Angriffskrieg in der Ukraine : Die Russen rüsten um
Trotz aller jüngsten Mutmaßungen dürfte die Ukraine den brutalen Angriffskrieg Russlands nicht gewinnen können. Putins Regime hat dazugelernt.
Foto: Iryna Rybakova/Ukrainian 93rd Mechanized brigade/AP/dpa
N och Ende Juni wähnten der stellvertretende US-Außenminister Jeremy Levin und Bundeskanzler Friedrich Merz die Ukraine schon auf der Straße des Sieges. Entsprechende Vermutungen schienen nicht ganz unberechtigt. Die russische Bodenoffensive in der Ukraine war gescheitert, Kyjiw hingegen hatte Erfolge bei Angriffen mit Drohnen großer und mittlerer Reichweite zu verbuchen. Doch so einfach ist es nicht: Die vergangenen drei Monate haben zu einer brutalen Eskalation geführt, die nicht nach einem Sturm vor der Ruhe aussieht. Ende Juni hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine 40-tägige Operation angekündigt, um Russland an den Verhandlungstisch zu zwingen. Doch auch das ist bislang nicht von Erfolg gekrönt.
Laut UN-Daten verzeichnete die Ukraine in diesem Mai mit 274 Toten jeden Monat im Vergleich zum Jahresbeginn einen heftigen Anstieg ziviler Opfer. Der Juni war mit 293 Toten der blutigste Monat seit April 2022. Im Juli waren sogar 437 Getötete zu beklagen. In den Sommermonaten wurden mehrere Tausend Zivilisten verletzt. Die Ukraine hat ihre Patriot-Raketenbestände ausgeschöpft. Demgegenüber haben die Russen dazu gelernt – und rüsten völlig veraltete, ausgemusterte Flugabwehrraketen so um, dass die sogar Kyjiw erreichen. Darüber hinaus hat der Aggressor alte Fliegerbomben in noch größerem Ausmaß zu gelenkten Munitionstypen mit Gleitmodul umfunktioniert. Die russische Luftwaffe wirft diese Bomben zunehmend aus sicherer Entfernung ab und muss so nicht mehr verstärkt mit Bodentruppen vorrücken. Dennoch bleiben die Verluste für die ukrainische Armee an der Front weiterhin hoch.
Hinzu kommt, dass ein wachsender Teil der Ukrainerinnen und Ukrainer den Eindruck hat, das Mobilisierungspotenzial des Landes sei erschöpft. Davon zeugen Gewaltausbrüche von zunehmend radikal agierenden Zivilisten gegen Regierungsvertreter. Der brisanteste Vorfall ereignete sich Anfang Juli in der westukrainschen Stadt Lwiw. Zwischen Anwohnern und dem Personal eines Rekrutierungszentrums kam es zu handfesten Auseinandersetzungen. Bis zu 200 Menschen stellten sich dem Militär und der Polizei entgegen. Diese war angerückt, um die Menge zu beruhigen. Aber die aufgeregten Menschen stürzten einen Militärkleinbus um.
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Laut den Angaben eines Kyjiwer Anwalts, der auf die Verteidigung von Männern im wehrpflichtigen Alter und von aktiven Militärangehörigen spezialisiert ist, hätten die Razzien zur Erfassung von Männern im Sommer selbst in der Hauptstadt ein beispielloses Ausmaß angenommen. In den östlichen Stadtbezirken seien wahllos alle aufgegriffen worden: Männer mit Ausnahmegenehmigungen oder Zurückstellungen von der Wehrpflicht, Menschen mit Behinderungen sowie Reserveoffiziere, die älter sind als 50 Jahre.
Darüber hinaus seien Personen nicht wie früher vom Militär, sondern mittlerweile häufig auch von Polizeibeamten festgesetzt worden. Die Betroffenen seien aber nicht in Rekrutierungszentren, sondern in Untersuchungshaft gebracht worden. Dort wurden sie mitunter fünf Tage lang festgehalten, nur um ihre Identitäten festzustellen. Das Gesetz sieht hierfür lediglich drei Tage vor. In den Hafteinrichtungen wurden die Männer untersucht, um ihre Diensttauglichkeit festzustellen. Ein Zeuge berichtete, wie Reservisten im Rang eines Polizeimajors als einfache Soldaten an die Front gesendet wurden, weil sie keinen Offiziersrang der ukrainischen Armee hatten. All das sorgt für zusätzlichen Unmut.
Die Ukraine kämpft de facto allein
Dass sich viele Ukrainer dem Dienst in der Armee zu entziehen versuchen, ist nachvollziehbar. Und genau darin liegt Kyjiws Dilemma. Denn trotz der Unterstützung durch die westlichen Staaten führt das Land bereits seit über viereinhalb Jahren einen Kampf auf Leben und Tod gegen das flächenmäßig größte Land der Erde – allein und quasi im direkten Duell.
Eine Nachricht, die die Bürgerinnen und Bürger der noch jungen Demokratie kürzlich erreichte und zusätzlich für Bestürzung gesorgt haben dürfte, schaffte es übrigens nicht in die deutschen Medien: Die derzeit von Kyjiw kontrollierten Landesteile der Ukraine zählen inzwischen nur noch 22 bis 25 Millionen Einwohner. Bis 2025 schätzten die Behörden etwa 29 Millionen. Diese Zahlen nannte unlängst der ukrainische Sozialminister Denys Uljutin. Demgegenüber leben in Russland und in den von Putin annektieren ukrainischen Gebieten, darunter die Krim, über 140 Millionen Menschen – circa sechsmal so viele.
Doch auch für den Kreml läuft es allenfalls mäßig. Angesichts der zunehmenden Zahl ukrainischer Angriffe auf russische Luftabwehrsysteme, militärische Einrichtungen und Ölraffinerien, darunter in Moskau, St. Petersburg, Sibirien, wird deutlich, dass Putin den technologischen Rüstungswettlauf gegen den Westen allmählich verliert. Putins Zustimmungswerte in der Bevölkerung sind gesunken – der Mangel an Benzin ist dafür lediglich ein Grund.
Dennoch liegt der Zuspruch für den Staatschef weiterhin noch bei über 60 Prozent. Zudem berichtete der ukrainische Nachrichtendienst, dass bereits im kommenden Herbst erneut nordkoreanische Soldaten in den russischen Grenzregionen stationiert werden sollen, diesmal könnten es Zehntausende sein. Sie sollen für direkte Angriffe vorgesehen sein, oder zumindest, um die in die Ukraine gesendeten russischen Truppen aufzufüllen.
Unterm Strich bleibt: Selbst schmerzhafte Angriffe der Ukraine auf die kritische Infrastruktur und militärische Ziele in Russland werden in absehbarer Zeit nicht zu einem Waffenstillstand, geschweige denn zu ernstzunehmenden Friedensverhandlungen führen. Tod und Zerstörung gehen weiter. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht.
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