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Queer- und transinklusive Geburtshilfe„Wir wollen endlich sichere Geburtsräume für alle Körper“

Doula Gem Kocher kritisiert transfeindliche und rassistische Strukturen und erklärt, wie queere Geburtshilfe funktioniert.

Interview von

Pauline Cruse

taz: Was unterscheidet Ihre Arbeit als Doula von der einer medizinischen Hebamme?

Gem Kocher: Wir arbeiten als komplementäre Versorgungsmodelle. Hebammen sind für die medizinische Versorgung und die Sicherheit vom gebärenden Elternteil und vor allem dem Baby zuständig. Eine Doula leistet dagegen eine kontinuierliche emotionale und körperliche Begleitung, zum Beispiel durch Massagen, psychischen Beistand oder nicht pharmakologische Schmerzlinderung im Kreißsaal. Statistisch gesehen führt eine Doula-Begleitung zu schnelleren Geburten und einer um 50 Prozent niedrigeren Kaiserschnittrate. Wir haben den klaren Fokus auf die Gebärenden.

taz: Warum bieten Sie in dem Rahmen eine spezialisierte queer- und transinklusive Begleitung an?

Kocher: Weil das deutsche Gesundheitssystem extrem heteronormativ und cis-zentriert geprägt ist. Queere Eltern stoßen schon lange vor dem Kreißsaal an rechtliche und bürokratische Hürden. Lesbische Co-Mütter etwa müssen ihr eigenes Kind langwierig über eine Stiefkindadoption annehmen. Und gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für künstliche Befruchtungen nur für verheiratete Heteropaare mit eigenen Keimzellen.

Im Interview: Gem Kocher

(they/them) ist ein:e zer­ti­fi­zier­t:er Doula und Ak­ti­vis­t:in aus den USA. Seit 2014 arbeitet Kocher dort und in Deutschland in der Geburtsbegleitung und Lehrplanentwicklung für Doula Trainings International. Schließlich gründete Kocher die Rainbow-Doula-Ausbildung in Berlin, um Geburtsräume durch inklusive und diskriminierungsfreie Care-Arbeit zu verändern. Im August beginnt Kochers Queer- & transinklusive Doula-Ausbildung, die vier Präsenztage und zehn darauffolgende Monate Online-Unterricht umfasst.

taz: Und im Kreißsaal selbst?

Kocher: Da läuft man direkt gegen die nächste Wand. Ein Beispiel: Wenn ein schwangerer trans Mann ein Kind zur Welt bringt und er seinen Geschlechtseintrag zuvor schon auf „männlich“ geändert hat, kann es sein, dass das Krankenhaus die Geburt nicht über die Krankenkasse abrechnen darf. Viele Computersysteme sehen diese Kombination aus Patient und Leistung schlicht nicht vor.

taz: In Ihren Doula-Schulungen sprechen Sie auch über institutionellen Rassismus. Welche Diskriminierungen erfahren gebärende People of Color konkret?

Kocher: Gewalt in der Geburtshilfe ist ein riesiges Thema. In einem Hebammenkurs hat eine Lehrkraft einer Freundin von mir und dem restlichen Kurs erzählt, dass Schwarze Menschen weniger Anästhesie und Schmerzmittel bräuchten, weil sie weniger Schmerz empfinden würden.

taz: Bekommen Sie das in der Praxis mit?

Kocher: Ich habe das direkt bei der Begleitung meiner ersten Schwarzen Gebärenden erlebt. Sie hatte einen Kaiserschnitt und zitterte nach der Operation vor unerträglichen Schmerzen. Der Schweiß rann ihr übers Gesicht und sie konnte kaum atmen. Ich rief die Hebamme zurück und sagte ihr, dass sie stärkere Schmerzmittel brauche. Die Hebamme meinte nur: „Wir können ihr etwas Paracetamol geben.“ Dann ging sie und kam eine Stunde lang nicht wieder. Wir wurden komplett ignoriert. Für mich war eindeutig, dass sie im Vergleich zu meinen weißen Kli­en­t:in­nen anders behandelt wurde. Was ich hier erzähle, ist zwar anekdotisch, es wird aber durch die Forschung gestützt: In den USA sind Schwarze Gebärende heute in etwa dem gleichen Sterblichkeitsrisiko ausgesetzt wie weiße Frauen Ende der 1950er Jahre. Bei Kli­en­t:in­nen ostasiatischer Herkunft ist mir aufgefallen, dass sie auffallend oft ohne medizinische Indikation sehr weite Dammschnitte erhalten. Durch Kommentare von medizinischem Personal weiß ich von rassistischen Mythen, die sich hartnäckig halten. Da heißt es, dass ostasiatische Frauen kleinere Vaginen hätten, die sich nicht genug dehnen können, um den Kopf des Babys durchzulassen.

taz: Woher rührt der Widerstand in Institutionen wie Krankenhäusern, wenn Gebärende oder ihre Begleitpersonen eigene Bedürfnisse einfordern?

Kocher: Das gesamte Gesundheitssystem ist auf Gehorsam ausgelegt. Wenn das Personal eine Empfehlung wie die Weheneinleitung ausspricht und eine Klientin die Zustimmung verweigert, entsteht massiver Stress. Die Ärz­t:in­nen haben Angst, am Ende rechtlich haftbar gemacht zu werden. Ich gebe nicht den Individuen die Schuld, sondern dem System. Gerade für traumatisierte Menschen kann der Kreißsaal so aber gefährlich werden.

taz: Inwiefern?

Kocher: Geburt und Wochenbett bedeuten pure Verletzlichkeit. Wenn eine Person mit sexuellem Trauma in ein System gerät, das auf Kontrolle statt informierte Einwilligung setzt, ist das Risiko einer Retraumatisierung riesig. Standardisierte vaginale Untersuchungen ohne vorherige Absprache oder das Gefühl, dem Personal ausgeliefert zu sein, können dafür sorgen. Eine informierte Doula-Begleitung schafft da einen wichtigen Schutzraum: Wir bereiten Triggerpunkte vor und achten im Kreißsaal penibel darauf, dass Grenzen respektiert und Entscheidungen transparent kommuniziert werden.

taz: Sie bilden in Ihrer Ausbildung auch für die Begleitung bei „transfemininer Laktation“ aus. Wie kann eine trans Frau Milch im eigenen Körper produzieren?

Kocher: Trans Frauen, die sich einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie unterziehen, entwickeln über längere Zeit mehr Brustgewebe, das beim Stillen hilft. Übrigens haben Menschen aller Geschlechter Milchdrüsen, das gilt auch für Cis-Männer. Ich hatte sogar einmal einen Cis-Mann in der Praxis, der sein Baby gemeinsam mit seiner Frau gestillt hat. Ein paar Monate vor der Geburt hat er mit einer leichten HRT-Hormontherapie begonnen und ein sogenanntes Laktations-Induktionsprotokoll verfolgt. Am Ende konnte er sein Baby selbst ernähren.

taz: People of Color, Cis-Männer, trans Frauen: Sie decken viele Perspektiven ab. Was ist das übergeordnete Ziel Ihres Doula-Trainings?

Kocher: Traditionelle Doula-Ausbildungen spiegeln oft eine weiße Monokultur wider. Immer wieder tauchen sehr klischeehafte Bilder von der sanften Frau mit Blumen im Haar auf, die den starken Ehemann an ihrer Seite hat. Wir brechen das auf und integrieren das von Schwarzen Feministinnen geprägte Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit („Reproductive Justice“). Das bedeutet, anzuerkennen, dass diskriminierte Gruppen oft darum kämpfen mussten, überhaupt Kinder gebären und behalten zu dürfen, ohne dass der Staat sich kriminalisierend einmischt. Deshalb schulen wir mit Sicht auf Intersektionalität, Neurodivergenz und Behinderungen. Wir wollen endlich sichere Geburtsräume für alle Körper.

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