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Susan Sziborra-SeidlitzDie Grünen sind im Aufwärtstrend

Als die Grünen ihre Spitzenkandidatin wählten, lagen sie in Umfragen nur bei 3 Prozent. Jetzt haben sie 6 Prozent. Zahlt sich ihr Optimismus aus?

David Muschenich

Aus Genthin und Magdeburg

David Muschenich

In den ersten zwanzig Minuten sagt Susan Sziborra-Seidlitz erst mal nichts. Die Spitzenkandidatin der Grünen sitzt im Kreishaus Genthin, einer Kleinstadt im Nordosten Sachsen-Anhalts, ganz links außen auf dem Podium. Noch ist das Mikrofon nicht bei ihr. Der Saal ist zur Hälfte gefüllt, etwas mehr als 30 Menschen sind gekommen, ein Dutzend von ihnen trägt blau-weiße T-Shirts mit AfD-Logo.

Das Thema an diesem Donnerstagabend im August ist nicht die anstehende Landtagswahl am 6. September. Es geht um das Gesundheitswesen in Genthin. Seitdem 2017 das Krankenhaus der kleinen Stadt geschlossen hat, fehlt es an Gesundheits- und Notfallversorgung. Ein Mann erzählt, im ganzen Landkreis gebe es keinen einzigen Urologen. Eine Frau berichtet, wie sie für die Behandlung eines komplizierten Handgelenkbruchs ins Nachbarbundesland Brandenburg musste.

Auf dem Podium nicken verständnisvoll Ver­tre­te­r:in­nen von Linken, SPD, CDU und AfD sowie die Bürgermeisterin und der Landrat. Sziborra-Seidlitz beugt sich über ihre Mappe und macht sich Notizen. Mit Gesundheitsthemen kennt sich die gelernte Krankenpflegerin aus. „Der beste Beruf der Welt“, wie sie sagt. Im Landtag ist die 48-Jährige bislang die Expertin ihrer Fraktion zu dem Thema.

Als die Grünen im vergangenen November Sziborra-Seidlitz zur Spitzenkandidatin wählten, stand ihre Partei in Umfragen bei 3 Prozent. Seitdem stieg sie unermüdlich auf Podien und wiederholte: Schaffen es die Grünen in den Landtag, erschwert das eine AfD-Regierung. Lächelnd sagt Sziborra-Seidlitz das. Sachsen-Anhalt sei ein „wunderbares Land“ mit engagierten Menschen, das solle so bleiben. Auf ihren Oberarm hat sie sich die antifaschistische Losung „No pasarán“ tätowieren lassen. Zu Deutsch: Sie werden nicht durchkommen.

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Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt investieren die Grünen genauso viel Geld wie die AfD: rund 1,5 Millionen Euro. Von den 42 Prozent, die die national-autoritäre Partei hat, sind sie immer noch weit entfernt. Trotzdem hat sich das Blatt etwas gewendet. Laut der Mittwochabend veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap stehen die Grünen bei 6 Prozent, haben die FDP hinter sich gelassen und das BSW überholt. Ein Aufwärtstrend.

Durch die Glasfront heizt die Sonne den kleinen Saal in Genthin ordentlich auf. Dann erhebt sich in der ersten Reihe ein weiterer Mann. Er habe sich letztens eine Platzwunde zugezogen, eigentlich kein Fall für den einzigen Rettungswagen in Genthin, der solle schließlich für echte Notfälle verfügbar sein. Der Mann redet schnell. Seine Familie sei nicht da gewesen, die Nach­ba­r:in­nen nicht erreichbar. „Was soll ich denn machen?“ Also habe er doch den Rettungswagen gerufen, sagt er. Es klingt wie ein Geständnis.

Nach fast einer halben Stunde wandert das Mikrofon im Kreishaus zu Sziborra-Seidlitz. Sie fasst zusammen: Im Landkreis zeige sich, was passiere, wenn eine Regierung den Strukturwandel verschlafe. Dabei könne die kleine Stadt zum Vorbild für andere Regionen in Sachsen-Anhalt werden. In ihrem Studium der „Interprofessionellen Gesundheitsversorgung“ habe Sziborra-Seidlitz mögliche Ansätze kennengelernt. Daran könne man sich orientieren. Applaus bekommt sie keinen.

Anders läuft es für Sziborra-Seidlitz etwa, als sie auf dem CSD in Magdeburg auftritt. In der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt sind Mitte August mehrere Tausend Menschen auf der Straße. Regenbogenfahnen, laute Musik und auf dem Wagen der Grünen: die Spitzenkandidatin mit breitem Lächeln. In einem kurzen Clip bei Instagram betont sie: „Das ist Sachsen-Anhalt, und nicht die Faschisten, die sich gerade versuchen, hier die Macht zu erschleichen.“

Ursprünglich kommt Sziborra-Seidlitz aus Ost-Berlin, dort hörte sie Punk und war nach der Wende für die PDS aktiv. Nachdem sie 2008 ihrem Mann nach Quedlinburg gefolgt war, wurde sie Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Von 2016 bis 2021 war sie Vorsitzende der Partei in Sachsen-Anhalt und wurde es vergangenes Jahr erneut.

AfD-Politiker in Aktion erlebt Sziborra-Seidlitz, seitdem sie 2021 in den Landtag eingezogen ist. Vorn am Redepult erntet sie regelmäßig Zwischenrufe von rechts außen. Sie selbst sagt über die AfD-Fraktion im Landtag: „Da geht es zu wie auf dem Pavianfelsen. Geheule und Gejohle.“ Warum will sie trotzdem noch mal in den Landtag? „Weil ich nicht bereit bin, diesen Typen das Land zu überlassen.“

Die AfD-Fans im Kreishaus von Genthin bleiben während ihrer Redebeiträge die meiste Zeit ruhig. Nur an einer Stelle bekommt sie grummelnden Widerspruch: Als es um Ärz­t:in­nen mit Migrationshintergrund geht. „Die haben Angst vor dem Ausgang der Wahl“, warnt Sziborra-Seidlitz. Falls die AfD gewinnen sollte, würden viele das Land verlassen. Ein Mann entgegnet ihr, das sei in Genthin kein Thema. Er trägt ein weißes T-Shirt, darauf ein Bild von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund samt Unterschrift. Sziborra-Seidlitz lässt das nicht einfach stehen: „Sprechen Sie doch mit den Ärzten bei Ihnen mit Migrationshintergrund, ob die bleiben wollen.“ Danach ist es kurz still.

Auch bei der TV-Debatte des Mitteldeutschen Rundfunks am Mittwochabend fällt Sziborra-Seidlitz einem AfD-Mann ins Wort – dieses Mal ist es AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund selbst. Als der beginnt, Bildungsprobleme in Sachsen-Anhalt aufzuzählen, fragt sie: „Und das lösen Sie wie?“ Siegmund dreht sich zu der Grünen, gibt aber als Antwort nur weitere Problembeschreibungen, sie wiederholt ihre Frage – bis die Moderation dazwischengeht.

In Genthin zirkulieren hingegen mehrere Lösungsvorschläge. Pendelnde Ärzt:innen, Investitionen, ein Gemeindenotfallsanitäter. Doch als sich nach anderthalb Stunden erneut eine Bürgerin meldet und um ein konkretes Datum bittet, ab dem es besser würde, bekommt sie nur entschuldigendes Kopfschütteln. „Es ist nicht seriös, ein Datum zu versprechen, es tut mir leid“, sagt da auch Sziborra-Seidlitz.

Ein anderes Versprechen geht ihr leichter über die Lippen. Zum Beispiel beim CSD in Magdeburg schwört sie, dass die AfD in Sachsen-Anhalt nicht regieren werde. Dafür bekommt sie Applaus. Aber was ist, wenn es die Grünen nicht in den Landtag schaffen? Sziborra-Seidlitz schüttelt im Gespräch mit der taz den Kopf. Gegen die AfD würde sie weiterhin kämpfen, dann eben außerhalb des Parlaments. „Sachsen-Anhalt ist meine Heimat geworden. Natürlich bleibe ich.“

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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