Längere Laufzeiten für AKWs : Habecks notwendiger Tabubruch
Die Abhängigkeit vom russischen Gas macht eine offene Debatte über eine Laufzeitverlängerung der AKWs zwingend. Trotz aller Risiken.
Foto: Stefan M. Prager/imago
N un hat er es also getan. Als erster Grüner hat Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck offen eine Laufzeitverlängerung der drei verbliebenen AKWs ins Gespräch gebracht. Zwar sagt er noch einschränkend, dies sei technisch wahrscheinlich nicht möglich und es gebe zudem Sicherheitsbedenken. Entscheidend sind aber zwei Punkte: Erstens betont Habeck, er würde die Möglichkeit „nicht ideologisch abwehren“. Zweitens beruhen seine Bedenken auf einer „Vorprüfung“ seines Ministeriums. Eine Prüfung steht noch aus.
Man sollte sich also nicht länger etwas vormachen: Unter dem Eindruck des Ukrainekrieges ist auch das Tabu Atomkraft gebrochen, die Debatte läuft. Und kaum ist ein wenig politischer Wille zu erkennen, bröckelt auch die Behauptung der AKW-Betreiber, dass eine Laufzeitverlängerung technisch unmöglich sei. Diese radikale Wende ist für alle, die sich jahrzehntelang AKWs entgegengestemmt haben, schwer erträglich.
Denn es stimmt ja, dass die Frage des Atommülls ungelöst ist und die Atomkraft eine Hochrisikotechnologie ist. Doch alle Risiken müssen angesichts des Kriegszustands in einem europäischen Land zusätzlich zu der Dramatik des Klimawandels neu abgewogen werden. Habecks Tabubruch ist deshalb richtig, sogar notwendig.
Deutschland sollte nicht länger eine imperialistische Diktatur mitfinanzieren, die die europäische Friedensordnung über den Haufen schießt. Die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen ist aber derzeit zu groß, um dankend zu verzichten. Es besteht die reale Gefahr, dass die Versorgungssicherheit gefährdet ist. In dieser Lage kann es kein kluger Schachzug sein, auf eine bereits vorhandene Energiequelle wie die Atomkraft zu verzichten.
Die Energiewende braucht Zeit, und die haben wir derzeit nicht. Die Erneuerbaren sollen durch Gaskraftwerke als Brückentechnologie abgesichert werden. Aber kann das nun überhaupt noch funktionieren? Es gehört jetzt alles auf den Prüfstand, denn die neue Realität braucht neue Antworten.
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