Offener Brief gegen Waffenlieferungen: Falscher Fokus

Der offene Brief von Intellektuellen ist ein wichtiger Debattenbeitrag zum Krieg. Bloß: Empathie für die Ukrainer lassen die Unterzeichner vermissen.

Ein Kampfpanzer der Bundeswehr vom Typ Leopard

Soll nach Ansicht einiger Intellektueller nicht an die Ukraine geliefert werden: der Leopard-Panzer Foto: Philipp Schulze/dpa

Gut zwei Dutzend deutsche Intellektuelle haben einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz verfasst, in dem sie verlangen, die weitere Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine zu unterlassen. Das ist gut so: Eine Debatte über den Krieg und die deutsche Solidarität mit den Angegriffenen ist dringend notwendig – gerade in Zeiten, in denen Umweltschützer und andere eines Expertenwissens eher unverdächtige Personen zu Spezialisten über die Funktion von Haubitzen mutieren.

Denn dieser Krieg ist nicht nur eine Frage von Waffen. Es geht auch um Haltung. Inhaltlich allerdings mutet dieser Brief seltsam an. Denn von dem Land, das mittels eines Angriffs überfallen wurde, ist da nur am Rande die Rede. Immerhin gesteht man der Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung zu – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Offenbar soll diese Verteidigung aber nicht unbegrenzt sein, denn, so heißt es, „der berechtigte Widerstand steht irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis [zum] Leid der Zivilbevölkerung“. Wer bitte schön sind wir, die einem überfallenen Staat und seinen Bewohnern Vorschriften machen wollen, wie sie sich zu verteidigen haben?

Und das auch noch „in Anbetracht unserer historischen Verantwortung“, wie es da heißt, die allerdings darin besteht, dass Deutschland den furchtbarsten Krieg der Geschichte vom Zaun gebrochen hat. Sollte die überfallene Seite also im Zweifelsfall lieber kapitulieren, auf jeden Fall aber nicht zu viel siegen? Wären die Angegriffenen im Zweiten Weltkrieg diesem Rat gefolgt, sähe die Welt heute gewiss anders aus. Und die Briefschreiber säßen günstigstenfalls in einem Folterkeller ein.

Dafür ist in dem Schreiben viel vom dritten Weltkrieg die Rede, der, sollten weitere schwere Waffen geliefert werden, wahrscheinlicher würde. Das Risiko einer solchen atomar geführten Auseinandersetzung ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen, und es bedarf einer Politik, die dies in Rechnung stellt. Nicht alle Wünsche der Ukraine werden deshalb in Erfüllung gehen können. Allerdings stellt sich die Frage nach dem drohenden Weltkrieg auch für den Fall, dass die russische Seite ihre laufende „Spezialoperation“ gewinnt.

Denn dies könnte die Staatsspitze in ihrem Kurs der Revision von Grenzen und dem Auslöschen von Staaten in Europa noch bestärken – und zu einem zweiten Waffengang reizen. Dieser offene Brief zeugt nicht nur von fehlendem historischen Verständnis, er lässt auch Empathie für die Ukrainer vermissen. Im Mittelpunkt stehen nicht diejenigen, die da mit Bomben und Raketen angegriffen werden, sondern wir Deutsche und unsere Ängste. Das ist erbärmlich.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

Wir alle wollen angesichts dessen, was mit der Ukraine derzeit geschieht, nicht tatenlos zusehen. Doch wie soll mensch von Deutschland aus helfen? Unsere Ukraine-Soli-Liste bietet Ihnen einige Ansätze fürs eigene Aktivwerden.

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