piwik no script img

Krise der CDU Den Schuss nicht gehört

Anna Lehmann

Kommentar von

Anna Lehmann

Statt aufarbeiten, was zum Verlust der Wahrnehmung als Volkspartei führt, betreibt die CDU weiter Abgrenzung nach links. Das freut vor allem die AfD.

D ie CDU ist nur noch in Teilen eine Volkspartei, also eine politische Kraft, die alle gesellschaftlichen Gruppen erreicht. Diese bittere Erkenntnis sprach nun auch der Bundeskanzler aus, nachdem sie ganz offensichtlich nicht mehr zu leugnen war und die Wäh­le­r:in­nen die Partei in Mecklenburg-Vorpommern zur Splitterpartei machten. Auf die Sorgen und Nöte der Menschen habe die CDU keine zufriedenstellende Antwort, so Friedrich Merz. Damit hat er total recht.

Aber leider scheint die Aufarbeitung vorbei zu sein, ehe sie überhaupt begonnen hat. Stattdessen arbeitet sich die CDU jetzt an der Linken ab, wärmt sich an ihrer Empörung gegen den „antisemitischen linken Rand“ und droht damit nicht nur sich selbst, sondern auch die politische Mitte weiterhin zu zerstören. Die Partei hat ganz offensichtlich den Schuss nicht gehört.

Ohne Zweifel hat die Linkspartei ein Antisemitismusproblem. Einige Mitglieder sympathisieren offen mit antisemitischen Gruppen oder fordern gar selbst die Zerstörung Israels. Die Linke muss solche Leute ausschließen, bloße Bekenntnisse oder eine Distanzierung reichen nicht aus. Aber dass die Linkspartei eine durch und durch antisemitische Partei sei, wie nun führende Unionspolitiker suggerieren, und das Leben von Jüdinnen und Juden unter einer linken Regierung in Berlin bedroht wäre, ist eine gezielte Übertreibung.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Das Verhältnis der CDU zum Antisemitismus ist ein instrumentelles. Dass Merz Antisemitismus kürzlich als eine Form von Ausländerfeindlichkeit bezeichnete, spricht für sich. Die CDU nutzt die Vorwürfe gegen die Linke als Hebel, um Grüne und SPD unter maximalen Druck zu setzen, eine Koalition mit ihrem Berliner Wahlverlierer einzugehen.

Dahinter steckt die noch größere Furcht, dass eine rot-grün-rote Koalition tatsächlich anfangen könnte, Teile des Wohnungsbestands in Berlin dem Profitstreben zu entziehen, sprich große Immobilienkonzerne gegen Entschädigung zu enteignen. Dafür haben sich fast 60 Prozent der Ber­li­ne­r:in­nen in einem Volksentscheid ausgesprochen. Für die selbst ernannte Partei der sozialen Marktwirtschaft ist Enteignung ein absolutes Sakrileg, obwohl das Grundgesetz ein solches Mittel zulässt.

Die CDU stellt eindrucksvoll unter Beweis, wie weit sie vom Anspruch einer Volkspartei entfernt ist

Nur zur Erinnerung: Es war die CDU im Verbund mit der FDP, die gegen den Berliner Mietendeckel, das Gesetz zur Begrenzung der Mieten, geklagt hatte und sich 2021 dafür feierte, dass das Bundesverfassungsgericht ihr aus formalen Gründen recht gab. Schon damals wussten viele Ber­li­ne­r:in­nen nicht mehr, woher sie das Geld für ihre Bleibe nehmen sollen.

Der Volksentscheid war eine Reaktion auf den von der CDU mitgekippten Mietendeckel. Jetzt will die CDU eben Enteignung verbieten, um Investoren zu schützen. Deren Sorgen nehmen die Christdemokraten also ernst, während ihnen die Nöte der Bevölkerung schnuppe sind. Damit stellen sie eindrucksvoll unter Beweis, wie weit sie vom Anspruch einer Volkspartei momentan entfernt sind.

In ihrem Furor gegen die „extreme Linke“ verliert die CDU zudem völlig aus dem Blick, dass die extreme Rechte, die sich immer wieder positiv auf jene bezieht, die rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden planmäßig ermordeten, gerade dabei ist, ein Bundesland tatsächlich umzukrempeln. In Sachsen-Anhalt gibt es erste Absprachen zwischen der AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), man will zusammen den Landtagspräsidenten wählen und die Sitzordnung im Parlament so verändern, dass beide Parteien in der Mitte sitzen. Grüne und SPD sollen ihre Räume im Hauptgebäude räumen.

Kampfansage an die demokratische Mitte

Das ist eine Kampfansage an die demokratische Mitte. Hier unternimmt die CDU noch nicht mal den Versuch, sich dieser Machtergreifung entgegenzustellen. Denn die Einladung der SPD zu Gesprächen, um eine Regierung ohne die AfD zu ermöglichen, schlug man diese Woche aus.

Bislang verhält sich die CDU leider genau so, wie es sich die AfD in einem Strategiepapier ausmalt: Sie polarisiert und treibt die Trennung vom linken Lager voran. Ziel der AfD ist es, lagerübergreifende Koalitionen zu verhindern und sich selbst als bürgerlich-konservative Kraft in der Mitte zu etablieren. Die alte CDU hätte in dieser neuen Mitte ebenso wenig Platz wie SPD, Grüne und Linke. Und demokratisch wäre die Mitte dann auch nicht mehr. Es geht der AfD ums Ganze – und die CDU hat das offenbar immer noch nicht kapiert.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Anna Lehmann

Anna Lehmann Leiterin Parlamentsbüro

Schwerpunkte SPD und Kanzleramt sowie Innenpolitik und Bildung. Leitete bis Februar 2022 gemeinschaftlich das Inlandsressort der taz und kümmerte sich um die Linkspartei. "Zur Elite bitte hier entlang: Kaderschmieden und Eliteschulen von heute" erschien 2016.
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

12 Kommentare

 / 
  • Karl Schmidt

    Und während die CDU mit dem Finger auf die Linke zeigt und "Ihr Antisemiten" ruft, stimmt sie gemeinsam mit der AFD für ein Verbot von Stolpersteinen.

    Es gibt ja auch vernünftige Leute in der CDU. Wüst und Günther beispielsweise. Leider hat anstatt denen die Kaspertruppe mit ihrer "Bratwurst pur" Agenda die bundespolitische Ausrichtung der CDU festgelegt. Und je schlechter die Wahlergebnisse werden, desto sturer zieht es diese Gruppe weiter in den Abgrund.

    Entweder setzen sich da bald mal die Erwachsenen durch und werfen insbesondere auch Frau Reiche hochkant aus der Regierung oder die CDU endet als Wurmfortsatz der AFD. Das, was die im Augenblick ableisten, werde ich jedenfalls nicht vermissen.

  • Gerald Müller

    Ich finde diese Einschätzung dass ich die CDU nach links bewegen sollte schlicht naiv. SDie CDU hat sich unter Merkel und seitdem mit Günther und Wüst schon sehr weit von ihren früheren Positionen in Richtung links entfernt. Das Ergebnis sind die Umfragen. LInke, Grüne und SPD zusammen haben etwa 38% der Stimmen, wieviel davon kann die CDU an sich ziehen? Nicht allzuviele schätze ich, Wichtiger ist was der Autor auch übersehen hat, jede Bewegung der CDU nach links bedeutet dass sie rechts Wähler verliert, und zwar m.M. nach mehr ais sie links dazugewinnt. Wenn sie sich weiter nach rechts positioniert dann kann sie evtl ein paar Wähler zurückgewinnen aber mit dem Glaubwürdigkeitsverlust durch Merz wird das sehr schwer. Dazu kommt die Brandmauer, die sie an die SPD kettet und weder politischen Spielraum noch Verhandlungsoptionen gegenüber der SPD zulässt. Die CDU hat sich in eine Ecke gepinselt aus der es sehr schwer wird, wieder rauszukommen. Dazu kommt das Personal, seufz. Man vergleiche mal Siegmund und Amthor, wer kommt da medial besser rüber? Keine Frage. QED

  • A.S.

    Wozu das C und das S bei cdu und SPD? Ach so, da ist ja auch Koffer von der Immobilienwirtschaft.

  • test_name

    > man will zusammen den Landtagspräsidenten wählen und die Sitzordnung im Parlament so verändern, dass beide Parteien in der Mitte sitzen. ...



    Hier unternimmt die CDU noch nicht mal den Versuch, sich dieser Machtergreifung entgegenzustellen. <

    Geht es nicht ein paar Nummern kleiner? Wer soll denn nach diesem Wahlergebnis sonst den Landtagspräsidenten stellen wenn nicht die afd als größte Fraktion? Ist das wirklich schon Faschismus?

  • Donald Duck

    Statt aufarbeiten, was zum Verlust der Wahrnehmung als Volkspartei führt, betreibt die CDU gleichzeitig weiter Abgrenzung nach rechts. Das freut vor allem die SPD.

    Früher gab es in der Bundesrepublik eine eher Linke und eine eher rechte Mitte: SPD und CDU. Durch die Wahl einer dieser beiden Parteien konnten die Wähler die politische Grundrichtung beeinflussen.

    Wer mit der Politik der SPD, der Grünen und der Linken glücklich ist, braucht nicht zusätzlich noch eine CDU, die sich ebenfalls Links orientiert.

    Bürgern, die die Wirtschaftspolitik der SPD und der Grünen mit einer Wahlentscheidung korrigieren wollen, nützt es nun nichts mehr, die heutige CDU zu wählen. Weil die CDU ihre historischen mehrheitsfähigen politischen Positionen nicht mehr vertritt, wählen viele Bürger nun sogar Russlandparteien.

    Auf der linken Seite sind die Stimmen bereits verteilt. Die CDU kann dort kaum Stimmen gewinnen. Auf der rechten Seite, weigert sie sich Stimmen zurückzugewinnen.

    Wer als Wähler etwas politisch beeinflussen möchte - egal ob links oder rechts - würde seine Stimme an die heutige CDU verschwenden. Die CDU hat sich überflüssig gemacht.

  • Astrid Sehnefeld

    Dieser Kommentar spricht vieles Richtiges an und deckt wunde Punkte bei CDU als auch Die Linke auf - Chapeau.



    Aber dem Fazit widerspreche ich mit aller Vehemenz. Eine Union die sich offen mit Die Linke einlässt ist keine Union mehr.



    Ja die AfD bedroht deutlich mehr aktuell unsere Demokratie - allerdings nur, weil sie aktuell den deutlich größeren Zuspruch als Die Linke erhält.



    Über 50% für den politischen Rand wie in Sachsen-Anhalt oder 40% wie in Berlin sind Gift fürs für die Demokratie.



    Wenn die Ränder mehr Wähler einsammeln als die Mitte kann es nicht die Lösung sein, sich einem Rand hinzugeben.



    Linke wie AfD sind die äußerste Leitplanke im parteipolitischen Angebot und sollten nirgends Regierungen stellen. Mitwirkung in Koalitionen ist etwas anderes, aber Präsidenten stellen - nein.



    Eine Union, die sich einer dieser Parteien als Juniorppartner andient, wird endgültig auch vom letzten Rest der Wähler verstoßen.

  • Thomas Vöster

    Vielen Dank, Frau Lehmann!

  • Agarack

    "Nur zur Erinnerung: Es war die CDU im Verbund mit der FDP, die gegen den Berliner Mietendeckel, das Gesetz zur Begrenzung der Mieten, geklagt hatte und sich 2021 dafür feierte, dass das Bundesverfassungsgericht ihr aus formalen Gründen recht gab."

    Es ist bemerkenswert, wenn man die Anwendung der geltenden Rechtslage als "formale Gründe" bezeichnet. Das ist, als würde man sagen: "Der Mörder wurde aus formalen Gründen zu lebenslanger Haft verurteilt".

    "Ziel der AfD ist es, lagerübergreifende Koalitionen zu verhindern und sich selbst als bürgerlich-konservative Kraft in der Mitte zu etablieren."



    Wäre das so, würde mich das sehr freuen. Die AfD ist aber keine "bürgerlich konservative Kraft" und wird sich niemals in der "Mitte" etablieren, weil sie eine rechtsextreme Partei ist, die alles hasst, was die tatsächliche bürgerliche Mitte ausmacht und die deutsche Demokratie an einen ausländischen Diktator verschenken will.

    Ich verstehe diesen Artikel nicht. Er dämonisiert die CDU auf eine völlig unangemessene Weise und verharmlost gleichzeitig die AfD. Auch, wenn man selbst starke linke Überzeugungen hat, sollte man aber anerkennen, dass die Unterschiede weiterhin fundamental sind.

  • Hans Dampf

    Der Fehler der CDU war/ist, dass sie sich viel zu weit in die Mitte bewegt hat und so am rechten Rand Platz für radikale Parteien gemacht hat.



    Der Fehler der SPD war/ist, dass sie viel zu weit in die Mitte gerückt ist und so Platz für die weit radikalere Linke gemacht hat.



    So lange beiden auf diesem Kurs bleiben, werden sie mehr und mehr Wähler verlieren. Und sollte die CDU mit der Linke zusammen arbeiten, wird sie alle ihre Wähler verlieren.

  • Frauke Z

    Die Autorin tut so, als ob die CDU eine Wahl, einen Ausweg hätte.



    Wenn sie weiterhin unbeliebte Kompromissregierungen stützt oder anführt, wird keiner ihrer Wähler mehr wissen, wozu er oder sie die Union braucht.



    2019 hat die AfD zum ersten Male ein Ergebnis über 5 Prozent gehalten. Damit war klar, dass sie nicht einfach wieder verschwinden würde. Dennoch hat Merkels CDU weiter versucht, sie auszusitzen.



    Hätte die Union damals punktuell mit der AfD zusammengearbeitet, wäre uns allen viel erspart geblieben - und vor allem der CDU.



    Jetzt ist der Weg dahin versperrt, nicht nur wegen der weiteren Radikalisierung der AfD, sondern auch weil diese die Union als Hauptgegner aufs Korn genommen hat und sicher kein verlässlicher Partner wäre.



    Es gibt also immer mehr Wahlen (z.B. Bund, Thüringen) mit einer rechten Mehrheit, in der sich also eine Mehrheit auch für Anliegen der Union ausgesprochen haben. Wegen des Parteiengestrüpps aber werden sie nicht umgesetzt. Das ist ein ernstes Problem für die Demokratie.



    Und eben auch für die CDU. Sie kann diese Lage nur durch glückliche Zufälle überstehen.

  • Pico

    Na ja, gerade die Öffnung nach links, zur SPD + Grüne, macht rechts mehr Platz. Das hatte schon Franz-Josef gewusst und ist bei Merkel vergessen worden. Jetzt gibt es rechts eine Partei und die heißt AfD. Noch weiter nach links, macht noch mehr Platz für die AfD frei. Kann ja niemand ernsthaft wollen.

  • Der dreckich Katz

    Also die Partei, die mit der afd in Heidenau gemeinsame Sache macht, um Stolpersteine aus der öffentlichen Wahrnehmung zu halten, wirft den Linken Antisemitismus vor? Kannste Dir nicht ausdenken, sowas.