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Wolfram Weimer und die BerlinaleAutoritäre Machtmarkierung

Derya Türkmen

Kommentar von

Derya Türkmen

Auch wenn Tricia Tuttle vorerst Festival-Leiterin bleibt – das Vorgehen des Kulturstaatsministers wirkt als Warnung an die gesamte Kulturszene.

Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah al-Khatib bei der Berlinale-Preisverleihung Foto: Ebrahim Noroozi/ap

T ricia Tuttle bleibt Leiterin der Berlinale. „Vorerst“. Dieses Wort ist kein Verwaltungsdetail, es ist eine Machtmarkierung, die bedeutet: Die Intendantin steht unter Beobachtung. Und mit ihr ein ganzes Festival.

Auslöser war eine Dankesrede des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah al-Khatib bei der Preisverleihung, in der er die Bundesregierung für ihre Mitverantwortung am – wie er es ausdrückte – israelischen Genozid in Gaza kritisierte. Hinzu kam ein Gruppenfoto, auf dem Tuttle mit Filmschaffenden zu sehen ist, die palästinensische Symbole tragen. Die Springer-Medien machten daraus einen „Antisemitismus-Eklat“. Für Kulturstaatsminister Wolfram Weimer waren diese Vorkommnisse offenbar Grund genug, die Leitung des Festivals grundsätzlich infrage zu stellen.

Man muss die Inhalte der Rede nicht teilen, um zu erkennen, wie hier Maßstäbe verrutschen. Eine politische Einordnung des Gaza-Kriegs, selbst wenn sie polemisch oder einseitig formuliert ist, ist nicht automatisch antisemitisch. Wer jede fundamentale Kritik an israelischer Regierungspolitik oder deutscher Unterstützung reflexhaft in diese Kategorie rückt, verschiebt den Diskurs – und entwertet zugleich den Kampf gegen tatsächlichen Antisemitismus.

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Doch der Konflikt reicht tiefer als die Frage einzelner Formulierungen. Die Berlinale ist staatlich gefördert und repräsentiert die Bundesrepublik. Damit bewegt sie sich zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Autonomie und staatlicher Repräsentationslogik. Kulturinstitutionen produzieren Bilder, die Teil politischer Selbstverständigung werden – sie stabilisieren Narrative oder irritieren sie.

Genau darin liegt die Brisanz. Solange kulturelle Sichtbarkeit das politische Selbstbild nicht infrage stellt, gilt sie als legitime Haltung. Wenn sie dieses Selbstbild berührt oder stört, entsteht Druck. Nicht weil Kunst plötzlich ihre Grenzen überschreitet, sondern weil sie ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt: Konflikte sichtbar zu machen.

Die schnelle Eskalation zur Personalfrage sendet deshalb ein klares Signal: Wer eine Bühne verantwortet, soll künftig für politische Irritationen geradestehen. Das ist weniger sachliche Aufsicht als ein Mechanismus der Disziplinierung. Die Schwebe, in der Tuttle nun gehalten wird, wirkt wie eine Warnung an die gesamte Kulturszene.

Der Streit um die Berlinale ist damit ein Testfall. Hält dieses Land Ambivalenz aus – oder nur jene Formen politischer Positionierung, die sich in das eigene Selbstbild einfügen? Kunst darf kein verlängerter Arm der Außenpolitik sein. Sie ist der Ort, an dem gesellschaftliche Widersprüche sichtbar werden. Diese Sichtbarkeit ist keine Grenzüberschreitung, sondern ihr Auftrag.

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Derya Türkmen
Ist seit Oktober 2023 bei der taz, schreibt am liebsten über Gesellschaftthemen, Filmpolitik, Migration und die türkische Diaspora in Deutschland. Hat TV- und Filmproduktion in Hamburg, Angewandte Medien in Mittweida studiert, sowie Asian Cinema und TV-Broadcast in Ayr/Schottland.
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8 Kommentare

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  • Es geht hier doch mitnichten um Antisemitismus. Es geht um einen Krieg, den vor allem die palästinensische Bevölkerung zu ertragen hat. Wenn es nicht legitim ist, dass sich Betroffene dazu (einseitig) äußern und postwendend als Antisemiten betitelt werden und stellvertretend für den Sprechenden, den man schlecht haftbar machen kann, die Verantwortliche der Berlinale unter dem Vorwand von nicht ausreichender Distanzierung abgesägt werden soll. Dann ist es genau das, was rechts so gerne beklagt, ein Verbot von Meinungsäußerungen.



    Es ist schon absurd zu glauben, dass palästinensische Menschen, die persönlich oder eben in ihrem Umfeld die Folgen des Krieges erleben, sich in ihrer Israelkritik zügeln sollen, weil das ja mglweise antisemitisch wäre. Soviel klaren Kopf könnte eigentlich jeder Mensch haben, egal wie er zum Krieg steht.



    Das Agieren von Weimer und Co zeigt wieder: Jede Anklage, ein Eingeständnis.

  • Nein, es ist keine autoritäre Machtmarkierung. Es ist das Setzen von Grenzen. Wenn bei einer Preisverleihung von einem Genozid die Rede ist, welcher bisher nur als nicht bewiesener Vorwurf im Raum steht und öffentlich bemerkt: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“, dann ist es keine "Kultur" mehr und benötigt sicher keinen Schutz.

  • Abdallah al-Khatib träumt von einem Filmfestival in Gaza.

    In welchem Gaza? Wohl in einem freien Gaza? Nur, frei von wem?

    Frei von Israel, schätze ich mal, das legt zumindest die Symbolik nahe.

    However, welche Filme können da gezeigt werden?

    Wird es eine queere Sektion geben? Anders gefragt, wie zur Hölle könnte es in Gaza eine Demokratie geben, die ja Voraussetzung für so ein Festival ist?

    Fragen über Fragen.

    • @Jim Hawkins:

      Vielleicht wäre ein Filmfestival überhaupt ersteinmal ein Anfang für dieses Land.

  • Wenn auf einer Veranstaltung wie der Berlinale nicht mehr die Filme im Mittelpunkt stehen, sondern die politischen Weltansichten von wem auch immer, dann ist die Kritik daran und darüber berechtigt.

    Filme waren bei der Berlinale - mal wieder - nur mittelmäßige Nebensache. Gegebenfalls muss man auf öffentliche Dankesreden der Preisträger halt verzichten.

  • „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war“, sagt der Filmemacher.



    Antisemitismus hin oder her, solche Aussagen sind immer problematisch. So etwas sollte eine Festivalleitung nicht einfach stehen lassen.

    • @FancyBeard:

      das ist aber eine Hollywood-Mafia-Interpretation, dies gleich als gewaltsame Drohung zu empfinden.



      Es ist mindestens genauso möglich die Aussage als trotzig, kämpferischen Ausspruch zu deuten, von jemanden, der keine Mittel hat irgendetwas zu ändern, außer andere moralisch zu verurteilen, im Sinne von eure Schuld wird nie vergessen werden.



      Wenn man einmal die Vita dieses Menschen sieht, ist dies wahrscheinlicher als die erste Interpretation.

  • Danke für diese treffende und wichtige Einordnung. Sie bringen es auf den Punkt!