Kabarettistin ausgeladen: Lisa tritt hier nicht mehr auf

Die umstrittene Kabarettistin Lisa Eckhart sollte im September in Hamburg auftreten. Nun ist der Termin abgesagt – nach Hinweisen auf Protest.

Opfer der „Cancel Culture“? Kabarettistin Lisa Eckhart tritt nicht beim „Harbour Front“-Festival auf Foto: Daniel Karmann/dpa

HAMBURG taz | Ist da eine Eskalation vermieden worden, möglicherweise sehr reale Gewalt gegen arglose Literaturinteressierte abgewendet? Oder hat sich der Kulturbetrieb einem anonym agierenden, Drohungen aussprechenden – ach ja: sogenannt linken – Mob gebeugt?

Das kommt darauf an, wem diese Fragen gestellt werden. Unstrittig ist zunächst: Anders als geplant und angekündigt, tritt die Kabarettistin Lisa Eckhart Mitte September nicht in Hamburg auf. Das hätte sie tun sollen im Rahmen des Literaturfestivals „Harbour Front“. Seit Mittwoch aber ist der Termin abgesagt. Und das nicht aus Termingründen oder gar wegen des Seuchenschutzes: Es geht um nicht ganz neue Vorwürfe gegen Eckhart, um besorgte Veranstalter*innen und irgendwie auch um den (angeblich) etwas anderen Stadtteil Hamburg-St. Pauli.

Dass die 27-Jährige in ihren Bühnenprogrammen rassistische, ja: antisemitische Klischees reproduziere, das haben Kritiker*innen nicht erst jetzt geäußert: Im Mai hatte diese Diskussion einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, und eine Rolle spielte dabei auch ein da schon nicht mehr ganz frischer Auftritt Eckharts im WDR-Fernsehen. Darin ging es unter anderem um #meetoo sowie um Woody Allen, Roman Polanski und Harvey Weinstein: Da habe man „die Juden“ gegen den Vorwurf verteidigt, es ginge ihnen nur ums Geld, „und jetzt plötzlich kommt heraus: Denen geht's wirklich nicht ums Geld, denen geht's um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld.“

Der WDR erklärte auf die vielstimmige Kritik hin, Eckhart habe „ein hochaktuelles, für Satire naheliegendes Thema gewählt und dabei Vorurteile gegenüber Juden, People of Color, Homosexuellen, Transgendern und Menschen mit Behinderungen aufgegriffen, um genau diese Vorurteile schonungslos zu entlarven“. Beistand erhielt sie unter anderem vom Kabarettisten-Kollegen Dieter Nuhr und, vielleicht überraschender, vom Welt-Kolumnisten Henryk M. Broder. Wohlgemerkt: Nicht im September 2018 war das nötig, als der Auftritt erstmals im TV lief. Sondern erst jetzt, im Mai.

Die Einladung zu dem Hamburger Festival brachten Eckhart nun nicht ihre mal besser, mal schlechter gelingenden Kabarettstückchen ein, sondern ihr anstehender erster Roman: Damit hatte die Österreicherin es in die letzte Runde des Wettbewerbs um den Klaus-Michael-Kühne-Preis geschafft: Diese mit immerhin 10.000 Euro dotierte Auszeichnung vergibt das Festival alljährlich an eine*n Debütant*in.

Wie der Spiegel und danach die Welt berichteten, wurde sie ausgeladen, und das wegen Sicherheitsbedenken. Was am Donnerstag dann die Betreiber*innen des “Nochtspeichers“ in Hamburg-St. Pauli bestätigten – unter Hinweis auf eine aus ihrer Sicht „bedrohlich um sich greifende ‚Cancel Culture‘“: Man sehe sich außerstande, im Falle einer Lesung die Sicherheit der Besucher*innen und der Künstlerin zu gewährleisten. In einem am Nachmittag veröffentlichten Statement verweist der Veranstaltungsort auf ähnliche Vorgänge im Jahr 2016: Damals war eine Lesung des Kolumnisten Harald Martenstein gesprengt worden.

„Alle Beteiligten sollten ein Recht auf die ungestörte Vorstellung haben“, heißt es weiter. Die aber sei eben nicht „zu garantieren, in einem der Viertel Hamburgs, wo eine Eskalation am wahrscheinlichsten ist“. Angesichts von „besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft“ sei man davon ausgegangen, dass die Veranstaltung „gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten, Literaten wie Publikum“. Daher habe man sich an die Festivalleitung gewandt – und diese habe Verständnis gezeigt.

Zur Vorgeschichte soll indes auch gehören: Andere Künstler*innen hatten sich geweigert, mit Eckhart aufzutreten. Das Narrativ von der Zensur durch den autonomen Hafenstraßenmob allerdings verfängt sichtlich besser. Zu Wort meldete sich am Donnerstag wiederum – Dieter Nuhr: „Was für ein Skandal! Der Protestmob auf der Straße entscheidet also darüber, wer hier bei uns seine Kunst ausüben darf“, schrieb der Kabarettist auf Facebook.

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