Männliche Mode: Warum Männer sich nicht anziehen können
Zu enge Hosen, Hoodie als Dauerlösung: Der Mann wirkt erstaunlich gleichgültig gegenüber seiner Erscheinung. Er hat nie gelernt, sich selbst zu sehen.
F angen wir am besten mal ganz von vorne an, ist ja auch alles ein bisschen kompliziert. Also: Um das Jahr 1800 verbrachte ein englischer Dandy namens George Bryan Brummell jeden Morgen mehrere Stunden damit, seinen Schlips zu binden. Sein Ziel war es, dass der Schlips am Ende so aussah, als habe das Binden höchstens eine Minute gedauert. Diese gepflegte Nachlässigkeit – das Ergebnis äußerster Sorgfalt, die alle Spuren ihrer selbst tilgt – hat einen Namen. Die Italiener nennen es sprezzatura: gekonnte Nonchalance. Eleganz, die wie Zufall wirkt.
Brummell war der erste moderne Modemann. Vor ihm trugen europäische Aristokraten Kleidung als Machtdemonstration: Perücken, Spitze, Seide, jede Menge Gold. Herrschaft, sichtbar gemacht in Stoff und Tand. Dann kam Brummell, bürgerlicher Herkunft, ohne Titel, kein Vermögen – und zog einen dunklen Wollrock an, schlichte cremefarbene Hose, weißes Leinenhemd; Schnitt, Sitz und Qualität.
Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz
Der britische Psychologe John Carl Flügel nannte das, was Brummell da, ohne es zu wollen, etabliert hat, in seinem Buch „The Psychology of Clothes“ 1930 die „Große Männliche Absage“: den Moment, in dem die Männer des aufsteigenden Bürgertums kollektiv auf Farbe, Prunk und Ornament verzichteten. Was blieb, war der Anzug. Das war kein Stilwechsel. Das war eine Gründungsurkunde des Liberalismus in Stoff.
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Und diese Urkunde enthielt von Anfang an ein Paradox. Denn Brummells Anzug verlangte, was Männer bis dahin nie geübt hatten: ein bewusstes Verhältnis zur eigenen Erscheinung. Sprezzatura meint keine Selbstvergessenheit, sondern das Gegenteil. Sie setzt voraus, dass man seinen Körper kennt, weiß, was ihm steht, und dann so tut, als hätte man darüber nie nachgedacht. Brummell verbrachte Stunden vor dem Spiegel, damit es aussah, als habe er gar keinen. Oder als habe er sich morgens einfach durch seinen Kleiderschrank gerollt – und was hängen blieb, zog er halt an.
Quellen der Männermode
Problematisch ist dabei nur, dass Männer historisch nie gelernt haben, Kleidung als persönliches Verhältnis zum eigenen Körper zu denken. Und der Grund dafür sitzt tief in der Geschichte ihrer Kleidung selbst. Folgendes sollte man nämlich wissen: Die Quellen der Männermode sind nicht Eleganz oder Selbstausdruck; die Männermode speist sich vielmehr aus den Bereichen Militär, Arbeit und Sport.
Feldjacken, Trenchcoats, Bomberjacken – Uniformteile, die in die Alltagsmode eingewandert sind. Jeans und Chambray-Hemden trugen Minenarbeiter, und die Canvas-Jacke gehörte auf Baustellen, bevor sie in Boutiquen landete. Seit dem frühen 20. Jahrhundert setzte sich dann die Sportmode durch: erst der Blazer aus dem Ruderclub, dann der Trainingsanzug, heute die Allherrschaft von Sneaker und Hoodie.
Diese drei Quellen haben etwas Entscheidendes gemeinsam: Kleidung war Funktion, nicht Sprache. Männer trugen, was die Gruppe trug, der sie angehörten. Immer hat eine Institution die Wahl der Kleidung vorgegeben – die Armee, der Betrieb, der Verein. Der Mann selbst musste nie entscheiden. Er musste sich nie vor den Spiegel stellen und fragen: „Was bin ich? Wie will ich vor der Welt erscheinen?“
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Das ist natürlich keine Kleinigkeit. Denn wer nie gelernt hat, sich selbst anzusehen, kennt seinen Körper nicht. Die meisten Männer wissen nicht, wo ihre Schulternähte sitzen sollen. Sie wissen nicht, dass eine Hose, die am Bund passt und an der Wade zieht, schlicht die falsche Hose in der falschen Größe ist. Sie wissen nicht, welche Silhouette zu ihrer Figur passt, welcher Kragen ihren Hals verlängert oder verkürzt. Und sie ahnen nicht, dass Passformprobleme meist keine Frage des Geldes sind, sondern des Wissens: Ein günstiger Anzug, der sitzt, schlägt jeden teuren, der schlottert.
Der Anzug – ein kulturelles Versprechen
In unserer Kultur ist es nun einmal so, dass Frauen damit aufwachsen, ihren Körper früh zu thematisieren. Das ist falsch und eine Zumutung. Männer lernen das Gegenteil (das ist auch falsch und eine andere Art der Zumutung): Der Körper soll funktionieren, nicht erscheinen. Also stecken sie ihn in Funktionsjacken, Hoodies, in zu große Hemden. Der Mann in formlosen Zeugs hat sich nicht gegen Mode entschieden. Er hat sich gegen die eigene Sichtbarkeit entschieden. Seine Rettung wäre – na? – genau: der Anzug.
Die Bourgeoisie des 18. und 19. Jahrhunderts hatte eine andere Vorstellung davon, wie Sichtbarkeit hergestellt werden sollte: nicht durch ostentativen Reichtum, sondern durch Selbstkontrolle. Der dunkle Anzug signalisierte Disziplin, Ernsthaftigkeit, Verlässlichkeit. Seine Botschaft lautete: Ich habe mich im Griff. Er war demokratisch an der Oberfläche, weil ihn im Prinzip jeder tragen konnte; in der Praxis verlangte er Wissen – über Schnitt, Stoff, Passform, Kontext —, das man sich aneignen musste.
Der Anzug war somit ein kulturelles Versprechen: Ich bin die Sache, nicht das Spektakel. Dann liberalisierte sich die Mode selbst. Die Grenzen zwischen formell und leger lösten sich auf. Fast Fashion machte Kleidung zu Wegwerfware. Der „Missing Middle“ – gute, bezahlbare, alltagstaugliche Herrenbekleidung – verschwand, zerrieben zwischen H&M und Maßschneider. Und die industriellen und militärischen Kontexte, die die funktionale Männerkleidung einst mit Bedeutung aufgeladen hatten, verschwanden ebenfalls.
Das Problem ist heute nicht, dass Männer sich schlecht anziehen. Das Problem ist, dass niemand mehr sagen kann, was „gut angezogen“ eigentlich bedeutet – und dass Männer nie gelernt haben, diese Frage selbst zu beantworten.
Der formlose Mann und der Hyperkurierte
Kleiderregeln sind keine ästhetischen Absolutheiten, sondern geronnene Geschichte. Schwarze Oxfords passen zum dunkelblauen Anzug, weil das die Uniform von Männern einer bestimmten Klasse war, wenn sie in London Geschäfte machten. Wenn diese Geschichte sich auflöst, lösen sich die Regeln auf. Und wer keine Regeln mehr hat, an denen er sich abarbeiten kann – und nie gelernt hat, jenseits der Regeln selbst zu urteilen —, hat auch keine Sprache mehr für sich selbst.
Charles Baudelaire schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts, Mode sei ein Spiegel, der den Geist des Zeitalters reflektiert. Was sich heute im Spiegel zeigt, sind zwei entgegengesetzte Erscheinungen, die dasselbe verraten.
Die erste: der formlose Mann. Nichts passt, weder von der Größe noch von der kulturellen Sprache. Alles ist bequem bis zur Selbstaufgabe – oder funktional ohne Grund.
Die zweite: der hyperkurierte Körper. In bestimmten Ecken des Internets wird Männlichkeit als Optimierungsprojekt betrieben – Training, Ernährung, Disziplin. Der Körper wird zur sichtbaren Leistung, Kleidung zum Rahmen: eng, damit das, was man geschafft hat, zur Schau gestellt werden kann. Aber auch das ist keine persönliche Sprache, sondern Konformität – diesmal nicht zur Gruppe, sondern zum Instagram-Algorithmus. Diese Ästhetik ist keine Marotte, sondern Ideologie. Sie zeigt sich im engen Stoff und ist quasi eine Gegenreaktion auf eine Kulturlandschaft, in der traditionelle Geschlechterbilder unscharf geworden sind.
Beide Erscheinungen – der Formlose und der Hyperkurierte – sind Reaktionen auf dieselbe Leere. Der Anzug war eine Schöpfung des Liberalismus – und er wurde vom Liberalismus getötet. Dort, wo der Anzug als gemeinsamer Code stand, ist nichts nachgewachsen.
Unfähigkeit und politische Orientierungslosigkeit
Brummells vermeintlich zufällig Eleganz war kein Betrug, sondern Kunst. Das Maximum an Luxus im Dienst minimaler Protzigkeit. Sprezzatura – die Arbeit, die ihre eigene Arbeit versteckt.
Genau diese Fähigkeit fehlt. Nicht die Fähigkeit, sich herauszuputzen. Sondern die Fähigkeit, die eigene Erscheinung in der Welt ernst zu nehmen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Den eigenen Körper zu kennen, statt ihn zu verstecken. Die Frage zu stellen: Wer bin ich – und wie will ich aussehen?
Der deutsche Mann ist nicht deshalb, wer er ist, weil er schlecht gekleidet ist. Aber es ist auch kein Zufall, wie er rumläuft. Seine Kleidung ist nicht die Ursache der politischen Orientierungslosigkeit – sie ist ihr sichtbarstes Symptom. Sie zeigt, dass das bürgerliche Versprechen, das der Anzug einmal verkörperte, nicht mehr geglaubt wird. Und dass an seiner Stelle nichts steht: kein neues Versprechen, keine neue Sprache, kein neues Bild davon, wie ein Mann in der Welt erscheinen will.
Die große männliche Absage war einmal ein politischer Akt.
Ihre Rücknahme auch.
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