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Entsetzen über ÄußerungIsraelischer Minister für tägliche Tötung von Palästinensern

Erneut schockiert Israels rechtsradikaler Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir die internationale Öffentlichkeit. Auch aus Deutschland gibt es harte Kritik.

Serena Bilanceri

Aus Tel Aviv

Serena Bilanceri

Der israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir hat mit seiner Aussage erneut für eine Kontroverse gesorgt – und das international. Am Sonntag sagte der rechtsradikale Politiker in einem Podcast, man solle „30, 40 Palästinenser pro Nacht“ im Gazastreifen gezielt töten. Es gebe Menschen in Gaza, die es nicht verdient hätten zu leben, führte er fort. Und es handele sich nicht nur um Militante, die eine unmittelbare Gefahr darstellten.

Außerdem plädierte der Minister für eine israelische Übernahme des Gazastreifens. „Ich betrachte ganz Gaza als unser Gebiet“, sagte er gegenüber Ex-Geisel Rom Braslavski, der den Podcast leitete. „Siedlungen nicht nur in Gusch Katif, sondern im gesamten Gazastreifen, eine möglichst starke Auswanderung, sie in ihre Länder schicken. Und was die Terroristen betrifft: keine Auswanderung, nichts dergleichen – sie einfach einen nach dem anderen töten.“

Die Aussagen lösten eine internationale Welle der Empörung aus. Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion in Deutschland, Jürgen Hardt, nannte die Aussagen gegenüber dem Deutschlandfunk menschenverachtend und forderte EU-Sanktionen gegen Ben-Gvir. Ähnlich äußerten sich Ver­tre­te­r:in­nen der anderen Fraktionen. Die Linke-Parlamentarierin Lea Reisner rief die Regierung auf, alle Waffenexporte nach Israel zu stoppen.

Irans Vizeaußenminister Kasem Gharibabadi schrieb auf X, die Aussagen Ben-Gvirs seien „Geständnisse“, die „für den Tag der Abrechnung und für den Prozess gegen diese Verbrecher“ aufgezeichnet und aufbewahrt werden müssten.

Immer wieder Demos für die Besiedlung des Gazastreifens

Die Aussage kam am Tag vor dem Treffen zwischen Premierminister Benjamin Netanjahu und dem US-Gesandten Jared Kushner in Jerusalem. Die beiden sollten den von Trump unterstützten 15-Punkte-Friedensplan diskutieren, zusammen mit Vertretern des Board of Peace – dem von Trump gewollten Gremium für eine nachhaltige Lösung des Konflikts.

Zwischen Israel und der Hamas, die im Gazastreifen de facto regiert, herrscht seit Oktober eine fragile Waffenruhe. Israel greift aber immer wieder Ziele aus der Luft an. Mehr als 1.000 Menschen sind laut dem palästinensischen Gesundheitsministerium seit Beginn des Waffenstillstands dabei ums Leben gekommen. Unklar ist, wie viele davon Kämpfer waren. Etwa 630 Tote sind von den Vereinten Nationen bis Mitte Juni verifiziert worden. Immer wieder werden auch Zi­vi­lis­t:in­nen verletzt.

Israel hat seine letzten Siedlungen im Gazastreifen 2005 geräumt. Seitdem hält das Land eine Blockade der Land- und Seegrenzen um das Gebiet aufrecht, hatte aber vor dem jüngsten Konflikt keine militärische oder zivile Präsenz mehr innerhalb des Küstenstreifens. Inzwischen hält das israelische Militär fast 70 Prozent von Gaza unter seiner Kontrolle.

Rechte Gruppen plädieren immer mal wieder für eine erneute Besiedlung. Im Juli organisierte die von der Europäischen Union sanktionierte Bewegung Nachala zuletzt einen Marsch zu den Grenzen, den die israelische Armee zu verhindern versuchte – mit mäßigem Erfolg. Das Areal rund um die Sperranlage, die Gaza von Israel trennt, war als militärisches Sperrgebiet am Tag der Demonstration deklariert worden, doch einige Hundert Teil­neh­me­r:in­nen schafften es trotzdem bis zum Zaun. Ben-Gvir selbst nahm unter schwerem Polizeischutz an der Veranstaltung teil.

Es ist nicht das erste Mal, dass der israelische Sicherheitsminister mit seinen Aussagen für eine Kontroverse sorgt. Sein Plan, Krokodile in Gefängnissen mit palästinensischen Insassen einzusetzen, löste selbst innerhalb der israelischen Behörden Fassungslosigkeit aus.

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11 Kommentare

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  • Bürger L.

    "Erneut schockiert Israels rechtsradikaler Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir die internationale Öffentlichkeit."

    Ach nee, wer hätte das gedacht,.....



    Ansonsten sind doch die Mitglieder der aktuellen Israelische Regierung so nett und menschenfreundlich und friedfertig. Das mit dem Ermorden hat der sicher nicht so gemeint, ist bestimmt ein Missverständnis.



    Sonst würde unser Bundeskanzler - trotz der Schuld, die Deutschland unbestritten in der Vergangenheit auf sich geladen hat -



    sicher persönlich und in schärfster Form protestieren.

    Ich glaube, wenn die beiden aufrechten Christen und Demokraten Merz und Wadephul jemals davon erfahren würden, dass Israelis mit Billigung der Regierung gegen Völker- und Menschenrecht verstoßen, würden sie selbstvertändlich sofort die Verhängung von Sanktionen gegen diese bösen Menschen fordern. Oder???

    Aber mal im Ernst:



    Bei allem Verständnis für die Besonderheit der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, dem Staat in dem viele Opfer deutscher Verbrechen Zuflucht gefunden haben, ist die bisherige Haltung der Bundesregierung bezüglich der Leiden von palästinensischen Zivilisten nur als erbärmlich und feige zu bezeichnen.

  • Zippism

    Die taz macht es sich hier zu einfach. Im hebräischen Original sagt Ben-Gvir bei der Passage über „30–40“ gerade nicht „Gazaner“, „Palästinenser“ oder „Terroristen“. Er sagt lediglich „30–40 [töten]“ und fügt unmittelbar hinzu: „Nicht nur diejenigen, die dich in diesem Moment gefährden.“

    Das später im Gespräch verwendete Wort מחבלים (Terroristen) bezieht sich auf eine andere Aussage. Deshalb ist weder „30–40 Gazaner“ noch „30–40 Terroristen“ eine wörtliche Übersetzung.

    Die korrekte Wiedergabe wäre etwa: Ben-Gvir forderte „30–40 gezielte Tötungen pro Nacht in Gaza“ und stellte ausdrücklich klar, dass dies nicht nur Personen betreffen solle, die gerade eine unmittelbare Gefahr darstellen.

    Das macht seine Aussage keineswegs harmlos – im Gegenteil. Aber gerade deshalb sollte man sie nicht durch eine zugespitzte Übersetzung noch weiter zuspitzen. Wer über solche Aussagen berichtet, sollte das Original wiedergeben und nicht eine Personengruppe in den Satz hineinübersetzen, die dort gar nicht genannt wird.

  • Kaboom

    Wieso regt sich irgendjemand noch darüber auf? Es gibt da seit längerer Zeit einige äußerst erhellende Umfragen. Hat schlicht nichts zu tun mit europäischer Kultur und europäischen Werten.

    www.genocidewatch....t-expelling-gazans

    www.facebook.com/O.../1547250380103320/

  • Perkele

    Fassungslosigkeit ist eine sehr gemäßigte Reaktion auf solche Äußerungen. Warum wird solch ein Verbrecher nicht gnadenlos verfolgt und -zivilisiert- verurteilet und eingesperrt? Warum hört man aus Deutschland nur, dass man diese Typen trotz internationalem Haftbefehl NICHT festnehmen will, falls sie es wagen hier aufzutauchen? Deren Verhalten befördert den Antisemitismus weltweit unausweichlich.

    • Pawel_ko

      @Perkele:

      Bei ersterem bin ich bei Ihnen, die Person ist untragbar.

      Aber: "Deren Verhalten befördert den Antisemitismus weltweit unausweichlich."

      Warum? Was konnten die Juden in Bondi Beach Australien für Gvir? Was die erschossenen Juden in Washington? Was der arme Shapira der von einem Kommilitonen halb tot geprügelt wurde? Warum werden in Unis Hamas Dreiecke gesprüht oder überall verbotene Parolen gerufen?

      Gvir ist für die bereits vorhandenen Antisemiten nur ein willkommener Vorwand ihren Antisemitismus auszuleben.

      • Perkele

        @Pawel_ko:

        Das ist nicht ganz vollständig was Du da schreibst. Was ben Gvir, Smotrich, Netanjahu und Kosorten anrichten, das ist selbstverständlich nicht allen jüdischen Menschen anzulasten. Doch es gibt sehr viele unserer Zeitgenossen, die ohne zu überlegen die Verbrechen dieser Gang leider völlig undifferenziert "den Juden" vorwerfen. Sicher sind da auch eingefleischte Antisemiten bei, doch auch eher oberflächliche Btetrachter*innen reagieren leider so. Es gibt auch Widerstand in Israel und Ablehnung solcher Ungeheuerlichkeiten unter allen Juden/Jüdinnen weltweit und die in einen Topf mit Verbrechern zu werfen, das geht gar nicht.

  • Frodo

    Auch wenn ich den kritischen Ton des Artikels insgesamt befürworte, störe ich mich doch daran, dass Aussagen eines vor der IStGH angeklagten Massenmörders betreffend den von ihm voran getriebenen Genozid als wiederholt als "Kontroversen" bezeichnet werden, anstatt sie als das einzuordnen, was sie sind. Ich kann nicht glauben, dass Teile der Taz immernoch Probleme damit zu haben scheinen, den Genozid klar als solchen zu benennen. Was braucht es denn noch, bevor das passiert?

    • Zippism

      @Frodo:

      Da wird aus einer Anklage vor dem IStGH kurzerhand ein rechtskräftig festgestellter „Genozid“. Der IStGH hat einen solchen Genozid bislang nicht festgestellt. Eine Anklage ist keine Verurteilung und schon gar kein gerichtlicher Tatsachenentscheid.

      Man kann die Vorgänge für einen Genozid halten und das auch entsprechend kommentieren. Aber so zu tun, als sei das bereits eine vom Gericht festgestellte Tatsache, ist kein besonders überzeugender Beitrag zur Debatte über die journalistische Präzision der taz. Vielleicht braucht es dafür weniger Empörung und etwas mehr Verständnis dafür, wie ein Gerichtsverfahren funktioniert.

  • Bauer Gerry

    "Es gebe Menschen in Gaza, die es nicht verdient hätten zu leben, führte er fort. "

    Und Menschen, die so über andere Menschen denken, haben verdient zu leben?

    • Éljen a Magyar

      @Bauer Gerry:

      Ist nur leider völlig aus dem Zusammenhang gerissen und von Ben-Gvir in dieser Form nie gesagt worden.

      on.orf.at/video/14...densplan-weiter-ab

      "Nikolaus Wildner wurde 1985 in Wien geboren. Nach seinem Auslandszivildienst an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem studierte er Hebräisch, Arabisch und Nahostwissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem.



      Nach einer Lehrtätigkeit an der Universität Wien und mehreren Studienaufenthalten in Indien ist er seit 2020 für das ORF-Büro Tel Aviv tätig. Neben seiner Berichterstattung als Korrespondent aus Israel und den Palästinensergebieten hat Nikolaus Wildner für den ORF bisher auch aus Jordanien, dem Libanon, Afghanistan und Zypern berichtet." (der.orf.at/unterne...n/wildner100.html)

  • Il_Leopardo

    Die Idee mit den Krokodilen hat er sich wohl von Trump abgeguckt:

    „Alligator Alcatraz“: USA bauen Migranten-Haftanstalt umgeben von Schlangen und Krokodilen" (Berliner Zeitung, 24.6.25)