: Das Studium der Dorothee Mantel
Studierende sollen mehr arbeiten, findet Forschungsministerin Dorothee Bär. Sie selbst habe schließlich auch gejobbt. Aber wie war das noch mal genau?
Von Kersten Augustin
Ende Mai gab Dorothee Bär ein Interview, das viele Studierende und auch den Koalitionspartner überraschte. Nachdem die Forschungsministerin sich ausführlich über Raumfahrt und künstliche Intelligenz ausgelassen hatte, sprach sie kurz über die geplante Bafög-Erhöhung. Sie habe „gehört, dass die Reform von den Regierungsfraktionen nicht mehr unterstützt wird“, sagte Bär der Funke Mediengruppe.
Die SPD stellte sofort klar, dass sie an der Reform festhalten will. Es ist also Bärs eigene Fraktion, die diese nun infrage stellt. Dabei hatte die Koalition sich eigentlich geeinigt: Die Wohnkostenpauschale für Studierende mit Bafög sollte von 380 auf 440 Euro erhöht werden, auch der allgemeine Bafög-Satz stufenweise steigen.
Die Forschungsministerin hätte sich nun als Anwältin des akademischen Nachwuchses begreifen oder einen neuen Kompromiss vorschlagen können. Bär aber setzt einen anderen Ton: Studierende seien „sehr privilegiert“, sagt sie, es gebe in Deutschland ja keine Studiengebühren. Da sei es „kein Drama“, wenn Studierende neben dem Studium arbeiteten. Im Gegenteil, oft sammle man dabei wichtige Erfahrungen – „für das Leben und den Beruf“. Auch sie selbst habe neben ihrem Studium gejobbt.
Aber taugt Bärs Bildungsweg tatsächlich als ein Vorbild?
Bär wird 1978 als Dorothee Gisela Renate Maria Mantel in Unterfranken geboren. Ihr Vater und Großvater waren Bürgermeister. Mit 14 Jahren, „sobald es ging“, geht sie in die Schülerunion und tritt zwei Jahre später in die CSU ein. Mit 17 ist sie „in meiner Wahrnehmung extrem cool“, fährt eine taubenblaue Vespa und trägt Netzstrümpfe, Doc Martens und abgeschnittene Jeans. So erinnert sie sich später.
Nach dem Abitur beginnt Mantel ein Studium der Politikwissenschaft in München, von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung bekommt sie ein sogenanntes Büchergeld-Stipendium. Schon mit 23 wird sie in den Vorstand ihrer Partei gewählt. Beim Ring Christlich-Demokratischer Studenten setzt sie sich früh für Studiengebühren ein.
Schon früh hat Mantel also eine Doppelbelastung aus Studium und Politik. Dazu kommt schon bald ein aufwendiger, aber gut bezahlter Nebenjob: Mit 24 Jahren wird Dorothee Mantel als bisher jüngste CSU-Abgeordnete in den Bundestag gewählt.
Nur Anna Lührmann von den Grünen und ein gewisser Jens Spahn sind noch jünger. Kurz vor der Bundestagswahl 2002 und schon als CSU-Kandidatin macht Mantel noch ein Praktikum in der Politikredaktion von Springers Boulevardblatt B. Z.
Mantel wechselt nicht nur ins politische Berlin, auch ihr Studium setzt sie am Otto-Suhr-Institut (OSI) an der Freien Universität Berlin fort.
Das OSI gilt, damals, noch mehr als heute, als linkes Institut. Als Mantel dort studiert, werden viele Lehrstühle noch von Alt-68ern bekleidet. Auch viele Studierenden sind links, zwischen den Seminaren treffen sie sich im Roten Café auf ein zapatistisches Heißgetränk.
Nicht so Dorothee Mantel: „Ich bin immer zwischen Reichstag und OSI hin- und her gependelt“, erzählt sie in ihrer Rede bei der Abschlussfeier. In ihrem Opel Corsa wechselt sie den Hosenanzug, den sie im Bundestag trägt, gegen eine Jeans, um am linken Institut nicht aufzufallen.
Das Studium am OSI sei manchmal ein „Spießrutenlauf“ gewesen, erzählt sie in einem Interview. Sie habe versucht, ihre Doppelrolle geheim zu halten, für Referate meldet sie sich immer gleich am Beginn des Semesters, bevor man sie erkennt. Einmal aber habe eine Kommilitonin ihre Diplomarbeit vorgestellt, zur Frage, ob die CSU eine rechtsradikale Partei sei: „Da konnte ich meinen Mund nicht halten.“
Die „typische Studentin, die in der Bibliothek sitzt“, sei sie nie gewesen. Sie habe ihre Bücher lieber selbst gekauft: „Von daher war mir die Ausstattung der Bibliothek nie so wichtig.“ 2005 klingt bei ihr aber auch eine Kritik an der Bologna-Reform an: Sie sei „froh, Diplom-Politologin zu sein“, und nicht nur einen Bachelor zu haben. Ihre Abschlussnote: 1,5.
Bei der Abschlussfeier des OSI im Jahr 2005 hält nicht nur Mantel eine Rede, sondern auch die SPD-Politikerin Gesine Schwan, langjährige Professorin am OSI. An eine Begegnung mit Mantel erinnert Schwan sich heute nicht mehr. Die Aussagen der Forschungsministerin über das Bafög und das Arbeiten neben dem Studium zeigten aber, dass sie „wenig Respekt vor der Ernsthaftigkeit eines wissenschaftlichen Studiums hat“, so Schwan auf Anfrage der taz.
Nach dem Abschluss 2006 heiratet Mantel ihren Mann Oliver Bär, ebenfalls ein CSU-Politiker. Später kommt heraus, dass sie ihn bis kurz vor der Hochzeit als wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt hatte, ebenso wie die Lebensgefährtin ihres Vaters. Die Diplomarbeit von Dorothee Bär ist weder in der Bibliothek des OSI noch im Katalog der Hanns-Seidel-Stiftung auffindbar. Anders als bei Promotionen gibt es für Diplomarbeiten keine Veröffentlichungspflicht. Am OSI konnten Studierende selbst entscheiden, ob ein Exemplar ihrer Arbeit in der Bibliothek verbleibt. Auch bei der Hanns-Seidel-Stiftung, die Bärs Studium mit einem Stipendium unterstützt hat, ist die Abschlussarbeit nicht zu finden. Außerdem könne man „zu Vorgängen, die zwei Jahrzehnte zurückliegen, keine Auskünfte erteilen“.
Die Pressestelle der FU Berlin teilt mit, die Abschlussarbeit unterliege dem Persönlichkeitsrecht: „Wenn Frau Bär einer Herausgabe zustimmt, kann der Titel der Arbeit herausgegeben werden.“
Die taz hat die Forschungsministerin gefragt, zu welchem Thema sie ihre Abschlussarbeit geschrieben hat. Hat ihr Studium von ihrer Arbeit profitiert, wie die Forschungsministerin es heutigen Studierenden nahelegt – oder hat es unter der Doppelbelastung gelitten?
Titel und Thema der Arbeit verrät Bärs Ministerium auf Anfrage der taz nicht, nur den Betreuer: den mittlerweile verstorbenen Professor Werner Väth. Bär habe neben ihrem Studium „unter anderem in der Gastronomie, im Einzelhandel sowie bei verschiedenen Medien“ gearbeitet.
Zumindest ein Werk aus Bärs Studienzeit lässt sich finden: In der Zeitschrift Politische Studien der Hanns-Seidel-Stiftung schrieb sie 2001 einen kurzen Beitrag über „Compassionate Conservatism“, einen mitfühlenden Konservatismus. Die Idee stammt vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Kritiker sehen darin den Versuch, Sozialkürzungen ein freundliches Gesicht zu geben. Mantel dagegen erkannte einen „dritten Weg von rechts“. Man könne das Selbstwertgefühl von Hilfsbedürftigen stärken und ihre Eigenverantwortung stärken, statt „das Bild von hilflosen Empfängern staatlicher Wohltätigkeiten“ zu vermitteln. In dieser Frage ist die Forschungsministerin Bär der damaligen Studentin Mantel offensichtlich treu geblieben.
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