Nach öffentlichem Druck in Magdeburg: Wendung im Fall Arne Semsrott
Der Autor Arne Semsrott darf doch in der Bibliothek Magdeburg lesen. Für eine erste Veranstaltung hatte die Stadt ihn ausgeladen, nun gibt es zwei.
Erst ausgeladen, jetzt wieder eingeladen: Nach öffentlichem Druck darf der Journalist und Aktivist Arne Semsrott nun doch in der Magdeburger Stadtbibliothek sein Buch vorstellen. Wie er der taz bestätigte, habe er sich mit der Stadtverwaltung auf einen neuen Termin geeinigt, um aus dem Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ vorzulesen.
Auf Anfrage der taz erklärte die Stadtverwaltung von Magdeburg, es habe am Mittwoch ein Gespräch zwischen Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) und dem Autor gegeben. Am Samstag kommender Woche, 6. Juni, soll Semsrott um 11 Uhr in der Stadtbibliothek Magdeburg lesen. Die Oberbürgermeisterin werde die Veranstaltung in der Stadtbibliothek besuchen, hieß es von der Stadtverwaltung.
Der ursprüngliche Termin war am Tag zuvor angedacht gewesen. Während der Stadtratssitzung in der vergangenen Woche hatte Magdeburgs Oberbürgermeisterin Borris erklärt, sie habe eine Prüfung „der politischen Neutralität“ des Autors erbeten. Laut Arne Semsrott war das Ergebnis: nicht neutral.
In seinem Buch beschäftigt Semsrott sich damit, wie die Zivilbevölkerung verhindern kann, dass ihre Gesellschaft ins Autoritäre kippt. Die Stadtverwaltung hatte auf Presseanfragen hin gesagt, die ursprüngliche Lesung sei nur verlegt worden. Rebecca Plassa von der Heinrich-Böll-Stiftung, die die Lesung organisiert hat, erklärte hingegen, die Stadtverwaltung habe nicht verlegt, sondern Semsrott ausgeladen. In internen Gesprächen habe es geheißen, das Buch sei wenige Monate vor der Landtagswahl „zu provokant“.
„Der Zivilgesellschaft den Rücken stärken“
Semsrott selbst vermutete Druck aus dem Umfeld der AfD hinter der Absage. Schon nach einer früheren Lesung des Autors im Magdburger Kinder- und Jugendclub Alte Bude, habe die rechtsextreme Partei eine Kleine Anfrage im Landtag gestellt. Es ging um das Neutralitätsgebot in staatlich geförderten Einrichtungen.
Nachdem dieses Mal klar geworden war, dass die Lesung nicht in der Stadtbibliothek stattfinden sollte, seien die Organisator:innen auf das Kulturzentrum Moritzhof ausgewichen. Die Lesung dort soll nächsten Freitag weiterhin stattfinden. Semsrott tritt an dem Wochenende zweimal in Magdeburg auf.
Dass er nun doch in der Stadtbibliothek lesen werde, zeige: „Öffentlicher Druck wirkt.“ Gegenüber der taz erklärte Semsrott, Verwaltungen dürften nicht in vorauseilendem Gehorsam einknicken: „Dafür brauchen sie klare Richtlinien. Sie müssen der Zivilgesellschaft selbstbewusst den Rücken stärken.“
Aber auch die Zivilgesellschaft solle um öffentliche Räume kämpfen. „Es lohnt sich, in den Konflikt zu gehen“, sagte Semsrott, nachdem die Stadtverwaltung ihn wieder eingeladen hat.
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