Flutkatastrophe in Westdeutschland: Mindestens 100 Todesopfer

Die Lage in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bleibt weiter äußerst angespannt. Das Verteidigungsministerium löst den militärischen Katastrophenalarm aus.

Eine beschädigte Straße und ein Auto nach Überschwemmung in Schuld

Eine beschädigte Straße und ein Auto nach Überschwemmung in Schuld Foto: Sascha Steinbach/epa

DÜSSELDORF/BERLIN/MAINZ dpa/lnw/rtr | Das Verteidigungsministerium hat wegen der Unwetterkatastrophe im Westen Deutschlands einen militärischen Katastrophenalarm ausgelöst. Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) habe die Entscheidung getroffen, sagte ein Sprecher des Ministeriums am Freitag in Berlin.

„Das bedeutet, dass die Entscheidungsinstanzen weit nach vorn, nämlich genau dorthin verrückt werden, wo sie gebraucht werden. Als Beispiel kann jetzt eine Verbandsführerin vor Ort entscheiden, ob der Bergepanzer, ob der militärische Lkw, ob das Stromaggregat bereitgestellt wird, wenn es denn verfügbar wird“, sagte der Offizier. „Ich denke, bei solchen Lagen ist Dezentralität ganz wichtig und auch für den Erfolg der Maßnahmen ganz ausschlaggebend.“

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sind mehr als 850 Soldaten im Einsatz, und die Zahl steige. Die Bilder aus dem Katastrophengebiet erfüllten mit Bestürzung. Der Sprecher sagte: „Die Bundeswehr steht natürlich an der Seite der anderen Helfer, ob das THW, Feuerwehr, Polizei und andere sind.“ Es werde nun dafür gesorgt, bundesweit verfügbares Material für die Hilfe vor Ort zur Verfügung zu stellen. Bundesweit seien alle Kräfte angewiesen, nötiges Großgerät verfügbar zu machen.

Mehr als 100 Todesopfer gemeldet

Bei der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands ist die Zahl der Toten auf mindestens 100 gestiegen. Die Lage in den Überschwemmungsgebieten bleibt äußerst schwierig. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer sagte am Freitag, inzwischen gebe es in ihrem Land 60 Tote. „Die Befürchtung ist, dass es noch mehr werden“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Koblenz am Freitagmorgen. Die Bergungsarbeiten liefen weiter. Zwölf Menschen in einem Haus der Behinderteneinrichtung Lebenshilfe wurden in Sinzig von den Wassermassen überrascht und konnten nur noch tot geborgen werden.

Angesichts enormer Hochwasserschäden hat die Landesregierung in Rheinland-Pfalz ein Spendenkonto für Betroffene eingerichtet. „Aktuell erreichen uns zahlreiche Anfragen, wie die von der Unwetter-Katastrophe in Rheinland-Pfalz betroffenen Menschen unterstützt werden können. Das zeigt, dass die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung wirklich groß ist“, teilten Landesinnenmister Roger Lewentz und Landesfinanzministerin Doris Ahnen (beide SPD) am Freitag mit. Das Konto ausschließlich für die in Rheinland-Pfalz Betroffenen wurde vom Landesinnenministerium bei der Sparkasse Mainz eingerichtet. Gespendet werden kann unter dem Kennwort „Katastrophenhilfe Hochwasser“.

In Nordrhein-Westfalen waren nach jüngstem Stand 43 Tote zu beklagen. Das Landesinnenministerium in Düsseldorf erklärte am Freitag, diese Zahl sei aber „dynamisch“ und könne sich jederzeit ändern.

Auch in Baden-Württemberg machten Unwetter und Hochwasser den Menschen zu schaffen. In einigen Regionen wurden erneut Straßen gesperrt, im Allgäu stand ein Wohngebiet unter Wasser. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte vor Starkregen und Gewittern etwa in Oberschwaben. Vor allem in kleineren Gewässern könne der Wasserstand schnell ansteigen.

Mit Hochwasser haben auch Nachbarländer Deutschlands zu kämpfen. In Belgien kamen durch das Unwetter 14 Menschen ums Leben, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. Mehr als 20 000 Menschen hatten zeitweise keinen Strom. In der Schweiz stiegen Flusspegel nach starken Regenfällen stark an. Im Kanton Schaffhausen überschwemmten laut Nachrichtenagentur Keystone-sda angeschwollene Bäche die Dörfer Schleitheim und Beggingen. Wassermassen flossen durch Straßen, in Keller, rissen Fahrzeuge mit und zerstörten kleinere Brücken. In den Niederlanden rissen Fluten ein Loch in den Deich eines Kanals bei Maastricht, zahlreiche Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Häuser in Erftstadt unterspült

Dramatische Berichte kamen aus Erftstadt: Beim Einsturz von Häusern in Erftstadt-Blessem sind Menschen ums Leben gekommen. „Es gibt Todesopfer“, sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung Köln am Freitag. Dort ist eine Reihe von Häusern ganz oder teilweise eingestürzt. Ursache seien massive und schnell fortschreitende Unterspülungen der Häuser. Mehrere Menschen seien ums Leben gekommen.

Aus den Häusern kämen immer wieder Notrufe. Menschen könnten derzeit nur mit Booten vom Wasser aus gerettet werden. Dazu erschwere ein Gasaustritt die Rettungsarbeiten. Mehrere Pflegeheime würden geräumt. Die Feuerwehr hatte am Donnerstagabend im Kreis Heinsberg drei schwer verletzte Menschen aus dem Fluss Wurm retten können, die dort zu ertrinken drohten.

Nach einem Aufruf der Stadt Bonn, Menschen aus Hochwassergebieten eine Unterkunft anzubieten, sind bei der Verwaltung Hilfsangebote für mehr als 1000 Betroffene eingegangen. Viele Privatpersonen wollten bis zu drei Menschen aufnehmen, und Hotels stellten bis zu 50 Doppelzimmer zur Verfügung, teilte die Stadt am Freitag mit. „Wir sind überwältigt von der Vielfalt und der Fülle der Angebote. Weitere brauchen wir im Moment nicht mehr“, erklärte Oberbürgermeisterin Katja Dörner.

Ein einegstürztes Haus

In Erftstadt wurden mehrere Häuser unterspült Foto: David Young/dpa

23 Städte und Landkreise in NRW überschwemmt

Nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenschutz (BBK) in Bonn sind in Nordrhein-Westfalen 23 Städte und Landkreise von Überschwemmungen betroffen. Das Landeskabinett wollte am Vormittag zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um über die katastrophale Lage zu beraten. Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach den Betroffenen Hilfen. Sie sprach in Washington von einer „Tragödie“.

Gegen Mitternacht hatte die Rurtalsperre begonnen, infolge der immensen Regenmengen überzulaufen. Der Wasserverband Eifel-Rur sprach aber von einer „geringen Dynamik“. Die Zuflüsse zu den Talsperren hätten sich zuvor „erfreulich reduziert“.

Im Nachgang waren Überschwemmungen im Unterlauf der Rur erwartet worden. Der Kreis Düren hatte bereits vor der Gefahr von Überflutungen in den Städten Heimbach, Nideggen und der Gemeinde Kreuzau gewarnt. Der Wasserverband warnte, Menschen sollten sich nicht in Flussnähe aufhalten, da die Gefahr bestehe, mitgerissen zu werden.

Die Bundeswehr hilft mit schwerem Gerät bei den Aufräumarbeiten

Die Bundeswehr hilft in Altenahr im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz, 15.07 Foto: Thomas Frey/dpa

Die Bundeswehr hat zur Unterstützung inzwischen etwa 900 Soldaten in die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geschickt. „Jetzt kommt es darauf an, geeignetes Material aus der ganzen Republik bereitzustellen“, erklärt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). „Hierzu habe ich bereits angeordnet, dass alle anderen Aufträge, die nicht unmittelbar mit den Auslandseinsätzen verbunden sind, hintangestellt werden. Die oberste Priorität liegt jetzt bei der Katastrophenhilfe in den betroffenen Städten und Kommunen.“

Niedersachsen unterstützt Nordrhein-Westfalen mit knapp 1.000 Helfern in der Hochwasser-Katastrophe. Helfer von der Feuerwehr und der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) unterstützen unter anderem mit Spezialfahrzeugen bei den Evakuierungsmaßnahmen und dem Abpumpen von Wasser ab Samstag, wie das Innenministerium am Freitag in Hannover mitteilte.

Im heftig betroffenen Kreis Euskirchen in NRW soll ein Gutachter am Freitag erneut die Steinbachtalsperre unter die Lupe nehmen. Der Wasserstand war am Donnerstagabend durch Abpumpen gesunken. Die Talsperre, deren Damm tiefe Furchen aufweist, war von einem Sachverständigen am Vortag als „sehr instabil“ eingestuft worden. Deswegen wurden aus Sicherheitsgründen mehrere Ortschaften evakuiert. Betroffen waren rund 4.500 Einwohner.

Über 15.000 Feuerwehrleute im Einsatz

Landesweit werden die Rettungs- und Aufräumarbeiten fortgesetzt. In den Städten Schleiden und Bad Münstereifel stießen die Einsatzkräfte auf einsturzgefährdete oder bereits zerstörte Häuser. In Weilerswist wurden Feuerwehrleute von den Wassermassen eingeschlossen. Sie konnten sich nach Angaben des Kreises selbst befreien.

Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes waren im Süden von NRW bis zu 180 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Viele Flüsse und Bäche in der Eifel, im Bergischen Land, im Rheinland und Sauerland waren am Mittwoch und in der Nacht zu Donnerstag über die Ufer getreten. Mehr als 15.000 Feuerwehrleute und Katastrophenhelfer absolvierten bis Donnerstag landesweit über 22.000 Einsätze.

Rund 165.000 Menschen im Westen Deutschlands waren nach Angaben des Energieversorgers Eon aufgrund des Unwetters am Donnerstagnachmittag ohne Strom. Besonders betroffen seien die Eifel, der linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis, der Rheinisch-Bergische Kreis und Teile des Bergischen Landes, teilte das Unternehmen in Essen mit.

Frankreich sichert Deutschland und Belgien Solidarität und Unterstützung zu, wie Ministerpräsident Jean Castex auf Twitter erklärt. Ins belgische Lüttich seien 40 Einsatzkräfte des französischen Militärs sowie ein Rettungshubschrauber entsandt worden. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat die Solidarität des Militärbündnisses mit den vom Hochwasser betroffenen Ländern bekundet. „Unsere Gedanken sind bei all denen, die ihre Liebsten und ihr Zuhause in den verheerenden Fluten verloren haben“, schrieb der Norweger am Freitag zudem auf Twitter.

Versicherer erwarten hohe Schadenssumme

Die verheerenden Überschwemmungen im Westen könnten sich unter die teuersten Naturkatastrophen der vergangenen 20 Jahre in Deutschland einreihen. Der Versicherer-Branchenverband GDV will in der nächsten Woche eine erste Schadenschätzung abgeben. Der tatsächliche Schaden könnte aber noch höher sein, weil nur 45 Prozent der Gebäude in Deutschland gegen Überschwemmungen und Starkregen (Elementarversicherung) versichert sind.

In Düsseldorf haben umgestürzte Bäume und eine Schlammlawine den Zaun eines Wildschweingeheges erfasst, woraufhin 20 Tiere kurzfristig ausbüxen konnten. Wie ein Sprecher der Stadt mitteilte, hat das Unwetter der vergangenen Tage die Bäume umstürzen lassen und zu der Schlammlawine geführt. Dadurch seien Teile des Zauns in dem Wildpark umgestürzt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten alle Tiere wieder eingefangen, keines habe sich verletzt. Die Wildschweine sind nun in einem anderen Teil des Geheges, das gesondert abgesperrt ist. Der Wildpark ist aktuell gesperrt. Zuvor hatte die „Rheinische Post“ berichtet.

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