Soziologin über soziale Ungerechtigkeit: „Die untere Hälfte besitzt nichts“

In den letzten Jahrzehnten gab es eine Umverteilung von unten nach oben, sagt die Soziologin Silke van Dyk. Auch die Lebenserwartung hänge mit Klasse zusammen.

ein großes Cabrio steht vor eine Luxusjacht

Die einen haben nichts, die anderen vererben ihr Geld Foto: LeFranc/Figaro/laif

taz: Frau van Dyk, auf einer Skala von null bis zehn: Wie sozial gerecht geht es in Deutschland zu, wenn zehn extrem ungerecht ist?

Silke van Dyk: Sagen wir mal acht. Es geht definitiv ungerecht zu in unserer Gesellschaft. Es gibt natürlich Gesellschaften, die noch ungleicher sind, die gar keine Grundsicherung haben, kein institutionalisiertes Rentensystem, noch weniger Geld ins Gesundheitssystem stecken. Aber im europäischen Vergleich hat Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren und ein extremes Ausmaß an Vermögensungleichheit.

Privatversicherte leben länger als Kassenpatienten, Beamte länger als Arbeiter. Hat die Lebenserwartung etwas mit dem sozialen Standort zu tun?

Wir haben eine hochgradig klassenspezifische Lebenserwartung. Bei den Männern ist der Unterschied besonders ­ausgeprägt. Wenn man die nimmt, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen, und mit denen vergleicht, die mehr als 150 Prozent dessen haben, liegt der Unterschied bei fast 11 Jahren. Das ist die existenziellste Form der Ungleichheit, die wir uns denken können. Auch die Coronapandemie hat gezeigt, dass das Risiko, schwer zu erkranken und zu sterben, hochgradig mit Einkommen und Klassenlage zusammenhängt.

Jahrgang 1972, ist Professorin für Politische Soziologie an der Universität Jena. Sie forscht zu sozialer Ungleichheit.

Welche gesellschaftlichen Folgen hat Armut?

Neben einem von Unsicherheit geprägten Alltag und einer kürzeren Lebenserwartung, übersetzt sich Armut in schlechtere Bildungschancen und weniger politische Beteiligung. Wir haben ein System, das zwar formal politische Gleichheit garantiert, das aber in höchstem Maße mit einem System der sozialen Ungleichheit verwoben ist. Dieses Spannungsverhältnis von politischer Gleichheit und sozialer Ungleichheit ist ein Grundproblem kapitalistischer Gesellschaften, das bei stark ausgeprägter Ungleichheit besonders demokratiegefährdend ist. Keine Gruppe ist im Deutschen Bundestag zum Beispiel so unterrepräsentiert wie diejenigen, die einen Hauptschulabschluss haben. Auch die Wahlbeteiligung von Menschen, die über weniger ökonomische oder Bildungsressourcen verfügen, ist deutlich niedriger, was zusätzlich verstärkt, dass ihre Anliegen weniger Gehör finden.

Vererbt sich sozialer Status?

Absolut. Was das ökonomische Kapital angeht, leben wir in einer Erbengesellschaft, in der große Vermögen auf die nächste Generation übertragen werden. Das führt zu einer erheblichen Ver­mö­gens­kon­zen­tra­ti­on: Das reichste eine Prozent besitzt zirka ein Drittel des Vermögens, und bei den wohlhabendsten zehn Prozent sind fast zwei Drittel versammelt. Aber auch der Rest verteilt sich nicht gleichmäßig, denn die untere Hälfte der Bevölkerung besitzt praktisch nichts.

Das sind Dimensionen, die vielen Leuten nicht bewusst sind, weil im Alltag und in den Medien stärker die Einkommensfrage angesprochen wird. Und das, obwohl Erbschaften im Vergleich zu Einkommen kaum besteuert werden, im Durchschnitt sind sie wegen der hohen Freibeträge mit gerade mal zwei Prozent belastet. Eigentlich leben wir in einer Gesellschaft, die gern als Leistungsgesellschaft beschrieben wird. Wenn man das ernst nimmt – obwohl bereits daran viel zu kritisieren wäre –, muss man fragen: Was ist das für ein System, das ererbte Vermögen so schont?

Sie forschen zum Strukturwandel des Eigentums. Hat diese Schieflage zugenommen?

Was wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, könnte man als Klassenkampf von oben bezeichnen: eine systematische Umverteilung von Ressourcen von unten nach oben, und zwar nicht nur als Ergebnis von Marktprozessen, sondern dezidiert politisch forciert. Wir haben die Senkung von Spitzensteuersätzen gehabt, eine Entlastung bei der Besteuerung von Kapitalerträgen, eine Senkung der Unternehmenssteuern, die Abschaffung der Vermögenssteuer. Wir sehen so etwas wie eine Radikalisierung und Konzentration von Privateigentum, denn die Pflichten und die Abgaben für diejenigen, die etwas besitzen, werden immer kommoder. Und während das Privatvermögen in Deutschland stetig wächst, produzieren die steuerlichen Entlastungen öffentliche Armut, kaputtgesparte Kommunen, Lücken in der Infrastruktur.

Sie sagen, dass die aktuellen Eigentumsverhältnisse immer mehr in Bewegung geraten. Wo sieht man das?

Politisch haben wir im Nachgang der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 neue Protestbewegungen erlebt, die soziale Schieflagen anprangern, etwa die Occupy-Bewegung in den USA oder die Indignados in Spanien oder Syriza in Griechenland. Auch wenn die wieder abgeebbt sind, kann man doch sagen, dass die soziale Frage zumindest diskursiv wieder eine größere Rolle in Politik und Gesellschaft spielt.

In Deutschland ist die populäre Kampagne „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ derzeit ein gutes Beispiel: Hier wird skandalisiert, dass Wohnraum in der Hand von Immobilienkonzernen zur Profitquelle und zum Spekulationsobjekt wird. Interessant ist auch, dass inzwischen selbst Institutionen, die neoliberale Vorreiter waren, wie die Weltbank oder der IWF, Analysen zu sozialer Ungleichheit vorgelegt haben.

Nicht weil sie plötzlich eine gerechtere Gesellschaft wollen, sondern weil sie zu dem Schluss kommen, dass die soziale Ungleichheit ein solches Ausmaß angenommen hat, dass sie systemdestabilisierend wird. Außerdem stellen sich mit der Digitalisierung natürlich ganz neue Fragen des geistigen Eigentums, während die Pandemie den Blick auf die Patentierung von Impfstoffen und die Privatisierungen im Gesundheitswesen lenkt.

Mit Blick auf die Bundestagswahlen: Gibt es die Hoffnung, dass sich etwas an der sozialen Ungleichheit ändert?

Wir haben einen kaum diskutierten Lagerwahlkampf. CDU und FDP privilegieren mit ihren Steuerentlastungen die hohen und sehr hohen Einkommen, auch soll die Unternehmenssteuer weiter gesenkt werden. In sehr unterschiedlichem Ausmaß wollen SPD, Grüne und Linke die niedrigeren und mittleren Einkommen entlasten und Spitzenverdiener sowie hohe Vermögen belasten. Interessant ist, dass sich das weder politisch noch medial in entsprechende Koalitionsspiele übersetzt. Rot-Rot-Grün ist definitiv keine der breit diskutierten möglichen Optionen, die Linken werden auch medial gerne als nicht koalitionsfähig abgehakt.

Würde es bei Rot-Rot-Grün den großen Vermögen an den Kragen gehen?

Eindeutig: nein. Der heute radikalste Vorschlag, wenn es um die Besteuerung von Vermögen geht, das Wort radikal mag ich da eigentlich gar nicht verwenden, ist der von der Linken mit einem Freibetrag von einer Million Euro und einem dann beginnenden Steuersatz von einem Prozent. Das betrifft gerade mal ein Prozent der Haushalte, während die reichsten zehn Prozent zwei Drittel des Vermögens halten. Die Grünen wollen bei zwei Millionen anfangen, die SPD legt sich nicht fest. Alle zielen mit ihren Maßnahmen auf das obere Prozent oder noch weniger, eine ganz kleine Gruppe, an die Erbschaftssteuer wagt sich außer der Linken – und da bleibt es vage – niemand richtig ran. Eine gerechte Gesellschaft baut man aber nicht, indem man ein paar Superreiche etwas stärker besteuert.

Der Klassenkampf von oben wird also weitergehen?

Das hängt nicht nur von der zukünftigen Koalition, sondern immer auch davon ab, ob sich starke Gegenbewegungen formieren. Grüne und Linke wollen immerhin die Privilegierung von Einkommen aus Kapital gegenüber Lohneinkommen abbauen. Was ich trotzdem nicht sehe, sind Ansätze, die an den gegebenen Eigentumsverhältnissen wirklich substantiell etwas ändern würden. Ich finde spannend, was der französische Ökonom Thomas Piketty vorgeschlagen hat, um einen konkreten Vorschlag zu nennen: Zum 18. Geburtstag wird jedem Menschen die Hälfte des Durchschnittsvermögens ausbezahlt, finanziert durch eine Eigentumssteuer. Das wäre quasi eine Sozialisierung von Erbschaften, ohne sie komplett abzuschaffen. Und zuletzt ein Bogen zum Anfang zurück: Dass die klassenspezifische Lebenserwartung in einem so wohlhabenden Land im Wahlkampf nach der Coronapandemie ein Tabu bleibt, das ist für mich das größte Versagen der linken Parteien.

Das Interview ist ein Auszug aus dem taz Talk „Klassenkampf von oben – Arm bleibt arm, Reich wird reicher“.

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