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Der affektive Furor der Gekränkten

Die Landtagswahlen im Osten erscheinen wie ein Labor für rechte Weltbilder. Diese bilden sich wie Infektionen aus und kolonisieren den Alltag, bis sie als normal angesehen werden

Von Robert Misik

Man wird nicht zum Fanatiker geboren, man wird zu ihm gemacht. Es sind Jahre der Gewöhnung – an einen bestimmten Tonfall, an die ­entsprechende Erregung. Durch die wechselseitige Bestätigung darin, ungerecht behandelt, von Mächtigen übervorteilt, nicht gewürdigt, nicht gehört zu werden. Durch die wohlige Einrichtung in diesem Gefühl, einer bedrohten Gemeinschaft anzugehören. Leo ­Löwenthal, eine der großen Figuren der Frankfurter Schule, schrieb im amerikanischen Exil die bis heute ­unerreichte Analyse der autoritär-populistischen Agitation „Falsche Propheten“. Jahrzehnte später formulierte er einen Satz, der wie ein Schlüssel zum Verständnis unserer Gegenwart wirkt: Die faschistische Agitation stelle die Psychoanalyse auf den Kopf. Statt Neurosen und Traumata zu heilen, mache die Agitation die Menschen neurotisch und paranoid und verstärke die „mörderischen, aggressiven und destruktiven ­Impulse“.

Faschismusanalysen erklären kundig, welche gesellschaftlichen Umstände – soziale Krisen etwa – den Aufstieg des Rechtsextremismus begünstigen. Andere arbeiten heraus, welcher Menschentypus besonders dafür empfänglich ist. Aber genauso wichtig ist die Frage: Was geschieht mit Menschen, wenn sie über Jahre in einer Atmosphäre leben, in der Ressentiment, Verachtung, Grausamkeit alltäglich sind? Sozialpsychologische Forschung und Theoriebildung bevorzugten ein „dynamisches Modell“ des autoritären Charakters: Die faschistische Agitation findet autoritäre Typen nicht einfach vor, sondern formt sie erst. Konventionalismus, autoritäre Aggression, Kraftmeierei und Machtdenken werden angestachelt, auch der affektive Furor des Dagegenseins, das den „Spinner“, den „Rebellen“ auszeichnet, den schon Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik und andere entdeckten. In der Masse wirken diese Figuren aufeinander ein, sie sind nicht einfach nur „verführt“. Die Agitatoren schaffen die Anhänger, die Anhänger gleichzeitig aber auch die Agitatoren. Herdentrieb und die „Gefühlsansteckung“, von der schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud schrieb, tun das Ihre.

Sozialforscherinnen haben in kleinteiligeren Studien nachgewiesen, dass sogar Gegner der Rechtsradikalen ausländerfeindlicher werden, wenn sie in einem Wahlkampf fort­während an ­entsprechenden Plakaten vorbeilaufen. ­US-Forscher haben jüngst die Verbreitungswege faschistischer Weltbilder studiert und bemerkt, dass „objektive“ Faktoren wie wirtschaftlicher Niedergang einer Region, periphere Lage, hohe Arbeitslosigkeit kaum eine Erklärung bieten. ­Autoritäre Weltbilder breiten sich wie „Infektionen“ aus, in Netzwerken, in Regionen, wo Menschen starke Kontakte mit rechter Ideologie haben. Die Modellierungen, wie sie aus der Infektiologie bekannt sind, taugen weitaus besser für eine Erklärung der ­Verbreitung rechter Weltbilder, erkannten die ­Forscher. Gefühle springen von Mensch zu Mensch, aber nicht so wie Viren, sondern als „komplexe Ansteckung“, bei der die Dichte und die Wiederholung von Kontakten eine große Rolle spielen. In Alltagssprache übersetzt: Es reicht, einer Person mit Influenza zu begegnen, um auch Influenza zu bekommen, aber bei der „komplexen Ansteckung“ mit rechts­ex­tre­men Weltbildern sind häufige, starke Kontakte nötig. Andere Studien zeigten, wie gerade in der Onlineradikalisierung ein ganzes Ökosystem von Akteuren mit verteilten Rollen dafür sorgt, dass ein Brand bald lichterloh wütet, wenn es irgendwo nur glimmt.

Auch in Deutschland sehen wir Laboratorien einer solchen Entwicklung. Demnächst wird in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-­Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Dass die AfD in den beiden Ostländern stärkste Partei wird, ist wahrscheinlich, eine Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt mehr als nur eine theoretische Möglichkeit. In Sachsen und Thüringen sieht es kaum besser aus. Was hat man nicht alles schon an halbgaren Erklärungen gelesen? Dass die Ossis eben autoritär sozialisiert seien. Ob Honecker oder Höcke, egal; Hauptsache, Diktatur. Oder: Die ökonomische Krise, die diese Landstriche durchmachen mussten, führe automatisch nach rechts. Aber das ist alles viel zu oberflächlich. Es war vielleicht eine bestimmte Form der Subjektivierung der Nachwendejahre, die diese Regionen empfänglich für autoritär-populistische Agitation machte. Der Osten, so die wiederholte Story, wurde vom Westen kolonisiert, von den Wessiwichtigtuern untergebuttert, man kam hilflos unter die Räder fieser Mächte. Eine durchaus plausible Sicht der Dinge. Allerdings: Schon Leo Löwenthal charakterisierte die autoritäre Agitation in „Falsche Propheten“ mit den Worten, sie müsse im Publikum das Bewusstsein stärken, hilfloses Objekt „einer permanenten Verschwörung“ zu sein. Ihre Anhänger werden auch deshalb „kleiner Mann“ genannt, um ihren Minderwertigkeitskomplex zu nähren.

Robert Misik

ist Journalist und Buchautor in Wien. Gerade bei Suhrkamp erschienen: „Erziehung zur Grausamkeit. Die Massenpsychologie des Neuen ­Faschismus“.

Der Ossi ist in dieser Rhetorik der gleichsam idealtypische „kleine Mann“, der stets nur Opfer der Geschichte ist. Diese Subjektivierung erleichterte das, was dann kam: Der Zerfall hergebrachter Autoritäten des Alltags nach der Wende führte schon in den blutigen Baseballschlägerjahren zur Entstehung stabiler rechter Szenen und Lebenswelten. Über die Jahrzehnte hat sich ein gesellschaftliches Milieu herausgebildet, in dem autoritäre Weltbilder alltäglich geworden sind. Die AfD ist Teil einer sozialen Infrastruktur, zu der die Freien Sachsen, diverse Jugendschlägertrupps, rechte Bürgerinitiativen, völkische Siedlerbewegungen, Buchhandlungen, Kampfsportgruppen, Musikfestivals, Unternehmernetzwerke gehören. Vieles davon ist nur lose verbunden, aber kulturell verflochten. Unter diesen Voraussetzungen werden rechtsextreme Einstellungen allmählich nicht mehr als radikal angesehen, sondern als normal. Sie verfestigen sich, wo sie Bestätigung erfahren. Das Skurrile ist, dass der Rechtsextremismus – mag er sich heutzutage auch als widerständig gegen „das System“ großtun – oft einfach von Konformismus angetrieben ist. Wenn sich die Atmosphäre ändert, passen sich die Leute an. Erst kommen die Springerstiefelnazis, dann die Mitläufer.

Die Infrastruktur aus Agitation, Parteien, Pseudomedien, Social Media und Nachbar-von-­nebenan-Faschismus etabliert nicht nur Ideologien, sondern Stimmungen, die ohne Mikro­agitatoren nicht erklärbar wären. Der US-amerikanische Historiker Robert O. Paxton hat den Faschismus einmal als eine Sache beschrieben, die vor allem von „mobilisierenden Leidenschaften“ lebe. Der Faschismus beginnt nicht mit dem Mord, er beginnt mit der Freude daran, ihn sich vorzustellen. Erst wird nur gelacht über die Gemeinheit, dann wird sie als befreiende Ehrlichkeit empfunden und zuletzt als notwendige Konsequenz in einer feindlichen Welt. Die Faschisierung des Sprechens ist durch hohe Erregung, Pathos, Brutalität gekennzeichnet. Die Leistung der Propaganda besteht darin, Grausamkeit wie Gerechtigkeit aussehen zu lassen. Die Masse wiederum gibt dem Einzelnen die Carte blanche, schlechter zu sein, als er alleine wäre. Das Subjekt wird umformatiert.

In der Online­radikalisierung sorgt ein ganzes Ökosystem von Akteuren mit verteilten Rollen dafür, dass ein Brand bald lichterloh wütet, wenn es irgendwo nur glimmt

Wo jeder dritte, vierte Nachbar AfD wählt, verändert sich das soziale Klima. Ressentiments müssen nicht mehr heimlich geäußert werden. Wo man früher mit Widerspruch rechnete, erwartet man heute Zustimmung. Und mit jeder Interaktion kommt das Ressentiment lauter zurück. Der Thüringer Rechtsextremismusexperte Matthias Quent spricht von einer „rechten Landnahme“. Diese etabliert eine eigentümliche Kombination aus biederstem Normalitätsgetue, Gefühlsaufwallung, Übersteigerung im Tonfall. Zudem leben viele Menschen in Kommunikationsräumen, in denen bestimmte Deutungen der Wirklichkeit ständig wiederkehren. Das Spießige und das Hysterische gehen Hand in Hand wie ein aberwitziges Brautpaar.

Wetten, die Demokratie gewinnt?

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und ­Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie unter taz.de/ltw26

Die hohe Affektgeladenheit von Stimmungen der Gekränktheit, der Angst, des Ressentiments, der Erlösungssehnsucht lässt den Begriff des Faschismus als angemessen erscheinen. Autoritäre Charaktere entstehen heute nicht trotz demokratischer Gesellschaften, sondern mitten in ihnen. Der Autoritarismus nimmt damit die Sprache von demokratischer Freiheit, Individualisierung und sogar von Ermächtigung auf, was ihn vielleicht auch zügelt.

Der Faschismus kolonisiert den Alltag. Was heute als krasser Take erscheint, wirkt morgen wie eine Beschreibung der Wirklichkeit – und der Paranoiker glaubt, er sei die Normalität. Der verhetzte Mensch ist Produkt seiner Umwelt, so wie diese Umwelt zugleich sein Produkt ist. Es entsteht ein neuer Mensch, der seine Gefühle gegen die Tatsachen verteidigt, seine Wut als Identität begreift und seine Kränkung pflegt wie einen Besitz. Er hält Härte für Ehrlichkeit und Mitgefühl für Schwäche.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen