Fahrrad-Unfallstatistik: Deutscher Sonderweg
Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrer:innen steigt, zumindest in Deutschland. Das ist auch kein Wunder – bei der Politik.
E s ist eine der Merkwürdigkeiten in der deutschen Politik: Wenn der Autoverkehr zunimmt, dann braucht es natürlich neue Straßen. So werden im Jahr 2026 ernsthaft noch Autobahnen (aus)gebaut – wo doch schon jetzt die Mittel für die Instandhaltung und -setzung der vorhandenen knapp und umkämpft sind. Und, ach so, eine Klimakrise ist da ja auch noch, aber die in der Verkehrspolitik zu berücksichtigen, ist anscheinend ein bisschen viel verlangt.
Doch nun nimmt regional der Radverkehr zu. Mehr Menschen legen Strecken per Rad zurück, mit den beliebten E-Bikes lassen sich auch längere Wege leichter bewältigen – gerade für Menschen, die sich früher aus Fitnessgründen nicht dazu in der Lage fühlten. Und was passiert? Bekommen wir Fahrradschnellwege, flächendeckend geschützte und breite Radspuren, abbiegesichere Kreuzungen, vielleicht gar angepasste Ampelschaltungen und konsequente Räumdienste im Winter? Vielleicht in einem Paralleluniversum. Aber jedenfalls nicht hier.
Wo die Infrastruktur knapp ist, kommt es zu Nutzungskonflikten. Wo es Nutzungskonflikte gibt, steigt das Unfallrisiko. Es ist also kein Wunder, wenn das Statistische Bundesamt nun meldet, dass die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Fahrradfahrer:innen im vergangenen Jahr gestiegen ist. Und auch, wenn dieser Anstieg vor allem auf ältere E-Bike-Fahrer:innen zurückzuführen ist, darf nicht untergehen, dass die meisten von ihnen eben nicht mit überhöhter Geschwindigkeit und ohne Einwirkung von außen gegen einen Baum rasen. Bei dem Großteil der Unfälle ist jemand zweites beteiligt, und davon sind der Großteil: Autofahrende.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Einer aktuellen Analyse des Europäischen Verkehrssicherheitsrats zufolge ist EU-weit die Zahl der getöteten Radfahrer:innen von 2014 bis 2024 um 0,5 Prozent jährlich gesunken. In Deutschland ist sie derweil jährlich um 1,5 Prozent gestiegen. Das bedeutet: Es ginge besser. Aber es ist politisch offenbar nicht gewollt.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert