CDU-Niederlage in Baden-Württemberg: Einfach nur provinziell
Die CDU hat verloren, weil sie nicht begriffen hat, wie weltoffen das Land inzwischen ist. Mit Manuel Hagel schuf sie eine retro-schwäbische Karikatur.
D ie CDU in Baden-Württemberg versteht die Welt nicht mehr. Und Baden-Württemberg auch nicht. Wie konnten die Wähler ihr diesen Wahlsieg vorenthalten? Ihr, der Baden-Württemberg-Partei von Erwin Teufel und Lothar Späth?
„Endlich wieder Politik für normale Leute“ hat die CDU plakatiert, obwohl sie zehn Jahre mitregierte. Manuel Hagel hat in seinen Reden ein Hobbit-Land aus Häuslebauern und fleißigen Menschen gezeichnet. Sich selbst hat er bis zur Karikatur als „Schwaben-Ken“ mit Ministrantenjugend, intakter Hetero-Familie und Sparkassenkarriere präsentiert. Ja, dieses Baden-Württemberg gibt es, selbst im hintersten Ostalbkreis ist es so. Aber gleichzeitig auch ganz anders.
Wer bei einem der viel beschworenen Weltmarktführer in der Provinz arbeitet, dürfte durch Dienstreisen in Überseestandorte und internationale Kollegen mehr Auslandserfahrung als der 37-jährige Spitzenkandidat der CDU haben. Wer als Ingenieur bei Bosch um seinen Arbeitsplatz bangt, weiß, dass der Verbrennungsmotor nicht die Rettung ist, selbst wenn er mit Methanol betrieben wird. Und er weiß, dass das Versprechen eines potenziellen Ministerpräsidenten, „um jeden einzelnen Arbeitsplatz zu kämpfen“, ein Lippenbekenntnis bleibt, weil die Trump-Zölle höchstens in Brüssel gekontert werden können. Wer in den vielen Ballungsräumen des dicht besiedelten Landes nach einer bezahlbaren Wohnung sucht, dem wird nicht mit einer großzügigen Hausbauprämie geholfen. Das Land besteht nicht nur aus Nebenerwerbsbauern, die ihre Äcker gewinnbringend in Bauland umwandeln wollen.
Und dann die unterschwellige Annahme des CDU-Kampagnenteams, dass die Baden-Württemberger „einen Türken“ schon nicht wählen würden. Um das nach 70 Jahren Einwanderungsgeschichte zu glauben, muss man schon ein sehr engstirniges Bild auf die eigene Klientel haben. Die, die so denken, sind größtenteils längst nach rechts zur AfD abgewandert.
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Kein Schritt weiter in den Städten
Wenn man auf die Ergebnisse in den einzelnen Wahlkreisen schaut, sieht man: Die CDU ist, seit sie 2011 die Macht verloren hat, in den urbanen Milieus keinen Schritt weitergekommen. Dort wählt das Bürgertum mehrheitlich grün. Und selbst in ländlichen Wahlkreisen, wo die CDU fast flächendeckend gewonnen hat, liegen Grüne oft über 20 Prozent.
Sogar das CDU-Stamm-Milieu ist heute vielfältiger als zu Erwin Teufels Zeiten – und als es die Kampagne der CDU vermuten lässt. Da gibt es Unions-Bürgermeister, die harte Klimaziele verfolgen, als wären sie eingefleischte Grüne. Da gibt es Kommunen wie das CDU-geführte Rottenburg, Mitglied der Seenotrettung, die noch immer eine offensive Willkommenskultur à la Merkel pflegen.
Deshalb kann man die Union nur davor warnen, die Brandmauer zur AfD einzureißen. „Wir sind die Brandmauer“, hat Manuel Hagel glaubhaft und zutreffend postuliert. Alles andere würde auch die Südwest-CDU zerreißen. Will sie in fünf Jahren Özdemir beerben, muss sie im Gegenteil ihre politische Partitur auf den heutigen Stand bringen.
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