Brandanschlag auf Stromnetz in Berlin: „Vulkangruppe“ distanziert sich von „Vulkangruppe“
Noch ein Schreiben einer „Vulkangruppe“: Nun distanziert sich die angebliche Ursprungsgruppe von dem aktuellen Brandanschlag in Berlin-Lichterfelde.
Die Frage der Verantwortung für den tagelangen Blackout in Berlin wird immer verworrener. Nach einem zweiten Bekennerschreiben der vermeintlichen „Vulkangruppe“ tauchte nun auf der linken Onlineplattform Indymedia ein weiteres Schreiben einer angeblichen „Vulkan“-Ursprungsgruppe auf, die sich von der Aktion im Berliner Stadtteil Lichterfelde distanziert.
Man sei die Gruppe von 2011 gewesen, heißt es in dem Schreiben. Ob das stimmt, lässt sich objektiv nicht final überprüfen – genauso wenig wie die Autor*innen der vorherigen Bekennerschreiben. Im Jahr 2011 aber gab es tatsächlich den ersten Brandanschlag in Berlin auf einen Kabelschacht am Bahnhof Ostkreuz, zu dem sich eine Gruppe namens „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ bekannte, nach einem kurz zuvor ausgebrochenen isländischen Vulkan. Danach war es in und um Berlin zu knapp einem Dutzend weiterer Brandanschläge gekommen, zu denen sich „Vulkangruppen“ bekannten.
In dem aktuellen Schreiben der vermeintlichen Ursprungsgruppe heißt es jetzt, 2011 seien die Ziele „Bundeswehreinsätze, deutsche Kriegsbeteiligung und Waffenexporte“ gewesen. „Infrastruktur war für uns kein Selbstzweck und kein Spielfeld, sondern Symbol und Träger militärischer Gewalt nach außen.“
Nun aber wurde der Gruppenname „in einen Zusammenhang gestellt, den wir nicht tragen“, heißt es weiter. Es werde eine Gruppenkontinuität behauptet, die es nicht gebe. „Die Texte und Aktionen der letzten Jahre stammen nicht von uns. Sie widersprechen dem, wofür wir standen und warum wir überhaupt gehandelt haben.“
Zuvor waren zwei Bekennerschreiben aufgetaucht
Der ursprüngliche Ansatz sei defensiv angelegt gewesen, behaupten die Autor*innen. „Wir wollten Unterbrechung, nicht Eskalation. Störung von Normalität, nicht ihre Zerstörung. Es ging um Sichtbarkeit von Verantwortung, nicht um moralische Überhöhung oder um eine Logik der permanenten Sabotage.“
In einem Schreiben einer „Vulkangruppe“ hatten sich die Absender:innen erstmals am 4. Januar 2026 zu dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin bekannt. Am 6. Januar wurde ein weiteres Schreiben einer „Vulkangruppe“ veröffentlicht. In einer sogenannten Richtigstellung reklamierten sie den Angriff noch einmal für sich, nachdem spekuliert wurde, ob der Angriff nicht eine Sabotageaktion Russlands war. In einem dritten, am 7. Januar publizierten Schreiben behaupteten mutmaßlich andere Autor:innen, sie seien die ursprüngliche „Vulkangruppe“ und hätten mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun. Am selben Abend erscheint ein Schreiben, in dem behauptet wird, „mit gezielten Schnitten und Bränden an den Kabelbrücken“ hantiert zu haben.
In einem am 8. Januar veröffentlichten fünften Schreiben einer „Vulkangruppe“ bedauert diese, dass neben dem Gaskraftwerk auch private Haushalte betroffen waren, da dies nicht beabsichtigt gewesen sei. Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen, hätte die Gruppe den Angriff in eine warme Jahreszeit verlegt, heißt es dort. Am 11. Januar folgt ein Schreiben, das jenes der selbst ernannten ursprünglichen Vulkangruppe als „Fake“ zurückweist und für sich die Tat von 2011 reklamiert. Das bisher letzte Schreiben erscheint am 12. Januar. Mit dem bislang detailliertesten Tatbeschreibungen reklamiert es den Anschlag in Lichterfelde für sich.
Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine habe sich der Kontext aber „grundlegend verschoben“. Ab da wurde jede Sabotage zu einer „allgemeinen Destabilisierung“ und zu einer Aktion, „die leicht und falsch instrumentalisiert werden“ könne. Deshalb habe man von diesen Aktionen dann „Abstand genommen“ – aus Verantwortung. „Weil wir nicht Teil einer Dynamik sein wollten, in der Kritik an Militarismus mit der faktischen Schwächung von Gesellschaften zusammenfällt.“
Erst kurz zuvor war wiederum ein zweites Bekennerschreiben einer „Vulkangruppe“ zu dem Brandanschlag in Berlin-Lichterfelde auf der linken Onlineplattform Knacknews aufgetaucht, in dem sich diese noch mal zu der Aktion bekannte und Spekulationen zurückwies, bei der Tat könnte es sich um eine russische Sabotageaktion gehandelt haben.
Durch den Brandanschlag war es zu einem tagelangen Stromausfall in zehntausenden Haushalten im Südwesten von Berlin gekommen, Schulen und Supermärkte blieben geschlossen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen mussten mit Notstrom versorgt werden. Am Mittwoch gab der Berliner Senat bekannt, dass bereits im Tagesverlauf die Stromversorgung wieder vollständig hergestellt sein soll. Ursprünglich war damit gerechnet worden, dass die Reparaturen bis Donnerstag andauern.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert