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LadenöffnungszeitenSollten Läden auch am Sonntag geöffnet sein?

Das Land ist mal wieder gespalten. Diesmal geht es um die Öffnungszeiten von Geschäften am Sonntag. Ein Pro & Contra.

M ehr Modernität oder mehr Me-Time am Wochenende – darüber kann man sich streiten. Hier machen es zwei taz-Redakteur:innen.

Ja, Läden sollten sonntags öffnen,

weil sich selbst Ladungsöffnungszeiten dem Leben anpassen sollten. Ein Laden, der sonntags öffnen möchte, sollte das auch tun können, der Bedarf ist da. In der jahrzehntealten Debatte wird meist vergessen, dass es bereits sehr viele Branchen gibt, für die Sonntagsdienste die Regel sind: Pflegedienste, Krankenhäuser, Bahn, Gastronomie, Polizei, Feuerwehr, Theater, Kino, Zoos, Museen, Medien, … Wer am Wochenende mit dem Auto an den Badesee will, kann selbstverständlich am Sonntag tanken und später mit den Kindern an einem Stand ein Eis essen. Oh mein Gott, den Geburtstag von Tante Erna vergessen? Kein Problem, rasch zum Blumenladen geflitzt, der hat am Sonntag auf. Abends spontan ein Bier zum Fußball? Kein Ding, der Späti hat alles.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Wer jetzt mit dem katholischen Sonntag-ist-Familientag kommt, dem sei gesagt: Pfar­re­r:in­nen haben nie einen Familiensonntag, weil sie an diesem Tag brav auf der Kanzel stehen. Wer das Argument der sonntags geöffneten Shopping-Malls anführt, die kleine Läden verdrängen, sollte aufhören, im Internet zu bestellen. Kleine Läden gehen nicht zuvorderst wegen der großen Ketten kaputt, sondern weil Online-Shopping boomt.

Gewerkschaftlicher Einsatz fürs Verkaufspersonal ist immer richtig, könnte bei der Sonntagsfrage das Ziel womöglich verfehlen: Die meisten Läden in den Malls würden am Sonntag erfahrungsgemäß gar nicht öffnen. Und ja, Ar­beit­ge­be­r:in­nen könnten Angestellte zwingen, sonntags zu arbeiten. Kostet mitunter aber Sonntagszuschläge und produziert fehlendes Personal an anderen Tagen – Stichwort Fachkräftemangel. Wer sonntags arbeitet, hat an anderen Tagen nämlich frei, es wäre auch nicht jeder Sonntag ein Pflichtarbeitstag. Es würde sich also gar nicht so viel ändern, aber die wilde Aufregung könnte sich endlich mal legen.

Simone Schmollack

Nein, Läden sollten sonntags geschlossen bleiben,

weil Arbeit nicht alles sein darf. Längst ist die Sonntagsschließung fragwürdig geworden. Warum soll der Supermarkt an der Ecke dicht sein, gleichzeitig Powershopping bei Shein, Amazon, Rewe-Online erlaubt sein? 24/7, Weihnachten, Karfreitag. Kein Wunder, wenn der stationäre Handel lahmt, die Online-Absätze boomen. Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen schwächelndem Absatz in den Läden und dem Aufstieg des Internethandels gar nicht so eindeutig. Häufig liegt es an öden Geschäften und Malls – oder dreisten Preisen.

Wenn aber DIHK-Präsident Peter Adrian nun die „seelische Erhebung“ der Sonntagsruhe diskreditiert, zeigt das eine schäbige Doppelmoral. Bitte ehrlich bleiben, Herr Adrian! Der Lobbyist der Deutschen Industrie- und Handelskammer argumentiert, das Bedürfnis, einen Tag der Woche pausieren zu wollen, sei nicht mehr modern.

Tatsächlich kommt die grundgesetzlich geschützte Sonntagsruhe aus der Weimarer Verfassung von 1919: Sie sei zur „seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“, heißt es. Klingt oldschool, ist aber topaktuell. Abspannen, Me-Time, Zeit für die Kids dürfen kein Luxus sein. Sie sind das Elixier des Lebens, das nicht von launigen Chefs abhängen darf. Am siebten Tag muss auch niemand in die Kirche gehen.

Deshalb sollte Herr Adrian das Seelische nicht kleinmachen, um Konzernen, die von lockeren Öffnungszeiten allein profitieren würden, nach dem Mund zu reden. Für kleinere Läden ist die Sonntagsöffnung vielfach unmöglich. Adrians Verweis auf freiwilliges Öffnen ist angesichts der Konkurrenz mit den Ketten zynisch. Und ja, Bäckerei-Verkäufer*innen arbeiten bereits sonntags. Dass die Koalition angekündigt hat, hier die Öffnungszeiten liberalisieren zu wollen, ist ein Indiz dafür, dass sie einmal mehr Leuten wie Herr Adrian auf den Leim gegangen ist.

Kai Schöneberg

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Kai Schöneberg

Kai Schöneberg Redakteur

Wirtschaftshistoriker, Ausbildung bei der Burda Journalistenschule. Von 2001 bis 2009 Redakteur in Bremen und Niedersachsen-Korrespondent der taz. Dann Financial Times Deutschland, unter anderem als Redakteur der Seite 1. Von 2012 bis 2024 Leiter des Ressorts Wirtschaft und Umwelt.
Simone Schmollack

Simone Schmollack Ressortleiterin Meinung

Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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14 Kommentare

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  • Einen Tag in der Woche pausieren zu wollen, ist ja nicht verwerflich. Was ein bißchen blöd ist, ist von einer ganzen Gemeinschaft von 83 Millionen Menschen zu fordern, dass alle am gleichen Tag Pause machen sollen. Nur nicht Ärztinnen und Krankenpfleger, Notfallsanitäter, Polizistinnen und Soldaten, Tankstellenwärterinnen, Lokführer, Zugbegleiterinnen usw., usw.

    Es gibt so viele Leute, die heute schon Teilzeit dahingehend arbeiten, dass sie auch unter der Woche einen Tag frei bekommen können. Es gibt - mit Ausnahme theologischer Beharrungskräfte - eigentlich keinen überzeugenden Grund, weshalb regelmäßig freie Tage nicht arbeitsrechtlich verhandelbar sein sollten.

    In den Niederlanden haben Läden die Möglichkeit, Sonntags zu öffnen. Sie müssen auch nicht an einem Tag in der Woche zu haben. Das Niederländische Arbeitszeitgesetz sieht folgendes vor:



    Maximale tägliche Arbeitszeit: 12h



    Maximale wöchentliche Arbeitszeit: 60h



    Maximale wöchentliche Arbeitszeit über 4 Wochen: 55h



    Maximale wöchentliche Arbeitszeit über 16 Wochen: 48h



    Minimale Ruhezeit nach einem Arbeitstag: 11h



    Wöchentliche ununterbrochene Ruhezeit: 36h

    Der Rest ist verhandelbar.

  • Für den Einzelnen ist Schichtarbeit im Schichtwechsel, mit Nachtschichten, ein viel größeres Problem als Sonntagsarbeit tagsüber. Sowohl gesundheitlich als auch in Bezug auf Erholung und Familienleben.

  • Als ich jünger war, fand ich die Sonntagsruhe anachronistisch und einfach nur doof.

    Mit der Reife des Älterwerdens und der Erkenntnis, dass eben nicht alle eine Lebensrealität haben, in der sie nur sich selbst verpflichtet sind und dass nicht alle Chefs das Beste für ihre Mitarbeitenden wünschen (ich hatte bisher sehr viel Glück im Berufsleben) finde ich die Sonntagsruhe gut und wichtig und würde sie eigentlich gern auf alles außer Notfallversorgung erweitern. Es gibt mMn zu viele empathiebefreite Menschen um sie aufzuheben.

  • Die meisten Läden in Malls würden gar nicht erst öffnen? Nicht, wenn die Mall das in den Mietvertrag aufnimmt.



    Also noch schwieriger für kleine Läden, einen der begehrten Plätze in der Mall halten zu können. Denn wer geht schon gerne sonntags in die Mall, wenn ohnehin die meisten Läden geschlossen bleiben?

  • In den größeren Städten Italiens sind viele Supermärkte am Sonntag geöffnet. Beschwerden hört man darüber nicht.

    • @Aurego:

      Und Mittags, wenn man die Sonnenmilch braucht, sind alle zu.

  • Vielleicht liegt Fortschritt darin, Grenzen zu akzeptieren. Zu erkennen, dass nicht alles jederzeit verfügbar sein muss. Dass eine Gesellschaft auch von gemeinsamen Pausen lebt – von Zeiten, in denen Familien zusammenkommen, Vereine stattfinden, Ehrenamt gelebt wird oder Menschen einfach nichts leisten müssen.



    Ironischerweise sind es oft diejenigen, die den freien Sonntag verteidigen würden, wenn es um ihre eigene Branche ginge, die ihn im Einzelhandel als überholtes Relikt abtun. Offenbar ist Freizeit ein hohes Gut – solange andere sie opfern.

    • @Stefan Schmitt:

      Sie unterliegen dem Irrtum, dass es nur zwei Alternativen gibt. Das "nicht dürfen" und das "müssen".

      Tertium non datur: Wie wäre es mit "dürfen, aber nicht müssen"?

      Das ist der gleiche Irrtum, der immer in den Debatten über Tempolimits hochkommt. Die Befürworter eines Tempolimits unterstellen den Gegnern häufig, diese wollten, dass alle Leute schneller fahren als 120km/h. Das ist natürlich Unsinn. Schneller fahren zu _dürfen_ begründet ja auch keine Raserpflicht...

    • @Stefan Schmitt:

      Welche sichtbaren Vorteile ergeben sich nun daraus? Wir können ja mit Ländern, wo es Sonntags offene Läden gibt, vergleichen. Haben zB Kanada oder Italien da gesellschaftliche Nachteile. Sichtbare, nicht herbeifabulierte?

  • Die Ausuferung der Öffnungszeiten - anfangs durch lange Donnerstage, dann an weiteren Wochentagen - hat zu einer "Zerfaserung" der Arbeitsverhältnisse und -zeiten geführt. Die meisten Minijobs sind im Einzelhandel angesiedelt. Die Kund*innen selbst haben nicht mehr Geld als vorher; der Umsatz wird auch durch eine Sonntagsöffnung nicht höher. Wenn wir den Beschäftigten noch den Sonntag nehmen, der als freier Tag gegenüber einem normalen Werktag immer noch als etwas Besonderes angesehen wird, finde ich das nicht gut. Ich spreche mich sogar für eine generelle Verringerung der Öffnungszeiten aus. Ich schließe mich deshalb Schönebergs Kontra an: Der Sonntag gehört der Familie!

  • Einen Tag Ruhe in der Woche, Pause machen, weniger Geschäftigkeit, weniger Verkehr, das tut allen gut. Die Bewohnenden der Innenstädte sind auch dankbar dafür.

  • Hier muss ich Mal der "Linken" Position vollends zustimmen. Nein. Wir brauchen Sonntags nicht auch geöffnete Läden.



    Ja es gibt Branchen bei denen ist es unumgänglich. Die meisten davon ( öffentlich/Gesundheit) bekommen dafür wenigstens "faire" Zuschläge. Bei Bäckern hört das schon auf. Und die Gastro genauso. Und der Einzelhandel ist ja eh schon bekannt dafür schlecht zu bezahlen. Und die Zahlen an Mitarbeitern sind halt ganz andere wenn man alles öffnet



    Es ist den Leuten zuzumuten am Samstag sich alles zu holen. Und wem das Bier ausgegangen ist, sollte einfach entweder vorher mehr kaufen. Weniger trinken, oder dann in den sauren Apfel beißen und entweder in die Kneipe gehen oder an die Tanke.



    Wer im Einzelhandel schon Mal gearbeitet hat. Weiß, 95% der Leute die nach 20 Uhr einkaufen gehen sind entweder junge Leute wegen Alkohol. Oder gelangweilte Personen die nichts mit sich anzufangen wissen.



    Der Sonntag ist für die meisten Familien der einzige Tag wo Kinder und Eltern zusammen frei haben. Das noch weiter zu beschränken und dafür noch erbärmliche Zuschläge zu zahlen. Nein danke.

  • Tja, was bleibt uns in Zeiten der Hirnschmelze durch Soziale und sonstige private Medien auch übrig, als unsere Bedürfnisse über Konsum an Sonntagen zu stillen? Wozu noch ein weitgehend ruhiger Sonntag, wenn er genauso grau und sinnlos erscheinen könnte wie die restlichen Werktage? Am besten gleich 24/7, die Wirtschaft muss schließlich wachsen und wir möchten doch modern sein

  • Ein Hinweis: Ich bin Pastor und habe einen freien Sonntag im Monat garantiert. In der Regel versuche ich mir noch einen zweiten freizuschaufeln – meine Kinder danken es mir. Meine Sonntagsarbeit umfasst an Gottesdiensttagen vielleicht 2 bis 3 relativ entspannte Stunden, die mich mit Freude und Sinn erfüllen und für die ich viel Geld bekomme. Meine Frau hingegen möchte als Einzelhandelskauffrau ungern auch noch am Sonntag ausgebeutet werden (samstags reicht ihr auch schon).