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Vanessa E. Thompson über Antifaschismus„In einem formal liberalen Staat kann es Faschismus geben“

Antifaschistische Strukturen in Deutschland haben strukturelle Defizite, sagt Soziologin Vanessa E. Thompson. Doch es geht auch anders.

Timm Kühn

Interview von

Timm Kühn

taz: Frau Thompson, was ist der große blinde Fleck, den antifaschistische Arbeit in Deutschland heute hat?

Vanessa E. Thompson: Woran es bei vielen Gruppen mangelt, ist eine antirassistische Klassenpolitik. Die heutige Antifa-Szene konzentriert sich zu oft allein auf Neonazi-Strukturen oder rechtsextreme Parteien. Dabei müssen sich antifaschistische Kämpfe auch gegen die staatlichen Motoren der Faschisierung richten, welche weit über die AfD hinausgehen. Teile der migrantischen Linken haben übrigens schon lange erkannt, dass rechtsextremistischer Terror und staatlicher Terror zum Beispiel an den EU-Außengrenzen zusammenhängen. Faschismus beginnt nicht erst, wenn die AfD die Macht übernimmt.

taz: Als der neue Linken-Vorsitzende Luigi Pantisano kürzlich die Politik der CDU „faschistisch“ genannt hat, war der Aufschrei groß.

Thompson: Was Luigi Pantisano gesagt hat, war zwar ungenau ausgedrückt, aber auch nicht falsch. Was wir aktuell sehen, ist, dass die immensen Ungleichheiten in der Welt zunehmend durch Gewalt eingedämmt werden. Arme Menschen werden vor allem von der CDU, aber auch von anderen Parteien der Mitte, als soziale Last oder Gefahr konstruiert. An den EU-Außengrenzen werden Menschen zum Beispiel in Lagern in Libyen systematisch eingesperrt und entrechtet. Es gibt Abschiebungen, Masseninhaftierung, organisierte Vernachlässigung oder sogar physische Vernichtung, um Migrant:innen gewaltsam fernzuhalten. Das ist eine Form des Grenzfaschismus.

Im Interview: Vanessa E. Thompson

ist Soziologin und Associate Professor für Black Studies an der Queen’s University in Kanada. Sie lehrt und forscht zur kritischen Rassismus- und Migrationsforschung, zum Verhältnis von staatlichem Rassismus und Versicher­heitlichung sowie zu aboli­tionisti­schen internationalen Bewegungen.

taz: Ja, die Migrationspolitik vieler bürgerlicher Parteien ist brutal. Aber es gibt doch trotzdem einen Unterschied zwischen bürgerlicher Politik und Faschismus?

Thompson: Natürlich gibt es diesen Unterschied. Der Faschismus will etwa die Aufhebung der Gewaltenteilung, für die Union und die anderen Parteien der Mitte ist dies ein zentrales Merkmal des modernen bürgerlichen Staats. Gleichzeitig sichert der bürgerliche Staat die Rahmenbedingungen für ein System, das Faschismus produziert. Es gibt auch ganz konkrete Gemeinsamkeiten, von der tödlichen Migrationspolitik über den massiven Sozialabbau bis zur Durchsetzung der deutschen Wirtschaftsinteressen auch mit militärischen Mitteln. Der Punkt ist, dass gerade in Zeiten kapitalistischer Krisen die bürgerliche Herrschaft in faschistische Politiken umschlägt, quasi als Krisenregulation. Und das ist auch heute so.

taz: Sie haben sich zuletzt mit Schwarzer Faschismuskritik auseinandergesetzt. Welche antikolonialen Gedanken fehlen im deutschen Diskurs?

Thompson: Für Schwarze Marxist:innen und antikoloniale Denker:innen wie George Padmore, C. L. R. James oder Aimé Césaire war der Faschismus kein Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft, sondern in die Logik des kolonialen und imperialistischen Kapitalismus eingelassen. Die brutale Gewalt der Kolonialregime schon vor dem Faschismus in Deutschland und Italien haben sie als einen „Faschismus vor dem Faschismus“ verstanden, wie mein Kollege Alberto Toscano das genannt hat.

Die ersten Konzentrationslager beispielsweise entstanden ab 1900 im Zuge des Burenkriegs durch die britische Armee, in denen die weißen Buren von der Schwarzen Bevölkerung getrennt wurden, und kurz darauf während des Völkermords an den Herero und Nama durch das Deutsche Reich. Aimé Césaire und Frantz Fanon haben darauf hingewiesen, dass für viele Menschen der Sieg der vermeintlich „demokratischen“ Alliierten in Europa auch keine Befreiung vom Faschismus war.

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Die taz, "widersetzen" und der AfD-Parteitag

An diesem Wochenende mobilisiert das antifaschistische Bündnis „widersetzen“ zu Blockaden gegen den Bundesparteitag der extrem rechten AfD in Erfurt. Zehntausende Menschen werden erwartet. Diesem Anlass widmet die wochentaz einen 17-seitigen Schwerpunkt, fragt unter anderem: Macht „widersetzen“ Sinn? Oder nicht? Warum konnten die antifaschistischen Kräfte der Gesellschaft zuletzt realpolitisch so wenig bewirken – aller Mobilisierungspower zum Trotz? Und wie ließe sich das wieder ändern?

Alle Texte des Schwerpunkts lesen Sie ganz ohne Paywall hier: taz.de/antifa. Am Samstag werden wir mit einem Live-Ticker auf taz.de über die „widersetzen“-Proteste und dem AfD-Parteitag berichten.

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taz: Wie meinen Sie das?

Thompson: Unmittelbar nach dem Ende des Nationalsozialismus in Europa wurden in Algerien beim sogenannten Massaker von Sétif durch das französische Militär bis zu 45.000 Menschen massakriert, die ein Ende der rassistischen Kolonialherrschaft gefordert hatten. In den USA hat der Schwarze Marxist W. E. B. Du Bois darüber geschrieben, wie mitten im US-Verfassungsstaat ein legalisiertes rassistisches Lynch- und Ausbeutungsregime existierte. Auch in einem formal liberalen Staat kann es also Formen des Faschismus geben. Deshalb muss jeder Antifaschismus den Kapitalismus und die Kontinuitäten des europäischen Kolonialimperialismus angreifen.

taz: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass der Begriff des Faschismus so gefährlich ausgeweitet wird?

Thompson: Es geht darum, anzuerkennen, dass für manche Gruppen bereits heute faschistische Verhältnisse bestehen können und auch vor dem historischen Faschismus bestanden haben. Die Abwesenheit bürgerlicher Freiheiten für einen großen Teil der Bevölkerung, das Regieren über Gewalt und Terror, autoritäre Strukturen auf Grundlage rassistischer Ideologien, die brutale Unterdrückung von Arbeiter:innen und genozidale Kriege – all das ist Ausdruck von Faschisierung.

taz: Es ist eine der Kernüberzeugungen der deutschen Antifa, dass breite Bündnisse geschmiedet werden müssen, um eine erneute Machtergreifung einer faschistischen Partei zu verhindern – notfalls bis zur CDU. Was Sie allerdings sagen, scheint sich davon zu entfernen.

Thompson: Die Brandmauer ist sinnvoll, wenn sie die Spielräume der politischen Rechten einschränkt. Aber das allein reicht bei Weitem nicht aus. Es kann nicht darum gehen, die liberale Demokratie und die bürgerlich-kapitalistische Ordnung zu verteidigen, aus der heraus der Faschismus sich entwickelt. Antifaschismus bedeutet, die gesellschaftlichen Bedingungen anzugreifen, die Faschismus produzieren.

taz: Was bedeutet das konkret – ist etwa die breite Mobilisierung auch mit bürgerlichen Organisationen gegen den AfD-Parteitag in Erfurt ein Fehler?

Thompson: Wenn Leute gemeinsam zivilen Ungehorsam ausüben, ist es immer gut, denn das trägt auch zur Politisierung bei. Zugleich ist es wichtig zu schauen, wie sich die Kooperation verschiedener Kräfte auf die politische Ausrichtung auswirkt. Das war immer eine Frage in der Linken. George Padmore kritisierte 1934 die Komintern dafür, mit den „demokratischen“ imperialistischen Mächten Frankreich, USA und Großbritannien zusammenzuarbeiten; denn die koloniale Frage wurde so hinten angestellt. Auch heute müssen wir deshalb Bündnisse erkämpfen, die klassenpolitisch und anti-rassistisch sind und sich gegen Aufrüstung, imperialistische und genozidale Kriege stellen.

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taz: Kann ein AfD-Verbot eine sinnvolle Strategie gegen den Faschismus sein?

Thompson: Ich zweifle stark daran, dass sich der Faschismus ausgerechnet mit der Polizei, der autoritären Institution par excellence, und damit selbst ein Treiber der Faschisierung, bekämpfen lässt.

taz: Wie müsste denn antifaschistische Arbeit vor Ort aussehen, die sowohl die AfD bekämpft, als auch die rassistischen Strukturen in Staat und Gesellschaft in den Blick nimmt? Haben Sie Beispiele, wo das praktisch gelingt?

Thompson: Ein historisches Beispiel ist der sogenannte Dritte-Welt-Antifaschismus, der internationale Arbeiter:innen-Solidarität mit Antikolonialismus und Antiimperialismus verknüpft hat. Auch die ursprüngliche Antifaschistische Aktion hat für die Verbesserung der Lebensumstände der arbeitenden Bevölkerung gekämpft. In den USA gab es ab 1969 die „Rainbow Coalition“, ein anti-rassistisches Bündnis Schwarzer, weißer und Latino-Arbeiter.

Heute sehe ich dieses Potenzial vor allem in der sich neu formierenden sozialistischen Antikriegsbewegung, wesentlich angetrieben von der im hiesigen Kontext stark kriminalisierten Palästina-solidarischen Bewegung. Antifaschismus heißt antirassistischer Klassenkampf von unten, nicht allein gegen Sozialabbau und Nazis, sondern international und antiimperialistisch.

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43 Kommentare

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  • Das Problem ist immer, dass man die Menschen nicht einfach gegen andere, "Richtigdenkende" ersetzen kann. Denn sehen wir es doch mal so: WENN die Bevölkerung insgesamt auch nur ansatzweise so aufgeklärt, egalitär und gemeinwohlorientiert denken würde, dass die Utopie vom demokatischen Sozialismus auch nur mal zu einer halbwegs realistischen Alternative würde, dann dürften dieselben Menschen auch in der liberalen, bürgerlichen Demokratie keine Gefahr darstellen, dem Faschismus zu verfallen.

  • Es ergibt wenig Sinn, den Zustand „Faschismus“ immer wieder neu zu definieren. „Grenzfaschismus“ stellt eine Form des Faschismus dar.

    Über „Spätfaschismus“ kann hingegen gesprochen werden, da sich die heutigen Verhältnisse von historischen Gegebenheiten unterscheiden.

    Aus meiner Sicht ist es jedoch eine Tatsache, dass Regierungen schleichend faschistische Elemente auf verschiedenen Ebenen anwenden, während sie gleichzeitig – etwa in Deutschland – auf die AfD verweisen oder, wie im Fall von Donald Trump, politische Gegner (Demokraten) als Kommunisten darstellen.

    Anstatt über diese Begriffe zu streiten, sollte zunächst die Realität betrachtet werden. Aus dieser Perspektive wird argumentiert, dass sowohl regierende Parteien als auch Teile der Grünen, aber insgesamt auch die Gesellschaft selbst, in Strukturen eines „Spätfaschismus“ eingebunden seien. Begriffe wie Krieg, Selbstverteidigung, Völkerrecht oder Völkermord würden dabei zunehmend situationsabhängig interpretiert und im Sinne politischer Interessen verwendet.

    • @Okay:

      „Aus meiner Sicht ist es jedoch eine Tatsache, dass Regierungen schleichend faschistische Elemente auf verschiedenen Ebenen anwenden …“.



      Waren wir als Linke in der Analyse dessen, was Faschismus bedeutet, nicht schon mal weiter?



      Sie unterschlagen hier den Bewegungscharakter des Faschismus, denn er will ja auch eine radikale ‚revolutionäre‘, d.h. gegen die bürgerliche Gesellschaft und der sie vertretenden Parteien und Strukturen gerichtete Bewegung sein.



      Wie revolutionäre Linke wollen Faschisten also auch die Verhältnisse umkrempeln, allerdings nicht aus dem Geist der Aufklärung, sondern dem einer menschenverachtenden antidemokratischen und ethnonationalistischen Gesinnung heraus. Ideologie der Ungleichheit, DAS markiert m.E. den zentralen Unterschied zwischen Rechten und Linken.



      Dass Linke ideologisch und politisch in die Irre gehen können, geschenkt. Das haben wir in der Geschichte sozialistischer Bewegungen oft gesehen, es steht aber auf einem anderen Blatt.



      Ich bleibe bei der schönen Definition von Paul Mason: Faschismus ist das Schwert, dass sich der Kapitalismus selbst über sein eigenes Haupt setzt.

  • Vielleicht wäre sie etwas konkreter geworden, wenn das Interview noch etwas fortgesetzt worden wäre, aber so bleibt es sehr vage. Immerhin verwendet sie keine Bourdieu-Schwurbelsyntax.

    Aber wer die sich neu formierende sozialistische Antikriegsbewegung sein soll, weiß ich nicht, hoffentlich nicht irgendwelche Putinversteher (?). Hier wird manchmal die „rote Fahne“ verkauft, die Beiträge darin sind gegen den Krieg, soso, aber ähnlich unkonkret.

  • Als Spiessbürger lernt man es vielleicht ganz einfach in seinem Garten, indem man trotz stechender Sonne auf die Leiter steigt und Kirschen erntet, die alle entsteint oder rechtzeitig verschenkt, trotz Ameisen und scharfkantiger Gräser Johannisbeeren erntet.



    Hey, die da müssen so etwas jeden Tag machen und bekommen wenig Lohn dafür.

    • @Christoph Strebel:

      Sie glauben ernsthaft, dass - außerhalb von Vorführungen (einschließlich Foto- und Filmaufnahmen) noch irgendwo auf der Welt jemand im gewerblichen Obstanbau auf eine Leiter klettert? Außer dem Spießbürger macht das keiner mehr :-D

      Vor der Apfelernte in Somerset über die Kirschernte in der Türkei bis zur Nußernte in China wird seit Jahren nur noch mit so etwas gearbeitet: www.winzer-service...20?type=allListing

      Andernfalls kämen keine spießbürgerfreundlichen oder gar sozial verträglichen Preise in den hiesigen Läden zustande. Das wäre eher ein Thema zum Nachdenken...

  • Im Grunde steht da: Jede Politik, außer der progressiven, ist faschistisch oder produziert Faschismus, die liberale Demokratie muss weg. Wer das betreibt, sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, worauf das hinausliefe: Ein totalitäres Regime. In einem formal liberalen Staat kann es Faschismus geben? In einem antiliberalen Staat gibt es ihn auf jeden Fall.

  • Mir erscheinen die Ausführungen von Prof. (em.) Michael Hartmann für den Bürger nachvollziehbarer.

  • ich lese nur anti.



    eine positive vision fehlt. aber vielleicht ist das unumgänglich, denn die umsetzung der beschriebenen politik geht sowas von an mehrheiten vorbei, dass eine diktatur wohl unumgänglich ist.

  • Nur zwei Aussagen von Frau Thompson, die hängen bleiben:



    "Ich zweifle stark daran, dass sich der Faschismus ausgerechnet mit der Polizei, der autoritären Institution par excellence, und damit selbst ein Treiber der Faschisierung, bekämpfen lässt."



    "Heute sehe ich dieses Potenzial vor allem in der sich neu formierenden sozialistischen Antikriegsbewegung, wesentlich angetrieben von der im hiesigen Kontext stark kriminalisierten Palästina-solidarischen Bewegung."



    Ich sage mal so, danke für die klaren Worte, das macht mir deutlich, auf wessen Seite ich nicht stehen möchte. Wenn das, was sie ausformuliert, Antifaschismus sein soll, naja, würde ich trotz des selbst gegebenen Etiketts dem nicht folgen. Ich denke nicht, dass man dem folgen muss, um gegen Faschismus zu sein.

  • "Die Abwesenheit bürgerlicher Freiheiten für einen großen Teil der Bevölkerung, das Regieren über Gewalt und Terror, autoritäre Strukturen auf Grundlage rassistischer Ideologien, die brutale Unterdrückung von Arbeiter:innen und genozidale Kriege – all das ist Ausdruck von Faschisierung."

    In dieser Logik sehe ich ein massives Problem, denn so hätten die meisten Menschen die, jemals existiert haben unter dem Faschismus bzw. Faschisierung gelebt. Europäisches Mittelalter? Faschistisch. Aztekenreich? Faschistisch. Osmanisches Imperium? Faschistisch. Antikes Rom? Faschistisch. Altes Athen? Faschistisch. Shaka's Zulureich? You guessed it, faschistisch. Nach diesem Prinzip ist nahezu jede zentralistisch organisierte menschliche Zivilisation, von den Sumerern an, qua Definition faschistisch. Expansionistische, diskriminierende Gewaltherrschaft war bis vor sehr, sehr kurzer Zeit die absolute Normalform menschlicher Gesellschaften.

    Der Faschismus, wie er in der Regel wissenschaftlich definiert wird, macht nur im Kontext mehr oder weniger moderner Nationalstaaten Sinn, davon losgelöst verliert der Begriff jede Schärfe.

    • @Claudio M.:

      Faschismus als politische Bewegung und autoritäres System ist doch wohl ziemlich eindeutig der Moderne zuzurechnen. Insofern gehen Ihre historischen Beispiele tatsächlich fehl, man muss also keine Sorge hsben, dass es diesbzgl. zu einer unstatthaften Aufweichung oder Ausdehnung des Faxchismus-Begriffs kommen könnte. Und eigentlich ist die Bedeutung dessen, was Faschismus ist oder sein könnte, in einer Vielzahl guter Definitionen, Analysen und Theorien schon relativ gut erfasst.



      Wo ich nicht sicher bin, ob es sich um Faschismus handelt - wie etwa in Putins Russland - spreche ich auch lieber von einem autoritären System.



      Dann wiederum gibt es Gesellschaften oder politische Systsmr, die sich in Transformation befinden und es (noch) keineswegs ausgemacht ist, dass sich faschistische Bewegungen dort durchsetzen können. So etwa in den USA.



      Und es gibt Parteien im rechten Spektrum, die sich von bürgerlich-rechtskonservativ zu einer faschistischen Partei radikalisieren, Dazu zähle ich z.B. die AfD.



      Trotzdem würde ich (noch) zögern, der AfD das Etikett „genuin faschistisch‘ anzupappen, denn das „Ende der Fahnenstange‘ ist noch längst nicht erreicht. Es kann sogar noch schlimmer kommen.

    • @Claudio M.:

      Dem überzeugenden Kommentar kann ich nur zustimmen.

      Ich fände es schön, wenn diejenigen, die über Faschismus und Antifaschismus reden, erst einmal vorab festlegen, was sie unter Faschismus konkret verstehen. Für mich als Leser ist es immer mühsamer, dies aus dem gesagten herauslesen zu müssen.

      • @BKB:

        Jeder Philosoph, Theologe, Politiker, Gewerkschaftsführer, Journalist hat von wichtigen Fachbegriffen seine eigene Meinung oder Definition. Je mehr dieser Definition von vielen gefolgt wird, desto mehr beherrscht er den öffentlichen Diskurs. Weil die gleiche Lautreihenfolge so viele unterschiedliche Bedeutungen haben kann, reden wir nur all zu oft an einander vorbei.

      • @BKB:

        Eins der Kernprobleme der aktuellen Debatten. Die Vorstellung dazu, was der Begriff Faschismus beschreibt, sind offensichtlich sehr unterschiedlich und eine klar abgrenzende Definition schlicht nicht vorhanden.



        Das Problem scheint, daß die Forschung über Faschismus verständlicherweise emotional getrieben ist und je nach politischer Ausrichtung nach eigenem Gusto verschiedene Dinge in diesen Begriff hineingestopft werden.



        Ein seltener Fall, daß auch Wikipedia keine abschließend allgemeingültige Klärung bringen kann: de.wikipedia.org/wiki/Faschismus



        Dadurch ist die Gefahr recht groß, daß der Begriff als "Wieselwort" herhalten muss.



        de.wikipedia.org/wiki/Wieselwort

  • Frau Thompson bezeichnet sich aufgrund ihrer eigenen Kriterien als Faschistin par excellence.



    "Der Faschismus will die Aufhebung der Gewaltenteilung" so formuliert es Frau Thompson. Sie schreibt, dass die Polizei eine autoritäre Institution par excellence sei und selbst ein Treiber der Faschisierung." Merkt Frau Thompson nicht, dass sie damit für eine Aufhebung der Gewaltenteilung plädiert und sich somit mit der Faschisierung gemein macht.

  • Mal abgesehen von der extremen Ausweitung des Faschismusbegriffs (die ja auch der Interviewer zu bemerken scheint), wird mir bei diesem Satz ganz schwindelig:

    "Es kann nicht darum gehen, die liberale Demokratie und die bürgerlich-kapitalistische Ordnung zu verteidigen, aus der heraus der Faschismus sich entwickelt."

    Die Kritische Theorie ist noch davon ausgegangen, dass der Kapitalismus bestimmte psychische Konflikte hervorruft, die viele Individuen durch die Flucht in autoritäre Kollektive zu kompensieren versuchen. Aber dass die bestehende Gesellschaftsform insofern ambivalent ist, als sie trotzdem bestimmte schützenswerte Freiheiten hervorbringt, und man die liberale Demokratie gegen die autoritären Tendenzen verteidigen muss, stand für Theoretiker wie Adorno, Horkheimer & Co. völlig außer Frage.



    Thompson hingegen setzt Kapitalismus und liberale Demokratie kurzerhand in eins, abzuschaffen wäre also ihr zufolge beides. Wer so denkt, ist wohl kaum dazu geeignet, den Leuten Antifaschismus zu erklären.



    Dass die Gegenwartslinke völlig unfähig ist dem Aufstieg der Rechten wirksam etwas entgegenzusetzen, wundert einen nicht, wenn man sieht, was für Theorien aktuell Konjunktur haben.

    • @Taugenichts:

      Es ist doch die Frage, warum linke Theoretiker am Begriff des Faschismus festhalten bzw. darauf insistieren, bestimmte autoritäre politische Bewegungen und Systeme weiter als faschistisch zu bezeichnen. Und den Faschismus-Begriff nicht ausschließlich in seinen historischen Erscheinungsformen (italienischer Faschismus, NS) belassen.



      Hat es mit seinem Gewalt-affinen Charakter zu tun, mit seinem ‚revolutionären‘ Bewegungscharskter, mit dem sich Faschisten stets von den ‚etablierten‘ Parteien absetzen wollen? Mit seiner anti-bürgerlichen Attitüde, die in ihrer Radikalität sicher manche gesetzte, streng legalistisch argumentierende Konservative abschreckt?



      Einige dieser Merkmale treffen gewiss auch auf die AfD zu, insbesondere auf deren faschistischen Höcke-Flügel. Mit Blick auf Weidel indes fällt mir sofort das Stichwort Neoliberalismus ein. Bei anderen AfD‘lern wiederum muss ich an die alten nationalkonservativen Stahlhelmer in der CDU denken.



      Von welchem Faschismus sprechen wir also?



      Mir erscheint es nur so, dass alle nicht-faschistischen Rechten lieber den Faschismus an der Macht sehen als etwas zuzulassen, was sie irgendwie mit ‚Kommunismus‘ assoziieren.

      • @Abdurchdiemitte:

        Halbwegs vernünftige nicht-faschistische Menschen dürften sich in erster Linie über die Schwarz-Weiß-Denke wundern, die dazu führt, diese beiden Extremmodelle so alternativlos nebeneinander zu stellen.

        • @Normalo:

          Extremmodelle. Es ging mir allerdings um das Phänomen, dass von Bürgerlichen selbst die harmlosesten sozialdemokratischen Gesellschaftsmodelle (die ja eigentlich nach der Rettung des Kapitalismus qua Reform streben) als Kommunismus (oder Sozialismus, was in deren Weltbild aber das Gleiche ist) deklarieren.



          Aktuell wieder in den USA, wo der POTUS anlässlich der 250-Jahre-Feiern wieder mal McCarthy 2.0 beschwor - obwohl der US-Gesellschaft das Wasser bis zum Halse steht.



          Aus diesem Grund habe ich Kommunismus ja in Anführungszeichen gesetzt. Ich weiß nicht: gibt es den überhaupt noch irgendwo auf der Welt?

          • @Abdurchdiemitte:

            Sorry, aber nur weil SIE offenbar Menschen, die weniger weit links stehen als Sie selbst, gerne über denselben Kamm scheren, heißt das nicht, dass das auch deren Gedankenwelt entspräche. Daher würde ich raten, nicht jede rhetorische Überspitzung der Springerpresse gleich so wörtlich und voll repräsentativ für einen Großteil der Menschheit zu werten. Sie erwarten ja von mir umgekehrt auch, dass ich Menschen nicht nur am Wortinhalt ihrer Aussagen messe, die ein Gemeinwesen mit nahe 50% Staatsquote als "radikal neoliberal" bezeichnen, oder?



            Und Trump als beispielhaft für "nicht-faschistische Rechte" zu betrachten, ist dann umgekehrt schon wieder auf der sträflich milden Seite. Mindestens ist er Rechtspopulist mit faschistoiden Zügen (sein "MAGA"-Slogan nebst der völkischen Doktrin, nach der er deren Umsetzung betreibt, dürfte zum Schulbeispiel für faschistische Themensetzung taugen). Genau so ist sein Versuch zu werten, eine "Red Scare" loszutreten: Populistisch überspitzt.



            Und um Ihre Frage zu beantworten: Nein. Kommunismus ist ein philosophisches Gedankenspiel und keine reale (oder mit echten Menschen realisierbare) Gesellschaftsform.

            • @Normalo:

              Warum so angefressen bzw. die Unterstellung, ich würde Menschen über einen Kamm scheren, die weniger weit links stehen als ich?



              Also, „weit links“ habe ich mich eigentlich noch nie positioniert, eher gemäßigt oder Mitte-links, trotz gelegentlich aufblitzender Symphatien für Dis Linke. Die aber ist inzwischen brav (links)sozialdemokratisch.



              Als ‚alter Juso‘, als den ich mich gelegentlich etwas ironisch einordne, ist es daher nur konsequent, mich von der SPD ab- und der Linken zuzuwenden. Und zuweilen unternehme ich durchaus auch mal kleinere ‚Ausflüge‘ in Ruchtung der Grünen.



              Fest steht nur, dass die FDP, so wie sie sich seit Beginn der 80er Jahre entwickelt hat, nie meine Wahl wäre. Bevor das passiert, würde ich noch eher CDU wählen.



              So, das sind meine ganz persönlichen politischen Präferenzen, nie aber würde ich den Stab über Leute brechen, die sich für andere Parteien entscheiden - so lange diese dem demokratischen Spektrum zuzurechnen sind.



              Dass das auf die AfD nicht zutrifft, darin stimmen wir (hoffentlich!) überein?



              Und dass die Kommunistenkeule (mal wieder) herausgeholt wird, zeigt doch nur, wie weit die bürgerliche Mitte sich inzwischen nach rechts radikalisiert hat.

              • @Abdurchdiemitte:

                Dass die Rechtspopulisten ständig die Kommunistenkeule schwinge, ist doch nichts Neues. Die suchen immer am ganz linken Rand nach Wortschnipseln, um der Linken (bzw. in den USA den linken Demokraten) antidomkratische Umsturz- und - noch schlimmer - Enteignungsabsichten anzudichten. Leider werden sie auch immer fündig, und ihre Anhänger sehen dann gerne mal darüber hinweg, dass z. B. die skandalöse Verächtlichkeit, die extremere Delegierte auf Parteitagen schon mal über das parlamentarische System absondern, auch nicht schlimmer ist, als was die AfD konsequent praktiziert.

                Im bürgerlichen Lager fiinden Sie sowas eher selten. Freilich gibt es innerhalb der klassischen FDP-Klientel (die freilich nicht mehr FDP wählt) und auch im Unionslager genug Leute, die sich angesichts unserer Abgabenlast und Staatsquote schon seit Jahrzehnten die Haare raufen und und entsprechend allergisch auf Forderungen nach noch mehr Geld für staatliche Aufgaben reagieren. Was die zu selten kommunizieren, ist dass sie dem Staat schlicht nicht zutrauen, das Geld auch wirklich umzuverteilen, und in linken Wünschen vor allem den nach mehr Futter für den Staatsapparat selbst sehen.

    • @Taugenichts:

      Es ist doch relativ einfach: da nichts von dem, was Frau Thompson anzubieten hätte, in der Gesellschaft eine Mehrheit fände, ist eine auf Mehrheiten beruhende Gesellschaftsform logischerweise abzulehnen. Sie ist (u.a.?) Marxistin, und wer Marx für die Theorie bemüht und eine Implementierung wünscht, braucht für die Umsetzung einen Lenin - oder ist zumindest davon überzeugt,

      • @Comerade Aardvark:

        „Sie ist (u.a.?) Marxistin, und wer Marx für die Theorie bemüht und eine Implementierung wünscht, braucht für die Umsetzung einen Lenin - oder ist zumindest davon überzeugt.“



        Nicht zwangsläufig, Ich gebe Ihnen recht darin, dass demokratische Sozialisten bisher den historischen Beweis schuldig geblieben sind, dass so etwas wie freiheitlicher Sozialismus möglich ist. Dass es bisher scheiterte, liegt jedoch NICHT allein in der Verantwortung der Sozialisten, sondern in der ihrer politischen Gegner bzw. derjenigen, die eine freiheitlich-sozialistische Gesellschaft unter allen Umständen verhindern wollten



        Und da als ‚Anschauungsmaterial‘ und abschreckendes Beispiel halt nur die sich abzeichnende Leninsche Diktatur des Proletariats zur Verfügung stand, mussten die gemäßigten Sozialisten/Sozialdemokraten sich in der Situation, in der Deutschland sich 1918/19 befand, entscheiden, auf welcher Seite des Grabens sie stehen wollten.



        Die Kommunisten hatten niemals eine Chance, ihr Gesellschaftsmodell hierzulande zu verwirklichen, weder 1918/19 noch 1933, auch wenn das rote Schreckgespenst stets in drastischen Farben gemalt wurde.



        Die Gründung der DDR indes ist eine Folge der Hybris der Nazis.

      • @Comerade Aardvark:

        So einfach ist es sicherlich nicht. Marxisten sind die von mir bemühten Adorno und Horkheimer auch, nur dass sie mit dem (unzweifelhaft vorhandenen) „Umsetzungsproblem“ gerade vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus völlig anders umgehen. Dass man für einen "Verein freier Menschen" keine Mehrheit findet, war denen klar. Daraus folgt dann aber nicht Revolution mit der Brechstange, sondern die Idee, dass man die freiheitlichen Momente der bürgerlichen Gesellschaft gegen das Absinken dieser Gesellschaft in die Barbarei verteidigen muss.



        Mein Punkt wäre ja gerade der, dass Thompson selbst jene autoritären Tendenzen an den Tag legt, die man als Linker eigentlich bekämpfen sollte. Sie ist mitnichten konsequent marxistisch.



        Man kann den Kapitalismus ablehnen und die Demokratie befürworten. Und dass die von Thompson angestrebte Gesellschaftsordnung keine Demokratie wäre, wird ja klar.

        • @Taugenichts:

          Ich widerspreche Ihnen nicht, gebe aber zu bedenken, dass wir damit wieder im Bereich der wenig produktiven Marxismusspalterei angelangt sind, für die Linke zurecht berühmt sind.



          Was Adorno und Horkheimer mit Frau Thompson sicherlich gemeinsam haben, ist dass sie alle von der liberalen Gesellschaft alimentierte Professor_innen sind, was zumindest auf die erstgenannten moderierend gewirkt haben könnte. Vielleicht auch, dass zu ihrer Zeit Deutschland erst vor kurzem aus der absoluten Barbarei gehoben wurde, und der neuerliche Verfall allen Umständen zum Trotz damals nicht so sehr wahrscheinlich schien wie heute.



          Die autoritäten Tendenzen bei Thompson sind glasklar, nur: wo läge zur Zeit eine auch nur entfernt realistische Perspektive, die ohne Zwang und Gewalt auskommt? Ich sehe keine.

      • @Comerade Aardvark:

        …womit dann allerdings der Weg in die nächste diktatur geebnet ist, die es natürlich nur braucht, bis den Leuten ihr Faschismus aberzogen wurde…Nein danke, solche Heilsbringer richten mehr Schaden als Nutzen an.

  • Fatale und falsche Behauptungen



    "..liberale Demokratie und die bürgerlich-kapitalistische Ordnung zu verteidigen, aus der heraus der Faschismus sich entwickelt."



    1) In jedem Falle ist eine liberale Demokratie besser als jeglicher bisher praktizierte und missglückte Sozialismus. Ich wollte weder in Kuba oder Venezuela leben, noch in einem sonstigen vom "Sozialismus" verkorksten Land leben, trotz aller Nachteilen des Kapitalismus.



    2) Die liberale Demokratie als Nährboden für Faschismus zu bezeichnen schlägt dem Fass den Boden aus.

  • Ich weiß immer häufiger nicht, was ich mit solchen Aussagen, wie hier im Interview anfangen soll.



    Dass es eine Kontinuität zwischen Kolonialverbrechen und Holocaust gegeben hat, halte ich ebenfalls für eindeutig.



    Wenn es dann aber weitergeht, jegliche Polizei als faschistoide Bewegung zu bezeichnen, macht man sich doch selbst unglaubwürdig.



    Wer die liberale Demokratie ablehnt, bloß weil sie von Menschen erfunden wurde, die zufälligerweise auch Rassisten waren, ignoriert die Errungenschaften philosophischer Arbeit über die eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeiten der konkreten Autoren hinaus.



    Und bevor das beste aller je erfundenen Systeme zerschlagen gehört, fehlt noch immer eine konstruktive Idee, was wir denn sonst aufbauen könnten.



    Denn alle Fehler, die mir auffallen, sind nicht Systemimmanent, sondern fehlerhafte Umsetzungen einer in der Theorie guten Idee.



    Und ohne das System der liberalen Demokratie bleibt nur Willkür und Terror. Die sind durchaus auch ohne Faschismus zu haben.

    • @Herma Huhn:

      im interview wird gar nicht "jegliche Polizei als faschistoide Bewegung" bezeichnet. ich lese auch nirgendwo die forderung, die liberale demikratie müsse "zerschlagen" werden, o.ä.

      polizei wird von thompson als "autoritäre Institution par excellence, und damit selbst ein Treiber der Faschisierung" betrachtet. das ist ein unterschied. auch über diese einordnung ließe sich natürlich diskutieren. aber wenn man das tun möchte, so würde ich doch dafür plädieren, den standpunkt ernst zu nehmen, von dem aus eine solche einordnung stattfindet: es ist v.a. die erfahrungsgeschichte eines signifikanten anteils migrantisierter oder Schwarzer menschen, die hier in den mittelpunkt gerückt wird. sie erfahren den kontakt und umgang mit polizei und staatlichen strukturen systematisch anders, als weiße personen. sie erfahren also eine sogenannte liberale demokratie als wesentlich illiberaler, gewalttätiger und autoritärer, als z.B. Du es tust.

      das alles ist jedenfalls keine frage der theorie oder der guten absichten, sondern ein ausdruck konkreter sozialer macht- und ausbeutungsverhältnisse und der praxis ihrer durchsetzung.

      • @Pflasterstrand:

        "im interview wird gar nicht "jegliche Polizei als faschistoide Bewegung" bezeichnet. "



        aber als "Treiber der Faschisierung", was ein ähnlich falscher Vorwurf ist.

    • @Herma Huhn:

      "Denn alle Fehler, die mir auffallen, sind nicht Systemimmanent, sondern fehlerhafte Umsetzungen einer in der Theorie guten Idee."

      Schauen Sie, genau das könnte man auch üner den Sozialismus sagen.

    • @Herma Huhn:

      Exakt! Nun hat es die AfD zum Parteitag zwar geschafft, die Polizei als Eskorte zu missbrauchen, aber die BlockierdemonstrantInnEn waren zahlreich wie selten, und alle auf zivilen Ungehorsam, nicht auf Gewalt aus. So bekam die Parteitagsinszenierung einen Vorgeschmack des Polizeistaates, den eine AfD-Herrschaft mit sich brächte, und zeigt doch: Es bleibt es zentral wichtig, Widerstand gewaltfrei zu gestalten, und vernünftige statt ideologische Argumente in den Diskurs zu werfen. Die repräsentative Demokratie ist ein gutes System, zwar mit Schwächen wie der Unflexibibilität der 5%-Hürde, aber die können ja korrigiert werden, wie die vorläufige Eindämmung des Ausgleichsmandatswahnsinnes beispielhaft zeigt. Gewaltenteilung und Minderheitenschutz sind essenziell für Demokratie.

      Vor 15 Jahren wurde viel über "Echte Demokratie" diskutiert, aber folgenlos, denn der Nachweis, repräsentative Demokratie wäre kein gültiges Demokratiemodell, der wurde nicht erbracht!

      Zitat "Was wir aktuell sehen, ist, dass die immensen Ungleichheiten in der Welt zunehmend durch Gewalt eingedämmt werden." Au weia!

      Die Gewalt schafft mehr Ungleichheit! Dagegen solidarisch sein macht Sinn, nicht Ideologie.

      • @Uwe Kulick:

        "...und alle auf zivilen Ungehorsam, nicht auf Gewalt aus."



        Lesen sie andere Nachrichten wie ich? Linke Aktivisten haben 5 Reporter angegriffen, einen sogar liegend auf den Kopf getreten. Das ist Gewalt. Das lässt sich auch nicht damit rechtfertigen, dass diese Reporter vom rechten Rand kommen.

        • @Hans Dampf:

          Also ich bin von diesem Artikel ausgegangen, der besagt, dass es keine einzige Festnahme gab. Und das bei einer Polizei, die im Allgemeinen nicht sehr zurückhaltend damit ist, linke Demonstranten festzuhalten, wenn sie über die Stränge schlagen.

      • @Uwe Kulick:

        Sie verharmlosen mit Ihrem Beitrag die AfD, denn gestern hat die Polizei ihre Arbeit gut und rechtsstaatlich gemacht.

        • @Dr. McSchreck:

          Es gibt Videos von Polizisten, die durch eine Sitzblockade laufen und Sitzenden ins Gesicht greifen und sie mit Schmerzgriffen traktieren. Geteilt unter anderem von der taz bei bluesky.

          • @Gärtnerin:

            Es ist nicht „die Polizei“ für Fehlverhalten einzelner Beamter in Haftung zu nehmen, wie auch nicht die Demonstranten für das Fehlverhalten einzelner von ihnen.

  • Ich würde die Hamas schon als faschistoide Gruppierung einstufen, alleine von ihrem Programm und Handeln her. Vom Interviewer würde ich mir hier kritische Rückfragen wünschen.

    • @Peter Schütt:

      Sie sprechen hier einen Widerspruch an, der sich durch das ganze Interview und den antikapitalistisch-antikolonialen Ansatz von Frau Thompsons Antifaschismus-Verständnis zieht.



      Ich formuliere es mal mit einer etwas zugespitzten Frage (von der ich nicht weiß, ob sie die Problemlage überhaupt richtig trifft): ist es möglich, sich mit der israelisch-jüdischen Arbeiterklasse zu solidarisieren, OHNE dabei die vom jüdischen Staat Israel (der er ja nach seinem eigenen Verständnis ist, siehe Nationalstaatsgesesetz) ausgehende (rechts)zionistische Gewalt gegenüber den Palästinensern gutzuheißen?



      Es ist im Grunde der selbe Widerspruch, der Palästina-solidarische Antifaschisten dazu treibt, sich ausgerechnet mit der Hamas zu solidarisieren (oder sie fälschlicherweise als eine antikoloniale Bewegung zu bezeichnen).



      Von einem konsequent emanzipatorischen, und humanistischen linken Standpunkt ausgehend halte ich es schlicht nicht für möglich, entweder für den ‚Faschismus‘ in der antisemitisch-islamistischen Ideologie der Hamas oder für die ‚faschistischen‘ Anteile im Zionismus Partei zu ergreifen.



      Solidarität kann es doch nur mit den Opfern dieser menschenverachtenden Ideologien geben.

  • Eine inteligente Analyse, aber ich bezweifle den Sinn einer allzu trockenen Klassenanalyse. Das Auftreten von Papst Leo, der nominell 1,4 Milliarden Katholiken vertritt und in seiner symbolischen Rolle in Lampedusa sowohl Empörung als auch Zustimmung hervorruft, zeigt, dass eine moralische Konfrontation weder die Herrscher der Welt noch die Ausgestoßenen unberührt lässt. Laden Sie ihn noch in diesem Sommer ein, um Fluchtlinge in die bedrohte Zentra zu begegnen und auch Dachau zu besuchen, damit er direkt zu den Menschen sprechen kann.

    • @Gied ten Berge:

      Ich find Papst Leo auch irgendwie cool und nicht bloß deshalb, weil er sich mit dem POTUS angelegt hat.



      Verschwiegen darf dabei aber nicht, dass Leo einem weltumspannenden ideologischen System namens katholische Kirche vorsteht, das (leider) immer noch für neokoloniales Unrecht steht und vielerorts mit den Herrschenden und Mächtigen im Bunde ist.



      Erst eine vollständige Abkehr (Metanoia) davon - wozu auch eine Abkehr von den von der Kirche ausgeübten Gewalt- und Machtstrukturen gehört -, wie sie schon im zweiten vatikanischen Konzil angedeutet und in der Befreiungstheologie (‚Option für die Armen’) in den Kirchen des globalen Südens praktiziert wurden, könnte da mehr Glaubwürdigkeit generieren.