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Zweifel an Putin in RusslandDie Macht des Kremlchefs wackelt

Kommentar von

Barbara Oertel

Widerspruch aus den eigenen Reihen, die Wirtschaft in der Krise und ein Krieg ohne Perspektive. Putin durchlebt die schwersten Wochen seiner Amtszeit.

Souvenirshop in Kyjiw: Wladimir Putin wird nicht nur in der Ukraine angefeindet, sondern auch zunehmend im eigenen Land Foto: Gleb Garanich/reuter

E s gibt Disziplinen, die nicht aussterben. Dazu gehört zweifellos die Kreml-Astrologie – ein Begriff, der während des Kalten Krieges geprägt wurde. Dieser Tage fragen sich viele, wie fest Russlands Präsident Wladimir Putin noch im Sattel sitzt. Selbst Ex­per­t*in­nen tappen im Dunkeln und sind bei Antworten zu Recht eher zurückhaltend. Nichtsdestotrotz gibt es einige Indizien dafür, dass der Kremlchef gerade die schwersten Wochen seiner Amtszeit durchlebt.

Der Hauptgrund dafür ist Russlands vollumfänglicher Krieg in der Ukraine, der im Propagandasprech militärische Spezialoperation (SWO) heißt. Und da läuft es für Moskau suboptimal, um es noch wohlwollend zu formulieren. Geländegewinne sind, wenn überhaupt, überschaubar und stehen in krassem Gegensatz zu der Anzahl russischer getöteter und verwundeter Soldaten. Auch im Donbass holpert es, den komplett einzunehmen immer noch Putins erklärtes Kriegsziel ist.

Die personellen Ressourcen indes dünnen immer weiter aus. Ob das staatliche Angebot eines Schuldenerlasses in Höhe von umgerechnet bis zu knapp 120.000 Euro für Männer Motivation genug ist, an die Front zu gehen, wird sich zeigen. In der russischen Elite wächst die Frustration über diesen sinnlosen verlustreichen Krieg, und das hörbar, was neu ist. Der Glaube an einen wie auch immer gearteten Sieg schwindet. Dass regierungsnahe Militärblogger den Einsatz einer atomar bestückbaren Oreschnik-Hyperschall-Rakete bei Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw am Pfingstwochenende als „Verzweiflungstat“ bezeichneten, sagt einiges.

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Die Erzählung von der angeblich so robusten Kriegswirtschaft entpuppt sich allenfalls als Halbwahrheit. Das bekommt vor allem der russische Mittelstand zu spüren, den eine steigende Steuerlast bei gleichzeitig sinkender Konsumnachfrage zunehmend unter Druck setzt. Flächendeckende Internetsperren und Blackouts – angeblich aus Sicherheitsgründen – tun ein Übriges, um kleinere Betriebe in den Ruin zu treiben.

Insbesondere diese Zwangsmaßnahmen, eine weitere Spielart des Kontrollwahns à la Putin, treffen auch einen Großteil der Bevölkerung empfindlich. Folglich machen sich auch hier Zorn und Ärger breit. Spätestens jetzt dürfte vielen Rus­s*in­nen schmerzlich bewusst werden, dass ihr Land einen Krieg führt, der auch immer stärker ihren eigenen Alltag bestimmt. Um mögliche Unmutsbekundungen gleich im Keim zu ersticken, tut das Regime das, was es immer tut: die Repressionen weiter verstärken. Doch ob das auf Dauer ausreicht?

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Eine schwächelnde Wirtschaft, militärische Misserfolge und erste Absetzbewegungen von Teilen der Elite, die nicht mehr zu übersehen sind: Wladimir Putin ist deutlich angeschlagen. Seine Zustimmungswerte gehen immer weiter in den Keller. Aber er fällt nicht – noch nicht. Sollte der Kipppunkt jedoch erreicht sein, könnte alles ganz schnell gehen.

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Ressortleiterin Ausland
Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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17 Kommentare

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  • Todgesagte leben länger! Putin hat ein System aufgebaut, dass einen Sturz so gut wie unmöglich gemacht hat. Die Eliten sind von ihm abhängig, der Überwachungs- und Repressionsapparat ist gewaltig und die meisten Russen wollen einfach ihr Leben führen. So schnell wird die Welt ihn nicht los.

    • @FraMa:

      ""So schnell wird die Welt ihn (Putinelli) nicht los.""



      ==



      Kara-Mursa war Berater und Freund des in Moskau 2015 ermordeten Boris Nemzow. Gemeinsam veröffentlichten sie im in der Zeitung Nesawissimaja gaseta einen Artikel mit dem Titel „Über die Gefahr des Putinismus“ und waren Mitglieder des Oppositionsbündnisses Komitee 2008.



      =



      Wladimir Kara-Mursa ist überzeugt, dass der Sturz von Wladimir Putin und der Wandel in Russland sehr schnell und plötzlich kommen könne. Als HISTORIKER vergleicht er die Situation mit früheren Umbrüchen: Diktaturen wirken oft unerschütterlich, bis sie es urplötzlich nicht mehr sind und zusammenbrechen.



      =



      Der Historiker plädiert dafür, dass die demokratische Opposition bereits jetzt konkrete Strategien und Fahrpläne für die Zeit nach Putin ausarbeiten muss, um beim absehbaren Zusammenbruch des Regimes vorbereitet zu sein.



      =



      Er warnt den Westen strikt davor, Putin einen Ausweg oder Kompromiss anzubieten. Das System müsse im Ukraine-Krieg vollständig besiegt werden. Andernfalls würde das Regime seine Aggressionen in Zukunft lediglich wiederholen.



      =



      Indiz das Putin -- Kara - Murza als Gefahr ansieht:



      Zwei Giftanschläge auf Ihn -- 2015 und 2017.

  • Kremlastrologie ist schon richtig; niemand weiß, wie die Konfiguration der Kräfte ist. Gewiss gibt es in Russland noch den eher wirtschaftsliberalen und globalistischen Teil der Eliten. (Was man als Linker im Westen als Gegner ansieht, müsste man in Russland wohl als derzeit größte Hoffnung betrachten.) Möglicherweise zählen Regierungschef Mischustin und Zentralbankerin Nabiuillina dazu, und unter den einflussreichen Intellektuellen der semi-oppositionelle und offenbar "unberührbare" Verleger Konstantin Remtschukow. Hier wird er wiedergegeben:

    www.br.de/nachrich...he-frieden,UjEJqxe

    Aber man muss sich hierzulande im Klaren sein, dass diese Kräfte selbst im Falle einer erfolgreichen Verdrängung Putins nicht alles liefern können und wollen, was man im Westen gern hätte. Wahrscheinlich müsste sich auf einen Frieden an der jetzigen Frontlinie verständigen, und auf einen friedlich zu behandelnden Dissens bzgl. des territorialen Status der besetzten Gebiete.

    • @Kohlrabi:

      „Aber man muss sich hierzulande im Klaren sein, dass diese Kräfte selbst im Falle einer erfolgreichen Verdrängung Putins nicht alles liefern können und wollen, was man im Westen gern hätte.“



      Wenn Putin „verdrängt“ wird, dann deshalb, weil er den Krieg nicht beenden will. Seine „Verdränger“ wollen also den Krieg beenden, das geht nur auf eine, denkbar einfache Weise, durch Abzug der russischen Armee aus den besetzten Gebieten einschließlich der Krim. Und dann wird verhandelt. Ich sehe nicht, welchen Hebel unser imaginärer Putin-Nachfolger hätte, um den Ukrainern einen Waffenstillstand und eine Demarkationslinie zu diktieren. Vermutlich ist der Putinnachfolger noch nicht mal in der Lage, die Befehlsgewalt über die eigene Armee vollständig auszuüben, die Gouverneure, Dumaabgeordneten, Geheimdienste etc. nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.

    • @Kohlrabi:

      >Wahrscheinlich müsste sich auf einen Frieden an der jetzigen Frontlinie verständigen, und auf einen friedlich zu behandelnden Dissens bzgl. des territorialen Status der besetzten Gebiete.<

      Der einzig sinnvolle Weg zum Frieden und Angesichts des Zustands der russisch besetzten Gebiete zu verschmerzen.

  • Im Alten Testament steht zu lesen, Elternlose seien Gottes Kinder, in eine Welt geworfen ohne Herkunft noch Verheißung. In der UdSSR entstand 1922 der Mythos der Waisen Roten Oktobers: Kinder ohne Eltern, geboren im Schatten der Revolution, im Drachenblut von 1917 getauft.



    Auch an dem Kind Wladimir Putin am "7. Oktober 1952" in einst belagerter Heldenstadt Leningrad geboren, haftet ein solcher Mythos. Eine Stadt, 872 Tage eingekesselt, ausgehungert, gefroren, ein Ort, an dem Geburten nur ideologische Formalien waren.



    Wer diese Erzählung anerkennt, ahnt die Schatten, die ein Mensch trägt, wenn seine Herkunft aus Tod und Überleben besteht. Jahrzehnte später scheint Putin an Punkt zu gelangen, an dem Herkunft, Bestimmung ineinanderfallen wie Spiegel, die sich endlos vervielfachen.



    Seit Beginn seiner „militärischen Spezialoperation“ gegen die Ukraine manövriert Putin sich in eine Lage, die der belagerten Stadt ähnelt: aussichtslos, umzingelt, genährt von einem Mythos, der zugleich zerstört. Die Welt rückt ab, doch gerade Enge scheint Putins Element. So treibt er die Welt an Ufer nuklearen Unfriedens, getrieben vom Wunsch, als Architekt eines Unruhe Atomzeitalters erinnert zu werden?

  • Warum spüre ich in diesem Artikel einen mich irritierenden Untertanengeist?

    • @francisco acha-orbea:

      Mit Friedrich - aber Schiller:



      “…Herr! Dunkel war der Rede Sinn…““



      Der Gang zum Eisenhammer



      …letzteres ja auch passend - wa!

  • Putin als Fußabtreter - köstlich! Dass der Ladenbesitzer noch nicht in Sibirien zum Holzfällen abkommandiert wurde, wundert mich schon ein wenig.

    • @Il_Leopardo:

      Mich nicht Leopardo,

      denn der Souvenirshop befindet sich laut Bildbeitext in Kiew, in der Hauptstadt der Ukraine.

      Aber was bitte ist daran köstlich, auf dem Gesicht eines Menschen herumzutreten?



      Ja, ja ist nur ein Bild und Bilder bedeuten ja nicht viel. Außer vielleicht: Ein Mensch ist gar kein Mensch mehr sondern ein Gegenstand, den zu treten andere Menschen dann ja wohl berechtigt sind.



      Nein, nein, kein Putin-Freund hier.



      Eher Freund davon, bestimmten Menschen nicht ihr Menschsein abzusprechen, auch wenn die das bei anderen Menschen machen. Ich will eben nicht so werden wie die.



      Die Angst, den Schmerz, die Verzweiflung die zu solchen Entmenschlichungen des Gegners führen kann ich zwar zu verstehen versuchen.



      Aber köstlich? Nein.

      • @Christian Götz:

        Sie machen sehr viel Worte um eine völlig gewaltfreie psychische Entlastungshandlung.



        Die RussInnen sind da nicht so zimperlich. Bei den Demonstrationen in Chabarowsk im Sommer 2020 wurden jeden Tag Putinporträts zertreten. Wenn es ihm zuende geht, werden die Leute noch ganz andere Sachen anstellen.

      • @Christian Götz:

        Schade, dass es derart ausführliche Kommentare zu "Angriffen", also Terrorakten gegen Kinder, Kranke und Alte in der Ukraine kaum gibt.

  • Das sind erfreuliche Nachrichten. Mögen seine schwersten Wochen im Amt auch zu seinen letzten gehören.

    • @Claudio M.:

      Naja, ich möchte auch, dass der Wahnsinn mal ein gutes Ende findet. Allerdings denke ich, dass nicht zwingend (oder "eher unwahrscheinlich") etwas/jemand Besseres aus europäischer Sicht die Macht übernimmt. Kann gut sein, dass der Nachfolger (gendern sinnlos) findet, "Haudrauf auf die Ukraine und ferdich".



      Ich bin aber auch gespannt, wie lange Vladi sich noch halten kann.

  • Wers glaubt wird seelig



    Fast täglich erklärt die Presse Putin für schwerst krank oder berichtet, dass er wohl bald gestürzt wird. Doch seit Jahren trifft nichts von beidem zu, der Ukrainekrieg geht nun schon 1555 Tage, Putin hat immer noch die Macht. Ich glaube erst an ein Ende des Kriegswütigen Putin, wenn er nicht mehr Präsident ist.

  • Es wackeln so einige Posten in Europa: Starmer, Macron, Merz, Putin und so weiter. Ebenso sieht es mit den Wirtschaften in UK, Frankreich, Deutschland und Russland aus. Es wackelt alles wie ein Wackelpudding. Wenn es so weitergeht, dann wackelt die EU mit VdL, Kallas und so weiter.

  • Vernünftig wäre es, wenn die Russen den Zaren stürzen würden. Aber was zählt schon die Vernunft in dem System?