18-Jährige beantworten Briefe nicht: Die Bundeswehr ghosten
Über ein Viertel der jungen Männer ignoriert die Briefe der Bundeswehr. Angesichts der Intransparenz der Politik ist das nur konsequent.
W er einen dieser Sticker mit der Aufschrift „Keine Werbung“ auf den eigenen Briefkasten gepfapft hat, der weiß vermutlich: Das klappt wirklich. Meistens jedenfalls. Doch auch der größte Sticker wird nicht verhindert haben, dass in diesem Jahr rund 200.000 Werbezettel der Bundeswehr ihren Weg in die Briefkästen 18-Jähriger gefunden haben.
Bei diesen Zustellungen handelt es sich nämlich nicht um „normale“ Werbung, sondern um Anwerbeversuche des Staates. Per Brief erfragt die Bundeswehr aktuell, wer von den 18-jährigen Lust auf Schlammkriechen und Ballern hat. Sie will wissen, wie viel die Jungs wiegen, was sie gelernt und vor allem wie viel Bock auf Bundeswehr sie auf einer Skala von 0 bis 10 haben.
Für junge Männer ist eine Rückmeldung Pflicht. Laut dem Redaktionsnetzwerk Deutschland beantworteten trotzdem 28 Prozent von ihnen die Briefe nicht. Zehntausende Jungs ghosten den Staat. Das ist nicht nur im Sinne ihrer Generation konsequent, sondern auch politisch. Der Unklarheit der Bundeswehr begegnen sie nämlich mit deren eigenen Waffen.
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So war die Bundesregierung mit ihrer Reaktivierung des Wehrdienstgesetzes zum 1. Januar kein Vorbild in Sachen Transparenz. Die Gesetzesmacher drücken sich davor, zu sagen, was sie wirklich wollen: Kontrolle.
Neulich etwa wurde bekannt, dass nach dem zurechtgeschusterten Gesetz Männer zwischen 17 und 45 Jahren eine Genehmigung von der Bundeswehr brauchen, wenn sie das Land länger als drei Monate verlassen wollen. Doch das Verteidigungsministerium versuchte zu beschwichtigen: Es gibt jetzt eine Ausnahmeregelung, Reisen ohne Genehmigung bleibt erlaubt. Als müsse man dafür dankbar sein.
Verweigert oder vercheckt?
Ob so viele Jungen die Bundeswehrbögen nun aus politischen Gründen ignorieren oder einfach übersehen haben, ist unklar. Für manch einen der angeschriebenen Digitalgebürtigen könnte immerhin auch eine ganz andere Frage im Fokus stehen, nämlich die, was ein Brief eigentlich ist.
Immerhin hat sich seit 2007 die Zahl der verschickten Briefe in Deutschland fast halbiert. Und vor ein paar Tagen ist die Deutsche Post, ganz konsequent, auch namentlich im Mutterkonzern DHL aufgegangen.
Dass die Bundeswehr trotzdem versucht, per Papier an neue Rekruten zu kommen, ist insofern zwar altmodisch, aber wahrscheinlich besser, weil seriöser als die Versuche vergangener Jahre, die Jugend mit Youtube-Dokus über Einsätze in Mali oder Besuchen auf der Gamescom ungefragt da abholen zu wollen, wo sie steht. So ein echter Brief aus totem Baum, der erinnert zumindest ein bisschen daran, dass es beim Wehrdienst um greifbare, physische Konsequenzen geht.
Auch die Briefe der Bundeswehr haben schon jetzt Konsequenzen. So will das Verteidigungsministerium den Fällen der Ghoster nachgehen und notfalls Bußgelder verhängen. Dass eine Musterung inklusive „Eiergriff“ noch keine Pflicht ist, liegt auch nur daran, dass es bisher keine ausreichenden Kapazitäten gibt.
Auf all das hat ein erheblicher Teil der Jungen offensichtlich keine Lust. Die Bundeswehrbriefe ungeöffnet zwischen zwei Pizzakartons ins Altpapier zu schmeißen, ist dabei nicht ihre einzige Methode, sich gegen den Wehrdienst zu wehren. Auf das gute alte Recht auf Kriegsdienstverweigerung beriefen sich allein im ersten Quartal dieses Jahres gut 2.600 Menschen. Die Zahlen sind damit auf Rekordkurs.
Und dann gibt es noch eine andere, ganz analoge Variante, zu der Zehntausende greifen: sie streiken. Für Freitag, den 8. Mai haben die Organisatoren der Schulstreiks gegen den Wehrdienst einmal mehr auf die Straße gerufen. Statt per Brief antworten die jungen Leute mündlich, sozusagen per analoger Sprachnachricht. Die Verantwortlichen sollten hinhören. Auch ohne Pflicht.
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