Ausladung der Kabarettistin Lisa Eckhart: Satire muss wehtun dürfen

Über die eigenen Abgründe zu lachen, hilft. Außerdem lohnt es sich, weniger in Opfergruppen zu denken und mehr das Individuum im Blick zu haben.

Die Kabarettistin Lisa Eckhart. Sie hat kurze Haare und trägt einen Federboah

Böse – oder bloß Halterin des bösen Spiegels? Foto: dpa

Die Konfusion ist groß. Lisa Eckhart, österreichische Kabarettistin, ist vom Harbourfront-Literaturfestival in Hamburg ausgeladen worden. Weil es angeblich Drohungen aus der autonomen Szene gab und, laut Veranstaltern, die Sicherheit von Künstlern und Publikum somit nicht gewährleistet werden konnte. Kann so gewesen sein oder auch nicht. Sicher ist: Kritiker werfen Eckhart vor, rassistische und antisemitische Klischees zu bedienen.

Alles tutti also? Klar, nichts braucht der Mensch weniger als noch mehr unbewegliche Weltbilder im Kopf. Der kleine Fallstrick hier: Es geht um Satire. Auch die kann – man hat es etwa an den Karikaturen von Dieter Hanitzsch gesehen – Stereotype reproduzieren. Der hat nicht erst mit der Zeichnung, wegen der er schließlich zu Recht bei der SZ gehen musste – Netanjahu mit großen, abstehenden Ohren und wulstigen Lippen sowie eine Rakete mit Davidstern in der Hand und zugleich als Strippenzieher des ESC dargestellt –, so ziemlich alle Stereotype über Juden und Israel reproduziert, die auch in den Köpfen von Linken und Linksliberalen herumgären.

Aber im Gegensatz zu plumper Reproduktion nutzt halt Kabarett schon immer und im besten Fall intelligent das Klischee, um dem vermeintlich aufgeklärten Publikum zu spiegeln, was da in ihm selbst gärt. Im besten Fall also lacht man erst laut und beißt sich dann auf die Zunge – weil man erkennt: Man hat gerade über die eigenen Abgründe und Vorurteile gelacht. So was kann mehr im Kopf auslösen als ernste politische Appelle.

Das hat Eckhart gemacht, als sie mit ihrem Sketch über Weinstein und Woody Allen, beide in Sachen #metoo verstrickt, auf den lästigen Zwiespalt stieß: Die eine als „Opfer“ abgestempelte Gruppe hat der anderen, ebenso als „Opfer“ im Diskurs geführt, was angetan. Wie geht man als Linker jetzt damit um? Echter Solidaritätskonflikt.

Es sei denn, man erkennt, dass dahinter nur wieder falsche Vorannahmen stecken. Philosemitismus, oder allgemein die ungute Tendenz, Menschengruppen zu überhöhen, aus Angst, sie zu diskriminieren. Der Mist ist halt: Menschengruppen sind nix. Nicht per se Opfer, nicht per se Täter. Der Mensch als Individuum ist. Und immer ganz anders als sein Nachbar. Es lassen sich also aus dem Fall zwei Sachen lernen: Kabarett muss wehtun dürfen. Nur so kommt das Gärende aus den Köpfen raus, und man kann es gemeinsam würgend wegwerfen. Und: Es lohnt sich, weniger in Opfer- oder Menschengruppen zu denken. Jeder ist auf seine Art borniert.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben