Trotz Verbot: Israels Minister Ben-Gvir provoziert mit Gebet auf Tempelberg
Sicherheitsminister Ben-Gvir betet mit über 1.000 Gläubigen auf dem Tempelberg in Jerusalem – trotz Verbot. Es ist nicht die erste Provokation dieser Art.
Foto: Miro Maman/reuters
Am Donnerstag begehen religiöse Jüd:innen Tisha B’Av, den jährlichen Fastentag. Es ist ein Tag der Trauer, der an die Zerstörung der jüdischen Tempel in der Geschichte erinnert; Bars, Restaurants und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen. Und jedes Jahr aufs Neue versuchen Gruppen von ultraorthodoxen Siedler:innen, auf den Tempelberg zu gelangen, um dort zu beten.
Das ist allerdings verboten. Unter dem sogenannten Status quo, ein Abkommen nach dem Ende des Sechstagekriegs 1967, dürfen nur muslimische Gläubige auf dem im von Israel annektierten Ostjerusalem gelegenen Tempelberg beten. Jüd:innen dürfen die heilige Stätte, auf der sich seit Jahrhunderten der Felsendom mit seinem berühmten goldfarbenen Kuppeldach und die Al-Aksa-Moschee befinden, nur besuchen. Jüdische Andachten sind indes an der Klagemauer erlaubt.
Seit 2018 hat die israelische Polizei jedoch stilles Beten ohne sichtbare religiöse Symbole zunehmend erlaubt. Und Anfang des Jahres hat sie sogar die Mitnahme von religiösen Schriften gestattet. Das hat radikale Siedlergruppen noch stärker ermuntert, das Gebetsverbot zu umgehen.
An diesem Tisha B’Av hat der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir zusammen mit mehr als 1.000 Siedler:innen den Tempelberg gestürmt. Die Menschenmasse wurde von Polizist:innen begleitet. Videos und Bilder zeigen sie etwa beim Gebet vor der Kulisse des Felsendoms.
Ben-Gvir plädiert schon länger für jüdische Gebete auf dem Tempelberg. „An Tisha B’Av gedenken wir der Zerstörung. Doch wir sehen auch enorme Fortschritte auf dem Tempelberg. Seht, was hier geschieht – Juden beten und fühlen sich wie die Besitzer dieses Ortes. So etwas hat es noch nie gegeben“, sagte er am Donnerstag in einem Video.
Ideologischer Kampf um die heiligen Stätten
Das Vorgehen erhitzt die Gemüter in den arabischen Nachbarländern. Jordaniens Außenministerium verurteilt das Vorgehen scharf. Die Behörde nannte das Vorgehen einen „eklatanten Verstoß gegen den historischen und rechtlichen Status quo, eine Schändung der Heiligkeit der Moschee, eine verurteilenswerte Eskalation, ein barbarisches Verhalten und eine inakzeptable Provokation“. Jordanien ist – trotz seiner Niederlage im Krieg 1967 – der Hüter der dortigen heiligen Stätten und finanziert die Jerusalemer Waqf-Behörde, die die Aufsicht über die Moschee und den Felsendom hat. Jordaniens „besondere Rolle“ bei der Pflege der muslimischen Stätten in Jerusalem ist im Friedensabkommen der beiden Staaten von 1994 festgehalten.
Die Palästinensische Autonomiebehörde hat den Besuch in ähnlicher Weise kritisiert. Die Terrorgruppe Hamas im Gazastreifen hat den Vorfall ebenfalls verurteilt und verkündet: „Unser Volk und unser Widerstand werden angesichts der Schändung unserer heiligen Stätten nicht tatenlos zusehen.“
Der Tempelberg ist der heiligste Ort im Judentum und der drittheiligste im Islam. Sicherheitsexpert:innen plädieren gegen eine jüdische Übernahme – auch da dies ein hohes Risiko birgt, Gewalt gegen Israelis in der arabischen Welt hervorzurufen. Einige radikale Ultraorthodoxe möchten den dritten Tempel aber genau dort errichten. Denn laut jüdischer Tradition sollen die ersten beiden Tempel auf eben jenem Tempelberg gestanden haben. Dafür müsste der Felsendom weichen. Genau das fürchten Muslim*innen weltweit.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat seinerseits mehrfach wiederholt, am Status quo werde nicht gerüttelt. Die israelische Menschenrechtsorganisation Peace Now erklärte wiederum am Donnerstag: „Eine direkte Linie verbindet den zunehmenden Siedlerterror, den der Premierminister selbst als Krebsgeschwür bezeichnete, mit der Gruppe von Brandstiftern, die versuchen, einen Religionskrieg zu entfachen.“
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