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SozialversicherungenIt’s the Solidarität, stupid

Gastkommentar von

Christoph Butterwegge

Die geplanten Kürzungen bei den Sozialversicherungen würden mehr Altersarmut bedeuten. Dabei gibt es Alternativen – man muss sie nur wollen.

N ach der Abschaffung des Bürgergeldes, durch die die Mindestabsicherung wieder auf ein Hartz-IV-ähnliches Niveau verbunden mit scharfen Sanktionen abgesenkt wurde, planen CDU, CSU und SPD eine Radikalreform mehrerer Sozialversicherungszweige. Und viele Medien applaudieren und fordern möglichst radikale Änderungen. Weil die Gesetzliche Krankenversicherung, die Soziale Pflegeversicherung und die Gesetzliche Rentenversicherung als Kernbestandteil des Bismarck’schen Sozialversicherungsstaates gelten, wächst mit den umfassenden Änderungsplänen der Koalition die Gefahr, dass dieser schrittweise in einen bloßen Fürsorge-, Almosen- und Suppenküchenstaat umgewandelt wird.

Dass Kanzler Friedrich Merz ausgerechnet in einer Rede vor Bankern verkündete, dass die gesetzliche Rente „allenfalls noch die Basisabsicherung“ für das Alter sein könne, legt die skizzierte Entwicklungsrichtung jedenfalls nahe. Moritz Schularick, als Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft einer der prominentesten deutschen Ökonomen, wurde bei Caren Miosga“ vor einer Woche noch deutlicher, als er – ohne bei der anwesenden Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas auf vehementen Widerspruch zu stoßen – konstatierte, dass die gesetzliche Rente künftig „eine Art Grundsicherung im Alter“ sein werde.

Damit wäre eine Normalisierung der Altersarmut in Deutschland, das bereits eines der niedrigsten Rentenniveaus unter den EU-Staaten aufweist, geradezu vorprogrammiert. Schon jetzt stellen die Senior(inn)en mehr als ein Drittel der „Kund(inn)en“ von Lebensmitteltafeln, weil die Gesetzliche Rentenversicherung nach den früheren Reformen ihre beiden Kernfunktionen immer weniger erfüllt: Armutsvermeidung und Lebensstandardsicherung im Alter.

Christoph Butterwegge

Christoph Butterwegge war bis 2016 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Köln. Als Buchautor veröffentlichte er zuletzt „Umverteilung des Reichtums“ (2024, PapyRossa). 2017 kandidierte er für die Linke für das Amt des Bundespräsidenten.

Historisch betrachtet ist sowohl mit der Aufweichung des Achtstundentages, die im Koalitionsvertrag steht, wie auch mit der offenbar geplanten weiteren Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters die Rückkehr zum Regelungsstandard unter Kaiser Wilhelm II. verbunden. 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde das Renteneintrittsalter von 70 auf 65 Jahre herabgesetzt; zwischen 1957 und 1992 betrug es für Frauen sogar nur 60 Jahre, ohne dass sie Abschläge in Kauf nehmen mussten. Diskutiert wird in der Alterssicherungskommission der Bundesregierung, dass sozialversicherungspflichtig Beschäftigte künftig bis zum 70. Lebensjahr arbeiten sollen. Das ist aus dem Gremium zu hören, das mehrheitlich mit Vertreter(inne)n der Union besetzt ist.

Die geplanten Reformen würden eine Rückkehr zum Regelungsstandard unter Kaiser Wilhelm II. bedeuten

Wenn die Bundesregierung den Ratschlägen dieser Expertenrunde folgt, wird es im Alter mehr Armut geben: Geringverdiener, die in anstrengenden Berufen arbeiten, müssten vermehrt Abschläge und damit eine reale Rentenkürzung hinnehmen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Kurz nach Beginn der Novemberrevolution 1918 vereinbarten im berühmten Stinnes-Legien-Abkommen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften miteinander, den Achtstundentag ohne „Verdienstschmälerungen“ in allen Betrieben der beteiligten Branchen einzuführen, was kurz darauf vom Rat der Volksbeauftragten für die gesamte Wirtschaft bestätigt und in der Weimarer Republik fortgeführt wurde. Nur die Nazis wichen im Zweiten Weltkrieg davon ab, um die deutsche Rüstungsproduktion ankurbeln zu können.

Im umlagefinanzierten Sozialversicherungssystem der Bundesrepublik steigen tendenziell die Beiträge, wenn die Bevölkerung altert. Davon müssen schließlich mehr Renten, Krankheitskosten und Pflegeleistungen bezahlt werden. Da die Sozialversicherungsbeiträge paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmer(inne)n aufgebracht werden, wird beiden Gruppen im demografischen Wandel mehr Solidarität gegenüber Alten, Kranken und Pflegebedürftigen abverlangt.

Hier und nicht in der Demografie liegt das Problem: Seit dem Höhenflug des Neoliberalismus um die Jahrtausendwende sind die Arbeitgeber hierzulande immer weniger bereit, die Hälfte der steigenden Kosten für Alterssicherung, Gesundheitsversorgung und Pflege ihrer Beschäftigten zu übernehmen, obwohl sich die Beitragssatzsteigerungen trotz der jüngsten Kassandrarufe der „Fünf Wirtschaftsweisen“ der Bundesregierung in Grenzen halten.

Lieber höhere Beiträge

Was war das für eine Panikreaktion, als der Sachverständigenrat prognostizierte, dass der zusammengerechnete Beitragssatz aller Sozialversicherungen von momentan 42,3 auf 49,7 Prozent im Jahr 2040 steigen könnte! Dadurch sehen Unternehmerverbände, Politiker der Regierungsparteien und die Meinungsmacher und Meinungsmacherinnen der Leitmedien die Existenz des Wirtschaftsstandorts Deutschland akut gefährdet, während die Versicherten in Meinungsumfragen aus gutem Grund angeben, lieber höhere Beiträge entrichten zu wollen, als gekürzte Leistungen und verschärfte Anspruchsvoraussetzungen in Kauf nehmen zu müssen.

Außerdem gibt es entgegen der propagierten Notwendigkeit zum „Sparen“ sehr wohl Alternativen: Statt die Versichertengemeinschaft durch eine Kürzung der Leistungen, eine Verschärfung der Anspruchsvoraussetzungen oder eine (Teil-)Privatisierung der Altersvorsorge einseitig zu belasten, wie das bei der Riester-Reform, der Anhebung der Lebensarbeitszeit und der Einführung des Nachhaltigkeits- ebenso wie des Nachholfaktors in die Rentenanpassungsformel der Fall war, könnte man längst nach dem Modell einer solidarischen Bürger- oder Erwerbstätigenversicherung finanzkräftige Bevölkerungsgruppen (Selbstständige, Freiberuflerinnen und Freiberufler, Beamte, Abgeordnete und Minister) in das Sozialversicherungssystem einbeziehen.

Man kann deren Beitragsbemessungs- und Versicherungspflichtgrenzen auf- oder stark anheben, damit die Solidarität mit materiell Schlechtergestellten nicht ausgerechnet dort endet, wo sie problemlos eingefordert werden kann. Und man kann auch mehr – beispielsweise durch eine stärkere Heranziehung von Hochvermögenden und Spitzenverdienern gewonnene – Steuermittel zu seiner Finanzierung bereitstellen. Es liegt an den linken Parteien und den Parteien der linken Mitte, diese Alternativen klar zu benennen und für sie kämpfen.

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43 Kommentare

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  • Die Umverteilung darf nicht nur von der Arbeitswelt Richtung Rente erfolgen, sondern Rentner untereinander müssen solidarischer sein. Die Instrumente dafür sind z.B. höhere Besteuerung von Kapitaleinkünften und Eigentum.



    Einigen Rentnern geht es mehr als prima, und es werden hohe Vermögen vererbt...

  • Eine Bemerkung zum Thema teurer Sozialstaat: Auch und gerade steigende Lebenshaltungskosten belasten Sozialkassen und Sozialetats von Bund und Ländern. Mietwucher, Preisdiktate von Tankstellenketten und Lebensmittelkonzernen, vor denen uns das Monopolrecht schützen soll und könnte, all das und viel mehr sind eigentlich Skandale. Nur 2 weitere Beispiele von vielen: Die Telecom ist inzwischen der teuerste Telefonanbieter und verlangt bei der Glasfaserversorgung hohe Preise für eigentlich ihr obliegende technische Ausrüstung von Hausanschlüssen, obwohl ihr bei Privatisierung der Post die Pflicht zur Daseinsvorsorge vom Staat übertragen worden ist. Die Leipziger Strombörse ist mit ihrer Preisstruktur zu einer mafiösen Organisation verkommen, die effektiv Geld aus den Taschen kleiner Leute auf die Konten von Aktionären pumpt. Die Bundesregierung hat verfassungsgemäß Verantwortung für Daseinsvorsorge und Mittel zur Kontrolle von Preisentwicklungen, was aber ständig juristisch, verwaltungstechnisch und medial geleugnet wird. Es gibt insgesamt sehr viel mehr zu tun als ein paar Reförmchen.

  • Ja, der "Kernbestandteil des Bismarck’schen Sozialversicherungsstaates" wird "schrittweise in einen bloßen Fürsorge-, Almosen- und Suppenküchenstaat umgewandelt".



    Er wird es werden müssen, weil als Bismarck ihn einführte, da stand die Alterspyramide noch nicht auf dem Kopf.



    Es gab auch noch keine Krebstherapien und andere Behandlungen, die unglaubliche Summen verschlingen.



    Es gab auch noch keine Pflegeheime, wo wie heute für absurde Summen ein Großteil der alten Menschen geparkt wird bis sie sterben.



    Und: als Bismarck den Sozialversicherungsstaat einführte, lag das Rentenalter bei 70 Jahren (!!!), obwohl das Durchschnittsalter eines Mannes bei gerade mal 40 lag...



    Dreiviertel aller Menschen damals erreichten überhaupt nicht das Rentenalter...



    Heute dagegen beziehen Rentner im Schnitt 20,5 Jahre lang Rente...



    Es ist 150 Jahre später. Alle Parameter haben sich massiv verändert.



    Merz Aussagen sind noch massiv geschönt, die Einschnitte werden noch viel tiefer gehen müssen - wartet einfach noch ein paar Jahre ab - ansonsten bricht das System komplett zusammen -



    Dann haben wir wirklich amerikanische Verhältnisse

  • "Sozialversicherungsbeiträge paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmer(inne)n aufgebracht werden" als Wissenschaftler sollte der Autor wissen, dass dies ein Taschenspielertrick der Politik ist. Jede Stelle ist budgetiert und der Arbeitgeberanteil kommt aus dem Geld, das für den Arbeitnehmer eingeplant ist. Gäbe es ihn nicht, würden die Arbeitnehmer höhere Löhne raushandeln können. Es wäre besser dieser Taschenspielertrick würde abgeschafft und es würde zu 100% als das klassifiziert, was es ist, Arbeitnehmerbeiträge.

    Würde nur ein Problem für die SPD werden weil dann die Menschen sehen, wieviel sie in das dysfunktionale System einzahlen und wie wenig sie zurückbekommen.

    Zum Rentensystem: ein umlagenbasiertes System funktioniert dann wenn der Großteil der Renter vor Renteneintritt verstirbt oder kurz danach. Wenn Menschen 20-30 Jahre lang Renten beziehen scheitert das System.

    • @Machiavelli:

      Es ist ja an sich simpel: von 40 Jahren Arbeit und 20% Beiträgen kann man 8 Jahre Rente auf Durchschnitts-Lohnniveau refinanzieren und durch das Umlageverfahren dabei auch die Inflation ausgleichen.



      Dafür fällt der Zinseszinseffekt aber auch am anderen Ende der Gleichung weg und alles oberhalb dieser 8 Durchschnitts-Jahreslöhne muss von woanders subventioniert werden.

    • @Machiavelli:

      So als Lohnsklave isses mir wumpe, wo aufm Lohnzettel irgendwelche Beiträge wie verbucht sind. Paritätisch ist der Spaß eh schon länger nimmer.



      Falls es irgendwannma in the year 2525 ein Sozialversicherungsmodell geben sollte, wo alle gleichlaut und alle gleichsinnlos meckern, weils wirklich clever ist, kammer sich über Spitzfindigkeiten unterhalten. Bis dahin möge mensch hier in D ned fahrlässig Gestaltungsmöglichkeiten zuungunsten von so knapp über Mindestlohn hart arbeitenden Mitmenschen wie mir populär machen ;).

  • Lustig finde ich bei den 8 Stunden Arbeitszeit den historischen Bezug auf 1918, da wurde zwar der 8 Stunden Tag eingeführt aber für 6 Tage in der Woche ( bei 12 Tagen Urlaub). Bis zur 5 Tage Woche dauerte es dann noch 49 Jahre (1967). Was haben wir heute alles ? Gleitzeit, 4 Tage Woche, Homeoffice, 30 Tage Urlaub, in all den Punkten sind die Arbeitgeber den Arbeitnehmern entgegengekommen, jetzt eine Flexibilisierung des 8 Stunden Tages (bei gleichbleibender Wochenarbeitszeit) kategorisch abzulehnen ist in diesem Zusammenhang nur lächerlich.

    • @Günter Witte:

      Was wir heute haben ist eine vielfach höhere Produktivität und davon haben die Arbeitgeber so wenig wie nur möglich den Arbeitnehmern entgegen gekommen, wenn es um fairen Ausgleich ging. Und das bisschen holen sie sich jetzt auch noch

    • @Günter Witte:

      Das BIP per capita hat sich seit 1918 verzehnfacht.

  • Leider funktioniert Wirtschaft nicht so, wie die tazzies sich das wünschen, sonst hätten wir heute noch eine DDR. Geld ist nie das Problem. Das Problem ist, dass eine sinkende Zahl von Arbeitswilligen einer steigenden Zahl reiner Konsumenten gegenübersteht. Daran ändert sich nix, wenn man Reiche stärker zur Kasse bittet. Es fehlt nicht an Geld sondern zunehmend an Menschen die dafür Produkte herstellen oder Dienstleistungen anbieten. Von Geld kann man nunmal nicht abbeißen.

    Tatsächlich ist eine Anhebung des Rentenalters und eine Begrenzung des Konsums die einzige wirksame Lösung, auch wenns doof ist.

    • @Samvim:

      Sie meinen, dass die Rentner:innen die Supermärkte leer kaufen, und für anderen nichts mehr da ist, weil zu wenig produziert wird.

      Wie passt das dazu, dass die Auftragseingänge immer weiter zurück gehen.

      www.relevante-oeko...er-sind-verrueckt/

      Oder dass Unternehmen immer mehr Geld auf den Kapitamärkten anlegen anstatt zu investieren (sie Link weiter unten in der verlinkten Webseite).

  • Die letzten beißen die Hunde: Solange Kapitaleinkünfte nicht gerecht besteuert werden, werden im System diejenigen zur Kasse gebeten (bzw. an selbiger abgewiesen), die über kein Spielgeld verfügen, um bei der ETF & Co. Lotterie mitzumachen.



    Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass Solidarität nicht erzwungen werden kann, sondern gewollt werden muss. Und hier hat der neoliberale Schimmelbefall die Gesellschaft marode gemacht. Der vom Autor perspektivisch genannte Suppenküchenstaat ist doch seit Schröder Realität.



    Weil Deutschland in der neuen multipolaren Weltwirtschaftsordnung unter Druck steht, wird der Verteilungskampf galliger und die Fleischbrühe in der Suppenküche magerer.



    Es fehlen Ideen und Visionen, die ein gesellschaftliches Momentum schaffen, das echte Solidarität stiftet. So leben wir in einem Zwangssystem, das vorne und hinten nicht funktioniert.

  • Die geplanten Reformen würden eine Rückkehr zum Regelungsstandard unter Kaiser Wilhelm II. bedeuten



    ----



    Ein Ansatz den unsere "Konservativen im Ehren halten!" Zurück in die Zukunft. :-)



    Passt ins Denken von 50 % unserer BuReg & auch wohl des BuKas!



    Hat auch einen Namen: "Elberfelder Modell!"(1)



    Btw. Umgesetzt ungefähr so:



    "Die Damen strikten Strümpfe für die "armen" Arbeiterkinder, während Ihre Gatten die Väter ausbeuteten"!



    Mein Fazit dazu: Nur so kann man(n) die nicht sehr motivierten ArbeiterInnen, umgangssprachlich auch faules Pack genannt, dazu bringen, endlich mal wirklich was zu tun! Sich nicht in der "sozialen Hängematte auszuruhen! :-(



    Denn der Gedanke, alle "versicherungsfremden Leistungen" aus dem Sozialsystem rauszunehmen, die gar aus Steuermitteln zu bezahlen, widerspricht der "Fürsorge" die für "Freunde" notwendig ist. Siehe dazu gKV & Bundesfinazminister, Zuzahlungen, uvam.



    Ps. Lang lebe die "Selbstverantwortung", vor allen Dingen DIE für "private Gewinne"! :-)



    (1)de.wikipedia.org/w...Elberfelder_System

  • Auch wenn einige Forderungen wie Bürgerversicherung ja durchaus vernünftig sind, so braucht es linke Mehrheiten dafür, die es nicht geben wird. Umverteilung macht zudem Rechnung ohne den Wirt (Unternehmen, Freiberufler). Es braucht auch die, die in einer alternden Gesellschaft Dynamik entfachen. Wenn die sich vom.Acker machen, sieht es zappenduster aus. Zudem gilt ja immer Besitzstandswahrung. Die Integration von Beamten in Sozialsysteme gibts nur mit jahrzehntelangen Übergangsfristen. Wünsch Dir was, wird so an der Realität scheitern.

    • @Eckhard Hanseat52:

      Zum letzten Punkt ist aber zu entgegnen: Das darf nicht als Entschuldigung genommen werden, nie anzufangen!

      Mit der Dynamik gehe ich mit. Aber wenn die Dynamik in eben die eher unproduktiven Anlageobjekte fliesst (Bestandsimmobilien, Aktien), dann hilft uns das nicht. Dann habe wir viele Reiche aber eben wenig gute Arbeit und wenig innovative Firmen in der Produktion. Es ist ein Fehler, dass die Renditen auf den Kapitalmärkten so hoch sind, dass die Gelder zunehmend dorthin fliessen statt direkt neue Unternehmen aufzubauen oder bestehende zu erweitern. Denn die "Bedingtheit" durch die Kapitalmärkte setzt andere Anforderungen an Firmen, als es über produktive d.h. die Produktion ausweitende Direktinvestitionen tun, die eben auch nichtöffentliche Arbeitsplätze schaffen.

  • "Weil die Gesetzliche Krankenversicherung, die Soziale Pflegeversicherung und die Gesetzliche Rentenversicherung als Kernbestandteil des Bismarck’schen Sozialversicherungsstaates gelten,..." stimmt nicht ganz.



    Die gesetzliche Krankenversicherung wurde als erste Sozialversicherung 1883 (Kaiserliche Sozialbotschaft vom 17.11.1881) eingeführt.



    Danach folgte die in der Aufzählung fehlende gesetzliche Unfallversicherung, damals und heute ein erhebliches Existenzrisiko, 1884/1885.



    z.B. www.bgetem.de/die-bgetem/geschichte

    1889 kam die gesetzliche Rentenversicherung, die vor dem 1. WK über ein erhebliches! Vermögen verfügte.



    www.deutsche-rente...e_detailseite.html.

    Die gesetzliche Pflegeversicherung wurde aber erst zum 01. Januar 1995 als eigenständiger Zweig der Sozialversicherung eingeführt. Bis dahin war Pflegebedürftikgeit ein rein privates Risiko, also nicht sozial versichert.



    www.bundesgesundhe...pflegeversicherung



    www.bundestag.de/d...ersicherung-217014

    Ein Blick in die Geschichte lohnt also.

    • @Hans - Friedrich Bär:

      Pflegebedürftigkeit war vor 1995 kein rein privates Risiko, sondern die Sozialhilfe musste die Kosten stemmen, wenn Leute das Geld nicht dafür hatten.

  • Wow. Die Vorschläge von Herrn Butterwegge haben ganz überwiegend zur Folge, dass neue Anwartschaften entstehen. Anwartschaften bei Personengruppen, die eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung haben, als die Gruppe der heutigen Versicherten. Damit sinkt die Auszahlungshöhe der heutigen Beitragszahler bei Renteneintritt.

    Um es kurz zu verdeutlichen, ich bin Freiberufler und kaufe freiwillig Rentenpunkte, da meine Vorfahren allesamt relativ alt werden und ich meine Lebenserwartung weit über der durchschnittlichen Lebenserwartung einschätzen. Das ist eine Investition und hat mit Solidarität nichts zu tun.

  • Die Probleme treffend erkannt, aber "tax the rich" als Lösung ist nun wirklich langweilig und führt zu nichts.

    • @Otto Mohl:

      Was führt denn aber zu etwas?

      Ich denke, das müssen sie uns schon mal sagen. Wenn sie da nämlich nichts sagen, sagen sie eigentlich: Es kann gar nichts unternommen werden.

  • Vereinfacht gesagt, Sozialversicherung (Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung) sind staatliche und gesellschaftliche Aufgaben, jede Form der Privatisierung bringt nur zusätzliche Gewinne für die Wirtschaft und somit fliesst bei unserem Steuer- und Sozialsystem das Geld wie üblich nach oben.

  • Ideenlose Vorschläge



    Sogenannte Lösungen, die einzig auf noch mehr "Von oben nach unten verteilen" beruhen, sind keine Lösungen, sondern zeugen von Ideenlosigkeit. Wo selbst Facharbeiter schon Höchstbeträge an Steuern zahlen, sollte man nicht noch mehr holen.



    Wie wäre es mit Einsparungen im Bereich Pharmakonzerne, endlich ein Migrationsgesetz und Anerkennung bereits erlernter Beruf, damit z.B. Pflegekräfte überhaupt hier arbeiten können, fairere Bezahlung privater Pflege gegenüber "kommerzieller" Pflege.



    Und endlich mal eine klare Definition von "Spitzenverdienern", denn 69.879 Euro finde ich überhaupt kein Spitzenverdienst, welches man mit Höchstsatz (42% = 29349€) besteuern sollte. Kein Mensch kann sich so Wohneigentum leisten, die Basis gegen Altersarmut überhaupt. Ich kann dieses "von oben nach unten verteilen" nicht mehr hören, und wie man an den Wahlergebnissen der Linken sieht, können es 90% der Bürger auch nicht mehr hören.

    • @Hans Dampf:

      Ich, wie die Mehrheit derer die reiche Menschen fair besteuern wollen meinen damit keinen Menschen die unter 250000€ Einkommen haben. Es sind Besitzer von BMW Aldi Lidl und co gemeint die teils Dividenden i. Höhe von einer Milliarde! erhalten haben. Menschen die in private equity investieren und steuern meiden wie der Teufel das Weihwasser. Das Höchststeuersätze zu früh greifen ist ebenso wahr wie banal, wie sehr erst die Leute die keine Job abbekommen oder krank und alt sind mit einem um ein mehrfaches geringen Betrag zu leben auskommen an ihrer Gesundheit sparenergibt sich daraus zwangsläufig. Artikel 14 und andere unseres Grundgesetzes sind für die Erhebung von Vermögenssteuern gedacht, nicht dagegen.

      • @Ingrid Müller:

        "...meinen damit keinen Menschen die unter 250000€ Einkommen haben."



        "Die Botschaft les' ich wohl, allein mir fehlt der Glauben".



        Wenn von Vermögensteuer ab einer Million aufwärts die Rede ist, was ein altes Mütterchen in ihrem Eigenheim in entsprechender Lage problemlos erreichen kann. Völlig ungewollt, dank der Niedrigzinspolitik der EZB und der dadurch ausgelösen Immobilienspekulation.



        Übrigens: Welches Jahr? 250000 in 2025 sind heute, dank 3,4 % Inflation, nur noch 240000 wert...

    • @Hans Dampf:

      Sie haben das Steuersystem nicht verstanden. Niemand, der 70.000 Euro jährlich verdient, zahlt darauf 42 Prozent Steuern. Er zahlt keine 29.000 Euro, wie Sie berechnet haben, sondern so knapp 12.000 Euro Lohnsteuer, kinderlos bei Klasse I. Vielleicht informieren Sie sich zunächst einmal. Man merkt aber an Ihrem Beispiel: solche Diskussionen sind kaum zu führen, weil eben ein großer Teil der Bürger weder das Steuer- noch das Sozialversicherungssystem verstanden hat. Das ist kein Vorwurf, es liegt ja auch daran, dass beide Systeme eigentlich zu komplex sind.

      • @Fliwatüt:

        "Sie haben das Steuersystem nicht verstanden."



        Sie haben natürlich recht. 42% ab dem ersten Euro über 70.000€.



        Das ändert aber nicht viel an der Tatsache, dass man nach Abzug von Steuern, Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Arbeitslosenversicherung sich trotzdem kaum Eigentum leisten kann, was das Alter viel erträglicher machen würde.

    • @Hans Dampf:

      "Von oben nach unten verteilen" trifft die Sache nicht ganz. Wie passt das mit der wachsenden Ungleichheit, dem steigenden Gini-Koeffizienten zusammen?



      Es ist eine Umverteilung aus der Mitte nach unten. Die Lorenz-Kurve [1] verformt sich, was der Gini-Koeffizient [2] nicht abbildet.



      Und das gefällt der produktiv arbeitenen Mitte, die das alles bezahlen soll, verständlicherweise nur begrenzt. Was manches Wahlverhalten erklären könnte.



      [1] de.wikipedia.org/wiki/Lorenz-Kurve



      [2] de.wikipedia.org/w...ent#Datenreduktion

      • @sollndas:

        "Es ist eine Umverteilung aus der Mitte nach unten."



        So ist es. Die ganz weit oben bekommt man nicht.

    • @Hans Dampf:

      Das ist halt das Problem, die wirklich großen Vermögen kriegt man nicht zu greifen gleichzeitig hat Deutschland einen bürokratischen Wasserkopf der unglaublich viel Geld kostet. Daher besteuert man die Mittelschicht.

  • "Und viele Medien applaudieren und fordern möglichst radikale Änderungen."

    Ja, komisch eigentlich, oder? Was haben eigentlich die milliardenschweren rechten Medienkonzerne davon, dass den Ärmsten noch mehr Euros aus der Tasche gerpesst werden, die die Reichen einstecken? Ob wir da in unserer Demokratie, die essentiell davon lebt, dass Menschen gut über die Hintergründe informiert sind, irgendein Problem mit der Informationsvermittlung haben?

  • Alles richtig.



    Bis auf die Milchbubenrechnung:



    Was als "Arbeitgeberanteil" bezeichnet wird, ist real Teil des Bruttolohns der für einen Arbeitsplatz als Kosten entsteht.



    Niemand beweist mir das Gegenteil.



    Resl sind daher die Sozialbeiträge bereits heute noch viel höher.



    Augenwischerei.

    • @So,so:

      Man könnte aber genauso sagen, dass der Arbeitnehmeranteil auch nur das Geld des Arbeitgebers ist. Der Arbeitnehmer entscheidet sich ja nur nach seinem Netto...

    • @So,so:

      Würden die Leute real die Abzüge sehen die sie zahlen müssen (und dazu zählt der Arbeitgeberanteil) gäbe es einen Aufstand. Der Arbeitgeberanteil der SPD ist ein Taschenspielertrick weil sonst ihre Sozialpolitik nicht mehr gewählt wird.

  • Wow. Wenn ein anerkannter Politik- und Sozialwissenschaftler wie Butterwegge den Sozialdemokraten öffentlich in der TAZ derart deutlich die Leviten liest und ihnen die rote Karte zeigt, weiß man, dass bei der SPD gerade etwas gründlich schiefgelaufen ist.

    Und tatsächlich kann niemand erklären, was durch den tiefen Kotau vor der Privatversicherungswirtschaft (Riester II oder Betriebsrente) und die Abschaffung des Achtstundentags für die Arbeitnehmer denn irgendwie besser werden soll? Es ist ein erneuter Hochverrat an den Arbeitnehmern, wie damals Hartz IV, das die Linke erst groß gemacht hat.



    Diesmal könnte die SPD sogar an der Fünfprozenthürde scheitern. Warum tun sie das? In Österreich hat man es umgekehrt gemacht und die gesetzlichen Rente sogar ausgebaut, außerdem die Wohnungsbaugenossenschaften weiter traditionell unterstützt, statt das Tafelsilber zu verschleudern, und man lebt dort heute wirklich in einer anderen Welt.

    • @hedele:

      Herr Butterwegge ist Armutforscher und hat in dem Bereich auch Einiges geleistet. Was seine politischen Konzepte GEGEN Armut betrifft, kann hingegen schwerlich als wissenschaftlich bezeichnet werden. Da ist er typischer altlinker Theoretiker, der sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden kann, dass man mit der Verteilung von Profiten erst anfangen sollte, wenn man seriös voraussetzen kann, dass sie unter den angepeilten Umständen auch wirklich noch erwirtschaftet würden (man könnte es auch ein blindes Auge im Bereich der "Reichtumsforschung" nennen).



      Mit dieser Einstellung stand er auch schon vor Jahrzehnten deutlich links der SPD, ist ja dort auch nicht umsonst kurz nach der Ausgründung der WASG ausgetreten, von der Linkspartei 2017 für die BP-Wahl aufgestellt worden und schreibt Bücher gemeinsam mit seiner mittlerweile beim BSW gelandeten Gattin. Die SPD-Schelte ist also genau so einzuordnen wie seine Heilskonzepte: Nichts auch nur ansatzweise Neues, und auch wenig außer heißer ideologischer Luft.

    • @hedele:

      In Holland sind betriebliche Rentenversicherung und private Rentenversicherungen der wichtigste Teil der Rente und das holländische System wird hier im Forum mit feuchten Augen gepriesen.

    • @hedele:

      Der Großteil der SPD-Wähler sind zur Union und zu AFD abgewandert, meinen Sie wirklich das hat was mit der Hartz IV-Reform zu tun?

    • @hedele:

      Na ja, deutlich schief gelaufen ist mit der sPD schon alles seit Schröder inklusive. Das ist nicht neu.



      Sie haben, nachdem durch Thatcher und Regan die neue Religion des Neoliberalismus in die Welt kam und nachdem die cdU/csU unter Kohl die Umverteilung von unten nach oben begeistert aufgriffen in den 80ern, das Rad weitergedreht. Bei ihnen fällt es natürlich mehr auf, weil sie ja eigentlich auf der Gegenseite standen.



      Aber unser Armani-Kanzler Schröder hat aus der SPD die sPD gemacht. Die cdU/csU stand ja schon vorher für Feudalismus.

  • Der ein oder andere genannte Posten ist absetzbar oder betrifft nicht alle oder greift erst ab einem Schwellenwert. Das ist jedoch bei Angestellten nicht anders.

    Liebe taz, bleibt bitte auf dem Boden der Realität. Fragt eure Freiberufler/Selbstständigen, was sie tatsächlich bezahlen, anstatt alle pauschal über den Spitzenverdienerkamm zu scheren!

  • Geht es nicht letztendlich darum, den meisten Menschen dauerhaft Existenznöte zu breiten, damit einige wenige sich ungestört die Taschen voll machen können? Wer Probleme hat, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und Abstiegsängste hat wird, unsolidarisch und spuckt der Regierung eher nicht mittels irgendwelcher NGOs in die Suppe.



    Das Motto „Divide et impera“ war schon immer ein Leitmotiv der Union, um die eigenen und die Pfründe ihrer Gönner zu sichern.

  • Nicht alle Freiberufler und Selbstständige sind Spitzenverdiener, auch wenn sich dieses Märchen hartnäckig hält. Ich wage zu behaupten, dass die meisten Soloselbstständigen, Freiberufler zähler durchaus dazu, eher Jahresumsätze im unteren bis mittleren fünfstelligen Bereich erzielen. Darauf werden Einkommenssteuer, Umsatzsteuer, Gewerbesteuer bei nicht freien Berufen sowie ggf. Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag erhoben. Angestellte bezahlen weder Umsatz- noch Gewerbesteuer.

    Auch Soloselbstständige sind in der Regel sozialversichert. Nur zahlen sie, im Gegensatz zu Arbeitnehmern, den vollen Satz. Das sind, wenn man einer schnellen Google-Recherche glauben darf, etwa 300 Euro plus 115 Euro in die Rentenkasse. Freiwilig, ja. Nicht versichert zu sein, kann sich allerdings kaum jemand leisten.

    Krankengeld gibt es nicht, es sei denn, man hat eine Zusatzversicherung. Jeder kranke Soloselbstständige muss, sofern er keine Zusatzversicherung hat, Verdienstausfälle im Krankenheitsfall in Kauf nehmen.

    Wer besondere Räume braucht, wie Ihr Friseur, Bäcker oder Handwerker, ist auch darauf Umsatzsteuer zu entrichten.

    • @p2c2e:

      Das ist falsch. Umsatzsteuer, im Volksmund auch Mehrwertsteuer genannt, zahlt der Endkunde. Der Unternehmer erhebt sie nur und gibt sie dann an das Finanzamt weiter.

      Gewerbesteuer zahlt effektiv auch nur, wer in einer sehr teuren Gegend arbeitet (z.B. in München), da ansonsten die bezahlte Gewerbesteuer komplett auf die Einkommensteuer angerechnet wird.

      Gruß vom Steuerfachwirt. ;)