Zweifel an Putin in Russland: Die Macht des Kremlchefs wackelt
Widerspruch aus den eigenen Reihen, die Wirtschaft in der Krise und ein Krieg ohne Perspektive. Putin durchlebt die schwersten Wochen seiner Amtszeit.
E s gibt Disziplinen, die nicht aussterben. Dazu gehört zweifellos die Kreml-Astrologie – ein Begriff, der während des Kalten Krieges geprägt wurde. Dieser Tage fragen sich viele, wie fest Russlands Präsident Wladimir Putin noch im Sattel sitzt. Selbst Expert*innen tappen im Dunkeln und sind bei Antworten zu Recht eher zurückhaltend. Nichtsdestotrotz gibt es einige Indizien dafür, dass der Kremlchef gerade die schwersten Wochen seiner Amtszeit durchlebt.
Der Hauptgrund dafür ist Russlands vollumfänglicher Krieg in der Ukraine, der im Propagandasprech militärische Spezialoperation (SWO) heißt. Und da läuft es für Moskau suboptimal, um es noch wohlwollend zu formulieren. Geländegewinne sind, wenn überhaupt, überschaubar und stehen in krassem Gegensatz zu der Anzahl russischer getöteter und verwundeter Soldaten. Auch im Donbass holpert es, den komplett einzunehmen immer noch Putins erklärtes Kriegsziel ist.
Die personellen Ressourcen indes dünnen immer weiter aus. Ob das staatliche Angebot eines Schuldenerlasses in Höhe von umgerechnet bis zu knapp 120.000 Euro für Männer Motivation genug ist, an die Front zu gehen, wird sich zeigen. In der russischen Elite wächst die Frustration über diesen sinnlosen verlustreichen Krieg, und das hörbar, was neu ist. Der Glaube an einen wie auch immer gearteten Sieg schwindet. Dass regierungsnahe Militärblogger den Einsatz einer atomar bestückbaren Oreschnik-Hyperschall-Rakete bei Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw am Pfingstwochenende als „Verzweiflungstat“ bezeichneten, sagt einiges.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Die Erzählung von der angeblich so robusten Kriegswirtschaft entpuppt sich allenfalls als Halbwahrheit. Das bekommt vor allem der russische Mittelstand zu spüren, den eine steigende Steuerlast bei gleichzeitig sinkender Konsumnachfrage zunehmend unter Druck setzt. Flächendeckende Internetsperren und Blackouts – angeblich aus Sicherheitsgründen – tun ein Übriges, um kleinere Betriebe in den Ruin zu treiben.
Insbesondere diese Zwangsmaßnahmen, eine weitere Spielart des Kontrollwahns à la Putin, treffen auch einen Großteil der Bevölkerung empfindlich. Folglich machen sich auch hier Zorn und Ärger breit. Spätestens jetzt dürfte vielen Russ*innen schmerzlich bewusst werden, dass ihr Land einen Krieg führt, der auch immer stärker ihren eigenen Alltag bestimmt. Um mögliche Unmutsbekundungen gleich im Keim zu ersticken, tut das Regime das, was es immer tut: die Repressionen weiter verstärken. Doch ob das auf Dauer ausreicht?
Eine schwächelnde Wirtschaft, militärische Misserfolge und erste Absetzbewegungen von Teilen der Elite, die nicht mehr zu übersehen sind: Wladimir Putin ist deutlich angeschlagen. Seine Zustimmungswerte gehen immer weiter in den Keller. Aber er fällt nicht – noch nicht. Sollte der Kipppunkt jedoch erreicht sein, könnte alles ganz schnell gehen.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert