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Landtagswahl in Sachsen-AnhaltSind die Ossis doof oder die Wessis?

In Sachsen-Anhalt droht eine AfD-Regierung. Doch das eigentliche Problem geht über das Bundesland hinaus. Das liberale Zeitalter ist vorbei.

E s greift mächtig zu kurz, die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und eine möglicherweise daraus resultierende AfD-Regierung damit zu erklären, dass die Ossis undankbar und durchgeknallt seien. Oder dass die Wessis sie seit der Aufnahme in die Bundesrepublik systematisch benachteiligt und betrogen hätten. Die Ossi-Wessi-Sache ist ein Faktor, aber man sollte sie in einen größeren Rahmen einordnen. Nämlich: Wir leben in einer neuen Welt, von der wir nicht annähernd wissen, wie sie funktioniert.

Ein zeitlicher Bezugspunkt ist 1989, das Ende der Sowjetunion, des totalitären Sozialismus als global prägender Faktor und damit auch der DDR. Ein zweiter ist der 24. Februar 2022, der Tag, an dem Russland seinen Angriffskrieg auf Europa begann. In diesem Moment, ich folge hier dem Historiker Timothy Garton Ash, war nicht nur die Nachkriegszeit, sondern auch die Nachwendezeit zu Ende. Defätistisch könnte man seufzen: Unsere Zeit war damit zu Ende, und damit meine ich nicht uns westliche Boomer, sondern die liberalemanzipatorische Phase, von der ich bis vor Kurzem noch denken wollte, dass sie immer weiter ausgedehnt werden würde.

Ich will die möglichen Konsequenzen einer Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt nicht verkennen, meine These ist indes, dass die Lösung des Problems nicht in Sachsen-Anhalt liegt. Überall gibt es wachsenden Bedarf für populistische Parteien, die sich an die echten oder gefühlten Verlierer der liberalen Moderne wenden, die national und europaphob sind, gegen Einwanderung, gegen „Eliten“ (womit Liberale wie wir gemeint sind) und für traditionelle oder reaktionäre Gesellschaftspolitik. Von Portugal bis Norwegen liegen diese Parteien bei 20 Prozent oder mehr.

Das Problem ist, dass WIR keine Lösungen haben

Diese Parteien, so zumindest meine Unterstellung, haben keinerlei politische Lösungen für die zentralen Veränderungen. Das ist aber nicht das Problem. Keiner erwartet ernsthaft Lösungen von ihnen. Sie sollen das Gefühl bedienen, die Schnauze voll zu haben von der liberalen Scheiße. Das Problem ist, dass WIR keine Lösungen haben. „Der alten Art, Politik zu machen, geht schlicht die Luft aus“, wie Yascha Mounk in dem Sammelband „Ende des liberalen Zeitalters?“ schreibt.

Einfache Antworten gibt es nicht

In den USA ist sie bereits am Ende, in Frankreich, Großbritannien, den östlichen Bundesländern strampelt sie zusehends atemlos noch so ein bisschen vor sich hin. „Antifaschismus“ ist vor Ort wichtiges Aufstehen gegen Nazis, hilft aber nicht, AfD-Wähler zurückzuholen. Umverteilen nach unten? Keine Frage, dass es da Bedarf gibt, aber Trump will nach oben umverteilen. Und das hat seine Wähler auch nicht abgeschreckt.

Die Erderhitzung, das ist jetzt ganz ungeschickt, ist nur global bearbeitbar, das andere Wichtige nur europäisch: Verteidigung, Technologie, Digitales, erfolgreiche Wirtschaft und damit auch finanzierbare Sozialpolitik. Und dann braucht es auch noch organisierte, kontrollierte Einwanderung nach Europa. Alles Dinge, die die einen einsehen und die anderen nicht und für die es im Moment meist keine reale Umsetzungsbasis gibt.

wochentaz

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Vieles davon entzieht sich dem gemütlichen Links-rechts-Denken. Die AfD gewinnt Wähler von CDU und SPD, die neue Konstellation lautet: liberal und europäisch oder illiberal und national? Es ist in diesen Tagen völlig unklar, mit welcher Politik und Kultur eine bundesdeutsche, liberale und europäische Mehrheit erneuert und mittelfristig stabilisiert werden kann. Einfache Antworten (mehr Umverteilung, weniger Einwanderung) gibt es nicht.

Es ist wichtig, noch einmal um eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt herumzukommen. Aber damit ist noch nichts gewonnen, und mit einer AfD-Regierung wäre auch noch nichts verloren. So oder so sind wir schon mittendrin in einer neuen Welt. Der erste Schritt nach vorn ist, sich das klarzumachen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Peter Unfried

Peter Unfried Chefreporter der taz

Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried
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23 Kommentare

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  • Alex_der_Wunderer

    Es gibt sowohl in Ostdeutschland, wie auch in Westdeutschland nicht informierte Mitbürger und Wähler bezüglich der Entwicklung der AfD, von einer der Europäischen Union gegenüber kritischen Partei und der Währungseinführung des Euro gegenüber, in den Gründerjahren der AfD, hin zu einer in Teilen rechtsextremistischen Partei mit SED-Mauerfallgegnern in ihren Reihen. Daraum hier ein kleiner Diskurs diesbezüglich :



    share.google/xxZVESyhnkfEEfdZG



    Zudem verkennen viele Wähler die neoliberalen Idologien der AfD, die uns unsere Lebensqualität, Freiheit und unser aller Geld kosten werden. Dagegen war die FDP, als sie noch am Regierungstisch sitzen durfte, der reinste Samariter Verein.



    Wer möchte schon gerne niedrigere Gehälter, niedrigere Renten, weniger Leistungen aus der GKV und GRV, zudem noch ein angedachten Homeschooling für die eigen Kinder ?



    Was hat die AfD an Wohneigentumsforderenen Maßnahmen in ihrem Parteiprogramm, ?



    Was für Verbesserungen im Arbeitsrecht ?

  • Kohlrabi

    Immanuel Wallerstein sah den "zentristischen Liberalismus" als "Geokultur des modernen Weltsystems", das sich mit der Ausdehnung einer kapitalistischen Weltwirtschaft etabliert habe. Der "Siegeszug des Liberalismus" im 19. Jh. und 20. Jh. sei damit einhergegangen, dass er seine alten ideologischen Gegner in Europa (Konservative und Sozialisten) zunehmend assimiliert habe. Und in der Tat sprechen heute Konservative und Sozialisten fast immer die Sprache des Liberalismus, die AfD ist da keine Ausnahme.

    Wallersteins Prognose ging 2011 aber dahin, dass das über Jahrhunderte entstandene (letztlich eurozentrische) moderne Weltsystem bis etwa 2050 verschwinden und Nachfolgern Platz machen werde, über deren Eigenschaften man noch nichts wisse.



    .



    Und auch wenn der Liberalismus als Ideologie in Europa überdauert, die politische Praxis in der EU selbst entspricht dem immer weniger. Das MoU, welches 2015 Griechenland auferlegt wurde, glich dem Besatzungsstatut für ein im Krieg besiegtes Land.

    Vielleicht wird am Ende des liberalen Zeitalters wie an seinem Beginn der liberale Gedanke wieder ein eher nationales, regionales, partikulares Phänomen sein, aber kein übernational-systemisches.

  • *Sabine*

    "Von Portugal bis Norwegen liegen diese Parteien bei 20 Prozent oder mehr."

    Mit 20% Linken, 20% Rechten und einer schönen breiten Mitte von somit dann ca. 60 % könnte ich gut leben und denke, das könnte durchaus vorteilhaft für unsere Bürgergemeinschaft sein.

    Allerdings hat diese Mitte unter Herrn Bundeskanzler Schröder, meiner Meinung nach, durch die Einführung von Hartz IV extrem rechte Politik gemacht und Frau Bundeskanzlerin Merkel, die ich auch eher als Mitte gesehen habe, mit "ihrer" Nicht-Grenzschließung extrem linke Politik. Somit finde ich, ist es schwer für die Mitte eine Partei zu finden, die glaubwürdig "mittig" ist.

    Vielleicht war die Politik von Herrn Bundeskanzler Schröder und Frau Bundeskanzlerin Merkel aber auch einfach liberal in einer Weise, die mir nicht zusagte.

    Der "Schutz des Individuums" wurde meiner Meinung nach mit Hartz IV ausgehebelt. Die "Begrenzung der Staatsmacht", durch die Verhinderung der (wie es jetzt scheint dauerhaften) Aufnahme von Millionen Menschen in die deutschen Sicherungssysteme war nicht möglich. Beides war und ist für mich keine mittige Politik, die meinem Eindruck nach die meisten Wähler favorisieren würden.

  • PeterArt

    "...die neue Konstellation lautet: liberal und europäisch oder illiberal und national? " National? Die neuen Rechten sind ja nicht einmal mehr patriotisch - oder wieso ist z. B. die AgD bereit, Europa an Russland auszuliefern?

  • Andreas_2020

    Ich würde sagen, die AfD sollte der Weckruf für die demokratischen Parteien sein.



    Eine Rente nach 45 Beitragsjahren streichen? Gute Idee?



    Wer beantrag das denn normalerweise und wie fühlen sich diese Menschen mit dieser Streichung.



    Für einen Krieg mit Russland hochrüsten, aber eigentlich einen Haushalt haben, der stark von der Mehrwertsteuer finanziert wird?



    Wer zahlt denn die Mehrwertsteuer?



    Was fühlen arme Familien, die gut 15 Prozent Steuern zahlen, um zu essen und sich das Notwendigste zu kaufen?



    Deutschland benötigt Fachkräfte, auch aus dem Ausland?



    Was fühlen den Migrante hier, wenn sie es versuchen, zum einen auf Verkrustungen im Bildungswesen stoßen, zum anderen nichts ins Stadtbild passen?



    Es gibt zu viele faule Arbeitslose und Arbeitnehmer sind zu oft krank?



    Was fühlen den Menschen, die gerade alleinerziehend sind, die einen Elternteil ersetzen, die wenig Geld haben und trotzdem viel arbeiten müssen? Sind die faul, weil sie mehr geben müssen für den Nachwuchs?



    Und wie fühlen sich kranke und arbeitsmüde Arbeitnehmer, wenn sie von Merz und seinem Privatflugzeug lesen?



    = Die demokratischen Parteien reagieren viel zu wenig auf die Normalbürger. Das ist die bittere Wahrheit.

  • Uwe Kulick

    "Wir leben in einer neuen Welt, von der wir nicht annähernd wissen, wie sie funktioniert." Vgl. Merkel: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Merkel haute mal nen Spruch raus, wie fremd uns doch "das Digitale" sei. Dabei war's TTL-Kochbuch bereits Jahrzehnte früher erschienen, als Digitaltechnik noch stromfressend war aber immerhin Röhren und Transistoren bereits überwunden und durch digitale "integrierte Schaltkreise" in TTL-Technik ersetzt waren und teils durch solche in stromsparender CMOS-Technik ersetzt wurden und der Durchbruch des Mikroprozessors erfolgte und zur Herstellung des notwendigen Beiwerkes (Speicher aka RAM) Kohl und Honecker um die Wette Chip-Fabriken einweihten! Sprich: einige Leute der Politik hatten zu Merkels Zeit nicht verstanden, dass es ein alle umfassendes "Wir" der Digital-Unverständigen garnicht gab, sondern Experten im eigenen Lande.

    Das digitaltechnisch erschlossene Neuland macht uns neuen Kummer mit Blasen des Illiberalismus.

    Neue Medienwelt tiktok, RT, Compact usw. verbunden mit Bild&Co. jagt eine Sau nach der anderen durchs globale Dorf, um die allgemeine Meinungsbildung v.a. antiliberal zu versauen. Die Politik treibt das. Kompass verloren.

    • *Sabine*

      @Uwe Kulick:

      "... um die allgemeine Meinungsbildung v.a. antiliberal zu versauen."

      Vielleicht könnte eine Verlängerung der Schulpflicht zu Gunsten von Fächern wie beispielsweise Medien-, Digital-, Finanz- und Politik-Kompetenz helfen. Wenn Kinder und Jugendliche länger zur Schule gehen bzw. gebildet/ausgebildet werden, scheint ihnen das meinem Eindruck nach nicht zu schaden.

      Kostet zwar Geld, aber alles kostet Geld.

  • Abdurchdiemitte

    Wenn das Problem mit den hohen Zustimmungswerten der AfD nach Unfried darin besteht, dass wir nicht mehr wissen, wie die Welt ‚funktioniert‘ - und ich würde noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass die Welt überhaupt nicht (mehr) funktioniert -, liegt es auf der Hand, dass rechte (und linke) Ideologen versuchen, diese Leerstelle mit ihren jeweiligen Welterklärungsangeboten auszufüllen.



    Das ist also keine neue Erkenntnis. Viel spannender ist doch die Frage (jedenfalls für mich), warum es nationalistischen und völkischen Ideologien - mit all ihren destruktiven Begleiterscheinungen - viel besser als linken Gleichheitsutopien gelingt, die Massen für sich zu begeistern. Und das nicht bloß in Deutschland, sondern in ganz Europa und überall auf der Welt.



    Aus linker Perspektive ist das natürlich frustrierend.

    • Klabauta

      @Abdurchdiemitte:

      Die Frage ist, ob es überhaupt noch um rationale Lösungen geht oder für eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Menschen nur noch um reine Destruktion.



      In dem Fall stünden wir nicht am Abgrund, sondern wären schon einen Schritt weiter.

  • Frauke Z

    Von neuen Epochen zu sprechen, setzt voraus, dass man weiß, wie es weitergeht. Daher wäre ich damit vorsichtig. Richtig jedoch ist:



    Liberalismus ist derzeit unbeliebt.



    Das ist schlecht für vieles, was derzeit gesellschaftlich normal und sogar was staatlich verbindlich ist.



    Nur ist ein neuer Hang zum staatlichen Kommando und zur Uniformität durchaus kein Privileg der Rechtsradikalen, und er ging auch nicht von dort aus. Das ist wichtig für das Verständnis der heutigen Lage.



    Schon seit rund 15 Jahren neigen praktisch alle politischen Akteure zu mehr Vorschriften, mehr Pflichten und weniger individuellen Entscheidungsspielraum. Die Antwort von rechts außen kann man also verstehen als: Was ihr könnt, können wir schon lange.



    Trauriger vorläufiger Höhepunkt autoritären Durchgreifens waren die Corona-Maßnahmen, die ja von politischen Akteuren vieler Couleur unterstützt wurden. Die FDP hatte als liberale Partei 2021 folgerichtig großen Zulauf. Nun hat sie den nicht mehr - zumal sie sowohl in der Regierung als auch jetzt auf alle möglichen Themen setzt, nur nicht auf persönliche Freiheit.



    Wichtig ist, dass alle Parteien ihre Liebe zur Freiheit und ihr Vertrauen in die Bürger wiederentdecken

  • Aurego

    Mit "Elite" sind diejenigen gemeint, die über den Großteil des Vermögens verfügen, also die obersten 10%, bei denen mehr als 60% des Zasters konzentriert sind. Das sind jedoch nicht qua Definition "wir Liberale". Die Vermögenselite ist nicht per se liberal, sondern nur, solange es ihr Vorteile bringt.



    Den Grundkonflikt, der durch das Verschenken des DDR-Vermögens an die Treuhand entstanden ist, würden wir nur durch eine gewaltige Umverteilung lösen, zu dem aber aus machtpolitischen Gründen die AfD nicht bereit wäre, ganz im Gegenteil. Insofern folgen die Ergebnisse der Wahlumfragen dem Sprichwort, dass die allerdümmsten Kälber ihre Schlächter selber wählen.



    Jetzt können wir natürlich noch einmal überlegen, wer hier doof ist, werden darauf aber nur subjektive Antworten erhalten.

    • Comerade Aardvark

      @Aurego:

      Ach, diese Leider vom DDR "Vermögen", das finstere Wessis gestohlen haben. Witz und Lüge zu gleichen Teilen. Klar, die Treuhand war ein Drecksladen, aber was erwartet man, wenn man Beamte machen lässt?

  • J_CGN

    Beide sind doof.



    Wessobrunn, die von notwendiger Dankbarkeit faseln, wie Ossis, die socg immernoch zu kurzz gekommen fühlen.

  • FtznFrtz

    Leider krähen die Medien gerne ein Ende des Liberalismus/der Demokratie herbei, warum eigentlich? Bietet der Faschismus/Rechtspopulismus oder sonstige autoritäre Systeme dauerhaft besser Lösungen für die Probleme dieser Welt? Ich sehe das nicht.

    • Comerade Aardvark

      @FtznFrtz:

      Medien brauchen keine Lösungen für die Probleme der Welt, sondern mehr clicks.

    • PeterArt

      @FtznFrtz:

      Er sucht sie ja auch gar nicht. Ihm geht es um Macht.

  • FtznFrtz

    Der Befund ist ja an sich nicht wirklich falsch, die etablierte Politik tut sich verdammt schwer, Lösungen für die heutigen Krisen, aber auch für konkrete Alltagsprobleme der Bürger zu präsentieren. Natürlich kann die Bundesregierung nicht im Alleingang den Klimawandel, den Nahostkonflikt oder den Ukrainekrieg lösen. Sie hat allerdings überall Einfluss den sie geltend machen könnte.



    Was Rente, Wohnungsnot, Fachkräftemangel, steigende Beiträge in Kranken- und Pflegeversicherung angeht sieht die Sache schon wieder anders aus.



    Warum wählen die Leute rechts? Natürlich vor allem wegen der angeblichen Einfachheit der Welt: Klimawandel gibt es gar nicht, das Hauptproblem der Welt ist die Migration, einfach alle raus und schon ist alles in Butter.



    Es ist die Aufgabe guter Politik, gute Lösungen für die Probleme zu bieten, die man alleine lösen kann, und ansonsten mit zur Lösung beizutragen. Was sagt die Bundesregierung bisher: zur Wohnungsnot gibt es ein achselzuckendes "Muss man halt mehr bauen", ohne dass das wirklich passiert und hilft, Reformen in den Sozialsystemen kann man mit Kürzungen für die Schwachen übersetzen und den Fachkräftemangel ignoriert man.

  • Gerhard Krause

    Autsch, wir schauen auf prähistorische Thesen, denen es an einem Verständnis für Gegenwart und Zukunft fehlt. Sie dienen voraussichtlich einer Art von Rückfragen, die Historiker pp gerne beantworten und ggf in Bücher pressen möchten. Den Thesen von fehlt es an einem Verständnis für ihre (Weiter-)Entwicklung und hierdurch an der Fähigkeit zu jedem Zeitpunkt (des Zeitstrahls) den richtigen Schluss zu ziehen. Es handelt sich um subsumtionsoffene Sprücheklopfereien. Beispiel, sagen wir jetzt und heute: aktuell ist es unmöglich, das wohl nahe an der 🤡fD befindliche beabsichtigte Wahlverhalten (in Sachsen-Anhalt) zum Beispiel ohne Eltern-Kind-Beziehungen und den transportierten historischen Erfahrungen von Verlusten zu erklären. Vielleicht, aber nur vielleicht, beschreibungen die Thesen wortschwanger die abstrakte Denkweise des senilen Opas aus Washington, jedoch nicht das reale Erleben und darauf aufsetzende Manipulationsstrategien. Wir kennen sie täglich aus der Werbung, und sie kennen kein "liberal" oder "rechts". Sie kennen lediglich den Nutzen. Und jetzt, lieber Autor, fragen Sie nicht nur aus der Wahllandeslistensicht für wen.

    • Abdurchdiemitte

      @Gerhard Krause:

      Prähistorische Thesen, subsumptionsoffene Sprücheklopfereien. So harsch würde ich es nicht formulieren.



      Die Neigung, die Welt in mehr oder weniger komplexen Weltererklärungsmodellen zu erfassen und zu verstehen, liegt offenbar in der menschlichen ‚Natur‘. Und offensichtlich schafft es die AfD zur Zeit am besten, dem Publikum hierzulande ihre ‚Welterklärung‘ zu verkaufen. (Natürlich hat das weniger mit Rationalität, sondern vielmehr mit Emotionen zu tun. Aber, meine Güte, warum sollte Politik immer nur rationalen Erwägungen folgen?).



      Aus meiner Sicht aber überhaupt nicht der entscheidende Punkt. Wie ich in einem anderen Kommentar hier geschrieben habe, interessiert mich vielmehr die Frage, WARUM es den einen Deutungen/Ideologien besser gelingt als anderen, Mehrheiten für sich zu gewinnen. Warum gewinnen destruktive, inhumane Konzepte - von denen ihre Anhängern ‚untern Strich‘ nicht mal Vorteile erwarten dürfen - die Oberhand über diejenigen, die demokratischen und humanistischen Grundsätzen folgen?



      Am Beispiel: warum wählen ausgerechnet Arbeiter NSDAP oder AfD, also Parteien, von denen sie keine ‚Besserung‘ ihrer (materiellen) Lage zu erwarten haben?

  • realnessuno

    Das liberale Zeitalter soll vorbei sein?



    Warum fühle ich mich dann so frei (aka "liberal")?



    Klar gibt es manchmal Spaßverderber, vielleicht werden das auch mehr. Aber denen kann man immer noch auf die Finger kopfen und sie auf ihr übergriffiges Verhalten hinweisen!



    Alle achten auf ihren Spaß: Dann wird auch die Gesellschaft lockerer.



    Und doof sind diejenigen, die sich ins Tal der Ahnungslosen hineinwählen :-)

    • Abdurchdiemitte

      @realnessuno:

      „Und doof sind diejenigen, die sich ins Tal der Ahnungslosen hineinwählen.“



      Wobei Sie das Tal der Ahnungslosen doch wohl hoffentlich nicht (wie zu DDR-Zeiten) geografisch verorten. Wie diejenigen, die (immer noch) meinen, hohe Zustimmungswerte zur AfD und dem entsprechende Demokratieverachtung seien ein reines Ossi-Problem.



      Kennen Sie übrigens das Sprichwort: aus Spaß wurde Ernst?😉

  • Fran Zose

    Ich fürchte der Autor hat recht; eine ebenso gute wie entmutigende Analyse für jemanden wie mich, der ein überzeugter Europäer und liberaler Konservativer ist da sich kein Ausweg aufdrängt.

  • AugenhöheStattTribalismus

    Danke, für das "gemütliche Links-rechts-Denken". Genau dort muss man ansetzen. Aber aufgrund des Lagerdenkens und dem neurologisch im Menschen verhaftetem Stammesdünkel (Tribalismus) gelingt genau das nur unter Schmerzen. Dabei ist das Thema nicht neu: R.D. Laing nannte die hermetisch geschlossene Gesellschaft einen "Nexus".

    "Vieles davon entzieht sich dem gemütlichen Links-rechts-Denken. Die AfD gewinnt Wähler von CDU und SPD, die neue Konstellation lautet: liberal und europäisch oder illiberal und national? Es ist in diesen Tagen völlig unklar, mit welcher Politik und Kultur eine bundesdeutsche, liberale und europäische Mehrheit erneuert und mittelfristig stabilisiert werden kann. Einfache Antworten (mehr Umverteilung, weniger Einwanderung) gibt es nicht."