Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock: In der Klemme

Die Grünen beklagen eine Rufmord-Kampagne gegen ihre Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Ein Plagiatsjäger will ihr Buch weiter checken.

Annalena Baerbock hält ein Exemplar ihres Buches bei der Vorstellung in den Händen

Ein Plagiatsjäger nimmt Annalena Baerbocks Buch auseinander Foto: Annegret Hilse/reuters

BERLIN taz | Eigentlich hatten sich die Grünen vorgenommen, einen sachlichen, im Ton moderaten Wahlkampf zu führen. Eigene Inhalte ins Schaufenster stellen, bloß nicht zu viel über andere reden, lautete die Devise.

Aber nach den Vorwürfen eines österreichischen Plagiatsjägers gegen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock schießen sie mit großem Kaliber zurück. Sie haben mit Christian Schertz einen der prominentesten Medienanwälte Deutschlands beauftragt, ihre führenden Leute empören sich reihenweise auf Twitter. Wahlkampfmanager Michael Kellner fasst die grüne Gefühlslage so zusammen: „Es ist der perfide Versuch eines Rufmordes aus Angst vor einer grünen Kanzlerin.“

Wer mit Grünen über die Angelegenheit spricht, bekommt ehrlich empfundene Empörung zu hören. Franziska Brantner, die europapolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, fühlt sich auf Twitter an amerikanische Wahlkämpfe erinnert. „Die ganze Strategie ist doch die von Steve Bannon – ‚Flood the zone with shit‘ – um ja nicht die wirklichen politischen Diskussionen zu führen, die angesichts der Herausforderungen zu führen sind.“ Jürgen Trittin schimpft über eine „Dreckskampagne“ der Bild-Zeitung.

So ähnlich wird es auch in der Grünen-Zentrale gesehen – auch wenn man es etwas moderater formuliert. Seit Annalena Baerbock im April zur Kanzlerkandidatin gekürt worden sei, beobachte man eine Kampagne in sozialen Netzwerken, verstärkt von Medien wie der Bild-Zeitung, sagt ein Stratege.

Kleinigkeiten würden skandalisiert, die erkennbar auf die Person Baerbock und ihre moralische Integrität zielten – und nicht auf die Sache. „Immer in der Hoffnung, irgendwas bleibt schon hängen.“ Deshalb sei es notwendig, ein „Stoppsignal“ zu setzen – und mit Promi-Anwalt Schertz das Waffenarsenal zu zeigen.

Verdacht auf Copy and Paste

Die Ursache der Aufregung hatte am Dienstag der österreichische Plagiatsprüfer Stefan Weber geliefert. Weber lebt davon, wissenschaftliche Arbeiten zu checken. Auf seiner Website wirbt er damit, Doktorarbeiten, Texte oder Gerichtsgutachten auf ihre Qualität und Korrektheit zu prüfen – die Plagiatsprüfung einer fremden Arbeit kostet beispielsweise 8 Euro pro Seite.

Er sei habilitierter Kommunikationswissenschaftler und Lektor an der Universität Wien und setze führende Plagiatssoftware ein, schreibt er im Werbetext. Weber veröffentlichte am Dienstag in seinem Blog eine Bombe, nämlich mehrere Textstellen, bei denen Baerbock in ihrem kürzlich im Ullstein Verlag erschienenen Buch „Jetzt“ von nicht genannten Quellen abgeschrieben haben soll.

Weber sagt, er habe mit einer Software bisher zwölf Plagiatsfragmente gefunden. Fünf davon dokumentierte er in seinem Blogbeitrag. Ein paar Beispiele:

Auf Seite 79 ihres Buches schreibt Baerbock über den Klimawandel und Wirtschaft.

„Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus, etwa durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, durch Schäden an Straßen, Schienen und Gebäuden oder durch Rohstoffknappheit.“

Sehr ähnlich heißt es in dem Blog „Klimawandel – Challenge Accepted“:

„Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus: Sei es durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, Schäden an Verkehrsinfrastrukturen oder Gebäuden oder Änderungen der Beschaffenheit oder Verfügbarkeit von Rohstoffen.“

Nur das Gendersternchen ist neu

Auf Seite 174 schildert Baerbock, wie sie Zeugin der EU-Osterweiterung in Frankfurt (Oder) wurde. Sie schreibt:

„Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürger*innen.“

In einem Rückblick der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2019 heißt es – bis auf das Gendersternchen – wortgleich:

„Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürgerinnen und -bürger.“

Auch beim Spiegel soll sich Baerbock ohne Quellenangabe bedient haben. Sie schreibt auf Seite 89 von „Jetzt“:

„In Amsterdam ist ein 130 Meter hohes Holzhochhaus geplant, in Chicago ein 228 Meter hohes und in Tokio eines mit 350 Metern Höhe.“

Das Nachrichtenmagazin schrieb vor knapp zwei Jahren in einem Text:

„In Amsterdam ist ein 130 Meter hohes Holzhaus geplant, in Chicago ein 228 Meter großes und in Tokio eines mit 350 Meter Höhe.“

Die Konkurrenz lästert

Die von dem Plagiatsjäger angegebenen Textstellen, die hier aus Platzgründen nicht komplett zitiert werden, lesen sich, als habe da jemand mit Copy-and-paste Sätze übernommen – und anschließend ein paar Wörter geändert, damit dies nicht so auffällt.

Die Konkurrenz der Grünen nimmt die Vorlage dankbar auf. Annalena Baer­bock werde zu „Schummel-Baerbock“, lästert CSU-Generalsekretär Markus Blume. „Ein wenig den Lebenslauf geschönt, die eigenen Nebeneinkünfte verschleiert und jetzt ein Buch in Teilen zusammenkopiert.“ Das sei keine Kampagne Dritter, „sondern das sind schwere Kandidatenfehler.“

FDP-Fraktionsgeschäftsführer Mar­co Buschmann sieht es gelassener. „Bei Baerbock ist die Sache selber im Grunde eine Kleinigkeit“, sagt er. „Mir wäre lieber, wir würden über die Modernisierung von Staat, Infrastruktur und sozialem Sicherungssystem sprechen.“

Für die Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock ist der Fall äußerst peinlich. Nicht etwa, weil juristische Folgen zu erwarten wären – dafür sind die Vorwürfe zu irrelevant. Grünen-Anwalt Schertz schreibt in einer Stellungnahme, er könne „nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen“, da es sich um die Wiedergabe allgemein bekannter Fakten sowie politischer Ansichten handele. Damit dürfte er richtig liegen.

Es bleibt etwas hängen

Aber es geht nicht nur um justiziable Folgen. Wichtiger ist die politische Wirkung für Baerbocks Glaubwürdigkeit. Nachdem sie Nebeneinkünfte zu spät meldete und Ungereimtheiten in ihrem Lebenslauf korrigieren musste, bleibt nun der Eindruck hängen, dass auch ihr Buch handwerklich ungenau gearbeitet ist.

Sie hat das Buch – eine Mischung aus biografischen Details und politischen Anliegen – zusammen mit dem Autor Michael Ebmeyer verfasst. Dass Politiker Ghostwriter für eigene Werke beschäftigen, ist nicht unüblich. Ebmeyer arbeitete etwa auch an einem Buch von Außenminister Heiko Maas über Strategien gegen Rechts mit.

Baerbock hatte ihr Buch Mitte Juni vorgestellt – auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin. Damals hatte sie gesagt, mit Ebmeyer im Dezember und Januar ausführliche Gespräche geführt zu haben. Auf Basis der abgeschriebenen Unterhaltungen habe sie dann das Buch geschrieben. Das heißt: Falls es ein Copy-and-paste-Problem gibt, ist nicht der Ghostwriter schuld.

Plagiatsjäger Weber wehrt sich gegen Vorwürfe in sozialen Netzwerken, er handle aus finanziellen Interessen. „Ich habe keinen Auftraggeber und bekomme für meine Nachforschungen zu Annalena Baerbock kein Geld“, sagte Weber der taz am Mittwoch. „Ich mache das unbezahlt aus wissenschaftlichem Interesse und reiner Neugier. Natürlich ist da auch ein bisschen sportlicher Ehrgeiz im Spiel, es geht ja um eine Kanzlerkandidatin.“

Neuer Ärger für die Grünen könnte sich auch anbahnen. Es entspreche seiner langjährigen Erfahrung, dass mit Software entdeckte Erstfunde „sehr häufig auf noch weitere abgeschriebene Stellen hinweisen“, sagte Weber. Der Österreicher will Baerbocks Buch nun mit manuellen Methoden weiterprüfen. Mit einem Endbericht sei etwa Ende Juli zu rechnen.

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