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Staat, Klette und die KlimabewegungKartoffelbrei und Terrorismus

Stefan Reinecke

Kommentar von

Stefan Reinecke

Diese Woche fiel ein Urteil gegen das mutmaßliche RAF-Mitglied Daniela Klette. Politik und Justiz scheinen durchaus etwas dazugelernt zu haben – nur leider das Falsche.

Schwer bewachter Gerichtssaal in Verden, in dem gegen Daniela Klette verhandelt wird Foto: Sina Schuldt/dpa

D ie Bilder scheinen aus einer Zeitreise in die 70er Jahre zu stammen. Jubelnde Sympathisanten lassen die RAF-Genossin hochleben und rufen „Freiheit für Daniela“. Das Gericht tagte in einem für Millionen aufgerüsteten Hochsicherheitsbau. Der Richter beteuert, dies sei kein politischer Prozess. Aber wann gibt es in Verfahren wegen Überfällen auf Supermärkte und Geldtransporter schusssichere Scheiben?

Der Prozess gegen Daniela Klette ist so gelaufen, wie es zu befürchten war. Der Staat demonstriert Stärke, die Angeklagte kündigt an, dass man von ihr nichts Konkretes über die Dritte Generation der RAF erfahren wird. Hier die grimmige Justiz mit einem harten Urteil, dort die RAF-Omertá. Keine Bewegung. Alles wie immer.

Dabei gab es in der einstündigen Erklärung von Klette neben Selbstgerechtigkeit ein paar Zwischentöne. Die Auflösung der RAF 1998 sei „völlig richtig“ gewesen, die militante Linke habe „sicher auch viele Fehler gemacht“. Man hätte gern erfahren, welche sie meint.

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Viele RAF-Taten sind noch ungeklärt. Das wird so bleiben, weil die Ex-RAFler sich an ihr Schweigegelübde klammern. Das ist offenbar nötig, um angesichts ihres katastrophal gescheiterten Gewaltidealismus ein erträgliches Selbstbild zu retten. Ein kluger Weg wäre eine Wahrheitskommission gewesen – Aussage gegen Straffreiheit.

Die gibt es nicht, auch weil der Staat Jahrzehnte nach der Selbstauflösung der RAF nicht aufhören kann, immer weiter zu siegen, wie Antje Vollmer mal anmerkte. Der Generalbundesanwalt will noch einen Klette-Prozess, obwohl die Begründung windig klingt, die Taten mehr als 30 Jahre zurückliegen und es nicht um Morde geht. Auch hier: Alles wie immer.

Ohne Weitblick

Ist das nur abgelagerte Geschichte und ohne Echoräume im Heute? Wenn man sich die Praxis der Justiz in der Bundesrepublik anschaut, dann scheinen Politik und Rechtswesen aus der RAF durchaus etwas gelernt zu haben – und zwar das Falsche. Politische Prozesse werden nicht mit Weitblick geführt, sondern mit unversöhnlicher Entschlossenheit und bis an die Grenze des rechtlich Erlaubten.

In Potsdam wird Ende des Jahres AktivistInnen der Klimakleber-Organisation Letzte Generation der Prozess gemacht – wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Man kann die Aktionen der Gruppe – Kartoffelbrei auf ein Monet-Gemälde zu werfen oder die Startbahn des Berliner Flughafens zu blockieren – für dumm und schädlich halten. Aber Bildung einer kriminellen Vereinigung, bestraft mit bis zu fünf Jahren Haft?

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Die politische Stimmung für diese aberwitzig wirkende Konstruktion schuf unter anderem CSU-Mann Alexander Dobrindt mit dem Gerede von einer „Klima-RAF“. Das hat offenbar in den Köpfen mancher JuristInnen wirksam das Bewusstsein für den fundamentalen Unterschied zwischen politischer Kriminalität und robustem zivilem Ungehorsam verwischt. Kann es sein, dass der Staat mit dieser Methode jene Feinde mit erschafft, die er später verurteilen wird?

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Stefan Reinecke
Korrespondent Parlamentsbüro
Stefan Reinecke arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.
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4 Kommentare

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  • "Kann es sein, dass der Staat mit dieser Methode jene Feinde mit erschafft, die er später verurteilen wird?"



    Sehr schlaue These zum Ende.



    Gut möglich das es so ist - oder noch so kommt, auch wenn der Klimabewegung aktuell ziemlich der Wind fehlt...



    Wobei ich die Einordnung als "robuster ziviler Ungehorsam" für ein bewusstes Herunterspielen halte, weil es ist schon ein deutlicher Unterschied, ob ich Castorzüge blockiere, was das öffentliche Leben unberührt lässt, oder über Monate den Feierabendverkehr in Berlin lahmlege und Tausenden täglich den Feierabend versaue oder mit Fahrradfahrten auf Startbahnen Zehntausenden den teuren Jahresurlaub vermiese, weil dass das öffentliche Leben massiv stört.

  • Mit der absurden Gleichsetzung von Klimaaktivisten und der RAF wird ein geschichtsvergessener Diskurs bedient, der den Blick auf die wahre Gefahr verstellt. Der aktuelle Prozess gegen die Ex-Terroristin Daniela Klette führt uns die historische Realität der RAF drastisch vor Augen: brutale Raubüberfälle, schwerste Waffenfunde und jahrzehntelanger, bewaffneter Untergrund. Wer angesichts dessen friedlichen, wenn auch störenden zivilen Ungehorsam für den Klimaschutz in die Nähe des Linksterrorismus rückt, verharmlost die Morde der RAF und betreibt bewusste politische Hetze.



    ​Gleichzeitig erleben wir ein fatales Staatsversagen auf dem rechten Auge. Während friedliche Aktivisten kriminalisiert werden, sitzen Verfassungsfeinde in den Parlamenten. Wo bleiben eigentlich die bundesweiten Fahndungsplakate gegen die Köpfe der rechtsextremen Netzwerke? Warum gibt es keine Großfahndung nach den Strukturen einer „Braunen Armee Fraktion“, die längst den Umsturz plant? Diese Asymmetrie schützt die Falschen.

  • "Aber wann gibt es in Verfahren wegen Überfällen auf Supermärkte und Geldtransporter schusssichere Scheiben?"

    Wir leben in Zeiten, wo jeder Weihnachtsmarkt Betonsperren haben muss und Kinder in der Grundschule Amokübungen machen.

    Da erscheinen schusssichere Glasscheiben im Prozesse gegen gewaltbereite Teorristin nicht absurd.

    Selbst wenn es nur um bewaffnete Banküberfälle und Bombenanschläge geht.

    ( Habe ich wirklich "nur" geschrieben?)

    Genug Sympathisanten hat sie ja.

    Außerdem könnte es zu Tötungsversuchen als solidarische Handlungen kommen.

    Würde man der Justiz ebenfalls vorwerfen.

    Und die " unverständliche Entschlossenheit" macht man an den Sicherheitsmaßnahmen fest?

    Überzeugt mich nicht so.

    Ich finde ja nicht, dass man immer alles in einen Topf schmeißen muss.

    Aber Assoziationen drängen sich mir auf:

    War es auch unversöhnliche Entschlossenheit des Staates, als Frauen mit über 90 Jahren verurteilt wurden für Taten, die sie mit rund 20 Jahren bis 1945 begangen hatten und für deren Strafbarkeit extra Gesetze geändert werden mussten?

    Ich frage nur mal so.

  • Wer die Klimaaktivisten als Klima-RAF bezeichnet, verniedlicht die Taten der RAF im nachhinein.



    Mich erinnert das an die Gleichsetzung der Naziverbrechen mit zum Beispiel kolonialen Verbrechen oder Völkermorden.



    Nein, der Holocaust war beispiellos.



    Und ebenso wenig darf man die RAF-Terroristen mit kartoffelbreiwerfenden Aktivisten gleichzusetzen.