reicht, kann nicht schauen, ob das Produkt, das er gerade kauft, nachhaltig ist. Er muss auf den Preis gucken und dann das billigste Produkt nehmen. Ein ökologisches Bewusstsein und Handeln erfordert immer auch Gerechtigkeit. Solange wir diese aber in unserer Gesellschaft nicht hinbekommen, bleibt der Verzicht ein Privileg der Besserverdienenden.

  • Absolute volle Zustimmung. Weniger ist Freiheit und Selbstbestimmung.



    Wir müssen die Diskussion über "Was ist Wohlstand?" führen. Das denke ich jedes Mal, wenn ein Politiker von "Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, dann müssen wir...." spricht.

  • Der Verzicht auf Dreck in der Umwelt, Lärm und andere Dinge, auf die man gut verzichten könnte, scheitert daran, dass mehrheitlich darauf verzichtet wird, den Verstand einzusetzen.

  • Ich habe kein Fahrzeug. Mache keinen Urlaub, der würde eh nicht mehr helfen, und besitze kein Eigenheim. Benutze Kleidung bis sie praktisch irreparabel ist. Ansonsten mache ich von dem Konsumtheater eh nicht viel mit. Ohne Belege wirkt der Autor auf mich verdächtig nach einem weinsaufenden Wasserprediger.

  • Ich bin ja grundsätzlich sehr einverstanden und ganz mit dabei, ewig nicht geflogen etc.

    Praktisch ist aber selbst das ganz einfache Leben nicht ganz billig.



    Einfache Wohnungen oder Häuser werden z. B. energetisch saniert, wie auch immer. Sinnvoll wie auch die teuren E-Autos, die durch schlechte Öffis auch unentbehrlich bleiben könnten. Alles aber leider sehr technisch. Und nicht so einfach.

    Wir können auch nur in der Großstadt leben, weil wir sehr früh unter Nutzung aller Subventionen eine kleine Wohnung kaufen könnten. Wäre heute unmöglich, die gleiche Wohnung zur Miete spätestens als Rentner unbezahlbar.

    Naja, wir arbeiten dran.

  • "Let's go shopping!":



    "Es gibt glaubwürdige Daten dafür, dass die Erde die Exzesse des Menschen nicht überstehen kann. Die Entwicklung von Atomwaffen, unkontrollierte Vermehrung, die Verschmutzung des Meeres, des Landes, der Luft, der Umwelt. Die "Verrückten", die den Untergang vorhersagen, haben doch recht. Und das Motto des Homo sapiens "Gehen wir einkaufen" ist der Verzweiflungsschrei des wahren Irren. (aus The Twelve Monkeys, 1975).

  • Verzichtkultur ist sicher gut, aber: es ist erwiesen, dass die Lebensweise von einzelnen weniger Einfluss hat als Engagement um gesellschaftliche Zustände zu verändern. Ein Beispiel: es ist definitv anstrengender und zeitaufwendiger mit dem Bus/Zug nach Spanien zu reisen, als zu fliegen. Da fliegen subventioniert wird, Klimaschäden nicht eingepreist werden, ist es dann oft auch billiger, genauso wie billiges Fleisch uvam, was dann auch noch alles massiv beworben wird. Unter diesen Umständen die Verantwortung auf die komplett Einzelnen zu schieben, ist m.E. kontraproduktiv und nützt den Hautverantwortlichen, wie den fossilen Energeikonzernen. Nicht umsonst hat BP den individuellen CO-Fussabdruck gehypt. Der maßlose Luxus der Superreichen und der wachsenden Ungleichheit ist ebenso Teil des Problems. Dem ist mit individuellem Verzicht nicht beizukommen. Es braucht, vor allem, politische Maßnahmen, eine andere Wirtschaft, system change!

  • Der Gastkommentar bringt es sehr gut auf den Punkt.

    Ich hoffe, dass dieser auch von den Moderatoren wahrgenommen, verstanden und berücksichtigt wird, wenn es darum geht, im Wahlkampf hohle Phrasen wie "Wir lösen die Probleme nicht durch Verbieten, sondern durch Technik und Innovation" (FDP, Linder).



    Diese Narrative fanden ungehinderte Verbreitung, weil die Moderatoren in Funk und vor allem Fernsehen derart oberflächlich moderieren, dass man nur fassungslos abschalten kann.

  • Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet das aber auch einen anderen Anspruch an Gleichheit. Ich habe in meinem Leben einige glückliche Menschen kennengelernt, die den Wert ihres Lebens nicht an den materiellen Maßstäben anderer ausgerichtet haben - und gut mit diesem Ansatz gelebt haben. So unterschiedlich, ja insgesamt inkompatibel die jeweiligen Begründungen und Erwartungen auch waren, für sich genommen hatten sie aus meiner Sicht alle recht. Aber gesamtgesellschaftlich hätte man selbst den selbst als sinnstiftend erfahrenen Verzicht nicht massenkompatibel formulieren können. Von daher wäre es vielleicht wirklich sinnvoller, nicht so sehr auf gleiche Einschränkungen für alle zu setzen, sondern eher die Lust auf individuelle Beschränkungen zu fördern. Davon sind wir in diesem Land mit unseren derzeitigen Vorstellungen allerdings weit entfernt.

  • Hm: Und was sagt Kommentator Nr 1 Helmut van der Buchholz?

  • Kann man, wird aber wahnsinnig schwer werden weil der Schaumschlägerfeudalismus (Promis aus Fernsehen, Internet, Sport) immer dazwischen funkt. Da wird ja in der Werbung so mit dem Arsch gewackelt, dass die Türen der Konsumtempel von alleine aufgehen. Wer kann da widerstehen?

    Oder wie zuletzt der Jan Hofer, der sich ironisch beim NABU bedankt hat, dass der gegen die Freigabe von Streusalz in Berlin geklagt und gewonnen hatte. War ja in der Presse ein großer Aufriss mit riesiger Zustimmung. Sich für andere Möglichkeiten stark zu machen war ihm nicht möglich. Auch hat er vergessen zu sagen, bei wem sich die Alten bedanken können, die sich zu Hause durch einen Sturz einen Oberschenkelhalsbruch holen. Das dürften um den Faktor 10000 mehr sein. Im Zweifelsfall ist aber bestimmt auch der NABU schuld.



    Da müssen sich die Parteien aus dem linken politischen Spektrum an die eigene Nase fassen, denn die haben diese Entwicklung bis heute nicht kapiert und deshalb nicht auf der Agenda. Können sich also eine Mitschuld daran geben, wenn das mit der gerechteren Gesellschaft nicht so richtig klappen will. Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben. Ist aber auch schon länger bekannt.

  • Es geht doch nicht darum was ein Herr Merz dazu sagt.



    Was sag ich selbst dazu, und kann ich danach handeln.

  • Der Autor des zum Verzicht aufrufenden Artikels ist "Investment Director" der PRA Group Deutschland GmbH sowie als Lehrbeauftragter bei der FOM - Fachhochschule für Oekonomie und Management, Hamburg, Dozent für Vertriebsmanagement und digitale Transformation (s. hier: www.xing.com/profile/Udo_Kords ). Investment und Vertrieb - so richtig nach Verzicht sieht das nicht aus. Investment soll Gewinne abwerfen, und Vertrieb funktioniert durch das Wecken von neuen (Konsum-)Bedürfnissen bei den Kunden. Wahrscheinlich sind mit dem "Wir", das hier zum Verzicht aufgefordert wird, mal wieder die anderen gemeint.

  • Eigentlich kann ich voll zustimmen. Sowohl im Ausweg als auch den psychologischen Schwierigkeiten das umzusetzen. Oder um es kurz und knapp zusammenzufassen:

    Wir machen Jobs, die wir hassen,



    um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen,



    um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen….

    • @Strolch:

      "Am Ende hängen wir doch ab von Kreaturen, die wir selbst machten" ;O) Faust 2

  • Danke für diesen Beitrag!

  • Da rüttelt einer aber ganz schön am System. Ich höre schon die Bedenken: Wenn alle verzichten, wie gibt es denn genug Arbeit? Und die viele Arbeit braucht man doch, damit die Leute konsumieren können. Das will man uns auf einmal nehmen? Und was wird ein Friedrich Merz dazu sagen?

    • @Helmut van der Buchholz:

      Arbeit im Umweltschutz und sozialen Bereichen gibt es genug. Mehr als genug.

      • @aujau:

        Ja, aber die produzieren nichts, die leben von anderen. Schaffen Sie das Produzierende Gewerbe ab, ist nichts mehr da was Umweltschutz und sozialen Bereich finanziert.

    • @Helmut van der Buchholz:

      Es gibt so viele Stellen, an denen gerade tatsächlicher Verzicht notwendig wird. Einrichtung von Schulen zum Beispiel. Betreuung von Kindern, Kranken und Betagten. Renaturierung von zerstörten Habitaten. Ausbildung von Menschen mit wie auch immer gearteten Startschwierigkeiten. Soziale Teilhabe für Menschen, die sich die Theaterkarten nicht leisten können. Mit mehr Zeit würde mir sicher noch mehr einfallen.

    • @Helmut van der Buchholz:

      Eine Gesellschaft, die es sich leistet, jedes Jahr Arbermilliarden in ein werbefinanziertes Free-TV und Internet zu buttern, hier überweist die Wirtschaft Geld an die Wirtschaft und macht nebenher noch A-Z "Promis" die auskömmlich unterhalten werden, übrigens vom Geld was den Arbeitern*innen zusteht, wird das schaffen können, wenn sie sich entscheiden kann, was ihr wichtig ist. Oberflächlichkeit und Konsum oder eine soziale Gesellschaft.

    • @Helmut van der Buchholz:

      Das wird Onkel Merz aber gar nicht gefallen ;-)

    • @Helmut van der Buchholz:

      Naja, wie das eben so ist mit der Gewohnheit und dem täglichen Trott, worin man sich eben irgendwie eingerichtet hat...



      Arbeit wird es aber auch weiterhin genug geben. Nur die klassische Vollzeiterwerbstätigkeit wird's wohl nicht mehr sein.

    • @Helmut van der Buchholz:

      Wer weniger konsumiert, braucht weniger Geld, also auch weniger Arbeit oder?

    • @Helmut van der Buchholz:

      Und da wir nicht wissen was uns dann erwartet, machen wir lieber weiter wie bisher, da wissen wir wenigstens wo es hinführt.

    • @Helmut van der Buchholz:

      Der Punkt ist, dass der Verzicht die Lebensqualtät sichern kann, den Konsum aber reduziert. Diese Konsumreduktion ist Sand im Getriebe des global herrschenden Wirtschaftssystems, das seinen Wohlstand durch Wachstum generiert.



      Es prallen zwei Systeme aufeinander.



      Das eine ist ein menschengemachtes Wirtschaftssystem, das über Jahrzehnte steigenden Wohlstand generiert hat, das andere sind die Naturgesetze, die wir nicht verändern können und die uns auf den Boden der Tatsachen zurückholen werden.



      Wir wissen, ja, das unser Lebensmodell "Wirtschaftswachstum" drei Planeten benötigt. Der erste ist bald aufgebraucht. Nach Wachstum kommt der Zerfall. Die Transformation, die den Verzicht als Lebensweisheit begreift, hat die Chance, dem vorzeitigen Zerfall zu entkommen.

  • Ja, das ist alles richtig und nachvollziehbar und anzustreben, von denen die das so kennen und im Überfluss leben und nachvollziehen können mit dem 'Zuviel'. Jedoch ist das nur ein Bruchteil der Menschheit. Alle anderen haben dieses Gefühl (noch) nicht, dass von allem zuviel da ist. Die wollen da erst hin. Oder eben das alte Bonmot: "Wenn du verzichten willst nennt man das Reichtum, wenn du verzichten musst ist das Armut".



    Fazit: Alle die Herrn Kords zustimmen, den geht es sehr gut, ggf. zu gut!

    • @Tom Farmer:

      Die gesamte Menschheit betrachtet, mögen Sie recht haben.



      Doch hier in Europa verfügen selbst die Ärmsten über Konsumgüter, die für ein gutes Leben nicht wirklich notwendig wären.



      In dieser Schicht mit der Werbung für Verzicht anzufänge wäre dennoch falsch. Aber auch hier würden die meisten sich eher befreit fühlen, wenn wir mit dem Verzicht auf Werbung beginnen würden.



      Viele Bedürfnisse werden doch erst dadurch geweckt, dass es ein Konsumgut gibt, um es zu befriedigen.

  • Also auch weniger Gehalt? Weniger Urlaub? Weniger kulturelle Teilhabe? etc.

    • @Chris McZott:

      Kommt drauf an, was Sie mit Urlaub und kulturelle Teilhabe meinen.



      Weniger Urlaubszeit ist nicht nötig, weil weniger Produzieren die Wirtschaft nicht töten würde.



      Weniger spektakulärer Urlaub in Form von Kurztrips ans andere Ende der Welt, wäre durchaus ein sinnvolles Weniger.



      Das gleiche gilt auch für kulturelle Teilhabe. Es ist sinnvoller die Künstler um die Welt zu fliegen, als die Fans. Noch sinnvoller ist es, die Kunst selbst zu verteilen oder für Live-Auftritte regionale Künstler zu fördern. Konzerte von Mainstream-Artists sind nicht das Maß aller Kunst.

  • Ihr Artikel über Verzicht gefällt mir sehr! Vielen Dank für die guten Anregungen und wertvollen Geda.

  • Verzicht ist, wenn man trotzdem lacht.



    (Eigenzitat - Kommunemotto)

  • Ein Dozent für Vertriebsmanagement sowie Investment Director der PRA Group Deutschland in Hamburg präsentiert uns heute eine salbungsvolle Ansprache zum Thema Glücklichsein in Armut und Demut. Reiche können ja gern verzichten, mögen uns aber bitte mit diesem Nonsens verschonen wie gut sie sich dabei fühlen. Das ist ja noch ärgerlicher als die Scheinheiligkeit der Katholiken bei uns.