Debatte um Arbeit: Doch, Teilzeit ist ein Lifestyle
Die Union hat eine emotionale Debatte um das Recht auf Teilzeit ausgelöst. Der Kampf um die Arbeitszeit ist eine komplexe Verteilungsfrage.
H ier soll jetzt gleich eine fluffige Kolumne über Teilzeit und Lifestyle stehen. Und das in einer Vollzeitwoche, in der die Kinder krank sind, die Wärmepumpe streikt (danke, Robert Habeck) und die Schule bestreikt wird (danke, Gewerkschaften). Also wieder Überstunden am späten Abend. In der taz haben wir die Worte des Bundeskanzlers vernommen, und als fleißiger Bürger wird nun in die Hände gespuckt und auf die Tastatur und alles gegeben, um den Standort mit einem weiteren neunmalklugen Text voranzubringen.
Zum Thema: In Deutschland gibt es (noch?) ein Recht auf Teilzeit. Sprechen keine betrieblichen Gründe dagegen, muss der Arbeitgeber sie erlauben. Und so viele Menschen wie noch nie, 29 Prozent der Erwerbstätigen, machen davon Gebrauch. Jeder neunte Mann und fast jede zweite Frau.
Die Mittelstandsunion (Triggerwort Nummer eins) fordert deshalb, das Recht auf Teilzeit als „Lifestyle“ (Triggerwort zwei) einzuschränken. Und wie das so ist mit Triggerwörtern und den Debatten, die auf sie folgen: Sie verlaufen reflexhaft.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Das fängt damit an, dass Lifestyle so klingt, als hätte jemand in der Union das Wort im Lexikon für Jugendsprache gefunden. Aber auch viele vermeintlich linke und liberale Reaktionen auf den Vorschlag waren erwartbar. Eine Unverschämtheit sei der Vorstoß, hieß es, und dann kamen die bekannten Argumente: die Teilzeitfalle der Frauen, die fehlende Kinderbetreuung und so weiter und so fort. Das ist alles nicht falsch und doch ein bisschen unehrlich.
Kita, Care und Katzen
Ja, es gibt viele Menschen, die gern mehr arbeiten würden, aber nicht können – weil es ihre Lebensumstände nicht zulassen oder ihr Arbeitgeber sie nicht lässt. Es gibt aber ebenso viele Menschen, die nicht mehr arbeiten wollen oder am liebsten weniger arbeiten würden als bisher. Weil sie lieber auf Geld verzichten als auf Zeit. Weil sie die Nasen ihrer Kinder lieber sehen als die ihrer KollegInnen.
Es ist deshalb defensiv und etwas scheinheilig, so zu tun, als würden ja alle liebend gern 40 Stunden arbeiten, nur – leider, leider – ginge das nicht, weil: Kita, Care, Katzen. Denn mit dieser Argumentation unhinterfragt übernommen wird das Ideal der Vollzeitarbeit. Zu glauben, der Gipfel der Gleichberechtigung sei erreicht, wenn alle gemeinsam noch mehr schufteten, ist eine Falle.
Besser wäre es doch, offensiv dagegenzuhalten. Ob man das nun Lifestyle oder Work-Life-Balance nennt oder schlicht Freizeit. Wie viel davon zur Verfügung steht, ist schließlich nicht gegeben, sondern wurde von Gewerkschaften und Arbeiterinnen erkämpft. Das gilt für die 40-Stunden-Woche wie für das Recht auf Teilzeit. Statt sich über sie zu empören, kann man der Mittelstandsunion dankbar sein und ihr selbstbewusst zustimmen: Ja, Teilzeit ist oft eine bewusste Entscheidung, ist auch Ausdruck von Wohlstand in einer Gesellschaft, ist Lifestyle. Und wenn Arbeitgeber und Bundesregierung wollen, dass mehr gearbeitet wird, müssen sie dafür etwas bieten.
Letztlich ist der Kampf um die Arbeitszeit dann eine dreifache Verteilungsfrage: zwischen Unternehmen und Angestellten zur Höhe des Lohns, zwischen Staat und Bürgern zu Arbeitnehmerrechten und einer öffentliche Infrastruktur, die das Arbeiten erst möglich macht – und nicht zuletzt ein Kampf zwischen Männern und Frauen.
Denn wenn weniger Frauen in Teilzeit arbeiten sollen, kann das nur funktionieren, wenn Männer Arbeit abgeben und stattdessen andere Aufgaben übernehmen. Solche, die sinnvoller sind, als nachts Welterklärerkolumnen zu schreiben.
Vollzeit für alle? Ja, aber mit 30 Stunden, bitte. Das wäre ein guter Lifestyle.
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