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Die eine FrageSoll man AfD-Wählern Argumente entgegenhalten?

Man müsse mit Rechtspopulisten in einen Streit der Argumente treten, statt sie zu ignorieren oder auszugrenzen, fordert Winfried Kretschmann. Nur wie?

B aden-Württembergs am längsten regierender Ministerpräsident hat in der letzten wochentaz dafür plädiert, mit Rechtspopulisten in einen Streit der Argumente zu treten. Die Strategie des Ignorierens sei gescheitert, sagte Winfried Kretschmann, genauso die Strategie der Ausgrenzung („Wer Nazis wählt, ist Nazi“).

Schade eigentlich, denn verdammen und ausgrenzen ist gerade bei unsereinem sehr beliebt, weil man den Anschein erwecken kann, man engagiere sich, indem man nichts tut – außer AfD-Wähler so richtig in ihrer Einschätzung zu bestätigen, dass Liberaldemokraten sie verachten und sie goldrichtig mit der AfD liegen. „Wir müssen sicher weiter darauf bestehen, dass mit diesen Leuten nicht zusammengearbeitet wird“, sagt Kretschmann, „aber wir müssen mit ihnen in die Auseinandersetzung gehen. Und das heißt streiten im öffentlichen Raum.“

Ja. Aber (anekdotische Evidenz): Wenn man mit einem Wegdriftenden spricht, dann sagt er häufig gleich, das große Problem der Gegenwart seien „die Ausländer“. Die würden immer mehr, kriegten Kinder wie die Karnickel, „wir“ dagegen kaum noch welche, und so weiter. Nun argumentiert man, dass es sich bei seinen „Ausländern“ häufig um Bundesdeutsche handele, um Migrantenkinder zweiter und dritter Generation, und dass die Gesellschaft gesteuerte Einwanderung brauche: Ärzte, Pfleger, Facharbeiter, Leute, die künftig die Dinge am Laufen halten und den Sozialstaat und die Renten finanzieren. Und dann sagt der andere, dass das Problem „die Ausländer“ seien und dass es so nicht weitergehen könne. Ebenso bei anderen Fragen.

Was macht man da? Auch Kretschmann sieht die Überzeugungskraft des besseren Arguments in der Krise, aber er ist von jeher der Ansicht, dass Liberaldemokraten nichts anderes übrig bleibt, als zu argumentieren. Bei den Parteistrategen, Rechtsradikalen und Rechtsextremen bringt das nichts und wohl auch nicht bei manchen Leuten, die von ihrer Medienzusammenstellung total kontaminiert sind.

Meine Hoffnung besteht darin, dass ein relevanter Teil der Leute, die bereits AfD wählen oder auf dem Sprung dazu sind, noch erreichbar sind. Wer sie Nazis nennt, wird sie verlieren, wer Demos „gegen rechts“ organisiert, treibt auch gleich den rechtskonservativen Teil der CDU ins Illiberal-Autoritäre. Das ist nicht klug.

Es ist essenziell, zwei Gruppen auseinanderzuhalten, nennen wir sie probehalber a) völkisch und b) rechtsnational. Und damit sind wir bei Cem Özdemir, Kretschmanns Nachfolger als Ministerpräsident, und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), die genau diese Unterscheidung treffen. Rechtsnational stellt Deutschland über den Rest, könnte aber mit dem Grundgesetz vereinbar sein, wenn der Volksbegriff nicht rein ethnisch ist. Völkisch dagegen unterscheidet klar nach Abstammung und nicht nach Recht, nach Menschen, die dazugehören, und anderen, die es nicht tun und weniger wert sind. Im Moment sucht Özdemir eine Mehrheit im Bundesrat, die ein Verfahren beim Bundesverfassungsgericht einleitet, um jene Landesverbände der AfD zu prüfen, die aus seiner Sicht „eindeutig völkisch“ sind, das meint Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Er braucht 35 von 69 Stimmen, und die Chance ist da, dass er sie kriegt.

Ich plädiere daher für eine Doppelstrategie: Mit den einen sprechen, die anderen vor das Bundesverfassungsgericht bringen. Klar kann man sagen, dass so ein Verbotsverfahren viel zu spät kommt. Aber das hilft nicht. Also, lasst es uns probieren. Das Gleiche gilt für meinen AfD-Wähler. Er hat ja einen Punkt, wenn er sagt, dass es „soooo nicht weitergehen“ könne. Das teile ich. Aber wie dann? Darüber müssen wir sprechen können.

Peter Unfried

Peter Unfried Chefreporter der taz

Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried
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14 Kommentare

  • Janix

    Argumente verlieren zu häufig gegenüber Emotionen und Ressentiments. Bzw. sie werden bewusst oder unbewusst weggedrückt, um "Recht zu behalten" aka: nicht dazuzulernen.



    Wir sind Menschen.

    Mit Augenhöhe beginnen, vielleicht hat das Gegenüber einen Punkt, und verstehen wollen. Doch wie Unfried schreibt, ist es dann irgendwann auch mal gut, wenn das Gegenüber fiese Rhetorik startet, Fakten quirlt und wie im Fall vieler AfD-ler ein Wertegerüst zeigt, das diesseits von Affekten und jenseits aller Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit liegt.



    Dann dies benennen und abbrechen ist legitim, unsere Lebenszeit ist auch begrenzt, und im Regelfall bekommen wir Sozialtherapie auch nicht bezahlt (die Augenhöhe ist dann aufgehoben).

    Landesverbände verklagen wäre wohl ein Weg, um Rechtsradikalismus eben nicht "normal" werden zu lassen. Dies lässt einer AfD insgesamt aber auch die Chance, sich zur CSU 2.0. zu häuten (auch wenn so etwas der Führungsspitze den Kopf kosten dürfte).

  • Sikasuu

    Baden-Württembergs am längsten regierender Ministerpräsident hat in der letzten wochentaz dafür plädiert, mit Rechtspopulisten in einen Streit der Argumente zu treten.



    -----



    Ja, die "Ausländer" sind es Peter. Hast Du gut beschrieben!

    "... Meine Hoffnung besteht darin, dass ein relevanter Teil der Leute, die bereits AfD wählen oder auf dem Sprung dazu sind, noch erreichbar sind. .... "



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    Und DA scheiden sich unsere Ansichten! Hoffen & Glauben sind "Geschwister" & "glauben" sollten wir uns bei diesem Thema schnellstens abgewöhnen!



    Es gab mal einen, der "glaubte", das laut "verkündet", die o.a. Gruppe halbieren zu können!



    Ergebnis? Er hat sie verdoppelt!



    Wenn "etwas" redet wie ein "Neonazi", denkt wie einer, wählt wie s.o., ...



    ... dann ist die Wahrscheinlichkeit HOCH, dass das keine "Ente", sondern ein "Neonazi" ist!



    Und DANN lass uns die auch so nennen!



    Btw. Wenn Argumente kein Gewicht mehr haben, "Was tun"?



    Als überzeugte "Demokraten" (hier stand erst „militante Demokraten“) , müssen wir unser GG verteidigen.



    Einmal, vor den "1.000 Jahren" haben wir versucht, diese "Leute" einzubinden! Gab ein Ende mit Schrecken!



    "Faschis(s)mus 2.0 zulassen?" Wir müssen uns wehren! Nur wie?

  • Rainer Beuthel

    Mit hardcore-AfD-Wähler*innen zu diskutieren hat was Masochistisches, es bringt nichts. Viele stehen noch "auf der Kippe", an die muß man ran...

  • Ingo Bernable

    Man sollte aber doch eigentlich meinen, dass sich selbst für einen angenommenen deutsch-national eingestellten Wähler, der gerade eben noch so mit einem kleinen Zeh auf dem rechtesten rechten Rand des Grundgesetzes balanciert und deshalb völkische Ideologie ablehnt die Wahl der AfD verbieten müsste eben weil sie in Mitgliedern und politischen Positionen das Völkische nicht nur duldet, sondern aktiv politisch einfordert, sei es in den Deportationsphantasien, sozialen Leistungen nur für Deutsche, separierte Ausländerklassen, ... ?

    Und müsste man, wenn man meint seine Zeit in den Versuch eines konstruktiven und fruchtbaren Dialogs mit dieser Klientel investieren oder auch verschwenden zu wollen, dies nicht eher bei Tichy oder Nius tun als in der taz den eigenen Genoss*innen vorzuwerfen, dass sie das eben nicht tun mögen?

  • Sonnenhaus

    Ergänzung: Die aktuelle Regierung tut mit den Reformvorhaben derzeit alles dazu, dass die letzten demokratischen Wähler ihr Vertrauen verlieren und sich von Demokratie verabschieden oder sich radikalisieren.



    So betrachtet bietet Berlin in Form der sich andeutenden Koalition eine Alternative zurück zu demokratischen Verhältnissen, auch wenn die Union dies mit AfD-Geschrei verhindern will. Vielleicht weil sie darin die Basis ihres eigenes Regierungsendes erkennt, weil ihr bewusst ist, was sie den Wählern zumutet.

  • Stephan Hoffmann

    Als Demokrat ist es frustrierend, dass es unter den Gleichgesinnten immer noch die Anwälte der Fehlgeleiteten gibt:



    Die inhaltliche Auseinandersetzung ist gescheitert - seit über 10 Jahren wachsen trotz aller guter Argumente die Zustimmunsgseerte der AFD.



    Ich habe das Gefühl, dass viele, die auf den kommunikatien Weg setzen, noch nie mit solchen Menschen (AfD-Wähler, Verschwörungstheoretiker usw.) geredet haben. Ich habe das getan - die leben in ihrem geschlossenen Wahnsystem. Da kommt man mit Fakten nicht weiter.



    Wir müssen Demokratie offensiv verteidigen. Wir müssen diese Menschenverachter begrenzen; sagen, dass wir so etwas in unserem Land nicht haben wollen und das solches Verhalten nicht toleriert wird...und durch ein gerichtliches Verfahren ein Verbot geprüft wird.

  • Sonnenhaus

    "Das Gleiche gilt für meinen AfD-Wähler. Er hat ja einen Punkt, wenn er sagt, dass es „soooo nicht weitergehen“ könne. Das teile ich. Aber wie dann?"



    Und genau da liegt das Problem, das die AfD keine belastbaren Lösungen auf den Tisch legt. Oder mit Falschbehauptungen argumentiert, deren Grundlage offen bleibt. Und dennoch verfängt diese Agitation bei den Wählern aufgrund der Radikalität der Forderungen? Aufgrund der seit Jahrzehnten erfahrenen politischen Unsichtbarkeit?



    Wenn politisches Vertrauen zerstört ist, lässt es sich allein durch Argumente nicht zurückgewinnen. Das ist nur mit Taten möglich. Erst wenn der Wähler feststellen wird, die Politik beachtet spürbar seine Belange, wird Vertrauen wieder zurückgewonnen. Andernfalls bedarf es eines demokratischen Niederganges bis der Wähler den Scheintaten der Heilsbringer nicht mehr folgt und umkehrt zur Demokratie. Dabei bleibt die Frage, auf welchem Weg diese dann zurückgewonnen werden kann.

  • Horst VomDienst

    Wenn die Klientel zugänglich für Fakten, Argumente und Logik wäre, würde sie nicht den Rattenfängern hinterherrennen, die sie für dumm verkaufen.

  • Il_Leopardo

    Gegen gefühlte oder alternative Wahrheiten vieler AfD-Wähler helfen keine Argumente.

  • Marius

    "...und dass die Gesellschaft gesteuerte Einwanderung brauche"



    Gesteuerte Zuwanderung gibt es ja gerade nicht bzw. nur kaum. Der Anteil an Arbeits-Immigration aus Nicht-EU-Staaten ist sehr gering. Was es hingegen viel gibt, ist ungesteuerte Immigration. Von AfD-Wählern mag alles in einen Topf geworfen und abgelehnt werden. Aber dass es Unmut erzeugt, wenn die verschiedenen Formen von Immigration in der Öffentlichkeit kaum unterschieden werden und praktisch eine Form der Zuwanderung überwiegt, kann auch keinen verwundern. Der Punkt ist ja, dass immer gesagt wird, wir brauchen Zuwanderung, aber gleichzeitig die Deckung dieses "Bedarfs" einer ungesteuerten Zuwanderung überlassen wird, statt das gezielt anzugehen. Das ist eigentlich ein Versagen auf ganzer Linie, von Linke bis CDU/CSU.

  • Offebacher

    Ein Artikel von Herr Unfried, dem ich zustimmen kann, ist eher selten, hier trifft er aber zu. Und reden und in einen Streit der Argumente treten, könnte zuumindest bei einem Teil der AfD-Anhänger bzw. den von den anderen Parteien frustierten und enttäuschten, deshalb die AfD als "Denkzettel" wählenden Leuten, funktionieren. Allerdings könnten von da auch andere Argumente kommen als nur platt "die Ausländer sind schuld". Darauf sollte man sich beim Streit der Argumente auch vorbereiten.

  • UB Setala

    Klare Antwort: Bei den meisten lohnt es sich nicht zu diskutieren. Die sind zu festgefahren in ihrem Weltbild, dass garnicht in Erwägung gezogen wird falsch zu liegen.



    Da kommen dann die verrücktesten Verschwörungstheorien, warum belegte Fakten falsch seien.

    AgD Wähler sind meistens so weit vom Kurs abgekommen, dass Wissenschaft konsequent geleugnet wird.

  • llorenzo

    Es ja so, dass die AFD sich der Diskussion selbst entzieht. Sie gewinnt mit Phrasen und rechten Bühnenstücken. Die AFD ist es die nur einen schmalen Pfad der Kommunikation gelten lässt. Immer Medial und immer mit einer Zielsetzung der eigenen Platzierung. Kein Wunder, dass alle immer sagen sie wüssten nicht wie mit der AFD reden, wenn die Sprachschablonen schon längst ausgemacht sind, ist jedes Gespräch entweder ignorierende Bejahung oder lächerliches Bekämpfen a la Don Qichote. Ein Gespräch sollte nie geführt werden, das war nie der Plan.

  • Pflasterstrand

    soll man peter unfrieds kolumne lesen?