Flutkatastrophe in Westdeutschland: Was die Freiheit wirklich bedroht

Einschränkungen für den Klimaschutz werden von vielen als Zumutung empfunden. Doch ein Weiter-so hat viel schlimmere Folgen, wie man jetzt sieht.

Ein Manns teigt über ein in einer Gasse angeschwemmtes Auto

Altenahr (Ahrweilerkreis) am Freitag. Starkregen und Überflutungen sorgten für Chaos Foto: Björn Kietzmann

Es sind erschütternde Bilder und Nachrichten, die uns aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erreichen. Über 100 Tote, abgeschnittene Orte, eingestürzte Häuser, Milliardenschäden – eine solche Unwetter-Katastrophe war für viele in Deutschland bisher kaum vorstellbar.

In einer solchen Situation geht es zuerst darum, den Betroffenen unmittelbar zu helfen, bei der Rettung ebenso wie beim anschließenden Wiederaufbau. Doch ebenso wichtig ist es, alles zu tun, um vergleichbare Katastrophen in Zukunft so weit wie möglich zu verhindern. Und dazu gehört neben besserem Hochwasserschutz in den betroffenen Regionen vor allem, den Kampf gegen den Klimawandel zu beschleunigen.

Eine solche Forderung ist keineswegs respektlos gegenüber den Opfern, wie manche kritisieren. Respektlos wäre es vielmehr, die Ursachen zu ignorieren und so weiterzumachen wie bisher.

Denn auch wenn ein einzelnes Wetterphänomen nie unmittelbar auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, gibt es klare Belege dafür, dass die menschengemachte Erderhitzung die Wahrscheinlichkeit von extremen Starkregen-Ereignissen deutlich erhöht, weil warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann.

Die Folgen des Klimawandels sind nun ganz nah

Zudem bleiben Hoch- und Tiefdruckgebiete durch das veränderte Klima wohl länger an einem Ort, was einerseits zu Überschwemmungen und andererseits zu langer Trockenheit führen kann. Wis­senschaft­le­r*in­nen warnen seit Jahrzehnten vor genau der Entwicklung, die jetzt eintritt.

In vielen Teilen der Welt haben die Auswirkungen des Klimawandels – ob Starkregen, Dürreperioden oder Stürme – schon länger tödliche Konsequenzen. Doch in Deutschland schienen diese Folgen des CO2-Ausstoßes bisher weit weg zu sein; hier konnte man sich vor der Klimakrise weitgehend sicher fühlen. Das hat sich nun auf grausame Weise geändert.

Was derzeit im Westen des Landes passiert, macht dabei schlagartig klar, wie realitätsfern viele Debatten in Deutschland bisher gelaufen sind. Ob Tempolimit, steigende Benzinpreise, Ölheizungsverbot oder weniger Fleisch und Flugreisen: Es ist der Kampf gegen die Klimakrise, der im Wahlkampf von vielen als ein Angriff auf die Freiheit dargestellt wird.

Dabei ist es umgekehrt. Nachdem das Verfassungsgericht kürzlich schon gefordert hatte, dass bei politischen Entscheidungen auch die Freiheit der künftigen Generationen berücksichtigt werden muss, zeigt sich nun, dass die Klimakrise auch die Freiheit in der Gegenwart bedroht: Durch Wetterextreme, die Leben und wirtschaftliche Existenzen auslöschen und die Infrastruktur ganzer Regionen zerstören.

Eine Chance für die deutsche Klimapolitik

So schrecklich die Ereignisse sind: Sie könnten und müssten der Ausgangspunkt für ein neues Tempo in der deutschen Klimapolitik sein, ein Anlass, die kurzsichtige Abwehr der notwendigen Veränderungen endlich aufzubrechen. Ob das passiert, scheint aber zweifelhaft.

Wenn CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet die Ereignisse am Abend der Katastrophe mit den Worten kommentiert, „weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik“, dann zeigt das nicht nur, dass er das Ausmaß der Katastrophe und den dringenden Handlungsbedarf offenbar noch nicht verstanden hat. Sondern auch, dass er ein politisches Momentum nicht erkennt und nicht versteht, wie politische Führung funktioniert – anders als Angela Merkel, die nach Fukushima eine Kehrtwende in der Atompolitik vollzog, oder Joschka Fischer, der nach Srebrenica die Haltung der Grünen zu Militäreinsätzen neu ausrichtete.

Die Veränderungen, die uns im Kampf gegen die Klimakrise bevorstehen, werden gewaltig sein. Dass sie Abwehrreflexe, Angst und Protest auslösen werden, ist absehbar. Doch gerade deshalb muss die Politik ihrer Verantwortung nachkommen und klarmachen, dass ein Weiter-so weitaus schlimmere Folgen haben wird, als die notwendigen Maßnahmen anzugehen. Wer das nicht begreift, ist zur verantwortungsvollen Führung dieses Landes nicht geeignet.

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Jahrgang 1971, ist Korrespondent für Wirtschaft und Umwelt im Parlamentsbüro der taz. Er hat in Göttingen und Berkeley Biologie, Politik und Englisch studiert, sich dabei umweltpolitisch und globalisierungskritisch engagiert und später bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel volontiert.   Für seine Aufdeckung der Rechenfehler von Lungenarzt Dr. Dieter Köhler wurde er 2019 vom Medium Magazin als Journalist des Jahres in der Kategorie Wissenschaft ausgezeichnet. Zudem erhielt er 2019 den Umwelt-Medienpreis der DUH in der Kategorie Print. Derzeit beschäftigt er sich neben seinen sonstigen Themen intensiv mit der Entwicklung der Corona-Epidemie, auch auf seinem Twitter-Account @MKreutzfeldt .

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