Straßenblockaden von Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen: Der Mut der letzten Generation

Viele wollen jetzt juristisch gegen die Ak­ti­vis­t:in­nen vorgehen. Aber: Nicht wer Straßen, sondern wer Klimaschutz blockiert, gehört kriminalisiert.

Klimaaktivisten sitzen auf einer Straße, davor eine Autoreihe

„Letzte Generation“ bei einer Straßenblockade in München Foto: Peter Kneffel/dpa

Sie sind mutig. Ihr Mut übersteigt meinen. Sie sind die „Letzte Generation“. Sie setzen sich auf viel befahrene Straßen, sie blockieren den Verkehr. Auch in den vergangenen Tagen, immer wieder. Weil sie wissen: Würde man sich so wie bisher weiter gegen konsequentes Umdenken in Sachen Klimawandel stellen, die unkontrollierte Erderwärmung wäre nicht mehr zu stoppen.

Manche der Demonstrierenden kleben sich am Asphalt fest – als menschliche Barrikaden. Sie liefern sich den Autofahrern und -fahrerinnen aus, in der Hoffnung, dass diese die sozialen Basics und die Zehn Gebote noch kennen. Du sollst nicht töten! So angeklebt am Asphalt geben die Blockierenden die Kontrolle ab und zeigen im Umkehrschluss, was der Klimawandel, dem wenig entgegengesetzt wird, tatsächlich bedeutet: Dass wir die Kontrolle abgeben.

Vor denen, die auf der Straße hocken, bleiben die Autos stehen. Noch. Ob es an den Fotografen liegt, dass den Demonstrierenden auf den Bildern oft schwarze Autos, große SUVs, Lkws auch – teure Karossen jedenfalls – gegenüber stehen, ist nicht klar. Goliaths gegen Davids. Motorisierte Blechschilde gegen schutzlose Körper. Die Fotos sind ein Zeichen.

In den fahrbaren Hightech-Blechverschlägen, die da zum Anhalten gezwungen sind, sitzen nicht selten Leute, die meinen, geschützt zu sein. Und Leute, die meinen, dass ihnen Unrecht angetan wird, wenn sie von Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen zum Warten gezwungen werden. Das dürfte sich am Ende als Trugschluss herausstellen. Denn der Klimawandel macht auch sie nackt. Die Klimaanlage im Auto nutzt nichts dagegen.

Forderungen nach Strafverfolgung

Ich habe noch kein Foto gesehen, auf dem ein abgehalftertes Auto vor den Blockierenden hält – eins mit Peacezeichen etwa, eins mit Anarchosymbol, eins, das Sympathie für die Rebellen und Rebellinnen ausdrückt, eins, auf dem jener Aufkleber prangt, der schon vor vierzig Jahren wahr war: „Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben.“

Wer meint, am Alten festhalten zu können, hatte schon damals Angst vor gesellschaftlicher Veränderung. Das impliziert, gesellschaftliche Veränderung sei eine Veränderung zum Schlechteren für jeden, für jede. Eine Erfahrung, die sich in der Geschichte als falsch erwiesen hat. Wer will noch so rechtlos sein wie zu Beginn der Industriezeit? Viele Kämpfe wurden geführt, viele Menschen sind gestorben, dafür dass wir heute andere Rechte haben als vor 200 Jahren. Selbst viele Gesetze, die noch vor 50 Jahren galten, sind aus heutiger Perspektive Unrecht.

Solches Wissen indes wird ausgeblendet, denn jetzt werden die Stimmen lauter, die eine Strafverfolgung der Straßenblockierer und -blockiererinnen fordern, eine Unverschämtheit, die Straße zu blockieren. Angeheizt wird die Forderung von der Boulevardpresse, von Leuten, die sich wertkonservativ nennen. Ja, klar, sie wollen ihre Werte, im wörtlichen Sinne, sie wollen also ihr Recht auf Konsum, nicht infrage gestellt sehen.

Und das Recht, jederzeit an einem Steuer zu sitzen, jederzeit zu fliegen, Häuser in die Landschaft zu bauen, wo es am schönsten ist, und das Recht auf Rendite. Ach und ja, Franziska Giffey, die Berliner Bürgermeisterin, ist auch dafür, dass da jetzt härter durchgegriffen wird.

Könnte es sein, dass die Leute, die ein schärferes Vorgehen fordern gegen die, die Straßen blockieren, wissen, dass die jungen Leute im Recht sind und sie selbst im Unrecht? Dass sie wissen, dass dringend mehr getan werden müsste, um den Klimawandel zu stoppen? Dass sie wissen, dass ihr „Weiter so“ das eigentliche Versagen ist? Diese Erkenntnis wehren sie ab. Um sich nicht mit ihrer Verantwortung auseinandersetzen zu müssen, projizieren sie ihre Verantwortungslosigkeit auf die anderen: auf die Straßenblockierer und -blockiererinnen.

Dass der Mensch zu solchen mentalen Winkelzügen neigt, ist seit Sigmund Freud und der Psychoanalyse bekannt. Denn würden die autofahrenden Wutbürger sich mit ihrer Verantwortung auseinandersetzen, müssten sie aufhören, sich für jeden Katzensprung ans Steuer zu setzen, müssten sie ein Tempolimit herbeisehnen, müssten sie fordern, dass das Fliegen so teuer ist, dass der Nutzen den Schaden aufwiegt, und so weiter, und so weiter – die dringenden Maßnahmen sind doch alle bekannt.

Zurück zur Straße: Die Au­to­fah­re­r:in­nen und die Demonstrierenden stehen sich immer noch feindselig gegenüber. Ein paar Dutzend Blockierer nähmen Zigtausende in „Geiselhaft“, sagte Benjamin Jendro, der Pressesprecher der Berliner Polizei. Geiselhaft? – für die Wortwahl kriegt er sicher einen Orden von Konservativen und Rechten. Und von Liberalen auch.

Wäre es ein Unfall, der den Stau verursacht, niemand würde nach härterem Durchgreifen schreien; der arme Tropf ist ja einer ihres Schlages. Wäre es ein unterspülter Tunnel, der den Stau verursacht, man würde es verstehen. Wäre es ein Geisterfahrer, der die anderen zum Anhalten zwingt, niemand würde nach härterem Durchgreifen schreien.

Wie dem auch sei, bis die Polizei die Demonstrierenden von der Straße gezerrt hat, kann es dauern. Manchen Au­to­fah­re­r:in­nen ist das zu lang. Sie legen selbst Hand an und ziehen die Leute von der Fahrbahn. Sie fühlen sich im Recht, sind genervt. Ihnen ist egal, ob die Blockierer angeklebt sind. Es ist ein schäbiges Szenario.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Sie wollen nicht warten. Warten wird als das Unglück der Gegenwart verstanden. Auf der Autobahn wegen einer Blockade oder am Security-Schalter am Flughafen wegen… ach, Sie wissen schon, wegen der Rendite.

Ansonsten ist warten natürlich gut. Warten darauf, dass sich der Klimawandel von alleine rückgängig macht. Wer die Bilder der Autos vor den Demonstrierenden der Letzten Generation sieht, müsste ob der Widersprüche wirklich etwas verstehen. Aber Erkenntnis ist unbequem.

Der Klimawandel zwingt die Menschen in den Industrienationen, ihren gierigen Wohlstand, ihren ressourcenverbrauchenden Lebensstil zu verändern. Das wollen sie nicht. Und die Politik tut nichts, damit sie es müssen. Denn einher geht die tradierte Annahme, wie oben beschrieben, dass notwendige Veränderungen schlecht seien.

Schlecht, weil sie das Selbstverständnis der Au­to­fah­re­r:in­nen und deren Selbstherrlichkeit untergraben. Dabei würden sich das Leben, die Lebensqualität, Natur, Gesellschaft, Kultur, selbst die Ökonomie, zumindest aus Sicht der Versicherer, verbessern, wenn alles, was nötig ist, um die Erderhitzung zu begrenzen und Umweltrisiken zu minimieren, beherzt und nicht halbherzig angegangen würde.

Der Ruf nach strafrechtlicher Verfolgung richtet sich gegen die Falschen. Nicht wer Straßen blockiert, müsste kriminalisiert werden, sondern wer die Veränderungen blockiert, die notwendig sind, damit nicht Millionen Menschen ihre Existenz und ihr Leben verlieren, wenn der Planet sich aufheizt und vor die Hunde geht.

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Seit 2002 bei der taz, erhielt 2005 den Theodor-Wolff-Preis für die Reportage „Schön ist das nicht“, 2011 wurde die Reportage „Die Extraklasse“  mehrfach ausgezeichnet. Kürzlich erschien ihr Roman "Brombeerkind" im Ulrike Helmer Verlag. Denn Schwab wollte wissen, wie Fiktion Wirklichkeit wird. Es ist ein Hoffnungsroman, ein Roman, der in der Innen- und Außenwelt spielt. Und einer, der einen Journalisten nicht unbedingt sympathisch dastehen lässt mit seiner Anmaßung, Wirklichkeit abbilden zu können. Mehr unter: www.waltraud-schwab.de

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