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Sondierungsgespräche in Berlin Zurück auf dem Boden der Realpolitik

Daniel Bax

Kommentar von

Daniel Bax

In der Hauptstadt nehmen Linke, Grüne und SPD jetzt Kurs auf ein Linksbündnis. Leicht wird es nicht.

S eit dem Wahlsieg der Linken in Berlin konnte man den Eindruck gewinnen, die Stadt werde bald von Kommunisten, Islamisten und kriminellen Clans übernommen. Vergessen wurde dabei, dass die Linke in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern längst mitregiert, und in Thüringen und Sachsen sogar CDU-geführte Landesregierungen toleriert. Auch einen linken Ministerpräsidenten, Bodo Ramelow in Thüringen, hat die Bundesrepublik überlebt. Aber eine von der Linken angeführte Stadtregierung in der Hauptstadt ist etwas anderes.

Doch allmählich legt sich die Aufregung. Grüne und SPD lassen sich in der Hauptstadt auf Gespräche mit Wahlgewinnerin Elif Eralp ein und nehmen Kurs auf ein rot-grün-rotes Bündnis. Sie kehren damit auf den Boden der Realpolitik zurück. Auch die Union und die Boulevardmedien sollten jetzt verbal abrüsten.

Die Anwürfe gegen die Linke kamen nicht überraschend, aber sie waren überraschend heftig. Sie erinnerten an die Kampagne gegen New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani, dem fast wortgleich „Kommunismus“, „Islamismus“ und „Antisemitismus“ vorgeworfen wird. Erst am Freitag stand Israels wegen Kriegsverbrechen gesuchter Premierminister Benjamin Netanjahu vor der UN-Vollversammlung und behauptete, wegen Mamdani seien Jüdinnen und Juden in New York nicht mehr sicher. Das ist Panikmache.

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Die Enteignungsfrage

In Berlin will die Linke große Wohnungsbaukonzerne enteignen und sie kritisiert die deutsche Unterstützung für Israels Kriege. Das passt nicht jedem. Aber jetzt geht es darum, die Dinge nüchtern anzugehen und pragmatische Lösungen zu finden. Das viel beklagte „Antisemitismus-Problem“ der Partei etwa schrumpft, bei näherer Betrachtung, auf den Auftritt eines fragwürdigen Rappers beim Neuköllner Bezirksverband zusammen – und auf ein paar Aktivisten, die dort fragwürdige Dinge gesagt oder Nähe zu fragwürdigen Organisationen haben sollen.

Die Grünen fordern deshalb, die Linke solle personelle Konsequenzen ziehen. Parteiausschlussverfahren sind aber langwierig und vor allem Symbolik, sie sorgen für böses Blut und überzeugen niemanden. Besser wäre ein Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber fragwürdigen Organisationen – und noch besser wären konstruktive Maßnahmen, damit sich Jüdinnen und Juden in Berlin sicher fühlen können.

Größer noch sind die Hürden in der Frage von Vergesellschaftung und Enteignung. Denn da geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen und viel Geld. Hier einen Kompromiss zu finden, könnte wohl die größte Herausforderung für eine rot-grün-rote Koalition werden.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Daniel Bax

Daniel Bax Redakteur

Daniel Bax ist Journalist und Autor und schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland. Er arbeitet als Themenchef im Regieressort der taz und hat mehrere Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den grassierenden Rechtspopulismus. Sein aktuelles Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist Ende 2025 im Goldmann Verlag erschienen. Impressum: Daniel Bax c/o taz, die tageszeitung. taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Friedrichstr. 21, 10969 Berlin
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9 Kommentare

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  • Philippo1000

    Stimmt.



    Ein linkes Bündnis ist eine Chance.



    Zur Realpolitik gehört allerdings auch, dass "die Linke" weit von einer Mehrheit im Senat entfernt ist



    Wir haben nicht eine große Partei und ein Anhängsel, sondern zwei mögliche Koalitionspartner, die zusammen mehr Stimmen als "die Linke" hat.



    Maximalförderungen wie die Enteignung klingen so wie das 100% CDU des 18% Kanzlers.



    Demokratie lebt von Kompromissen.



    Bei der potentiellen Enteignung, die derzeit eine Mehrheit der Berliner*Innen nicht will, wird auch viel Steuergeld verschwendet.



    Es ist fraglich, ob die Pläne, die Wohnungen nur mit 60% Entschädigung zu übernehmen, vor Gericht Bestand hätten.



    Jedenfalls würde so sehr viel Geld ausgegeben und dafür entstünde keine einzige neue Wohnung.



    Was auf dem Plakat gut aussieht ist in der Realität nicht unbedingt die beste Lösung.



    Ja, Regieren ist schwierig.



    Es wird sich zeigen, ob die Linke schnell genug Kompetenz erwirbt.



    Man erinnert sich, dass die FDP beim Schwarz grün gelben Bündnis noch nicht soweit war und Lindner bei der Ampel auch noch nicht erwachsen.



    Es wäre klug, ein Bündnis zu bauen, bei dem Alle ein bisschen gewinnen und auf der anderen Seite einige Zugeständnisse machen müssen.

  • Andi S

    Man kann es sich auch schön reden. Ich Verweise auf das Meinungsstück von Christian Zaschke in der sz.

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Man sollte aufhören, das nach den üblichen Kriterien links und rechts zu klassifizieren. Denn dabei kommt man sehr schnell in die Irre.

    Man sollte das danach klassifizieren, für wen Politik gemacht wird. In Berlin geht es darum, wieder Politik für normale Bürger zu machen, für die eines der größten Probleme die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung ist.

    Während CDU und zum großen Teil auch die Bundes-SPD eine Politik in erster Linie für die Vermieter und speziell die Wohnungskonzerne machen. Und dies damit begründen, dass die dann Wohnungen bauen würden und dass der Markt das dann schon regelt. Das tun die aber nicht in ausreichendem Maße und der Markt regelt da gar nichts - außer, dass die Wohnugsunternehmen und deren Aktionäre immer reicher werden.

    Die eigentliche Frage ist nicht einmal, ob Wohnungskonzerne mit mehr als 3000 Wohnungen enteignet werden.

    Die wesentlich wichtigere Frage ist, ob man diese Gesellschaft endlich wieder gerechter macht. Eine Gesellschaft kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn, wie in Deutschland, das Vermögen der 5000 Superreichen (>100 Mio. $) und Milliardäre alleine seit 204 um 400 Mrd. $ wächst, während der Staat sich wegen 10 Mrd. zerlegt.

  • Kriebs

    „ Die Grünen fordern deshalb, die Linke solle personelle Konsequenzen ziehen. Parteiausschlussverfahren sind aber langwierig und vor allem Symbolik, sie sorgen für böses Blut und überzeugen niemanden.“ —> Wenn es wirklich nur einzelne Akteure und Aktivisten wären, dann sind Parteiausschlüsse genau das richtige Verfahren.

    Und wenn diese Ausschlüsse dann böses Blut bei anderen Antisemiten auslöst, dann ist das doch umso besser.

  • Nicky Name

    Die Linke hat sich durch ihre Ankündigung der Enteignung privater Immobilienkonzerne in Berlin und mit der Kritik an der deutschen Position zum Krieg im Nahen Osten sehr mächtige Feinde gemacht. Die versuchen nun mit aller Kraft eine linksgeführte Stadtregierung zu verhindern. Schon bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen sitzt mit der SPD die Immobilienlobby mit am Tisch und wird versuchen, eine Regierungsbildung zu verhindern, nur um sodann die Alternativlosigkeit einer Regierung unter CDU-Beteiligung in der Öffentlichkeit zu propagieren. Man kann der Linken nur einen langen Atem und kluges Handeln wünschen - und dass sie die Verrückten in ihren eigenen Reihen einhegt, die offenbar ebenfalls eine Regierungsbeteiligung hintertreiben.

  • Éljen a Magyar

    Vergessen wird, daß die Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen, in Thüringen und Sachsen nun einmal nicht mit der Die Linke in Berlin zu vergleichen ist. In keinem dieser vier Landesverbände hat es auch nur ansatzweise die Skandale gegeben wie in Berlin, in keinem dieser Landesverbände wurde auf Wahlkampfveranstaltungen "Death to the IDF!" skandiert oder der Terror der PFLP "Leila Chaled Style" verherrlicht. In keinem dieser Landesverbände haben sich Abgeordnete mit Größen aus dem Milieu der Clankriminalität photographieren oder ihnen durch deren engste Verwandte "Grüße mit Respekt" ausrichten lassen, niemand in diesen vier Landesverbänden hat zu einer "Wahlintifada" aufgerufen.

    Berlin verliert jetzt schon: es verliert das Vertrauen der dort lebenden Juden und Israelis und der Menschen, die mit ihnen solidarisch sind. Und es verliert das Vertrauen von möglichen zukünftigen Einwohnern, die sich nicht dem Risiko aussetzen wollen, daß ihnen in einer Stadt, die von einer Partei mit derartigen Verstrickungen regiert wird, droht.

  • A.S.

    Wenn die Aktiengesellschaften geschwächt werden, so funktioniert die Idee der Aktienrente nicht mehr.



    Deshalb sind CDU und SPD so sauer!

  • N. Ietsche

    Da sollen die Wohnungen GSW für teuer Geld wieder von der Vonovia zurückgekauft werden (darauf wird es am Schluss rauslaufen, wenn die Entschädigung auch gerichtlich durch ist). Also die Wohnungen die man vor 20 Jahren als PDS in rot-roter Regierung billigst verscherbelt hat.

    Und wenn man dann den Antisemitismus ausreichend kleingeredet hat, tritt das nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich.

  • Thomas Kühnelt

    "Das viel beklagte „Antisemitismus-Problem“ der Partei etwa schrumpft, bei näherer Betrachtung, auf den Auftritt eines fragwürdigen Rappers beim Neuköllner Bezirksverband zusammen – und auf ein paar Aktivisten, die dort fragwürdige Dinge gesagt oder Nähe zu fragwürdigen Organisationen haben sollen."



    Genau, es gibt ja so gar kein Antisemitismusproblem bei den Linken!!

    Und die mit den internen Konfliktlinien wohl deutlich vertrauteren,



    wie dem früheren Kultursenator Klaus Lederer, dem ehemalige Fraktionschef Carsten Schatz, dem haushaltspolitische Sprecher der Fraktion im Abgeordnetenhaus Sebastian Schlüsselburg, dem Ex-Bausenator Sebastian Scheel sowie der ehemalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach, die 2024 ihre Austritte bekannt gaben aus eben jenem Grunde, sind einfach nur hysterisch gewesen.