Armut und Bildungschancen: Wenn die Zukunft verbaut wird

Armut und schlechte Bildungschancen hängen eng zusammen. Ein Bericht über die bildungsferne Kindheit und den heutigen Job im Jugendgefängnis.

Stühle in einem dunklen Klassenzimmer

Wer hier sitzt, hat schon mal eine wichtige Hürde geschafft: Rupprecht-Gymnasium in München Foto: Sven Hoppe/dpa

Als ich in der Grundschule war, zog bei uns gegenüber eine neue Familie ein. Das Mädchen, nennen wir sie Bianca, war ungefähr so alt wie ich – klare Sache, dass wir uns sofort anfreundeten. Biancas Mutter hatte sie mit siebzehn bekommen, arbeitete bei Aldi an der Kasse und war sowohl mit Argusaugen als auch mit gelegentlichen Ohrfeigen hinterher, dass Bianca auch bloß in der Schule mitkam.

Auf den ersten Blick hatten wir exakt die gleichen Chancen, eine hoffnungsvolle Karriere (was immer das sein mag) hinzulegen oder krachend zu scheitern. Ich war weder schlauer als Bianca noch verfügte ich über eine stabilere Persönlichkeit. Mein Elternhaus hatte sich nicht in einer intellektuellen Poleposition befunden, von der aus direkt die akademische Laufbahn beginnt. Meine Eltern stammten aus dem gleichen Arbeitermilieu. Eins hinter die Ohren war auch bei uns zu Hause oft erzieherisches Mittel.

Der einzige Unterschied zwischen uns war, dass Bianca das Lebensgefühl „wir sind arm“ bereits im Grundschulalter inhaliert hatte. Und, dass sie verhaltensauffällig war. Sie log, klaute, prügelte sich – bei mir hatte es sich so ergeben, dass ich, weil ich schüchtern war, mich mit Büchern vor der Welt verkroch und so nicht weiter dumm auffiel.

Verhaltensoriginelle Kinder – ob hochbegabt, traumatisiert oder solche, die mit größtmöglichem Tamtam ein bisschen Aufmerksamkeit möchten, werden heute als Störer des sozialen Friedens betrachtet. Ein*e Päd­ago­g*in ist aufgrund einer Klassengröße von bis zu 23 Kindern zur totalen Aufmerksamkeitsökonomie gezwungen – es muss also Ruhe herrschen, um Unterrichtsstoff vermitteln zu können. Dass da sehr viel zu kurz kommt, liegt auf der Hand.

Systemische Vernachlässigung

Es gibt in Deutschland bisher keinen verpflichtenden Kitabesuch, doch zumindest seit 2014 eine „vorschulische Sprachstandsfeststellung“ zwei Jahre vor Grundschuleintritt. Wenn dabei Förderbedarf festgestellt wird, werden die Eltern vom Schulamt dazu verdonnert, dem auch nachzukommen. Die kinderärztlichen U-Untersuchungen (Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten oder Entwicklungsstörungen, Anm. d. Red.) von Kleinkindern sind bisher allerdings nur in wenigen Bundesländern wirklich verpflichtend.

Das bedeutet, dass Kinder, die vernachlässigt werden, sich mit Chips und Cola vollstopfen und eine Zahnbürste oder Vitamine vielleicht höchstens mal von Weitem gesehen haben, denen niemand vorliest und stattdessen rund um die Uhr die Glotze läuft, die vielleicht Gewalt erfahren oder Desinteresse – oft übersehen werden.

Selbst wenn es jemand bemerkt, gibt es dafür so gut wie keinen zuverlässigen Hebel, um in fatale Verläufe früh hineinzugrätschen und in eine andere Bahn zu lenken, was ansonsten mit hoher Wahrscheinlichkeit im Graben landet.

Das Bildungssystem kann also erst mit dem schulpflichtigen Alter auf diese Kinder Einfluss nehmen. Mit sechs ist die frühkindliche Prägung allerdings weitestgehend abgeschlossen, und leider kommt es viel zu oft vor, dass Päd­ago­g*in­nen trotz aller Bemühungen nur noch der Job des Insolvenz­verwalters zukommt. Das meine ich keineswegs zynisch.

Es sind nicht nur Bücher und pränatale Englischkurse, die ein Kind für die eigene Zukunft ausstatten. Es sind auch die Ernährung, Hygiene und ein Mindestmaß an Ansprache – von der Vermittlung von Werten mal ganz zu schweigen. Liebe und Bildung sind der Schlüssel zu einem einigermaßen unfallfreien Leben.

Biografien im Jugendknast ähneln sich

Eigentlich braucht es also nicht viel. Manche Eltern sind natürlich verdammte, egoistische Idioten, aber die meisten haben ihr Bestes gegeben und es einfach nicht besser gekonnt. Gleichzeitig nimmt die spätere berufliche Laufbahn schon im zarten Alter von neun oder zehn Jahren Fahrt auf. Selten genug gibt es noch eine gemeinsame Förderstufe als zweijährige Verlängerung der Grundschule.

Und ja, es existieren immer noch genügend Kreise, die bisher erfolgreich abzuwenden wussten, dass Mohammed und Mandy gemeinsam mit Sophie und Maximilian später um die raren Studienplätze konkurrieren. In Hamburg gab es sogar einen Volksentscheid, der genau diese gemeinsame Förderstufe bislang vehement verhindert hat. In diesem Alter entscheidet sich bereits für ein Kind, wohin die Reise mal gehen wird. Das ist fatal.

Inzwischen arbeite ich in einem Jugendknast, und die Jungs, die ich betreue, haben die unterschiedlichsten Straftaten begangen: meistens Drogendealereien und Körperverletzung der verschiedensten Schweregrade. Ich kenne ihre Biografien, ohne jemals ihre Akte gelesen zu haben: Oft nicht existente Väter, überforderte Mütter, Hartz IV. Womit ich keineswegs meine, dass man als ALG-II-Empfänger automatisch kriminell werden muss – aber es ist der stabilste Sargnagel bei der Beerdigung einer wie auch immer gearteten bürgerlichen Existenz.

Wenn Menschen mit ständigem Mangel aufwachsen, dass dieses oder jenes, was für andere Kinder selbst­verständlich zu sein scheint, nicht drin ist – von den geilen Turnschuhen über den Besuch einer Pizzeria bis zum Erlernen eines Instruments – und dann noch Scham über die eigene Armut und Angst vor Schikanen dazukommen, entsteht schnell der Eindruck:

Deutschland gehört zu den reichsten Staaten der Welt – aber Wohlstand, Bildung, Gesundheit und Glück sind höchst ungleich verteilt. Wie wird die kommende Bundestagswahl die Weichen stellen für die Verteilungsprobleme? Wen wird es treffen, dass die öffentlichen Kassen nach der Pandemie leergefegt sind? Schaffen wir es, das Klima zu schützen und dabei keine Abstriche bei der sozialen Gerechtigkeit zu machen? Unter dem Motto „Klassenkampf“ widmet sich die taz eine Woche lang Fragen rund um soziale Gerechtigkeit.

Alle Texte hier.

Der bundesdeutschen, legalen Welt ist nur bedingt zu trauen. Und sie ist kein guter Ort. Man kommt überhaupt nur einigermaßen über die Runden, wenn man hier ein bisschen trickst, da mal was verschweigt – und bescheißen nicht eigentlich alle?

Großer Gangster statt abgezockter Banker

Wenn man nicht an der Steuer vorbei irgendwo putzen geht oder beim Onkel im Kiosk aushilft, dann ist die dringend nötige Winterjacke für die Kids genauso wenig drin wie einmal mit der Familie ganz sorglos auf dem Rummel Achterbahn zu fahren.

Das macht krank und auf Dauer schrecklich müde, und wenn meine Jungs etwas von Herzen wollten, was sie sich sowieso nicht hätten leisten können, dann haben sie es eben geklaut. In der Schule mangelte es an Konzentration, und zu Hause hat es oft nicht interessiert, ob sie vielleicht die ganze Nacht am Handy daddeln statt zu schlafen.

Und weil man sich das Versagergefühl, das einen sowieso schon so lange begleitet, nicht auch noch in der Schule abholen will, weil man in der Klasse gepennt hat, gar nicht versteht, was die hier eigentlich von einem wollen und sowieso ganz andere Sorgen hat, dann geht man irgendwann einfach gar nicht mehr hin. Wenn man ohne Schulabschluss schon kein großer Forscher oder kein abgezockter Manager wird, dann wenigstens ein großer Gangster.

Einer, vor dem sich alle wegducken, statt ihn zu schikanieren. Das eint eigentlich alle meine Jungs, so unterschiedlich ihre Straftaten gewesen sein mögen. Sie haben eine soziale Hornhaut gebildet, eine coole Benutzeroberfläche, um die eigenen Verwundungen nicht ständig zur Schau tragen zu müssen.

Aushilfsjob oder dealen?

Ich kenne diese Geschichten auch aus meiner eigenen Familie: Mein Vater ist bei einer Pflegemutter aufgewachsen, hat seine Lehre hingeschmissen und saß wegen Einbruchs im Knast. Wir besaßen trotzdem immer neue Geräte, die irgendwo „vom Laster gefallen“ waren, wie mein Vater so schön sagte. Tricksen, bescheißen, nicht ganz legal über die Runden kommen – all das kenne ich von frühester Kindheit an.

Manchmal denke ich: Wenn ich ohne Schulabschluss und Aussicht auf eine Lehrstelle die Wahl hätte, irgendwo als Aushilfe zu malochen oder als Kleindealer an der Ecke zu stehen und damit endlich mal die Kohle zu verdienen, mit der ich tatsächlich einen minimalen Lebensstandard bestreiten könnte, ich bin nicht sicher, wie ich mich entscheiden würde. Bianca ist jetzt übrigens alleinerziehende Mutter und lebt von Hartz IV. Ich kann bis heute nicht sagen, warum es uns auf so unterschiedliche Wege verschlagen hat.

Vielleicht war es meine große Leidenschaft für Bücher und meine verbissene Renitenz, die mich gerettet hat. Wahrscheinlich habe ich einfach nur Glück gehabt. Es ist immer noch so, dass ich mich manchmal dabei erwische, mir beim Arbeiten im Knast wie eine Hochstaplerin vorzukommen. Eigentlich fühlt sich die andere Seite der Gitterstäbe mitsamt ihrer Insassen viel vertrauter an.

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