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Pro­fes­so­r*in über Klassismus„Armutsbetroffene Menschen sterben früher“

Francis Seeck erforscht, wie Menschen wegen Klassenherkunft und Klassenpositionen diskriminiert werden und wie Klasse über Lebenschancen entscheidet.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Francis Seeck, Sie forschen zum Thema „Klassismus“. Was ist das eigentlich?

Francis Seeck: Klassismus bezeichnet die Diskriminierung anhand von Klassenherkunft und Klassenpositionen. Klassismus betrifft zum Beispiel Menschen, die die Grundsicherung beziehen, wohnungslose Menschen, armutsbetroffene Menschen, Menschen ohne Schulabschluss oder Ar­bei­te­r*in­nen­kin­der im Bildungssystem. Das ist also eine sehr große Gruppe.

taz: „Klassismus“ scheint ja so etwas wie eine vergessene Diskriminierungsform zu sein, denn in den 1970er Jahren wurde viel mehr über soziale Gerechtigkeit und den Unterschied zwischen Arm und Reich geredet und gestritten. Dabei ist das Thema doch allumfassend.

Seeck: Genau. Wir alle werden dadurch beeinflusst, aus welcher sozialen Klasse wir kommen. Es prägt zum Beispiel den Habitus: wie man auftritt, wie man spricht, wie man sich verhält, was man schön findet. Oder die Lebenserwartung: Armutsbetroffene Menschen sterben in Deutschland durchschnittlich acht bis zehn Jahre früher als reiche Menschen.

Im Interview: Francis Seeck

hat die Professur für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Demokratie- und Menschenrechtsbildung an der TH Nürnberg inne. Seeck forscht und lehrt zu Klassismuskritik, politischer Bildung, Gender- und Queer Studies, Antidiskriminierung und menschenrechtsorientierter Sozialer Arbeit.

taz: Wie werden arme Menschen außerdem noch diskriminiert?

Seeck: Zum Beispiel zeigen die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung, dass menschenverachtende Einstellungen gegenüber erwerbslosen und wohnungslosen Menschen sehr verbreitet und tief verankert sind.

taz: Hat das nicht auch damit zu tun, dass arme Menschen keine Lobby haben?

Seeck: Da stimmt. Gruppen wie die „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“, das Netzwerk „Ich bin armutsbetroffen“ und Erwerbsloseninitiativen werden in politischen Entscheidungsprozessen wenig eingebunden und so haben sie kaum Möglichkeiten, mitzugestalten und mitzubestimmen.

Der Vortrag

Vortrag „Diskursgewitter: Zugang verwehrt – wie Klassismus die Gesellschaft prägt“ mit Francis Seeck: Di, 23. Juni, 17 Uhr, Core Oldenburg, Heiligengeiststraße 6-8, kostenfrei

taz: Aber ist es heute noch zeitgemäß, von Klassen zu sprechen?

Seeck: Ja, ich halte es weiterhin für zeitgemäß, von sozialen Klassen zu sprechen, auch wenn der Begriff in den Sozialwissenschaften unterschiedlich diskutiert wird. Zahlreiche Studien zeigen, wie stark die Klassenherkunft weiterhin über Lebenschancen entscheidet. Wenn man etwa in Deutschland auf die Erbschaften schaut, stellt sich heraus, dass mittlerweile mehr als 30 Prozent des Gesamtvermögens vererbt wird. Es ist also immer noch sehr prägend, in welche Klasse ein Mensch hineingeboren wird.

taz: Ist es nicht auch ein Problem, dass die Armutserfahrungen oft mit Scham behaftet sind?

Seeck: Ja, sehr. Scham ist ein zentraler Bestandteil von Klassismus. Armutsbetroffene Menschen schämen sich teilweise, weil ihnen gesellschaftlich immer wieder vermittelt wird, sie seien selbst schuld an ihrer Lage. Zugleich gab es rund um die Einführung der Hartz-IV-Reformen noch eine starke Erwerbslosenbewegung, die dieser Beschämung etwas entgegengesetzt hat, mit Wut und auch Humor. Ein Slogan lautete etwa: „Der Faulpelz ist der einzige Pelz, den wir uns leisten können.“ Heute ist es dagegen so, dass sich Menschen bei Demonstrationen teilweise nicht trauen, ein Banner mit dem Satz „Ich bin armutsbetroffen“ hochzuhalten, weil es ihnen unangenehm ist.

taz: Ist es nicht auch ein Problem, dass sich viele Menschen gar nicht dessen bewusst sind, wenn sie klassistisch diskriminieren?

Seeck: Ich arbeite viel im Bereich der Antidiskriminierungspädagogik, und da ist ein zentraler Punkt: Wir sind alle in einer klassistischen Gesellschaft aufgewachsen und von ihr geprägt. Deshalb brauchen Berufsgruppen mit besonderer Entscheidungsmacht, etwa Ärzt*innen, Jurist*innen, Leh­re­r*in­nen oder Sozialarbeiter*innen, Räume, in denen sie ihre eigenen klassistischen Vorurteile und institutionellen Routinen reflektieren können.

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