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Streit nach der Berlin-Wahl Alle schauen wieder auf diese Stadt

Uwe Rada

Kommentar von

Uwe Rada

Berlin hat gewählt und der Wahlsieg der Linken in der Hauptstadt sorgt auch im fernen Bayern für Aufregung. Und nicht nur dort.

D ie Drohung aus Bayern kam bajuwarisch breitbeinig. Sollte Berlin nach der Wahl vom vergangenen Sonntag tatsächlich von der Linkspartei regiert werden, so posaunte es Markus Söder bei der CSU-Fraktionsklausur in Kloster Banz heraus, dann werde man den Länderfinanzausgleich noch einmal auf den Prüfstand stellen: „Uns nervt es langsam ohne Ende, dass wir für die Schwäche anderer und für falsche Politik am Ende bezahlen sollen.“

Nicht einmal Verträge sind für den Söder Markus also mehr heilig. Denn auch der kürzlich unterzeichnete Hauptstadtfinanzierungsvertrag könne in diesem Fall noch einmal aufgedröselt werden, so Söder. Pacta sunt servanda? Nicht, wenn in Berlin eine Linke namens Elif Eralp regiert! Ganz schwere Geschütze fahren da die Bayern auf. Und sind nicht die einzigen. „Markus Söder hat Recht“, assistierte der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). „Kein Steuergeld für Antisemiten und Linksextremisten.“

Da fragen sich die geneigte Berlinerin und der ebenso geneigte Berliner natürlich, was die beiden Hilfspolizisten im Namen der „richtigen“ Politik sonst noch aus ihrer Westentasche zaubern. Steht demnächst die Bundespolizei vor dem Roten Rathaus in Berlin und kontrolliert den Eingang?

Den jetzt bisher geschriebenen Zeilen dieses Textes hier wohnt natürlich eine gewisse Ratlosigkeit inne. Denn außerhalb Berlins wird die Forderung, einem linksregierten Berlin den Geldhahn zuzudrehen, rege Zustimmung finden. Aus dem Sehnsuchtsort, in den es einmal alle zog, die den Mief der Provinz hinter sich lassen wollten, aus diesem must have großstädtischen Lebensgefühls, ist schon längst das Drecksloch geworden, in dessen händereibender Abneigung sich die Republik kollektiv verbrüdert und verschwestert. Zu babylonisch. Zu versifft. Zu failed.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Und ohne Geld vom Bund, reiben sie sich die Hände wund, fehlt nicht viel, und irgendwer kann Berlin endlich den Gnadenschuss geben. Dabei ist vieles an dem, worüber über Berlin die Nase gerümpft wird, nicht einmal falsch. Die Müllberge häufen sich, an manchen Ecken lässt sich die Evidenz der Broken-Windows-Theorie im Minutentakt nachweisen. Und wenn die Dreckecken weggeräumt werden, entstehen sie an anderer Stelle neu. Pfui!

Auch verdammt teuer

Aber Berlin ist eben nicht nur dreckig, es ist auch verdammt teuer. Auch deshalb hat die Linke, die „Berlin bezahlbar machen“ will, die Wahl gewonnen. Gibt es Mieten, die durch die Decke gehen, nicht auch in München? Oder sogar in Wiesbaden? Warum also kein Mietendeckel auch dort? Die Bundesregierung müsste die Länder dazu nur mit einer Öffnungsklausel ermächtigen.

Bislang davon? Nix da. Was sind schon in einem Flächenland die Probleme der Städte. Und wenn es hart auf hart kommt, dreht der bayerische Breitbeiner womöglich der eigenen Landeshauptstadt den Geldhahn zu, weil die jetzt grün regiert wird. Zuzutrauen wäre es ihm.

Bei allem Scherzen, zu dem das Thema einlädt: Den Gestus der Provinz, mit dem der Bayer und der Hesse den konservativen Großstadthass vortragen, hat eine Vorgeschichte. Es ist die Großstadtkritik der Weimarer Republik. Sauberes Land gegen dreckigen Moloch. Wohin das führt? Gerade läuft im Fernsehen wieder „Babylon Berlin“.

Ziemlich ernst ist die Angelegenheit auch, weil die Drohungen gegen ein linkes Berlin stärker ausfallen als gegen ein womöglich AfD-geführtes Sachsen-Anhalt.

Also erst einmal Klappe halten da unten im Süden. Denn wir im Norden können auch anders. Wenn ihr uns kein Geld mehr schickt, nutzen wir die Windkraft halt für uns und stellen euch den Strom ab.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Uwe Rada

Uwe Rada Redakteur taz.Berlin

Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Weitere Schwerpunkte sind Osteuropa und Brandenburg. Zuletzt erschien bei Bebra sein Buch "Morgenland Brandenburg. Zukunft zwischen Spree und Oder". Er koordiniert auch das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow und in Grunow im Schlaubetal.
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17 Kommentare

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  • A.S.

    Berlin ist eben wat Besonderes. Die einzige Stadt auf der Erde, wo in jeder Himmelsrichtung Osten war. Ich bind stolz drauf!

  • Heho

    👍

    Nach den Kosten für Olympia werden die Bayern eh heulen.

    Auch als nicht-Berlinerin drücke ich den Linken die Daumen.

  • derzwerg

    Die rechte Phalanx schließt sich wieder, und ich denke, das zieht, Söders Sprüche kommen an bei Biedermeiers Folgschaft

  • Pico

    Berlin hat demokratisch gewählt. Da erwarte ich Respekt von diesem Votum. Auch von jenen die jetzt Schaum vorm Mund haben.

  • DiMa

    "schon längst das Drecksloch geworden,"

    Endlich eine wahre Erkenntnis.

  • meerwind7

    So lange in Berlin Zuzugsdruck und Wohnungsmangel vorherrscht, ist eine Abschaffung des Stadtstaaten-Privilegs durchaus nachvollziehbar. Unterm Strich würde es auch die Wohnungsversorgung verbessern, wenn das Land Berlin weniger Geld hätte und zum Ausgleich z.B. die Parkgebühren deutlich erhöhen müsste. Weniger Geld für anderes, geschwächte Konjunktur, weniger Zuzugssaldo.

  • ASD

    Schon klar dass jetzt alles gegeben wird,dass bloß nicht die Linke regiert!!!! Springer Medien usw. geben Ihr bestes.



    Noch ein paar Jahre Geduld….. Die Jugend wählt zum Großteil links ……. Gott sei Dank!🙏

  • sailaway

    Schön, dass Markus zwischen Wiesn und CSU-Klausur noch Zeit findet, den Föderalismus neu zu erfinden :)

  • Janix

    Es ist schon auch erschreckend, wie ansonsten kluge Leute sich mit dem Schlagwort "Berlin" von solchen Söders das Hirn ausknipsen lassen und ablenkende Spaltungs-Stanzen nacherzählen.

    Es ist schon auch arrogant, ein Unions-Naturrecht auf Regieren mit solchen Überziehungen haben zu wollen. Solche Attitüde sollten wir uns für die nächsten Wahlen merken!

  • Zuversicht

    Tja, welche Windkraft möchte dem Rest der Republik denn Strom vorenthalten? Berlin als Norden zu bezeichnen, ist eh absurd.

  • Wunderwelt

    Nun ja..daß es einige konservative Parteigranden, die überwiegend von älteren Semestern gewählt werden beunruhigt, daß nun eine Partei, durch einen starken Zuwachs jüngerer Menschen beflügelt wird..wen soll das wundern.







    Schließlich profitiert deren Klientel doch von Mietrenditen. Die Landesverteidigung sollen bitte auch die jungen Menschen übernehmen. Natürlich auch die Rekordschulden. Und das mit der sich anbahnenden Klimakatastrophe ist ja auch eher deren Problem..







    Was jetzt in Berlin passiert ist vor allem Ausdruck eines anstehenden Generationenwechsels. Und da insbesondere die Klimakrise unausweichlich den Druck auf die Politik erhöhen wird, ist das auch nur der Anfang.







    Vlt wirkt die Berliner Linke in Teilen unangepaßt, vlt auch unerfahren in Sachen Regierungsarbeit. Aber ist das nicht immer so, wenn sich eine neue Generation anschickt den Staffelstab zu übernehmen.



    Meine Güte wie haben die damaligen Konservativen auf die Hippies und 68er geschimpft.







    cdsU und sPD (so wie viele Parteien weltweit) haben keine überzeugenden Antworten auf entscheidendende Zukunftsfragen.







    Und vielleicht ist das ja der Grund weswegen jetzt die ganze Welt auf Rot-Grün-(Rot) in Berlin schaut.

  • vieldenker

    Wer möchte schon dem „breitbeinigen Bayern“ zustimmen? Aber wo er recht hat, sollte man es tun: Berlin lebt seit mindestens 80 Jahren von der Solidarität der anderen Bundesbürger. Und so langsam reicht es denen eben mit der Finanzierung der großspurigen Großstadtbürger.

  • AllesWirdGuter

    Uns sind die Berliner eigentlich total egal, wenn wir nicht 11 Mrd an Den Länderfinanzausgleich zahlen müssten und Berlin 4 Mrd daraus abgreift. Das ärgert halt.

  • Josef 123

    "Und wenn es hart auf hart kommt, dreht der bayerische Breitbeiner womöglich der eigenen Landeshauptstadt den Geldhahn zu, weil die jetzt grün regiert wird. Zuzutrauen wäre es ihm."

    Das ist Krampf, dann hätte der Geldhahn schon längst zugedreht werden müssen. München war seit Ende der 1940er Jahre nur einmal, Mitte der 1980er, schwarz und wurde ansonsten immer vom CSU-Erzfeind SPD regiert.

    Außerdem hat Bayern nicht erst jetzt, sondern schon 2023 Klage gegen den Länderfinanzausgleich eingereicht. Vermutlich werden es die Bayern aber einfach aussitzen, bis die Empfänger kommen müssen:

    >> Dritte Möglichkeit: abwarten. Laut Grundgesetz läuft die Regelung aus, "wenn nach dem 31. Dezember 2030 die Bundesregierung, der Bundestag oder gemeinsam mindestens drei Länder Verhandlungen über eine Neuordnung" verlangen und "mit Ablauf von fünf Jahren" keine gesetzliche Neuordnung in Kraft getreten ist. Das derzeitige System könnte also frühestens 2036 auslaufen. Dann säße Bayern laut Henneke bei Neuverhandlungen am "längeren Hebel", da eine Einigung dann stark im Interesse der Nehmerländer wäre.

  • behr Behr

    Berlin ist nicht der „Norden“ und produziert auch keinen Strom aus



    „Windenergie“, den der Autor gegebenenfalls abschalten möchte.

  • Thutmerwe

    Wie viele Windräder stehen in Berlin?

    • MK

      @Thutmerwe:

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