Shitstorm gegen Baerbock wegen N-Wort: Gepflegte Feindbilder

Grünen-Chefin Baerbock benutzt in einer Talkshow das N-Wort und bittet vor Ausstrahlung um Entschuldigung dafür. Es folgt: ein rechter Shitstorm.

Ein Portraitfoto von Annalena Baerbock. Sie trägt ein hellblaues Oberteil und runzelt leicht die Stirn. Der Hintergrund ist verschwommen, vermutlich sind es Bäume.

Nicht das erste Mal Ziel eines rechten Shitstorms: Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena ­Baerbock Foto: Fabian Sommer/dpa

Auf einen neuen Skandal um die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, muss man dieser Tage nicht lange warten. Aktuell geht es um die Reproduktion rassistischer Sprache in einem Interview. Während Baer­bock Konsequenzen aus ihrem Fehler zieht, nutzen Konservative und Rechte den Vorfall, um lang gepflegte Feindbilder zu verstärken.

Aber was war passiert? Vergangenen Dienstag war Baerbock in der Tachles-Arena des Zentralrats der Juden zum Interview zu Gast. In dem Gespräch über Antisemitismus und Rassismus erzählt sie eine Geschichte aus dem Schulunterricht des Sohnes einer Bekannten.

Der Sohn hatte sich geweigert, eine Bildergeschichte zu einem Arbeitsblatt zu schreiben, auf dem das N-Wort stand. Daraufhin wurde ihm vorgeworfen, den Schulfrieden zu stören. Baerbock erzählt die Geschichte, um diskriminierende Bildungsinhalte an Schulen zu kritisieren, spricht aber in ihrer Nacherzählung die rassistische Bezeichnung aus.

Das Interview soll erst Anfang August ausgestrahlt werden. Am Sonntagnachmittag machte Baerbock jedoch selbst auf diesen Fehler bei Twitter aufmerksam und bat um Entschuldigung dafür, rassistische Sprache reproduziert zu haben: „Leider habe ich in der Aufzeichnung des Interviews in der emotionalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das N-Wort zitiert.“

Und weiter: „Das war falsch und das tut mir leid. Denn ich weiß ja um den rassistischen Ursprung dieses Wortes und die Verletzungen, die Schwarze Menschen unter anderem durch ihn erfahren.“ Bei der Ausstrahlung, und auch schon in dem Ausschnitt der Sendung, den Baerbock bei Twitter veröffentlicht hat, wird das Wort deswegen ausgepiept.

Ein weiteres Beispiel für die Obsession nicht-Schwarzer Menschen mit dem N-Wort

Rassistische Sprache zu reproduzieren und damit Betroffene zu retraumatisieren und herabzuwürdigen, ist falsch und sollte gerade einer Spit­zen­po­li­ti­ke­r:in nicht passieren. Doch Baerbock hat ihr eigenes Verhalten reflektiert, ihren Fehler erkannt, sich darum bemüht, dass er behoben wird, und bei Betroffenen um Entschuldigung gebeten. Damit könnte der Vorfall erledigt sein.

Geht es bei diskriminierungsfreiem Sprechen ja nicht darum, keine Fehler machen zu dürfen – sondern diese einzugestehen, wenn sie passiert sind, zu reflektieren und sie künftig zu meiden. In Wahlkampfzeiten gäbe es nun also Drängenderes, dem sich Medien und die Zivilgesellschaft zuwenden sollten.

Dass wir uns nun aber doch an dieser Stelle damit beschäftigen sollten, liegt daran, dass Konservative und Rechte den Vorfall nutzen, um Stimmung zu machen. Die Bild-Zeitung berichtete zuerst von Baerbocks Entschuldigung.

Verschiedene Journalist:innen, wie Judith Sevinc Basad von der Bild oder Falter-Chefredakteur Florian Klenk mischten sich in die Diskussion über den Gebrauch des N-Wortes ein. Es entspann sich ein von rechts dominierter Shitstorm gegen Baerbock, mit den vorhersehbaren Schlagworten: Selbstzensur, links-grün-versifft, politische Korrektheit, Sprachpolizei. Es dauerte nicht lange, bis die rassistische Bezeichnung, abgekürzt und ausgeschrieben, in die Twitter-Trends gelangte. Es ist ein erneutes Beispiel für die Obsession von einigen nicht-Schwarzen Menschen mit dem N-Wort.

Hat mit Selbstzensur nichts zu tun

Doch das Auspiepen des N-Wortes hat mit Selbstzensur nichts zu tun, sondern damit, Schwarze Menschen nicht verbal degradieren und demütigen zu wollen. Die Bezeichnung, die in ihrer wörtlichen Übersetzung lediglich „Schwarz“ bedeutet, war niemals wertfrei, sondern schon immer ein diskriminierender Begriff.

Im 17. Jahrhundert kam er in die deutsche Sprache und etablierte sich später im Zuge der Entwicklung der Rassentheorie. Der Begriff ist eng mit der Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus verbunden und wird seitdem strategisch genutzt, um Schwarze Menschen als primitiv und minderwertig darzustellen. Die Nutzung des N-Wortes ist also 1:1 die Verbalisierung von rassistischen Denkmustern, in denen die weiße Vorherrschaft manifestiert wird.

Einige bestehen in der aktuellen Diskussion trotzdem weiterhin darauf, das Wort zu nutzen, und fordern, die Verwendung von Kontext und Motivation abhängig zu machen. Und natürlich spielt es eine Rolle, wer das Wort nutzt, und es ist auch ein Unterschied, ob es als direkte Beleidigung oder als Zitat genutzt wird. Auch deswegen ist der bei Twitter getätigte Vergleich von Martin Luther King oder der von der Bild-Zeitung aufgegriffene von Boris Palmer, der den Fußballspieler Dennis Aogo mit dem N-Wort bezeichnete, mit Baer­bock fehl am Platz.

Baerbock entschuldigte sich im Vergleich zu Palmer und zieht Konsequenzen aus ihren Fehlern. Doch auch wer das Wort nutzt, um auf diskriminierende Inhalte aufmerksam zu machen, beleidigt, triggert und verletzt Schwarze Menschen. Die Reproduktion durch Nichtbetroffene ist also niemals in Ordnung – weder als Zitat noch als Satire getarnt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ilustration: Der Hintergrund ist in Regenbogenfarben gehalten. Im vordergrund eine einfache Zeichnung eines Regenbogens.

Während Konservative sich an Macht und Deutungshoheit klammern, kämpft das vielfältige Deutschland noch immer darum, in seiner Diversität bestehen und sich entfalten zu dürfen. Egal ob die LGBTIQ*-Community oder People of Colour. Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder ihres Alters diskriminiert werden. Können sie bei der Bundestagswahl im September gemeinsam mit ihren Verbündeten Politik und Gesellschaft langfristig und grundlegend verändern? Die taz-Themenwoche zu Diversität.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben