AfD-Umfragehoch vor den Ostwahlen : Wirtschaft statt Moral
Die ideologisch Gefestigten können die demokratischen Parteien nicht von der AfD zurückholen. Anders sieht es bei wirtschaftlich Frustrierten aus.
Foto: Philip Dulian/dpa
W er die politischen Talkshows und Interviews dieser Wochen verfolgt, erlebt ein wiederkehrendes Muster der Hilflosigkeit. Als Reaktion auf den Höhenflug der AfD liefern Politiker:innen und Beobachter:innen des politischen Betriebs die immer gleichen Sätze: Die AfD wolle zurück in die Zeit vor Adenauer, ihr dürfe man das Land nicht überlassen. Es wirkt wie der verzweifelte Versuch, der Wählerschaft nachzuweisen, dass die Partei für historische Rückwärtsgewandtheit steht.
Hinter dieser Strategie steckt aber ein Irrtum: Das politische Establishment hält die AfD im Kern noch immer für eine reine Protestpartei. Man redet sich ein, dass Menschen ihr Kreuz nur aus Frust dort machen und im Zweifel damit gegen ihre persönlichen wirtschaftlichen Interessen handeln. Entsprechend groß ist die Hoffnung, die Partei werde sich mangels Substanz irgendwann selbst entzaubern.
Doch diese Erzählung geht an der Realität vorbei. Vor allem jüngere Wählergruppen haben keine Angst vor historischen Vergleichen; das NS-Regime ist für sie weit weg. Sie wählen die AfD heute nicht mehr trotz, sondern auch wegen handfester wirtschaftlicher Erwartungen.
Unsere Daten zeigen, dass viele Unterstützer:innen in Ost und West die AfD als ökonomische Zukunftshoffnung wahrnehmen – ob sie diese Hoffnung ansatzweise einlösen würde, steht auf einem anderen Blatt. Bei der Frage, welche politische Kraft die drängendsten Probleme des Landes lösen kann, führt die AfD laut unseren aktuellen Umfragen vor der CDU/CSU. Die Verschiebung zeigt sich auch in der Wirtschaftspolitik: Mit 27 Prozent liegt die AfD bei der ökonomischen Kompetenz inzwischen auf Augenhöhe mit der Union. Dass die AfD keine Wirtschaftskompetenz besitze, ist eher die Sichtweise der politischen Konkurrenz; die Wählerschaft bewertet das längst anders. Das ist vor allem für die CDU bitter, immerhin ist Kanzler Friedrich Merz mit dem Versprechen angetreten, als Wirtschaftskanzler die Konjunkturwende einzuleiten.
Natürlich bleiben andere Themen wichtig: Eine aktuelle Civey-Befragung unter Menschen, die sich vorstellen können, die AfD zu wählen, hat gezeigt, dass 75 Prozent sich davon erhoffen, dass die AfD die Migration begrenzt. Die schärfere Migrationspolitik von Innenminister Alexander Dobrindt erreicht diese Wähler:innen nicht. Direkt hinter dem Wunsch nach sicheren Grenzen (42 Prozent) folgt aber das ökonomische Argument: 37 Prozent verknüpfen ihr Kreuz mit der Erwartung, dass die Wirtschaft wieder Aufwind erlebt. Bei diesen ökonomischen Erwartungen gibt es übrigens kaum Unterschiede zwischen Ost (39 Prozent) und West (35 Prozent). Die Sehnsucht nach neuer wirtschaftlicher Dynamik bewegt die Wählerschaft im gesamten Bundesgebiet.
In der AfD-Wählerschaft vereint sich ein ideologisch gefestigter Kern mit einer pragmatischen, ökonomisch getriebenen Schicht. Wer sein Kreuz aus wertkonservativer Überzeugung setzt oder Zuwanderung fundamental ablehnt (49 Prozent), bleibt für die demokratische Konkurrenz auf absehbare Zeit unerreichbar. Anders verhält es sich mit jenen Menschen, die wirtschaftliche Motive antreiben. Die Erwartung, dass die AfD die eigene finanzielle Situation verbessert (75 Prozent), entspringt keinem festgefügten Weltbild, sondern ist eine pragmatische Erwartung. Die Hoffnung auf Wohlstandssicherung wird zum zentralen Wahlgrund.
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Die gute Nachricht ist: Wer aus wirtschaftlicher Erwartung wählt, entscheidet nicht unumkehrbar. Ökonomische Erwartungen sind im Gegensatz zu Identitätsfragen verhandelbar. Wirtschaftspolitik lässt sich in konkreten Zahlen, Entlastungen und Investitionen messen. Wenn es der politischen Konkurrenz gelingt, eigene, glaubwürdige Konzepte für Wohlstand und Stabilität vorzulegen, entzieht sie der Partei bei den ökonomisch Motivierten die gesamte Wahlgrundlage. Diese Wähler:innengruppen fordern messbare Ergebnisse. Es geht ihnen um ein Land, das seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnt und seine Wirtschaft spürbar ankurbelt, getrieben von der tiefen Frustration, immer höhere Abgaben zu leisten, während sich an den großen, strukturellen Problemen des Landes nichts ändert.
Nicht nur Frust
Es ist dieser Pragmatismus, der die anstehenden Landtagswahlen im Osten maßgeblich bestimmen wird. Wer im September in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD in den Umfragen teils deutlich vorne liegt, seine Stimme abgibt, handelt längst nicht mehr nur aus reinem Frust. Die Menschen verknüpfen ihr Kreuz mit handfesten ökonomischen Erwartungen an die Zukunft.
Weil Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit jedoch dringend zurückerlangen muss, läuft die rein moralische Abgrenzung völlig ins Leere. Für die demokratische Mitte bedeutet das: Die eigentliche, gewaltige Aufgabe liegt nicht im moralischen Diskurs. Wer Menschen zurückgewinnen will, muss eine Zukunftsvision entwickeln, die sie wirklich mitnimmt.
Entscheidend ist, ob die Menschen das Gefühl haben, dass sich im Land tatsächlich wieder etwas bewegt. Wer erlebt, dass Unternehmen investieren, Infrastruktur modernisiert wird und die eigene finanzielle Situation wieder planbarer wird, bewertet die Zukunft anders als jemand, der täglich nur von Krise und Niedergang hört. Die AfD profitiert von einer Stimmung, in der viele davon überzeugt sind, dass Deutschland auf dem falschen Weg sei. Die wirksamste Antwort darauf ist weder Empörung noch Beschwichtigung, sondern der sichtbare Beweis, dass dieses Land (wirtschaftliche) Probleme lösen kann.
Der ideologische Kern der AfD ist klein. Der politische Wettbewerb entscheidet sich bei jenen Menschen, die ihre Stimme an wirtschaftliche Erwartungen knüpfen. Genau deshalb ist die ökonomische Glaubwürdigkeit der demokratischen Parteien heute wichtiger als jede moralische Abgrenzung.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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